Ausgabe 5
Debatte

Bitte mehr Entsetzen

Von Sabine Weissinger
Datum: 04.05.2011
Die Laiendarsteller des Stuttgart-Dramas am Staatsschauspiel sind begeistert von der Theaterarbeit. Im dritten Teil der Innenschau berichtet die Journalistin Sabine Weissinger, wie sie und ihre Mitspieler die Proben erleben.

Die Laienspieler in Aktion. Foto: Sebastian Kowski

"Mit mehr Entsetzen, bitte!" Oberster Stock der alten Musikhochschule, grandioser Blick über die Stadt, Abendsonne, eine weitere Ansage: "Den Schmerz lokalisieren, jede Silbe auf den Schmerz. Macht mal." Bernd gibt uns ein "Und", dirigiert Takt und Tonlage – und schüttelt den Kopf. "An die Emotionen müsst ihr ran! Text allein, das ist total primitiv."

Bernd Freytag ist Chorleiter und bringt uns bei, wie man ganzkörperlich spricht und den Raum zum Schwingen bringt, wie man brüllt und flüstert, bedrohlich, ungläubig oder ängstlich klingt. Und lehrt uns eben auch das Grausen: "Stellt euch vor, ihr schiebt euch eine Kanüle in die Vene, langsam, tief. Jetzt sprecht noch mal." Beim nächsten Absatz appelliert er an unser "konspiratives Aggressionsaggregat" und droht mit "Koksinjektion! Nur für diesen einen Satz." Die Choristen sind dennoch zufrieden.

Mariangela (59, Sportlehrerin): Wunderbare Sachen kommen hier zusammen: Theaterspielen, ein Thema, eine politische Aussage. Und Teil eines großen, lebendigen Organismus zu sein.

Natascha (23, Studienabbrecherin): Über die Demos bin ich schon auf so viel Neues gestoßen, jetzt zum Theater. Das ist eine super Chance!

Jutta (um die 70, Lehrerin im Ruhestand): Ich wollte mehr politisch tätig sein, in die Öffentlichkeit gehen damit.

Ich schreibe "wir". Das ist neu, nicht über etwas, sondern aus etwas heraus zu berichten. Wie soll man da Abstand wahren, ein klares Auge behalten? Heisenbergs Unschärfe ist nichts dagegen. Das ist ein Insider-Bericht. Heute treffen wir Chorkollegen uns mal zum Gruppeninterview. Statt der erhofften Handvoll Freiwilligen sitzen zehn am Tisch, spätabends nach anstrengenden Probenstunden.

"Arbeit / als lust zu empfinden" – so heißt einer der Texte, die wir sprechen.

Philipp (16, Schüler): In unserer Gesellschaft gibt es nichts mehr, wo alle an einem Strang ziehen, an einer Sache arbeiten, gerade auch über Generationen weg! Theaterleute denken da anders, hier gibt's nicht den Konkurrenzkampf. Ist ein super Ausgleich zur Schule. Zeit einteilen: die meisten können das nicht.

Klaus (68, Journalist): Trotzdem, warum tun wir uns das an? Der Zeitaufwand ist extrem: Die Abende sind weg, in der Probenzeit sowieso. Das hat mir die Augen geöffnet, wie's Profischauspielern ergeht: soziale Kontakte, Privatleben, kulturelles Leben? Schwer. Sonntags frei, ja, aber da sind keine Vernissagen!

"Ich / Wolfgang / habe mein Leben getauscht" – ständig schießen mir Fetzen aus den Chortexten in den Sinn, ganz unvermittelt, aber immer mit Bezug. Das ist lustig, hilft bloß nicht, wenn man sich auf andere Dinge, die es neben dem Mitspielen in einem Chor ja doch noch gibt im Leben, konzentrieren will. Auf das Führen von Interviews zum Beispiel.

Nana (53, Restauratorin): Auf den Demos, da ist so eine wahnsinnige Energie, das brodelt, man weiß gar nicht, wohin damit. Musste was machen, gebündelt was von meiner Kraft, vom Protest da reinbringen!

Anette (Frührentnerin): Jede Schrecklichkeit hab ich mitgekriegt: Abriss Nordflügel, schwarzer Donnerstag und alles. Die Bibliothek 21 dient als Kulisse. Foto: Sebastian Kowski Das hat sich mir wirklich eingebrannt. Theater ist für mich eine Form, damit umzugehen. Wir sind nach einer Probe im Schlossgarten gestanden und haben Texte skandiert, bei einer S-21-Demo. Vielleicht haben wir damit Samen ausgesät, die jetzt Früchte tragen.

Um ihr Pensum zu schaffen, nehmen manche Choristen wochenlang Urlaub, unbezahlt, und überlassen die Familien- und Hausarbeit dem Partner. Verschieben Aufträge, schlafen nur noch fünf Stunden pro Nacht. Ab Mai wird sich die Probenzeit erhöhen auf acht Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche. Dazwischen: Text lernen, Ausdruck üben, Bewegungsabläufe einstudieren, Rollen imaginieren. Von Anfang an haben wir kritische Zuschauer, oft sitzt ein ganzes Dutzend Leute im Dunkel: vom Chorassistenten über Regiehospitanten bis zu den helfenden Händen bei Kostüm und Bühne, die uns mit Requisiten wappnen, Pappkakteen in den Weg stellen und dafür sorgen, dass Karohemd und Cowboystiefel passen. Schon in der Phase des Ausprobierens und Anpirschens stehen wir im Rampenlicht.

"Darum tut / was ich von euch erwarte" – wieder ein Textfragment.

Philipp: Theaterspielen muss man lernen! Man kann dabei auch lernen, sich selbst zu reflektieren. Zu fragen: was ist der Grund dafür, was ich tue? Was will ich, wo will ich hin? Bei mir hat das Theater viel angestoßen!

Natascha: Lerne viel, was ich auch sonst brauchen kann. Zum Beispiel, mich durchzusetzen. Erfahre, wie ich wirke bei dem, was ich sage. Lerne, meinen eigenen Ausdruck einzuschätzen!

Volker Lösch tat Mitte Februar auf einer Montagsdemo kund, dass er aus S-21-Engagierten einen Chor zusammenstellen wolle. Auf viele Interessierte folgten, wissend um den Zeitaufwand, rund 80 Bewerber. 50 lud Lösch zum Casting; sein Hauptkriterium: das Interesse an S 21. "Auch Befürworter hätten Chancen gehabt", sagt er und grinst. "Hätten halt eine Figur des Widerstands spielen müssen."

"O / ben / blei / ben" – flexibel im Umgang mit Sprache, mit Bühnenpräsenz und Konzentrationsfähigkeit, guter Ausstrahlung, nichts Destruktives. Und Durchlässigkeit – also fähig zu sein, Gefühle und Stimmungen in Sprache, Mimik und Ausdruck zu spiegeln.

Mariangela: Volker hat klare Vorstellungen, die er deutlich vermittelt. Er geht sehr gut mit seinen Leuten um, sehr respektvoll!

Anette: Volker und Bernd, beide sind sehr zielsicher. Was sie sagen, da kann man sich danach richten, sich drauf verlassen! Und sie haben Humor.

Susanne (54, Buchhändlerin): Sie wissen, was wir leisten können, und bringen uns auch dazu!

Klaus: Volker respektiert uns wie die größten Schauspieler, fordert uns aber auch genauso, lässt uns nichts durchgehen. Seine Kritik ist gnadenlos, aber nie verletzend.                                                          

Schließlich: hält er/sie psychisch und physisch durch? All das könne er, Lösch, sich bei den 17 Chor-Neulingen vorstellen.

"Jeder einzelne Mensch an den Maschinen / hat mein Gesicht / denn wir sehen uns ähnlich." Wir trafen uns zusammen mit zehn Chor-Erfahrenen am 28. März zur ersten Runde.

Jutta: Die Gruppe ist doch relativ homogen. Die Grundstimmung verbindet uns, das Thema! Wir verstehen uns, weil wir das freiwillig und aus reiner Freude machen.

Klaus: Wir haben miteinander zu tun, die Jungen mit den Alten – den Kontakt mit einer ganz anderen Generation finde ich ungeheuer spannend. Empfinde uns allesamt als hochkonzentriert, alle sind voll dabei, wenn's um die Sache geht.

Natascha: Es geht uns nicht so sehr um uns selber, sondern ums Gemeinsame! Wie bei den Demos auch.                 

"Da wächst das Werk / übergewaltig." Der Theaterchor stammt aus der griechischen Antike und repräsentiert die politische Gemeinschaft: die Bürger. Er ist Mahner und Mutmacher, reflektiert über das Göttliche und Menschliche, über Schicksal, Schuld, Sühne. Bringt Ängste und Geheimnisse ans Licht, offenbart die Motive hinter den Motiven der Akteure. Und das seit über zweitausend Jahren schon.

Mariangela: Wir bekommen Klarheit über Themen und Probleme. Man hat die Zeit und Gelegenheit, sich damit zu befassen, wir müssen uns auf einzelne Fragen vorbereiten, in die Tiefe gehen. Das ist auch eine Art Bildung. Wie die Montagsdemos unsere Volkshochschule sind, ist das echtes Volkstheater: Du kriegst was dafür!

Sabine (44, Journalistin): Dass unsere Diskussionen und Ideen in die Texte einfließen, dass wir an dem Stück mitarbeiten, das finde ich schon ein starkes Stück!

Klaus: Allein das Entstehen des Stückes mitzuerleben! Sieht heute schon ganz anders aus als vor zwei Wochen. Spannend, mit Profis zusammenzuarbeiten. Ich war ja skeptisch, wie man diese beiden Texte zusammenfügen kann. Dazu die Interviews – da spielt Beate eine ganz wichtige Rolle, als Dramaturgin. Faszinierend, wie das zusammengeht: der lustvolle Protest der Monkey Wrench Gang, die Sprechblasen der Politiker, die Phrasen der Demonstranten, dazu die verqueren Ideen aus dem Buch "Metropolis".

Klaus: ... wie das Publikum wohl darauf reagiert?

Susanne: Die werden buhen, schreien und pfeifen, aufstehen und rausgehen!

"Dann ist auch das vorbei / nichts rührt sich mehr / verdammte Scheiße / war das schön", so fetzt der Text der Zeit voraus. Dreieinhalb Wochen Proben und sechs Wochen Aufführen liegen noch vor uns. Bald feiern wir Bergfest.

Sabine Weissinger ist Mitglied des Theaterchors. Sie arbeitet als freie Journalistin in Stuttgart und ist auf Umweltthemen spezialisiert.


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