Ausgabe 39
Debatte

Was wird ...?

Datum: 28.12.2011
Wir haben Visionen und wir gehen - hallo Helmut Schmidt! - nicht zum Arzt. Wie sagte schon der Zukunftsforscher Robert Jungk?"Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos, es tarnt und entlarvt sich hinter dem Gewohnten." Wir von Kontext:Wochenzeitung haben das Gewohnte in brutalst möglicher investigativer Recherche entlarvt.

 Wir haben Visionen und wir gehen – hallo, Helmut Schmidt! – nicht zum Arzt. Wie sagte schon der Zukunftsforscher Robert Jungk? "Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos, es tarnt und entlarvt sich hinter dem Gewohnten." Wir von der Kontext:Wochenzeitung haben das Gewohnte in brutalstmöglicher investigativer Recherche entlarvt.

Da wir dafür bekannt sind, über den Stuttgarter Kesselrand zu schauen, haben wir unseren Blick weit schweifen lassen: in die Welt (des Kapitalismus), nach Deutschland (Buprä auf Probe), Baden-Württemberg (kleiner Nils ganz groß) und nach Stuttgart (Schuster heiliggesprochen). Wir wünschen Erleuchtung und Vergnügen bei unseren Jahresend-Visionen. Und wer sich inspiriert fühlt, kann hier selbst einen Blick in die Zukunft wagen. Was wird also ...

... aus dem Kapitalismus?

In der Krise wird das nix mehr mit dem Kapitalismus und der Kohle. Da müssen wir uns schon was Besseres einfallen lassen. Oder werden wir von einem börsennotierten Discount-Zertifikat auf den Dax satt? Vom Brot beim Discounter vielleicht. Vom Dachs im Ofen, das sollten wir um des Dachses willen besser bleiben lassen. Vom Zertifikat? Ein Stückle Papier, versteckt im Depot, aber fad im Geschmack und nicht wirklich zum Verzehr zu empfehlen. Auch am Gold werden wir uns höchsten noch die Zähne ausbeißen. Allenfalls als Krone im Gebiss macht's vielleicht noch Sinn. Was aber, wenn's nix mehr zu beißen gibt?

Also brauchen wir in diesen inflationär verwirrten Zeiten eine Reform. Ach, was reden wir da. Wir brauchen den großen Wurf, den ganz großen. Eine neue Weltwährung muss her. Und sie muss lange halten, also währen, weil nur was lange währt, endlich gut wird. Diese kapitalisierten Märkte, das lesen wir doch Tag für Tag, die hungern und hungern nach frischem Geld und nach Wachstum, und uns knurrt der Magen. Also wozu noch Euro oder Dollar? Gegen den Hunger etwa?

Wachstum macht satt: Kartoffeln sind die neue Weltwährung."Solanum tuberosum", diesen Zungenbrecher werden wir uns erstens merken und zweitens bald auf derselben zergehen lassen. Der kluge Lateiner lehrt uns, dass dahinter auf gut Deutsch die Kartoffel steckt und das wird die neue Weltwährung. Runde Sache. Von goldgelber Farbe. Dem Lexikon zufolge durchläuft die Knolle, bevor sie zur Kartoffel wird, ein sogenanntes Dickenwachstum.

Na also. Wachstum! Das isses doch. Wachstum macht satt.

Meinrad Heck

 

... aus Christian Wulff?

Es gibt in Deutschland Probeabonnements für Zeitungen, den Führerschein auf Probe, Beziehungen auf Probe, kurz: alles, was wichtig ist, wird erst mal ausprobiert. Warum also auch nicht der Bundespräsident? Im Grunde ist das ja das Prinzip der Demokratie: Man abonniert mal für fünf Jahre die SPD, dann vielleicht die Grünen oder auch die CDU.

Bundespräsident Christian Wulff bei seiner letzten Weihnachtsansprache.Und weil man die Politiker nicht zu Hause gebrauchen kann, deponiert man sie im Bundestag, wo sie dann zusammensitzen und Gesetze abnicken oder anderen ein Bein stellen. Oder auch konstruktiv arbeiten, und sei es auch nur als Koordinator der eigenen Doktorarbeit. Wenn die fünf Jahre dann rum sind, kann man verlängern – oder eben nicht. Nur wenige Politiker sind wie ein Drückerkolonnen-Abo, das man nicht mehr loswird. Die haben sich dann im Zeitungsständer festgeklemmt, und plötzlich sind 16 Jahre rum und ganz Deutschland ist verkohlt.

Nur einer hat sich dem bisher entzogen: der Bundespräsident – eine Instanz, nix mit Probe, quasi der Heilige der deutschen Demokratie. In der Vergangenheit soll es zwar Fälle gegeben haben, dass einer sich für zehn Jahre ins Schloss Bellevue setzte. Aber das war dann nie ein größeres Problem, weil man sich mit dem Buprä ja schmückte wie mit einem renommierten intellektuellen Blatt. Das zwar auch kaum jemand liest, beim dem es aber allen irgendwie guttut, es im Zeitungsständer zu haben. Und das mit einem Leitartikel die öffentliche Debatte prägt, Entwicklungen für die Zukunft aufzeigt, neudeutsch: Trends anregt.

Das hat jetzt auch der Bundespräsident getan. Nicht mehr die Bürger abonnieren die Politiker, sondern die Politiker das Volk. Kann man ja auch verstehen, wenn es als Prämien Gratisreisen und verbilligte Kredite gibt.

Sandro Mattioli

 

... aus Nils Schmid?

Nils Schmid. Foto: Martin StorzNils Schmid wird entlarvt. Lange kann es nicht mehr verborgen bleiben, dass der baden-württembergische Finanzminister der Kopf des Netzwerks Anonymus ist und damit dafür verantwortlich, dass Spendengeld in Millionenhöhe von Reichen an Arme umverteilt wurde. Schon länger hat man den 38-Jährigen in den Gängen des Landtags und des Finanzministeriums bei Selbstgesprächen beobachten können. Wortfetzen waren zu hören wie: "... mit Geld endlich was Vernünftigeres machen" und "... nicht alles in S 21 verbuddeln" oder "Robin Hood ist mein Held".

Als Anonymus hat Schmid nun ein US-Sicherheitsunternehmen geknackt und wohltätige Überweisungen getätigt vom Roten Kreuz bis Attac. Seine türkische Frau will ihn immer öfter dabei überrascht haben, wie er zu Hause mit dunklen Augenschatten vor seinem Laptop saß, fanatisch "Rosa Luxemburg, Rosa Luxemburg" schrie und Zahlenkolonen in den Computer hackte. Mit seinen Umverteilungsplänen konnte sich der überzeugte Sozialdemokrat in seiner Partei nicht durchsetzen. Claus Schmiedel drohte mit der kompletten Sprengung des Stuttgarter Bahnhofs.

Als Finanzminister ist Nils Schmid nicht mehr zu halten. Ministerpräsident Winfried Kretschmann baut ihm ein Forsthaus im Laizer Wald. Dort sieht man den Exminister in Strumpfhosen, Wams und Armbrust öfter den Weg von Spaziergängern kreuzen. Da die SPD inzwischen völlig zerstritten und die CDU noch immer damit beschäftigt ist, mit ihren Fraktionsvorsitzenden Peter Hauk auf den Tischen zu tanzen und "Oben bleiben" zu skandieren, hat sich der entnervte Regierungschef zu unkonventionellen Schritten entschlossen. Er beruft Michi von der Piratenpartei (Mathematikabschluss) zum Finanzminister.

Susanne Stiefel

 

... aus Wolfgang Schuster?


Wolfgang Schuster. Foto: Martin StorzNa klar, der neue alte Oberbürgermeister. Sie müssen ihn nur rufen und sagen: Nur du, Wolfi, du kannst es. Nur du kannst uns aus dem Jammertal führen, zurück in eine Stadt, die lange uns gehörte. In der wir regierten nach Herzenslust, ungestört unseren Geschäften nachgingen, Straßen und Plätze nach den Unseren benannten und das Wunder vollbrachten, einen ganzen Bahnhof unter die Erde zu legen. Gebenedeit unter den Männern seist du, heiliger Wolfgang. Er wird den Ruf in seinem Herzen bewegen und sein wohltätiges Weib fragen, ob sie die Last noch einmal tragen sollen.

Über Weihnachten haben sie das nackte Kind in der Krippe betrachtet, Paul Schobel in Kontext (Wickelkinder machen harte Männer weich) gelesen und zum Fest der Nächstenliebe aufgerufen. Wir müssten uns denjenigen zuwenden, sprach der Weihnachtsschuster, die arm, einsam und arbeitslos und am Rande der Gesellschaft sind. Dem Ägypter in Kairo und dem Inder in Mumbai, den Partnerstädten Stuttgarts, zum Beispiel. Ihnen zu helfen in ihrem erschütternden Elend sei das Gebot christlicher Nächstenliebe, sprach der weiche Wolfgang weiter. Deshalb könne er den Ruf, seinen Bürgern noch einmal voranzustehen, leider nicht erhören. Stattdessen werde er die "Schwäbische Tafel" an der Hauptstätter Straße führen. Sein Stellvertreter Michael Föll habe auch schon zugesagt. Als Buchhalter und Buße für die Sünden bei Wolff & Müller und bei den Eiskunstläuferinnen auf der Waldau.

Josef-Otto Freudenreich

 


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1 Kommentar verfügbar

  • peterwmeisel
    am 10.01.2012
    JA - to be or not to be? Was wird, frage ich mich auch. Es ist immer der richtige Augenblick, die günstige Stunde: kairos (gr.)! Die angesprochenen Themen sind tatsächlich zu wichtig, als sie den Politikern, Ministern (unseren Dienern) zu überlassen.
    Obwohl Lesen dumm macht, weil ich geneigt bin, gute Argumente zu übernehmen, lese ich erst Recht, wenn ich nicht selbst weiter komme. Das bringt mir neue Informationen oder bestätigt wenigstens meine Vorurteile.
    Zu 1) dem Kapitalismus habe ich eine sehr gute Anregung gefunden. "Die Optimierungsfalle" von Julian Nida-Rümelin. Hier fand ich neben den mir bekannten ökonomischen Theorien zum Makroökonomischen Gleichgewicht: Wachstum-Vollbeschäftigung-Preistabilität meines Studiums, die Betonung des Menschen. Es wird zusätzlich eine Ethik und eine Praktische Vernunft diskutiert. Das haben wir vernachlässigt! Hans Küng "Ist die Kirche noch zu retten" und Emmanuel Kant lassen grüßen.
    Zu 2) Diesen Trostpreis dem Volk vorzusetzen ist die Beleidigung des Amtes und des Volkes! Der Bundespräsident steht über den geteilten Staats-Gewalten um das Volk zu schützen. Hier wurde aber einer von der CDU ausgeklüngelt, der als "Berufspolitker" von der Partei abhängt. Wie sich zeigt, "Tanzt die Partei mit dem Wulff". Er denkt an sich und will seine "Dienst"-Jahre aussitzen, wie so manche Existenzen dieses Berufs? Wir, das Volk, haben ein echtes Problem. Er hat wohl noch als Ministerpräsident in NRW bei dem Atommüll-Skandal in der maroden Deponie Asse bei Wolfenbüttel, noch 2008 die Gefahr als Ablagerung von "Krankenhausabfällen" verharmlost?
    Zu 3) Es ist die ungenügende Qualität, mit der die Parteien uns Lösungen versprechen ohne zu wissen was sie tun. Die strukturelle Korruption, die Politik als Geschäft, müssen wir zum schwäbischen Nationalfeiertag, spätestens am 30. September 2013, abgewählt haben. Wenn Politik nicht über ihren Tellerand blicken kann, müssen wir ihnen eben den Teller wegnehmen. Wir sehen das Unvermögen auch beim Umgang mit Geld. Wollt Ihr "Stahlgewitter" mit Bildung, die auf einen Bierdeckel passt und den Märkel statt Euro?

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