KONTEXT:Wochenzeitung
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Verkehrte Welt

Verkehrte Welt
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Im Alltag und in der Literatur finden sich tradierte Lebens- und Denkmuster, die vielen kaum noch bewusst sind. Dabei haben sie eine zeitaktuelle Bedeutung. Vor allem vermitteln sie strukturiertes Denken – eine Kompetenz, die in der Bildung wie im Beruf besonders wichtig ist. Die Kontext:Wochenzeitung putzt diese Denkmuster wieder blank, in einer fortlaufenden Erzählung. In dieser Ausgabe geht es um das Motiv der verkehrten, pevertierten Welt – früher wie heute.

Nachdenken über die Welt: wenn das Bild der Realität ver-rückt ...
In San Gimignano mussten inzwischen sämtliche Wege, Piazzen, Palazzi, Kirchen, Museen und Eisdielen von der internationalen Touristentruppe besetzt worden sein. Denn immer mehr Menschen in kurzhosigen oder ärmellosen Freizeituniformen waren hinauf zu den Rocca getürmt, suchten über der toscanischen Turm-Stadt frische Höhenluft und Weitblick.

Der belebte Ort mit Aussicht war bestens geeignet für die Frage, die Wolf nun in die Romantik-Runde warf: Wie soll man in der Welt leben?

Eine existenzielle Frage, zeitlos und gleichzeitig immer zeitaktuell. Walther von der Vogelweide stellt sie in der ersten Strophe seines berühmten "Reichstons": auf dem Stein sitzend, ein Bein übers andere geschlagen, darauf den Ellenbogen gestützt, das Kinn und eine Wange in die Hand geschmiegt – in der Rolle dessen, der beansprucht, Wahrheit zu sehen und sie auszusprechen.

Ich saß auf einem Stein / und hatte ein Bein über das andere geschlagen. / Darauf hatte ich den Ellenbogen gestützt / und hatte das Kinn und eine Wange / in meine Hand geschmiegt. / Da dachte ich angestrengt darüber nach, / wie man in der Welt leben solle. / Keinen Rat wusste ich zu geben, / wie man drei Dinge erwürbe, / ohne dass eines von ihnen zu Grund ginge. / Zwei von ihnen sind Ehre und Besitz, / die oft einander schaden. / Das dritte ist die Gnade Gottes. / die beiden weit überstrahlend. / Die wollte ich gerne in einen Schrein bringen: / Aber wahrhaftig, das kann leider nicht sein, / dass Besitz und Ehre in der Welt / und dazu noch Gottes Gnade/zusammen in einem Herz kommen: / Wege und Stege sind ihnen versperrt, / Treulosigkeit liegt im Hinterhalt, / Gewalt beherrscht die Straße, / Friede und Recht sind schwer verwundet. / Alle drei haben kein sicheres Geleit, / wenn nicht die zwei vorher geheilt werden.

Risse und Brüche in der Ordnung.Wechselseitigkeit zwischen Ich und Du, gleichzeitig als Wir auch bezogen auf Gott – das bestimmt die Ordnung, die Lehre, die Walther in seinen mittelalterlichen Minneliedern zum Ausdruck gebracht hatte. Das Miteinander ist darin ein bestimmendes Moment. Für Walther gilt diese Ordnung aber nicht nur im intimen Zwischenmenschlichen, sondern auch im öffentlichen Zusammenleben, in der Gesellschaft mit ihren beiden Kernbereichen: "imperium" und "sacerdotium", weltliche und kirchliche Macht.

Dass der Mensch ein soziales Individuum ist, hat Walther beileibe nicht erfunden. Solches Denkens ist seiner damaligen Zeit vertraut: Der Mensch wird begriffen als ein Wesen, das nicht auf sich selbst zurückgeworfen ist, sondern mit-menschlich ist, seinem Sein, seiner Natur, seinem Wesen entsprechend. Aristoteles war's, der darauf hingewiesen hat, dass der Mensch ein nach Gemeinschaft strebendes Wesen ist, "anthropos physei politikon zoon". Der Mensch ist von Natur aus politisch, politisch im weiten Sinn, bezogen auf die Polis, das Gemeinwesen, den und die anderen. Diese Definition von Aristoteles ist Tradition geworden, bekannt bis heute. Und bekannt auch im Mittelalter.

Wie aber sieht die reale Welt aus, in der Walther diese Ordnung denkt? Sie ist aus allen Fugen, wie die erste Strophe des "Reichstons" zeigt: Auf der Straße herrscht Gewalt, Treulosigkeit liegt im Hinterhalt. Drei Dinge bräuchte der Mensch: "Ere", also Ansehen, ein immaterielles Gut, das Wechselseitigkeit beinhaltet, dazu "varendez guot", Besitz, materielles Gut – und "gotes hulde", Gottes Gnade. Wenn alle drei Dinge in einen Schrein zu bringen wären, also miteinander in Einklang stünden, dann wäre die dialogische Ordnung, horizontal wie vertikal, gewährleistet.

Die Betonung liegt auf "wäre". Von dieser Ordnung ist die Welt nämlich himmelweit entfernt. Es herrscht blankes Chaos: "fride und reht sint sere wunt" – Friede und Recht sind sehr verwundet. Friede ist ein Prozess zwischen Menschen und Gruppen von Menschen. Gelebtes Miteinander, Wechselseitigkeit. Recht regelt diesen Prozess. Das ist altes biblisches Denken, dem Mittelalter vertraut: "Der Frieden ist das Werk der Gerechtigkeit", Jesaja 31,17, "opus iustitiae pax".

Am Wiener Hof der Babenberger, in Anwesenheit hoher Herren trug Walther im Jahr 1198 diesen ersten Reichsspruch vor, die beiden anderen mutmaßlich später. Wie "verwundet" Friede und Recht damals waren, zeigt ein Blick ins Geschichtsbuch: Das Land war gespalten, zerrissen im Streit zwischen Staufern und Welfen, kopflos. Am 28. September 1197 war der Stauferkaiser Heinrich VI., Sohn des berühmten Friedrich Barbarossa, mit 32 Jahren gestorben.

Eine friedlose, zerrissene Welt

Damit war ein gefährliches Machtvakuum entstanden. Heinrichs Sohn und Erbe Friedrich war noch ein Kind, erst drei Jahre alt, zum deutschen König gewählt, aber noch nicht gekrönt. Mit der Thronvakanz entbrannte der alte Streit um die Führungsrolle aufs Neue. Statt zusammenzuhalten, um den Zerfall des Reiches zu verhindern, kochten die deutschen Territorialherren ihr eigenes Süppchen. Der Kampf um die Krone tobte: Die Welfen erhoben in Koalition mit England ihren Anspruch auf die Herrschaft, die Staufer verbündeten sich mit Frankreich. Fatales Fazit war die Doppelwahl von 1198: Von den Welfen wurde Otto von Braunschweig, Neffe von Richard Löwenherz, zum König gewählt, die Staufer kürten dagegen Philipp von Schwaben, den jüngeren Bruder Heinrichs VI. Bürgerkrieg in Deutschland.

Und das Papsttum mischte eifrig mit. Nur murrend hatte es sich zuvor der Übermacht der Kaiser gefügt – und auf günstige Zeiten gehofft. Die waren jetzt da. Papst Innozenz III. stellte sich an die Spitze des Aufstands, der in der Toskana und in Sizilien ausgebrochen war. Geschickt spielte er die eine Seite gegen die andere aus, heizte den Streit an. Sein schlichtes Ziel: das Kaisertum vernichten, die deutsche Macht aus Italien rauswerfen und sich selbst zum Oberhaupt der italienischen Staaten machen.

Bürgerkrieg, zwei Könige, rivalisierende Fürsten auf dem machtbesessenen Egotrip, Kampf im Innern und an den Grenzen, päpstliche Machtspiele. Mit dem Kaiser sind Friede und Recht gestorben. Faustrecht tritt an die Stelle der Reichsgerichtsbarkeit. Chronisten berichten von Raub, Plünderung, Verheerung, Landsverwüstung, Brandstiftung, Aufruhr. Nicht nur die hohen Herren waren betroffen, jeder.

Eine friedlose, heillose Welt, zerrissen, ver-rückt. In diese konkrete Situation hinein redet Walther mal wieder Klartext – höchst modern: "Treulosigkeit liegt im Hinterhalt, Gewalt beherrscht die Straße, Friede und Recht sind verwundet", das ist völlig gegen die Ordnung, das ist para-dox, der Lehre, der Doxa, widersprechend. Statt graduell gestufter Wechselseitigkeit, zwischen den Menschen und zwischen ihnen und Gott, herrscht blanker Dualismus.

Gefahr für die Ordnung

Doch bei der traurig-melancholischen Bestandsaufnahme belässt es dieser Walther nicht. Larmoyanz ist nicht seine Sache. In dieser ersten Strophe hat er im Konkreten aufgezeigt, dass und warum das Allgemeine, die Idee, die Ordnung akut gefährdet, fast schon zerstört ist. Er hat aber auch dargelegt, wie die Idee – wieder – Wirklichkeit werden kann und muss. Wenn Friede wieder hergestellt wird. Jetzt folgt die konkrete Handlungsanweisung, die Therapie:

Ich hörte einen Fluss rauschen / und sah die Fische schwimmen; / ich sah alles, was es auf der Welt gab, / Feld, Wald, Laub, Röhricht und Gras. / Alles, was kriecht und fliegt / und die Beine auf die Erde setzt, / das sah ich und sage Euch Folgendes: / Keines von ihnen lebt ohne Feindschaft. / Die wilden Tiere und die Kriechtiere, / die fechten heftige Kämpfe aus; / ebenso machen es die Vögel untereinander, / nur in einem sind sie gleichgesinnt: / denn anders wären sie verloren / sie sorgen für eine kluge Rechtssprechung, / sie setzen Könige und eine Rechtsordnung ein / und bestimmen, wer Herren und Knechte sind. / Doch wehe dir, deutsches Volk, / wie steht es mit deiner Ordnung? / Dass nun sogar die Mücke ihren König hat, / und dass deine Ehre so zuschanden wird! / Kehre um, kehre um, / die Fürsten in deiner Umgebung sind zu mächtig, / und die kleinen Könige bedrängen dich. / Philipp, setze den Waisen auf / Und befiehl ihnen zurückzutreten.

In der ersten Strophe stand die bittere Diagnose in der vorletzten reimlosen Zeile, der Waisenzeile: Ehre, Besitz und Gottes Gnade, die drei Dinge, die das (Zusammen-)Leben in der Welt bestimmen und Ordnung bedeuten, haben kein sicheres Geleit. Wie kann und muss sich das ändern? Die Therapie und Handlungsanweisung formuliert Walther – inhalts- und formbewusst – in der zweiten Strophe an selber Stelle, wieder in der Waisenzeile: "Philippe setze en weisen ûf" – Philipp, setze den Waisen auf.

Der "weise" ist der Leitstein der Reichskrone, ein Japsis, von dem die Sage erzählte, dass Herzog Ernst ihn auf einer Kreuzfahrt gewonnen und dem Kaiser geschenkt habe. Walthers Aufruf lautet also unmissverständlich: Philipp soll sich krönen lassen. Und gekrönt werden. Nicht Otto.

Allein dem Träger des "weisen" ist es aufgegeben, die gottgegebene Friedensordnung wiederherzustellen. Frieden und Recht sind die entscheidenden Begriffe bei der Krönung des Kaisers. Gott, so heißt es in der Ansprache vor dem Krönungseid, fordert viel von dir, vor allem, "Gerechtigkeit zu üben gegen jedermann" – dadurch Frieden. Auf all das verweist Walther an dieser Stelle, all das ist seinen Zuhörern präsent. In der konkreten Person Philipp sieht Walther die Idee eines Friedens durch Gerechtigkeit verkörpert. Die anderen, die "kleinen Könige" und auch die Territorialfürsten, die mit dem "circel", dem Kronreifen auf dem Kopf, Parteigänger des Widersachers Otto, sie sollen hinter Philipp treten. Das heißt, sie sollen sich ein-ordnen.

Friede ist Ordnung

Es ist ein agitatorischer Aufruf. Walther nimmt parteilich Stellung, für Philipp und gegen Otto, er mischt sich ein in die aktuelle Politik. Grundlage seiner politischen Agitation ist sein Ordnungs-Denken. Ein tradiertes Denken. Frieden ist Ordnung, das weiß das erlauchte Publikum nur zu gut, denn diese Definition ist vom allseits bekannten Kirchenvater Augustinus hergeleitet: "Pax, id est ordo". Eine Ordnung, in der jeder den ihm zukommenden Platz einnimmt und darin sich fügt.

Mit dieser – gestuften – Ordnung argumentiert Walther konsequent. Und sehr provokativ. In der Rolle des weisen Autors hat er in der ersten Strophe darüber nachgedacht, wie man in der Welt leben soll. Jetzt hört und sieht er die Natur, den rauschenden Fluss, die schwimmenden Fische, alles, was es auf der Welt gibt, Feld, Wald, Laub, Röhricht und Gras, alles, was grün und blüht, rennt und schwimmt, kreucht und fleucht. Er hört und sieht Ordnung, nimmt sie wahr. In dieser Natur-Welt, animalisch und vegetativ, ist alles wohlgeordnet. Auch die Tiere, so macht das sprechende Ich deutlich, leben nicht ohne "haz", auch in der Tier-Welt gibt es Streit und Kampf. Doch anders als die Menschen-Welt in dieser chaotischen Zeit des Thronstreits halten die Tiere an der Ordnung fest: "Si kiesent künege unde reht", sie setzen Könige und eine Rechtsordnung ein – sodass immer neu Frieden geschaffen wird.

Was Walther dann sagt, ach was, seinen mächtigen Zuhörern "deutscher zunge" um die Ohren haut, könnte brisanter nicht sein. Selbst die Mücke, dieses winzige Geschöpf, ist friedensfähig – im Gegensatz zum Menschen, dem "animal rationale", dem Verstand und Vernunft gegeben ist und daher innerhalb der Ordo, der Schöpfungsordnung, ein höherer Rang zugewiesen ist. Klipp und klar sagt Walther damit: Was hier in der Menschen-Welt vor sich geht, das ist pervers. Die blanke perversio, verkehrte Welt!

Die Natur als Vorbild für den Menschen.Und diese Verkehrtheit wird dem politischen Publikum drastisch vor Augen gehalten. Im buchstäblichen Sinne. Jeder Zuhörer weiß um die gestufte göttliche Ordnung, hat sie im Kopf – so, wie sie sein soll: Gott ganz oben, dann die Engel, unter ihnen der Mensch – dann erst die Natur. Das sind die verschiedenen Seins-Stufen, hingeordnet zu Gott, dem Schöpfer. Verbunden durch die "analogia entis", die Analogie des Seins. Daher spricht nicht nur der Mensch von Gott und wird von ihm gelobt, sondern selbst die kleinste "mugge". Verschiedenheit in der Einheit.

Und wie sieht im Hier und Jetzt, im Jahre 1198, die krasse Realität in der Menschen-Welt aus? Die Natur steht über dem Menschen, in ihrer Fähigkeit zum Frieden ist sie Vor-Bild für den Menschen, sie gibt ihm Anleitung zum Leben. Um's modern zu sagen: Der Mensch, unfähig zum Frieden, ist heillos denaturiert. Von da aus bekommt Walthers Aufruf so richtig Fahrt: "Bekêrâ dich", Volk deutscher Zunge, "bekêre!" Wende dich um, mach diese Perversion rückgängig, wende dich zum Staufer – und kröne Philipp!

Walther betreibt politische Agitation, keine Frage. Doch es ist mehr: In einer zerrissenen Zeit, in der Gott und die Welt in einem dualistisch-antithetischen Widerspruch stehen, mahnt er, auf den Grund des Seins zu schauen.

Doch was ist das Ende vom Lied? Philipp wurde gekrönt, aber auch Otto. Zwei Könige gab's. Der Streit im "imperium", zwischen Staufern und Welfen, ging weiter. Und das "sacerdotium", der Papst, mischte munter mit. Ihm widmet sich Walther in der dritten Strophe – mit derselben herzlichen Schonungslosigkeit.

Ich sah mit meinen Augen / der Männer und Frauen Heimlichkeiten / sodass ich alles hörte und erblickte, / was einer tat, was einer sprach. / In Rom hörte ich lügen / und wie man zwei Könige betrog. / Davon erhob sich der heftigste Kampf, / der jemals war oder je wieder sein wird, / als sich Geistliche und Laien / in zwei Parteien zu spalten begannen. / Das war eine Bedrängnis über allen anderen Bedrängnissen: / Leib und Seele lagen da tot. / Die Geistlichen kämpften heftig, / aber die Laien kamen in die Übermacht. / Da legten sie die Schwerter nieder / Und griffen wieder zu der Stola. / Sie bannten die, die sie zu bannen wünschten, / und nicht den, den sie hätten bannen müssen. / Da zerstörte man die Kirchen. / Ich hörte fern in einer Klause / Ein großes Wehklagen; / da weinte ein Klausner, / er klagte Gott sein Leid: / "O weh, der Papst ist zu jung; / hilf, Herr, Deiner Christenheit!"

Wolkenspiele ... Machtspiele.Das Sehen und Hören, Signalwörter für das Erkennen von Wahrheit, wird demonstrativ betont, gleich zwei Mal taucht es jetzt auf. Damit wird der Gestus des über Gott und die Welt nachdenkenden Weisen aus der ersten Strophe noch einmal präsent. Walther, dieses Schlitzohr, nutzt dieses Motiv gleich auch agitatorisch. Derjenige, der da spricht, sieht und hört nicht nur Äußerliches, sondern vor allem Hintergründiges. Er durch-schaut, was da in Rom passiert: da werde gelogen, und gleich beide Könige würden betrogen. Ein heftiger Streit wird vom Zaun gebrochen, zwischen Geistlichen und Laien. Ein Kampf entbrennt, in einer Heftigkeit, wie man's noch nie erlebt hat. Und die Pfaffen bannen jeden, der ihnen in ihrem Machtspiel in die Quere kommt. Und dann noch den Falschen. Nämlich Philipp und nicht Otto.

Bitterböse Grüße an den Papst. Obwohl ihn Walther erst am Ende des Spruches direkt nennt, ist jedem Zuhörer rasch klar, dass es gegen das "sacerdotium" geht. Diese dritte Strophe des Spruchlieds dürfte Walther im Jahr 1201 vorgetragen haben. Papst Innozenz III. hatte nämlich im Juli 1201 einen Kardinal-Legaten nach Köln geschickt und den Bann über den Staufer Philipp aussprechen lassen.

Der vom Papst angeheizte Konflikt ist so drastisch, dass Kirchen zerstört werden. Der letzte Zuhörer weiß, was der gewiefte und weise Agitator in dieser letzten Strophe zum Ausdruck bringt: Auch das "sacerdotium" ist pervertiert. In der Waisenzeile, wieder da, redet Walther Fraktur, er nennt Ross und Reiter: "O weh, der Papst ist zu jung", klagt der Klausner. Ein gewagter Vorwurf, denn immerhin war Innozenz III. zu dieser Zeit schon 39 Jahre alt, 15 Jahre älter als Philipp. Agitatorische Wahrheit.

Walther von der Vogelweide und Wolf Biermann

Wieder ruft Walther zur convertio, zur Umkehr auf. Es ist das Hauptthema dieses "Reichstons". Zu Beginn der ersten Strophe ist Trauer. Der weise, sehende Dichter sitzt auf dem Stein. Es ist die Trauer der Welt, die sich in dem Motiv ausdrückt, die Melancholie. Am Ende der dritten Strophe ist wieder Trauer. Ein Klausner weint und klagt Gott sein Leid. Doch es ist eine andere Art von Trauer. Der, der zu Beginn auf dem Stein sitzt, wendet sich nun zum Schluss durch den Klausner an Gott – in der "tristitia secundum Deum", in jener Trauer, aus der Hoffnung wächst, in Form eines Gebets: "Hilf, Herr, deiner Christenheit!"

Noch ist nicht alles zu spät. Noch ist Umkehr möglich, der Weg heraus aus dieser Perversion. Bei Walther ist es die Realität des Bürgerkriegs um 1200, des Kampfes zwischen den Mächtigen, der Gewalt auf der Straße, gegen die er sich auflehnt und wegen der er sich einmischt. Weil die Idee des Friedens nicht gelebt wird.

Jahrhunderte und historische Welten später singt ein anderer Agitator-Poet auch das Lied von der Umkehr – Wolf Biermann. Es ist anders. Und doch so ähnlich.

Wann ist denn endlich Frieden / In dieser irren Zeit, ... / Die Welt ist so zerrissen / und ist im Grund so klein, / Wir werden sterben müssen, / dann kann wohl Frieden sein. / Es blutet die Erde, / Es weinen die Völker, / Es hungern die Kinder, / Es droht großer Tod / Es sind nicht die Ketten, / Es sind nicht die Bomben, / Es ist ja der Mensch, / der den Menschen bedroht.

Verkehrte Welt: das ist die Signatur der Zeit, von Walthers Zeit. Aber auch anderer Zeiten, vorher und nachher. Die Trauer der Welt ist präsent, gerade in zerrissenen Zeiten, die man allzu gerne "Umbruchzeiten" nennt.

Wenn die Welt verkehrt ist, werden die Zeiten durcheinandergewirbelt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wie etwa im Bonmot des Schauspielers Donald Sutherland: "Das Leben sollte mit dem Tod beginnen, nicht andersherum. Zuerst gehst du ins Altersheim, wirst dort rausgeworfen, wenn du zu jung wirst, spielst danach ein paar Jahre Golf, kriegst eine goldene Uhr und beginnst zu arbeiten. Anschließend geht's auf die Uni. Du hast inzwischen genug Lebenserfahrung, um das Studentenleben so richtig zu genießen. Nach der Schule spielst du fünf, sechs Jahre, dümpelst neun Monate in einer Gebärmutter und beendest dein Leben als Orgasmus."

Stefan setzte ein breites Grinsen auf: "Das Letzte gefällt mir sehr gut. Ein Big Shot zum Schluss – so ließe sich die verkehrte Welt besser ertragen."

Doris fuchtelte derweil wild mit den Händen. "Es ist Wahnsinn. Was dieser Walther da sagt, passt doch voll doch zu unserer Zeit. Wir leben auch in einer pervertierten Welt, in der Werte ausgehöhlt sind. Was ist denn noch Ehre oder Würde: Geld und Macht haben? Nach Wechselseitigkeit oder gar Einheit kannst du lange suchen. Stattdessen gibt's starre Gegensätze, wohin du in Deutschland schaust: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Top-Manager und Banker geben sich noch höhere Millionen-Gehälter und fordern gleichzeitig von der Belegschaft, auf Lohn zu verzichten. Wer Arbeit hat, ist wiederum privilegiert gegenüber jedem Arbeitslosen. "

Doris holte tief Luft, doch Manuela unterbrach sie. "Bevor du jetzt eine mehrstündige Staatsrede hältst, lass uns das auf heute Abend verschieben und nach Siena fahren. Wir haben nur noch ein paar Stunden, bevor wir wieder heimfahren. Und Siena muss man richtig erleben und genießen."

Stefan nickte. "Noch mal richtig gut italienisch essen wäre auch nicht verkehrt."


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