KONTEXT:Wochenzeitung
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In aller Bescheidenheit

In aller Bescheidenheit
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Wir alle kennen das kleine gallische Dorf von Asterix im Nordwesten Frankreichs, das sich als einziges im Lande standhaft der Besetzung durch die Römer widersetzte. Nun haben wir hier zwar kein Römerproblem mehr, auch sind wir kein Dorf, sondern eine ganze Provinz, und wir liegen im Südwesten. Aber ein Problem, mindestens eines, haben wir Journalisten in Deutschland doch: Wir zweifeln an uns und unserem Beruf. Die einstmals vollen Redaktionskassen sind leer, ungewöhnlich viele Kollegen "freigestellt", die Leser laufen uns davon, die Jugend, flüstern wir uns zu, will uns gar nicht mehr, weiß womöglich in ihrer Mehrheit nichts von unserer Existenz, macht ihren Journalismus selber.

Besonders in Hamburg, der selbst ernannten Hauptstadt des Journalismus hierzulande, liegt man sich wehklagend in den Armen und treibt das auf die Spitze, was man schon immer gerne gemacht hat – sich mit sich selber beschäftigen.

Ist das überall in Deutschland so? Ja, fast. Aber da gibt es eben noch diese Provinz im Südwesten, uns nämlich. Wir halten stand. Wir versuchen es wenigstens. Vor nunmehr schon fast 28 Jahren haben wir die Reportageagentur Zeitenspiegel gegründet. Diese beliefert ebenso lang alle namhaften deutschen und ausländischen Magazine mit Geschichten aus aller Welt. Überzeugt, dass Journalismus mehr ist als nur Broterwerb, sind Zeitenspiegler auch dran, wo's wehtut. Gerade vor drei Tagen kam ein Reporter von einem zweiwöchigen Aufenthalt in Aleppo in Syrien zurück. Obwohl der Print tot sei, wie die Kollegenschar lamentiert, produziert die Agentur seit einigen Jahren leibhaftige Magazine. Mit Erfolg. 

Damit die Königsform des Journalismus auch die ihr gebührende Achtung bekommt, wurden der Hansel-Mieth-Preis und das Gabriel-Grüner-Stipendium geschaffen, vor fünfzehn bzw. vierzehn Jahren schon. Jährlich werden die besten engagierten Geschichten in Wort und Bild prämiert bzw. die Idee zu einer solchen gefördert. Beide Auszeichnungen zählen zu den besten fünfen in Deutschland – unter uns, wenn sie es nicht weitersagen, es ist sogar die renommierteste, allerdings haben da die Hamburger Kollegen kräftig mitgeholfen, in dem sie ihre eigene seitherige Nummer eins seit Jahren nach Kräften demontierten.

Dann, seit sieben Jahren, die Reportageschule Günter Dahl in Reutlingen. Der Spiegel wählte sie unter die besten fünf im deutschsprachigen Raum. "Warum gründet Ihr eine Journalistenschule? In diesen Zeiten schließt man welche!", zog der Verlegerverband seinerzeit die Augenbrauen hoch. Wir hatten artig nachgefragt, ob uns von dieser Seite her Hilfe ersprießen könnte. In Reutlingen werden junge Kollegen auf den heutigen "Normalfall" in ihrem Beruf vorbereitet, auf das Überleben als "Freie". Und doch bekamen etliche Absolventen feste Anstellungen in den Redaktionen von beispielsweise "Zeit", "Spiegel" und der "Süddeutschen".

Und, vor fast zwei Jahren, nun mit hundert Ausgaben, wurde Kontext dem Publikum vorgestellt. Umgesetzt wurde die Idee einer Wochenzeitung in Print und online. Etliche namhafte Helfer standen seinerzeit Pate. Hervorgehoben werden sollen allerdings Hanne und Andreas Schairer, die das Geld zur Anschubfinanzierung gaben. Ohne sie wäre dieses muntere Projekt gar nicht gestartet, das sich nicht "nur" mit dem Blatt allein zufriedengeben, sondern ganzheitlichen Journalismus pflegen will. "Lernen als Recherche", Café Kontext, "Wie Medien ticken", das sind nur einige Stichwörter, mit denen journalistische Tugenden und Fähigkeiten auf dem Gebiet der Bildung zum Tragen kommen sollen. Als vor knapp einem Jahr das wirtschaftliche Aus drohte, kamen innerhalb von nicht mal einem Monat 1000 Solidaritätsabonnements zustande – heute sind es über 1200 –, so viele Leser unterstrichen spontan, dass sie nicht auf Kontext verzichten wollten. 

Gerade mal eine Handvoll Leute setzen dieses Arbeitsvolumen seit April 2011 um, so viel, wie man in manchen Redaktionen gerade mal ans Editorial setzt. Fast größenwahnsinnig. Auf jeden Fall aber ambitioniert. Vielleicht ist das genau der Unterschied zum Rest der "journalistischen" Republik. Die Begeisterung, der Glaube an die eigene Arbeit und Wichtigkeit, das lustvolle Tragen der Verantwortung, das sich im Inhalt niederschlägt und vermittelt. Aber auch das Fehlen überflüssiger Hierarchien, die allen aufgezählten Projekten eigen ist. Das Mannschaftsdenken. Das Gesamtergebnis kann nur so gut sein wie das, was der Schwächste auf die Waage bringt. Also ist jeder bis zum Anschlag verpflichtet. 

Das alles hat uns im Südwesten überleben lassen, umgeben von einem Meer der Verzagtheit, mit unseren Ideen und Überzeugungen, sogar ganz ohne Zaubertrank. Vielleicht sollten wir noch etwas daran arbeiten, Agentur, Journalistenpreise, Schule und Kontext besser miteinander zu verzahnen. Vielleicht gäbe es an der Stelle noch ein paar Synergien auszuarbeiten. Wie dem auch sei,Uli Reinhardt. Foto: Joachim E. Röttgers die Redaktion hat mir beschieden, wenn ich dieses Editorial schriebe, dann dürfte ich der Redaktion auch wieder wie gewohnt eins überbraten. Würde ich auch gerne tun, denn Demut zu fördern ist wichtig. Aber mit fällt gerade nichts ein. Das nächste Mal dann wieder, meine Freunde. Jetzt gratuliere ich erst mal zur Hundertsten und ziehe, in Ermangelung eines eigenen Hutes, den meines Finanzvorstandskollegen.

 

Uli Reinhardt, Vorsitzender des Vereins für ganzheitlichen Journalismus, der die Kontext:Wochenzeitung herausgibt.

 


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