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Projekt Babylon

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Die Stadt auf der Kante, die Stadt zeigt Kante. Das ist der Stoff, aus dem Klaus Hemmerle sein "Babylon-Projekt" baut. Es ist ein Stück über die akute Bauwut in Stuttgart, die letztlich mit der Frage endet: wem gehört die Stadt? Premiere hat es am 11. November im JES. Für Kontext hat Regisseur Hemmerle einen Projektbericht geschrieben.

Klaus Hemmerle bringt Bauwut und Stadtverwüstung auf die Bühne. Foto: Joachim E. Röttgers

Das Jahr 2011: das JES ist mutig. Es stellt eine ganze Spielzeit unter das Motto "Stadtkantengeschichten". Der Dramaturg Christian Schönfelder und ich suchen einen griffigen Stoff, der mit "Stadt", der Stadt auf der Kante, der Stadt, die Kante zeigt, zu tun hat. Immerhin: das JES ist ein Theater der Stadt Stuttgart für Kinder und Jugendliche.

Auf der Suche nach dem eigenen urbanen Lebensgefühl. Wir wollen raus aus dem Tagblattturm, wo das JES seine Räume hat, einmal um den Block, und beklemmt stellen wir fest: das kleine Theater, das die Frage stellt nach der Stadtkante, ist umzingelt von Baustellen. Drei riesige Baugruben rund um die Paulinenbrücke. Mindestens zwei jenseits der Königstraße. Die Planung des "Dorotheenquartiers", das nun nicht mehr "Da Vinci" heißt, nimmt neue Dimensionen an. Und dann weiter abwärts, den unsichtbaren, vergrabenen Nesenbach entlang, da war doch auch noch was. Das Thema, das angeblich allen zum Hals heraushängt, der Bahnhof und sein immobilliardäres Hinterland.

Die Stadt wird gerade völlig umgekrempelt

In Gesprächen mit Leuten, die sich professionell mit dem Thema beschäftigen, bestätigt sich meine erstaunte Vermutung: Die Stuttgarter Innenstadt wird gerade vollkommen umgekrempelt, es läuft die massivste Umgestaltung der Stadt seit der Nachkriegszeit.

Ein Mythos drängt sich uns auf – Babylon. Der Turmbau zu Babel als Emanzipation des Menschen von höheren Mächten und Prinzipien: Wir sind wie Gott, wir beherrschen die Erde, denn wir bauen bis zum Himmel. Wir sind selber Götter und bauen unseren eigenen Himmel. Diese Legende gibt es übrigens nicht nur in der Bibel, sondern in fast allen Kulturen der Welt, von Amerika über Afrika bis nach Ozeanien. Für die Rastafari auf Jamaika ist "Babylon" das Symbol für die aus dem Ruder gelaufene westliche Zivilisation, den globalisierten Kapitalismus. Die Idee eines Reggae-Musicals verwerfen wir alsbald wieder, mangelnde Street Credibility, und der Groove rumpelt gar zu arg ...

Babylon by Bus – zu Fuß durch die Innenstadt. Was verändert sich da gerade? Mit welchen Konsequenzen? Und dann kommt die bittere Erkenntnis: Das ist offensichtlich der Fortschritt. Den gab's immer schon. Der ist wichtig! Erinnerungen an Väter, die meinten, wenn es nach euch ginge, säßen wir immer noch auf den Bäumen. Gibt es guten und schlechten Fortschritt?

Wollen nur noch die Alten die Welt retten?

Das ist doch ein Thema! Und da scheint auch ein Generationskonflikt zu lauern. Sind das eigentlich nur noch die Alten, die die Welt verbessern wollen, oder gar retten? Die Jungen haben vielleicht in der Mehrzahl einen ganz anderen Fortschrittsbegriff. Unkritischer? Sie sind vielleicht ganz zufrieden mit der besten aller Welten, die sie hier im florierenden Baden-Württemberg vorfinden. Im coolen Kosmos des Shoppens, Zappens und Klickens, der Malls und Medien.

Wir suchen für unser jugendliches Zielpublikum eine Familiengeschichte. Wir improvisieren, erzählen uns Erlebnisse, lesen aus der Zeitung vor, experimentieren mit Musik – und kommen nicht weiter. Die Welt ist mal wieder zu groß und zu komplex, erst recht für die Bühne.

Herbst und Winter 2011 ist bleierne Zeit. Nach der Volksabstimmung zu S 21 (von zehn Baden-Württembergern äußern sich fünf nicht, zwei wollen die Finanzierung durch das Land stoppen, drei nicht) herrscht Lähmung, Verstummen und Resignation in den weiten Kreisen derer, die den Widerstand getragen haben. Das absurd hohe Quorum hat von Anfang an einen anderen Ausgang der Abstimmung ins Reich der Fantasie verwiesen, sonst hätte sie nicht stattgefunden. Die Projektbefürworter und -betreiber, die einen massiven Wahlkampf geführt haben als Vergeltung für die verlorene Landtagswahl, haben nun wie geplant die stärkste Waffe in der Hand: die demokratische Legitimation.

Der Schlossgarten wird verwüstet – als Symbol des Sieges

Der Schlossgarten wird verwüstet, weit vor der für irgendeinen Bau notwendigen Zeit – als Symbol des Sieges. Alle Ergebnisse der Schlichtung, alle Fragen an den Stresstest – Makulatur. Der Rollback in voller Fahrt. Die Massen sind von der Straße verschwunden, der Charme und die Anziehungskraft der Protestbewegung am Ende doch vom Alltag eingeholt. Was politisch passiert, die Aufspaltung der Gegenbewegung in verschiedene politische Lager (die es ja von Anfang an gab), steht noch auf einem ganz anderen Blatt und ist ein riesiges, aufregendes Thema für sich ...

Das kleine, von Baustellen umzingelte Theater JES wagt es, Fragen zu stellen. Foto: Joachim E. Röttgers

Für uns ist wichtig, uns von der Fixierung zu lösen. Über das eine Thema hinauszublicken, zu erkennen, es gibt noch andere Brandherde in der Stadt, die genauso, akut, das Zusammenleben der Bürger beeinflussen und dringende Fragen aufwerfen: Wird die Innenstadt künftig vollends von Kommerz und Konsum dominiert? Wer bestimmt die Ästhetik, die Raumgestaltung und Topografie des zukünftigen Zentrums: Investoren oder Politiker? Wie viel Einflussmöglichkeiten bleiben den Bürgern?

Das Jahr 2012: ausatmen, einatmen, neue Blickwinkel suchen

Zeit, sich neu zu sortieren. Ausatmen, einatmen. Neue Blickwinkel suchen, neue Fragen stellen. Und die neue Wachheit, die Erkenntnisse der letzten Jahre bewahren, weiterleben lassen.

Es ist erholsam, neu zu beginnen. Das JES, unter Leitung von Brigitte Dethier, schenkt uns mehr Zeit, die Premiere lässt sich in den Herbst verschieben. Eine unkonventionelle und mutige Entscheidung, die an den meisten Theatern undenkbar wäre. Frische Kräfte und Arbeitswut werden freigesetzt. Wir erfinden mit den Schauspielern eine einfache Geschichte, eine Parabel.

Eine Familie hat ein Haus, in dem sie wohnt, in einer Stadt. Vater, Mutter, zwei bald erwachsene Kinder. Das Haus ist im Weg. Auf dem umliegenden Gelände soll ein spektakuläres Hochhaus gebaut werden, ein Mix aus Einkaufszentrum, Büros und edlen Wohnungen. "Das Babylon". Der Projektentwickler macht Angebote. In der Familie entbrennt die Auseinandersetzung: Verkaufen wir unser Heim? Unsere Heimat? Stellen wir uns dem Fortschritt in den Weg? Mit welcher Berechtigung? Ab wann sind wir käuflich? Wie bilden sich Meinungen? Was macht der Druck mit jedem Einzelnen? Und auf der anderen Seite: wo kommt der Ehrgeiz her, sich die Erde untertan zu machen mit kühnen Bauten? Sich in einem Denkmal zu verwirklichen? Wie weit geht jemand für seine Pläne, für seine Karriere?

Wir machen Stadtspaziergänge. Sind schockiert. Sprechen mit einem echten Projektentwickler. Sind beeindruckt. Wir lesen und staunen über Websites und Werbebüros. Und improvisieren. Christian schreibt.

Der Projektentwickler sagt, mit Geld lasse sich fast alles regeln

Bei der Recherche bestätigt man uns, dass unsere fiktive Geschichte mitten aus dem richtigen Leben stammen könnte. "Das ist unser tägliches Brot, Menschen davon zu überzeugen, ihr Grundstück zu verkaufen", sagt der Projektentwickler. Oder Nachbarn dazu zu bringen, keine Einsprüche gegen den Bau zu erheben. Meist gelingt es, wenn Familien uneins sind, ums Erbe streiten. Beim Kampf um städtische Filetstücke braucht man Einfühlungsvermögen, psychologische Schulung, Informationen aus allen nur denkbaren Quellen. Die Lust, mit Menschen umzugehen, Menschen zu beeinflussen. Schließlich: mit Geld lässt sich fast alles regeln. Und wie überall, so wird uns bestätigt, wo es um sehr viel Geld geht, steigt auch die kriminelle Energie.

Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Eine alte Dame in Frankfurt, so wird erzählt, die als Nachbarin die Genehmigung zu einem Hochhausprojekt geben sollte, weigerte sich beharrlich, auch als man ihr am Ende einen zweistelligen Millionenbetrag bot. "Es gibt Menschen, die kriegen Sie nicht mit Geld. Davor hab ich Respekt!", sagt der Projektentwickler.

Dann ein zusätzliches Motiv: wenn man den Boden aufgräbt, muss auch etwas hochkommen an die Oberfläche. Vielleicht die Vergangenheit? Schon in den populären Geschichtsbüchern findet man erstaunliche Beispiele von Bauwut. Das pointierteste: um das Mausoleum seiner Frau Katharina zu errichten, ließ König Wilhelm I. von Württemberg zur Empörung seiner Untertanen die Reste der Stammburg seiner Ahnen auf dem Württemberg niederreißen. Widerstand der Bürger war damals noch zweckloser als heute. Heute allerdings ist die Grabkapelle der Symbolort des Landes ...

Kann man im Licht der Vergangenheit die Zukunft anschauen? Das Theater ist immer auch eine Zeitmaschine. Jenseits der Fakten und Konflikte auf der Suche nach der Poesie, der Fiktion, dem Surrealen. Nur das hilft schließlich weiter bei einer Geschichte, deren Ausgang offen bleiben muss. Weil die Geschichten dieser Stadt, aus denen sie sich speist, auf die sie sich bezieht, auch nicht abgeschlossen sind.

Inzwischen, im Herbst 2012, gibt es neue Einsichten in den Lauf der Dinge. OB-Wahl in Stuttgart, der Grüne Kuhn gewinnt, die Karten werden neu gemischt. Auch hier bleibt die Kernfrage: für welchen Begriff von Fortschritt entscheiden sich die Stuttgarter? Und welchen Handlungsspielraum haben die gewählten Träger politischer Ämter?

Hat jemand ernsthaft an den "Kostendeckel" bei S 21 geglaubt?

Nicht nur drunten am Bahnhof. Noch viele Rechnungen sind offen. Denn weitab vom Wahnsinn des unfasslichen Berliner Hauptstadtflughafens oder der Hamburger Elbphilharmonie gibt es auch in Stuttgart Beispiele von explodierenden Baukosten bei Projekten der "öffentlichen Hand", sogar bei höchst sinnvollen, fern von Lobbyismus und Immobilienspekulation ... Wer trägt die Kosten? Wer die Verantwortung? Und wer verdient? Übrigens: hat eigentlich jemals jemand ernsthaft an den "Kostendeckel" bei S 21 geglaubt?

Auch wie unsere Geschichte aufhört, wissen wir noch nicht so ganz genau. Denn ob der Wahnsinn endet, wenn das Geld alle ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Uns bleibt eine letzte Frage: Wem gehört die Stadt? Und gehört sie eigentlich überhaupt irgendwem? Na klar, lautet die schnelle Antwort: Wir sind die Stadt, wir alle. Aber was für ein langer und schwerer Weg, zu so einem Wir zu kommen! Das versuchen wir im JES erstmal mit unserer Familie hinzukriegen. Auf der Bühne. Premiere ist am 11. November 2012.

 

Klaus Hemmerle, Jahrgang 1960, Schauspieler und Regisseur, lebt in Stuttgart. Von 1984 bis 1991 war er engagiert am Theater der Stadt Heidelberg, von 1995 bis 2003 am Württembergischen Staatstheater Stuttgart. Er ist Schauspiellehrer an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Sprecher für den SWR, arbeitet als freier Regisseur, hält Lesungen und organisiert musikalische Projekte. Hemmerle arbeitet in Stuttgart im Depot des Staatstheaters, im Alten Schauspielhaus, im Theaterhaus und im JES. Zurzeit inszeniert er unter anderem in Gießen, Lübeck und Salzburg.

 


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