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Bürgerbeteiligung

Der Raushalt-Haushalt

Bürgerbeteiligung: Der Raushalt-Haushalt
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Der Stuttgarter Bürgerhaushalt simulierte Mitsprache: Die Bevölkerung konnte Ideen einbringen, die Verwaltung und Gemeinderat regelmäßig ignoriert haben. Umgesetzt wurde so wenig, dass man's auch gleich lassen kann – und das tut die Stadt jetzt auch.

Für die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) war der Stuttgarter Bürgerhaushalt ein Vorzeigeprojekt, nämlich Pionierarbeit, die "neue Maßstäbe gesetzt" habe. Ein Infotext aus dem Dezember 2024 geizt nicht mit Lob, die Geschichte des Bürgerhaushalts erzähle "von beeindruckenden Erfolgen", eine "der wichtigsten Innovationen war die Digitalisierung des Prozesses", heißt es hier. Allerdings sei auch ein Rückgang der Teilnehmenden zu beobachten: In den Hochphasen machten gut 40.000 Stuttgarter:innen mit, zuletzt waren es knapp 15.400. Mit Blick auf die sinkenden Zahlen mahnte die BpB: "Dieser Effekt verstärkt sich, wenn der Eindruck entsteht, dass das Verfahren keinen spürbaren Einfluss auf die Stadtpolitik hat." Bei sinkender Beteiligung nehme laut BpB jedoch zugleich "die Tiefe der Auseinandersetzung" zu, was "auf eine qualitativ hochwertigere Mitgestaltung" hindeute: "Die Geschichte des Stuttgarter Bürgerhaushalts ist damit noch lange nicht abgeschlossen."

Etwa eineinhalb Jahre später bleibt festzuhalten, dass diese Einschätzungen nicht so gut gealtert sind. "DEINE MEINUNG ZÄHLT" steht in knallgrünen Großbuchstaben auf der städtischen Website, wo die Kämmerei jüngst vorgestellt hat, welche Vorschläge der Stuttgarter:innen aus dem Bürgerhaushalt 2025 in den Haushaltsplan 2026/27 eingeflossen sind. Fazit: "Bei den Planberatungen wurde mehrheitlich für ein vorübergehendes Aussetzen der Bürgerbeteiligung an der Aufstellung des Doppelhaushalts 2028/2029 gestimmt." Es solle aber geprüft werden, "wie der Bürgerhaushalt eventuell in einem geänderten Format wieder aufgenommen" werden könne.

Die Abschaffung ist nur konsequent, weil sich Gemeinderat und Verwaltung den Ideen aus der Bevölkerung schon seit der Einführung 2011 nicht besonders verpflichtet gefühlt haben. Die aktuelle Runde war da keine Ausnahme: Von den 100 beliebtesten Vorschlägen aus der Bevölkerung wird fast nichts umgesetzt, was der Gemeinderat nicht eh schon vorhatte. In zahlreichen Fällen ist die Verwaltung frech genug zu behaupten, der Gemeinderat habe einer Idee "teilweise zugestimmt" – obwohl die Umsetzung überhaupt nichts mit der eingereichten Anregung zu tun hat.

Exemplarisch wäre dafür etwa die "Freie Fahrt im ÖPNV für Schülerinnen und Schüler", der zweitbeliebteste aller eingereichten Vorschläge. Relativ unmissverständlich heißt es darin, dass in den städtischen Bussen und Bahnen "Kinder und Jugendliche grundsätzlich kostenlos fahren" können sollten. Laut Verwaltung habe der Gemeinderat "teilweise zugestimmt". Passiert ist aber das genaue Gegenteil. Es gab in Stuttgart nämlich kostenlose Tickets für Schülergruppen, wenn Ausflüge anstanden. Mit Verweis auf die schlechte Finanzlage ist dieses Angebot aber in den vergangenen Haushaltsberatungen gestrichen worden. "Breite Zustimmung fand hingegen der Antrag, die Schülerbeförderung von Grundschulkindern, die sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) besuchen, auf Fahrten zur Ferienbetreuung auszuweiten", schreibt die Verwaltung. Daran gibt es an und für sich nichts auszusetzen. Nur hat es halt relativ wenig mit der Ausgangsidee zu tun, wonach der ÖPNV für alle Kinder und Jugendliche grundsätzlich kostenlos sein sollte.

Mehr Bäume? Kein Geld

Aber immerhin gab es eine Art Auseinandersetzung. Viele andere Ideen wurden überhaupt nicht debattiert. So etwa eine Begrünung des Marienplatzes. Das war die drittbeliebteste Idee aus dem Bürgerhaushalt: Der Platz im Stuttgarter Süden sollte ein paar Bäume spendiert bekommen, weil er sich im Sommer brutal aufheizen kann. Die Verwaltung bilanziert: "Dieser konkrete Vorschlag wurde im Rahmen der Haushaltsplanberatungen nicht behandelt." Keine der Fraktionen im Gemeinderat wollte einen entsprechenden Antrag stellen, also wurde nicht darüber geredet. 

Laut einer Stellungnahme der Verwaltung wäre eine Baumpflanzung an dieser Stelle rechtlich heikel. Denn: "Die aktuelle Gestaltung des Marienplatzes wurde 2003 fertiggestellt und basiert auf einem gewonnenen Wettbewerb durch die Freie Planungsgruppe 7. Daher müsste bei einer Umgestaltung des Marienplatzes auch das Urheberrecht berücksichtigt werden." Dass es anderen Städten bereits gelungen ist, öffentliche Plätze rechtssicher umzugestalten, tut hierbei offenbar wenig zur Sache. Dass Gerichte mehr als 20 Jahre nach der Platzumgestaltung dem Urheberrecht einen höheren Stellenwert beimessen würden als dem demokratischen Wunsch nach mehr Hitzeschutz in Zeiten tödlicher Sommer – das ist eine Rechtsauffassung, die eher gewagt erscheint. Und so wirkt die Bewertung der Verwaltung wie eine Schutzbehauptung, hinter der die Kernaussage steckt: Wir haben keinen Bock, uns damit auseinanderzusetzen, weil es eh zu teuer wäre.

Und das ist im Großen und Ganzen repräsentativ für den Umgang mit Ideen aus dem Stuttgarter Bürgerhaushalt: Wenn eine Gemeinderatsmehrheit ohnehin vorhatte etwas zu tun, und es dazu eine passende und beliebte Idee im Bürgerhaushalt gab: perfekt! Dann konnte so getan werden, als würde hier richtige Beteiligung gelebt werden. Sofern der Gemeinderat aber nicht sowieso beabsichtigte etwas umzusetzen, werden die Beispiele schnell rar, in denen eine Anregung aus der Bevölkerung zu einem grundlegenden Umdenken geführt hätte. Die ganze Kiste erinnert seit jeher mehr an eine Simulation von Beteiligung als an aufrechte Einbeziehung in politische Gestaltung.

Umgesetzt wird nur, was eh geplant war

Ein Blick auf die Bilanz der letzten Runde macht das überdeutlich: Unter den zehn beliebtesten Vorschlägen wird nur einer umgesetzt: eine Online-Terminvergabesystem für alle Bürgerbüros. War eh geplant. Die beliebte Anregung, "im gesamten Innenstadtgebiet viel mehr Maßnahmen für den Hitzeschutz" zu verwirklichen, wird – laut Verwaltung – "teilweise umgesetzt". Was bedeutet: "Im Zuge der Haushaltskonsolidierung erfolgt beim Klimaprogramm und KLIMAKS in den Jahren 2026 und 2027 jeweils eine Reduzierung um 602.000 Euro." Statt "viel mehr Maßnahmen" also weniger Geld.

In ihrer Bilanz hat die Verwaltung aus allen 1.914 eingereichten Ideen zu den 100 populärsten eine Stellungnahme abgegeben – was aber noch nicht bedeuten muss, dass sich der Gemeinderat damit auseinandergesetzt hat. In die Top 100 haben es neben der Begrünung des Marienplatzes unter anderem folgende Anregungen geschafft: Sanierung der elektrischen Infrastruktur der Schulen für eine funktionierende IT (Platz 4), Öffnung des Heslacher Stadtbads im Sommer (Platz 11), mehr Schlafplätze für Obdachlose (Platz 29), mehr Bänke und Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum (Platz 55) und die Wiedereröffnung des Bürgerbüros in Feuerbach (Platz 69). All diese Ideen wurden nicht etwa abgelehnt – sie wurden gar nicht erst diskutiert.

Anderes kam zur Sprache. Etwa der erwünschte Ausbau der Schulsozialarbeit (Platz 7). Ergebnis: "Aufgrund der schlechten Haushaltslage wurde auf einen Ausbau der Schulsozialarbeit verzichtet. Für 2026 wurden hierfür 137.000 Euro und für 2027 135.000 Euro gestrichen." Oder der Wunsch nach mehr Toiletten im Stadtgarten (Platz 26). "Der Bezirksbeirat Mitte stimmt dem Vorschlag einstimmig zu", teilt die Verwaltung mit. Ergebnis: Wird nicht umgesetzt, denn "gemäß einer Voruntersuchung sind im Innenstadtbereich genügend Toiletten vorhanden". Aber wie wäre es dann vielleicht mit Solardächern an ÖPNV-Haltestellen, die bei Sonne Energie und Schatten spenden und im Regen Trockenheit? Ergebnis: "Aufgrund der schwierigen Haushaltslage mussten bei der Fortschreibung des Nahverkehrsplans 2025 Schwerpunkte für die Entwicklung des ÖPNV für die kommenden 5 Jahre gesetzt werden. Eine Ausstattung der Haltestellen mit Solardächern ist im Nahverkehrsplan nicht vorgesehen."

Bei einem so geringen Umsetzungsgrad kann man es mit der Beteiligung in der Tat auch ganz sein lassen, das ist zumindest ehrlicher. Bitter bleibt es für alle, die sich Gedanken gemacht haben, wie die Stadt lebenswerter werden könnte, die für ihre Ideen geworben haben – und einen eher unwürdigen Umgang damit erleben mussten. Vielleicht war es naiv, dem Irrtum aufzusitzen, dass "DEINE MEINUNG ZÄHLT".

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1 Kommentar verfügbar

  • Katharina Georgi
    vor 8 Stunden
    Antworten
    Genau solche Ergebnisse, sprich die Ignorierung von vernünftigen und durchaus umsetzbaren Bürgervorschlägen, sind der Grund dafür, dass die Bürger der Politik immer weniger vertrauen und - leider - dann bei Parteien wie der AfD landen, die zumindest Zuhören und Akzeptanz simulieren. Noch ärgerlicher…
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