KONTEXT:Wochenzeitung
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Griff ans Mieder

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"Was reg ich mich auf!", rief meine Omi Glimbzsch aus Zittau gelegentlich mit erhobener Stimme und fasste sich dramatisch ans Herze, das unter dem Mieder schlug. Das machte Eindruck. Im Geiste sah ich sie schon zusammensacken – und kein Handy in der Nähe!

"Was reg ich mich auf!", rief meine Omi Glimbzsch aus Zittau gelegentlich mit erhobener Stimme und fasste sich dramatisch ans Herze, das unter dem Mieder schlug. Das machte Eindruck. Im Geiste sah ich sie schon zusammensacken – und kein Handy in der Nähe! Ja, das gab's zu Omis Zeiten noch nicht. Wir hatten ja nicht mal Telefon und das Klo keine Wasserspülung und kamen trotzdem durch den Winter, samt Omi, die 97 Jahre alt wurde. Es liegt an den Genen, sagte sie.

"Ein Bad im Mob", meinte Pfarrer Bräuchle, als er mit der Kanzlerin vor einer Woche vom Regen auf dem Stuttgarter Marktplatz in die Traufe des Kopfbahnhofs kam, und er schien sich aufzuregen: Niemand wollte was von ihm, was ungerecht war. Die Kanzlerin sprach sich dafür aus, dass Stuttgart eine Stadt für Menschen bleibt – ein hehres Ziel, das logischerweise aufs Äußerste gefährdet wäre, wenn Kuhn ("Ein Herz für Tiere") und nicht Turner ("Ein Mann für Menschen") Oberbürgermeister werden würden. Kuhn wird nach Meinung der Herrschenden offenbar die Bahn still legen, was sich die Herrschenden eigentlich selbst gern vorbehalten täten, er wird wohl oder übel die Bewohner aus der Stadt jagen (bitte die Befürworter, von was auch immer, zuerst), er wird die Tauben vergiften im Park und im Gegensatz zu Turner den sozialen Wohnungsbau vergessen, ja, er wird sogar Arbeitsplätze schaffen und den Stau verbieten.

Die Kanzlerin, wie meine Omi Glimbzsch, fasste sich im Gedanken daran dramatisch ans Herze, sah den Menschen durch die vielen Regenschirme hindurch tief in die Augen und drohte, dass Milliarden Menschen gerne so leben würden wie die Stuttgarter. Sie ließ allerdings offen, ob diese Milliarden früher oder eher später auch wirklich kommen. So viel ist sicher: mit der Bahn jedenfalls nicht.

Merkel ermunterte die Banken-, Kanzler- und Turner-Gegner auch noch in ihrer Kritik: "Hier darf man demonstrieren, hier darf man seine Meinung sagen", rief sie ins ungläubige Volk, während die Polizei eine Reihe von Transparenten einkassierte. Wenn es um die Zukunft gehe, flötete Frau Merkel schließlich, dann müsse man sich für jemanden entscheiden, der mehr könne als pfeifen.

Für wen sich die Kanzlerin und ihre jungen Pioniere in den letzten Jahren entschieden haben, das pfeifen die Spatzen von den Dächern: für die Herren Assad in Syrien und Lukaschenko in Weißrussland, für Saudi-Arabien, Bahrain, für Libyen ... Nur mal so als Beispiel. Die Liste ist natürlich viel länger. Früher, als es noch keine Handys gab, haben sich die da oben noch für ganz andere ... Aber was reg ich mich auf!

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Vereins Die Anstifter.


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1 Kommentar verfügbar

  • CultureVulture
    am 17.10.2012
    Antworten
    Da juckt das Mieder vor Entzücken, hab Dank
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