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Sex-Fragen

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Aufklärung ist das, was Eltern rote Ohren macht. Das muss aber nicht sein: "DAS machen", ein im besten Sinne aufklärerisches Buch schafft Luft zum Reden über Sexualität und Körperlichkeit. Für Menschen, die keine Angst vor den Fragen ihrer Kinder, Schmetterlingen im Bauch und Bildern von kopulierenden Teddybärchen haben.

Aufklärung ist das, was Eltern rote Ohren macht. Das muss aber nicht sein: "DAS machen", ein im besten Sinne aufklärerisches Buch, schafft Luft zum Reden über Sexualität und Körperlichkeit. Für Menschen, die keine Angst vor den Fragen ihrer Kinder, Schmetterlingen im Bauch und Bildern von kopulierenden Teddybärchen haben.

"Och nö", sagte die 13-jährige Tochter, als sie gebeten wird, gemeinsam mit der Mama ein Aufklärungsbuch anzuschauen. Sie wisse da doch bestens Bescheid. Comics, Bilder- und Sachbücher, Aufklärungsliteratur wurden tatsächlich schon dutzendweise in der Bücherei ausgeliehen. Alle schön nach zweigeschlechtlichem Muster: Mama, Papa, Kind, so einfach ist die Welt. Erst der Hinweis, dass hier jugendliche Expertise gefragt sei und das Buch obendrein als Film vorliege, konnte das Kind von der Notwendigkeit einer weiteren Lektüre dieser Art überzeugen. "Na gut", meinte sie und versprach, hinterher für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

"Das meiste wusste ich schon. Fast alles. Also fast. Nicht ganz. Das meiste. Vieles." So beginnt "DAS machen", ein Aufklärungsbuch, das die österreichische Autorin und Theaterregisseurin Lilly Axster gemeinsam mit der Schweizer Illustratorin Christine Aebi gestaltet hat. Die Ich-Erzählerin, ein Mädchen aus der Klasse 4 c, führt den Leser durch das Buch und nimmt ihn mit zu einer Woche Projektarbeit Sexualerziehung an der Schule. Und die endet beileibe nicht bei Mama, Papa, Kind: Da geht es darum, was das denn eigentlich ist, diese Sexualität, um die die Großen so ein Geheimnis machen. Was die mit dem eigenen Leben zu tun hat. Und wie Kinder sie sich denn vorstellen. Die Autorinnen verwenden dabei auch mal Worte, die sonst eher nicht auftauchen in der Aufklärungsliteratur, sie nennen die Dinge beim Namen, ohne aber je unangemessen zu werden. "So eine Projektwoche macht Worte verdächtig", lassen sie die Erzählerin feststellen: Vögel zum Beispiel oder die Insel Lesbos oder Verkehr.

Kinder wachsen mit Klischees auf

Wohl keine Generation zuvor ist in einer derart übersexualisierten Gesellschaft aufgewachsen wie jene, die heute Kind ist. Kaum aber wird mit Kindern über das gesprochen, was sie da denn sehen. Über ihre Gefühle und Wahrnehmungen, die Fragen, die aus den omnipräsenten Bildern resultieren. Von Zeitungscovern und Werbeplakaten strahlen Photoshop-geschönte Frauengestalten, die den Kindern schon früh suggerieren, wie frau denn künftig zu sein hat: schlank, sexy, verführerisch. Der Lohn, so die Botschaft, sind Luxusgüter, Erfolg, der Traumprinz. Und auch dem werden nicht viele Möglichkeiten gelassen, die Männerrolle zu spielen: Groß, stark, mächtig soll er sein, der Mann. 30 Jahre nachdem Ina Deter die Parole "Neue Männer braucht das Land" an jede Häuserwand gesprüht sehen wollte, ist von denen immer noch wenig zu sehen.

Auch Aufklärungsbücher transportieren tradierte Rollenklischees: Wenn der Papa und die Mama dieses und jenes tun, dann entsteht ein Geschwisterlein, so oder so ähnlich sind fast alle Kinderbücher zum Thema aufgebaut. Homo- oder gar intersexuelle Menschen kommen allenfalls am Rande vor, unter "ferner liefen". Mittlerweile immerhin mit dem Verweis, dass das ja auch ganz normal ist. Ein Thema aber berühren diese Bücher selten: kindliche Sexualität und die vielen offenen Fragen, die für die Kinder entstehen, wenn sie ihren Körper entdecken. Auch die Sexualerziehung an den Schulen legt den Schwerpunkt auf die biologischen Aspekte, das entstehende Baby, den Umgang mit Verhütungsmitteln.

"DAS machen" soll das ändern: "Wir wollten ein Buch machen, das mehr auf die Gefühle und Körperlichkeiten der Kinder eingeht", beschreibt die Autorin Lilly Axster im Gespräch mit Kontext, warum sie mit Christine Aebi das Buchprojekt in Angriff genommen hat. Ernst sagt sie das und ruhig, man spürt, das Thema ist ihr wichtig. Das Duo hat schon mehrere Kinderbücher gestaltet, manche wurden mit Preisen ausgezeichnet. Ein dreiseitiger Comic sei jahrelang in der Schublade gelegen, sagt die 49-Jährige. Einer, in dem "drei Mädchen es sich nett machen miteinander". Der aber habe nicht getragen, so allein. Dann seien jahrelang Bilder und Texte zwischen der Schweiz und Österreich hin- und hergeschickt worden. "Haut, Körperlichkeit, Scham und Offenheit", all das sei thematisiert worden. Dahinter steht auch der Gedanke, dass das offene Gespräch über Körperlichkeit und Sexualität die sexuelle Ausbeutung von Kindern verhindern kann. Neben ihren Jobs als Autorin und Regisseurin arbeitet Lilly Axster seit 1996 auch im Verein Selbstlaut gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen. "Ich wollte etwas tun gegen eine Hauptachse der Gewalt in der Gesellschaft", sagt sie.

Teddybärchen probieren Sexstellungen

Drei Jahre hat es gebraucht, bis das sensibel illustrierte und getextete Buch fertig war. Kein Aufklärungsbuch im eigentlichen Sinne ist es geworden. Aber aufklärerisch und mutig, weil es weit über eine rein medizinisch-technische Erklärfibel herausgeht, sich mit den Fragen und Gefühlen der Kinder ernsthaft, souverän und sensibel beschäftigt. Drei Jahre haben die Macherinnen daran gearbeitet. "Es ist zum Beispiel wahnsinnig schwer, eine Sprache zu finden, die nicht klebrig wird", sagt Lilly Axster. Oder Blickwinkel auf Kinder zu entwickeln, die nicht peinlich oder pornografisch werden. Da habe sie oft kämpfen müssen und sich dann auch mal in Reime gerettet, sagt sie und lacht. Reihenweise Bilder seien verworfen worden, weil "die ganze Bilderwelt, die uns umgibt, sich hineinschreibt". Und die Autorinnen jene Stereotype und Klischees, die die Wahrnehmung im Alltag nur allzu oft prägen, nicht in ihren Bildern wiederfinden und damit reproduzieren wollten.

Die Bilder, die übrig geblieben sind, lassen den Lesern Spielraum für eigene Fragen, eigene Gedanken. Teilweise sind sie recht explizit, es werden auch mal Teddybärchen beim Sex gezeigt. Trotzdem sind sie nie pornografisch oder bloßstellend, sondern sensibel und achtsam gezeichnet. Und vermitteln Kindern, dass alle Fragen, die sie rund um das Thema Sex haben, berechtigt sind. Dass es okay ist, sich dafür zu interessieren. Oder auch nicht. Dass aber andererseits vieles, was als standardisiertes Rollenbild vermittelt wird, nicht so ist und auch nicht so sein muss. Etwa, als die Ich-Erzählerin und mit ihr die Klasse entdeckt, dass eben nicht X- und Y-Chromosom bestimmen, wer oder was man eigentlich ist: "Es gibt genau so viele Geschlechter, wie es Menschen gibt", erkennt das Mädchen. Und eben nicht nur Jungen oder Mädchen. "Intersexualität, wie Intercity oder Internet oder international, also irgendwie dazwischen, von hier nach da, überall", sinniert die Erzählerin.

Heteronormativität, ein Wort wie ein Vorschlaghammer

Hier bricht das Buch mit der Zweigeschlechtlichkeit, die Kindern auch heute noch vermittelt wird. Heteronormativität, ein Wort wie ein Vorschlaghammer. Obwohl, je nachdem welcher Statistik man Glauben schenken mag, eines von tausend Kindern sich eben nicht diesen Kategorien zuordnen lässt. Und auch heute noch jedes Jahr solche Kinder operativ einem Geschlecht zwangszugeordnet werden. Obwohl Transsexualität mittlerweile auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert wird und im Internet gerade eine Petition läuft, die fordert, dass die Weltgesundheitsorganisation Transsexualität aus der Liste der psychischen Krankheiten streicht.

Kindern wird in "DAS machen" nicht die erwachsene Perspektive auf Sexualität aufgezwungen. Das Buch schafft Raum für Gespräche, Themen werden angerissen und damit die Möglichkeit zum Fragenstellen geschaffen. Etwa diese: "Wie viele verschiedene Lieben gibt es und wieso gibt es welche mit und welche ohne Sexualität? Und wie können Erwachsene Liebe machen, aber ohne Liebe? Ist Sex ein Gefühl oder etwas anderes?" Antworten hierauf zu finden kann schwierig sein für die Erwachsenen, die mit ihren Kindern das Buch lesen. "Man muss auf die Fragen auch antworten, die da drinstehen", lacht Lilly Axster und wird gleich wieder ernst: Genau das seien viele eben nicht gewohnt. Eltern haben zumeist noch selbst in Erinnerung, wie das denn so war, als dann plötzlich ein Aufklärungsbuch auf dem Nachttisch lag, Papa oder Mama mit roten Ohren dastand und sagte, man müsse nun mal reden. "Viele fürchten sich, über Sex zu sprechen", sagt Lilly Axster. Und trotzdem sei ihr Buch "ein Fragebuch, nicht ein Antwortbuch". Es komme eben darauf an, was die Beteiligten daraus machen.

Ja, das sei ein Fragebuch, sagte die Tochter am selben Abend noch. Sie könne sich gut vorstellen, dass es andere Kinder auch interessiert. "Gut ist, dass das eher erzählt ist, kein Fachbuch", befand sie als Expertin für Aufklärungsbücher. "Und schön gezeichnet." Ob sie eigentlich mittlerweile alles über das Thema wisse? "Nein, aber das muss ich jetzt auch nicht." Sie könne ja auch fragen, bei Interesse.

 

 

 

 

"DAS machen" kann man in jedem Buchladen für 24,50 Euro bestellen.

ISBN: 978-3-901867-36-1

 

 

 

 

Die Buch-Illustrationen im Text sind von Christine Aebi.


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