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Baumann muss sein

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Sport in Kontext – muss das sein? Einmal abgesehen davon, dass AutorInnen dafür nicht auf den Bäumen wachsen, ist der Gegenstand ein scheinbar schlichter. Höher, schneller, weiter eben. Andererseits bewegt er Millionen. Menschen und Euro. Ein Teil dieses Spiels war Dieter Baumann. Er hat sich nach 15 Jahren entschlossen, ein Thema anzupacken, das sein Leben umgekrempelt hat. Doping. Das muss dann sein.

Sein Text wird auf Widerspruch stoßen. Ausgerechnet der Baumann, der Zahnpasta-Mann, schwingt sich auf, gegen Doping zu Felde zu ziehen. Ausgerechnet der Positiv-Getestete erklärt den Antidopingkampf für gescheitert. Das kann doch nicht wahr sein. Es wird sein, wie es vor 15 Jahren war: ein Glaubenskrieg. Am besten dokumentiert in der Berichterstattung der FAZ (kontra Baumann) und der "Süddeutschen Zeitung" (pro), die sich nahezu tägliche Schlachten lieferten.

Für die Gegner war die Lage klar: positive Probe, also gedopt. Willentlich und wissentlich, um schneller rennen zu können. Die Fürsprecher wandten ein, dass es sich um einen Anschlag handeln müsse, weil nur ein Idiot auf die Idee kommen könne, mit einer Zahnpasta seine Leistung zu verbessern. Ein Idiot war Dieter Baumann aber nie. Und schizophren auch nicht. Er sollte ja Antidopingbeauftragter der Bundesregierung werden und dann selbst manipulieren – wer ist so verrückt?

Ich erinnere mich noch genau an den Abend des 14. November 1999 im Tübinger Ratskeller. Helmut Digel, der DLV-Präsident, war da. Winfried Hermann, der damalige grüne Abgeordnete. Rainer Hipp, der Geschäftsführer des Landessportverbands. Sie wollten Baumann auf den Schild heben, als Vorzeigeathleten, der für den sauberen Sport stand. Und immer wieder gegen die Trainer der DDR wetterte, die der DLV locker übernommen hatte. Das Wort führte, wie stets, Professor Digel – obwohl er bereits an diesem Abend von der positiven Probe wusste. Davon hat er seinem Athleten nichts gesagt.

Baumann hat danach gekämpft wie nie zuvor in seinen Läufen. Vor Sportgerichten und ordentlichen Gerichten. Er hat sich einem Lügendetektor-Test unterzogen, Schamhaare untersuchen lassen, eine Belohnung von 100 000 Mark für die Auffindung des Täters ausgesetzt, eigentlich nichts unterlassen, um seine Unschuld zu beweisen. Der DLV hat ihn zwar freigesprochen, aber der Verdacht blieb hängen. Bis heute.

Sich vorzustellen, was das mit einem macht, bedarf keiner ausgeprägten Phantasie. Mit seiner Familie und seinen Freunden hat er die härteste Zeit seines Lebens durchgestanden. Ich war und bin einer davon.


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4 Kommentare verfügbar

  • Peter S.
    am 09.02.2015
    Antworten
    Freddy, ich denke Baumann und Kontext sind voneinander unabhängig. Und keiner von beiden bekommt m.W. Geld von Unternehmen um in deren Interessen hier zu schreiben.

    Und wenn ich dann einen in der Zeitung habe, der sich wie wenige andere mit dem Thema beschäftigen durfte und musste, dann lese ich…
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