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Des Professors Packesel

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Studentische Hilfskräfte, kurz Hiwis, sind der Idealtypus eines ausbeutbaren Arbeitnehmers: abhängig vom Chef, gewerkschaftlich nicht organisiert und ohne Lobby. Das nutzen die Hochschulen gnadenlos aus – auch im Fall der Stuttgarterin Gabriele Rickling.

Erst ausgenutzt, dann arbeitslos: Gabriele Rickling, ehemals studentische Hilfskraft. Foto: Martin Storz

Gabriele Rickling tat, was sie nicht durfte. Sie arbeitete mit einem Hiwi-Vertrag als Sekretärin an der Universität Stuttgart, erst am Institut für Raumfahrtechnik, dann bei der Gruppe Zerstörungsfreie Prüfung am Institut für Kunststofftechnik. Ein Job in der Verwaltung also. Aber eigentlich dürfen studentische Hilfskräfte nur in Forschung und Lehre eingesetzt werden. So will es der Gesetzgeber.

Sie machte trotzdem weiter, immer in der Hoffnung, dass aus dem Hiwi-Vertrag eines fernen Tages ein regulärer Arbeitsvertrag werden würde. Sie kennt die Arbeitswelt, hat ein halbes Berufsleben als Verwaltungsangestellte zugebracht, in Anwaltskanzleien, bei Versicherungen, im öffentlichen Dienst, und sie hat dann beschlossen, Philosophie und Geschichte zu studieren. 

So gesehen ist Frau Rickling eine ungewöhnliche Hilfskraft, aber eine, die mit den typischen Tücken des Hiwi-Daseins zu kämpfen hatte. Über 50 Jahre alt, wollte sie eine berufliche Perspektive – mit einem Vertrag für Verwaltungsangestellte. Das hätten ihr die Professoren immer wieder zugesagt. Dafür nahm sie Überstunden in Kauf, Arbeitszeiten, die ihr das Studium erschwerten. Ein Mitarbeiter des Instituts habe mal zu ihr gesagt: "Das läuft doch optimal, du machst die ganze Arbeit, und wir bezahlen nichts." Es war als Scherz gemeint.

Nach bestandener Magisterprüfung wartete sie auf einen anständigen Vertrag. Vergeblich. Der Professor habe sich tagelang nicht blicken lassen, die Mitarbeiter hätten sie regelrecht aus dem Institut vertrieben, erzählt sie. Rickling arbeitete noch ein paar Tage weiter, im Aufenthaltsraum für die Studierenden, schrieb Briefe an Professoren und Verwaltung – nichts zu machen. "Jetzt bin ich Kundin beim Jobcenter, das ist grauenvoll", berichtet Gabriele Rickling. 

Die meisten Hiwis wehren sich nicht

Sie fühlt sich um jene Zukunftsperspektive betrogen, die sie mit dem Studium aufbauen wollte. Sie hat gegen die Universität und gegen das Land geklagt, versucht, sich zu wehren, zuerst vor dem Arbeitsgericht und dann vor dem Landesarbeitsgericht. Das passiert selten. Die meisten Hiwis wehren sich selbst dann nicht gegen ihren Arbeitgeber, wenn sie allen Grund dazu hätten. Wahrscheinlich muss man dazu so alt werden wie sie.

Zum Termin vor dem Landesarbeitsgericht erscheint Gabriele Rickling viel zu früh, der Richter ist noch nicht da. Weinroter Pullover, schwarzer Rock, schwarze Stiefel, die Kleidung ist so akkurat wie ihr Kurzhaarschnitt. Einzig das Tuch, das sie sich um den Kopf gewunden hat, bricht die Strenge auf. Sie nimmt es ab, bevor die gegnerische Seite den Saal betritt. Dem Zufall will sie nichts überlassen, es geht um alles oder nichts, Arbeitsstelle oder Jobcenter, eine existenzielle Frage.

Die Klage scheitert, ein weiteres Mal. Der Richter will ihrer Argumentation nicht folgen. Es möge ja sein, dass der Professor ihr einen regulären Arbeitsvertrag in Aussicht gestellt habe – das aber dürfe er gar nicht, ganz simpel sei das. Und damit nichtig. "Der Fall ist juristisch ein Banalfall, für Studenten im ersten Semester Rechtsgeschäftslehre." Punkt, fertig, aus. Die juristischen Voraussetzungen für eine Einstellung als Verwaltungsangestellte nach der Prüfung jedenfalls seien nicht gegeben. Dafür gibt es noch einen Tipp für den weiteren Lebensweg: "Man darf im Leben dem Gegenüber nicht immer einfach so vertrauen." Vor allem nicht als Hiwi.

Vom ehemaligen Chef ist auch heute noch keine Aussage zu bekommen – auf eine Anfrage der Kontext-Wochenzeitung reagierte der Professor nicht. Stattdessen meldet sich Uni-Pressesprecher Hans-Herwig Geyer und teilt mit, man sehe "keinen Anlass, diesen Fall im Detail Revue passieren zu lassen". Der Richter habe letztinstanzlich entschieden und damit klargestellt, dass "keinerlei Grund zur Vermutung einer Inaussichtstellung eines Vertrages" gegeben sei.

Hiwis sind maximal ausbeutbare Arbeitnehmer

Viel Arbeit für wenig Geld heißt das Prinzip in Sachen Hiwi-Tätigkeit, die Jobs sind trotzdem begehrt. Weil der Professor vielleicht später mal der Doktorvater sein soll. Weil die Jobs den Widerspruch zwischen Erwerbszwang und Studium aufzuheben versprechen. Die studentischen Arbeitskräfte sollen sich durch ihre Arbeit im Wissenschaftsbereich qualifizieren. Indem sie beispielsweise als Tutoren arbeiten, Statistiken aufbereiten oder dem Professor einen Teil der Seminarvorbereitung abnehmen. Etwa 18 000 studentische Hilfskräfte ohne akademischen Abschluss und knapp 4000 wissenschaftliche Hilfskräfte mit Universitätsabschluss arbeiten an baden-württembergischen Hochschulen.

Für die wissenschaftliche Qualifikation durch Hilfsarbeiten, findet der Gesetzgeber, könne man auch finanzielle Nachteile in Kauf nehmen. Vom Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst sind die studentischen Arbeitnehmer ausgeschlossen, zuständiger Arbeitgeberverband ist die Tarifgemeinschaft deutscher Länder. Und die hat sich für das Hochschulprekariat eine ganz besondere Lohnklausel ausgedacht: Es gibt keine Mindestbezahlung, sondern einen Höchstsatz – im Zweifel gern zu unterbieten. In Baden-Württemberg liegt das finanzielle Maximum für Studierende ohne Studienabschluss bei 8,36 Euro und für Studierende mit einem ersten Studienabschluss wie dem Bachelor bei 9,33 Euro pro Stunde.

Margrit Paal, Personalrätin an der Tübinger Universität und Verdi-Beraterin, kennt das Elend der Hiwis. Unbezahlte Überstunden, befristete Verträge, die Abhängigkeit von den Professoren, vor allem dann, wenn eine akademische Karriere angestrebt wird. "Dem Chef zu sagen, ich hab nichts gegen dich, aber die Arbeitsbedingungen sind mies, das macht fast keiner", sagt sie. Zu groß ist die Abhängigkeit des akademischen Packesels – die Zukunftschancen will sich wegen ein paar Überstunden keiner verscherzen. Augen zu und durch heißt dann das Motto.

Rund 100 000 Studierende arbeiten insgesamt an deutschen Hochschulen. Es ist eine geschätzte Zahl, ganz genau weiß das wohl keiner, und mit der Jobbeschreibung sieht es ähnlich aus. Irgendwie eben Wissenschaft. Der Einsatz als Bibliotheksaufsicht, im Sekretariat oder im EDV-Bereich hingegen sind Verwaltungstätigkeiten und somit nach Tarifvertrag zu bezahlen. Eigentlich. Auch hier sind die studentischen Arbeiter gefragt, werden zum kostengünstigen Lückenbüßer für Stellen, die die Hochschulen anderweitig nicht besetzen können oder wollen. Zwar haben alle Hochschulen landesweit dem Wissenschaftsministerium mitgeteilt, dass sie keine Hilfskräfte in der Verwaltung beschäftigen würden. Das aber sei schlicht unwahr, sagt Margrit Paal, ohne studentische Hilfe würde auch in diesem Bereich der Unibetrieb nicht funktionieren. Ein "illegaler Einsatz" billiger Arbeitnehmer, kritisiert die Personalrätin.

Die meisten wissen nicht, was ihnen zusteht 

Dass sie eigentlich Tariflohn bekommen müssten, wissen die Verwaltungs-Hiwis meist nicht. Dabei hat sich sogar das Bundesarbeitsgericht schon auf die Seite des akademischen Proletariats geschlagen: 2005 entschieden die Richter, dass ein im EDV-Bereich beschäftigter Hiwi eben nicht in Lehre und Forschung eingesetzt worden sei und demzufolge Anspruch auf tarifliche Vergütung habe. Dass solche Urteile sich unter Hiwis nicht herumsprechen, liegt daran, dass sie mit ihren Problemen ziemlich alleine dastehen – ohne eine eigene Vertretung an den Hochschulen. Der Personalrat ist für die studentischen Hilfskräfte nur eingeschränkt zuständig – bei Einstellung, Abmahnung und Kündigung ausdrücklich nicht –, und gewerkschaftlich organisiert sind die wenigsten. Es fehlt an Anlaufstellen, Information und Beratung. 

Für die Hochschulen haben Hiwis handfeste Vorteile: vereinfachte Einstellungsverfahren, problemlose Kündigung, geringe Lohnkosten, keine Sozialbeiträge. Kurzfristig prima in Zeiten klammer Kassen.

Nun könnten sich die Hiwis dagegen wehren, aber sie tun es nicht, trotz großen Unmuts. Für Erik Marquardt vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs), dem Dachverband der deutschen Studierendenvertretungen, steckt ein strukturelles Problem dahinter: die Einsicht in die Notwendigkeit, sich zusammenzuschließen und der Niedriglohn. Bei der niedrigen Bezahlung sei es nicht besonders attraktiv, sich zu engagieren, meint er, die meisten "suchen sich lieber einen anderen Job". Also bleibt alles beim Alten.

Akademische Arbeitsbienen ohne Lobby

"Die Studierenden haben keine organisierte Lobby", sagt Marquardt. Er kann aber immerhin auf Berlin verweisen, wo es gelungen ist, einen Tarifvertrag und studentische Personalräte zu bekommen. Seit einem Tutorenstreik 1979 sind die Hiwi-Jobs in der Hauptstadt tariflich geregelt, die dortigen Studierenden sind mit 10,98 Euro pro Stunde die Spitzenverdiener beim akademischen Proletariat.

So schlecht der Stand der Dinge außerhalb Berlins aus gewerkschaftlicher Sicht auch ist, Hanna Binder, Verdi-Landesfachbereichsleiterin für Bildung, Wissenschaft und Forschung, würde einen Tarifvertrag für Hiwis in Baden-Württemberg zumindest "nicht für alle Zeiten ausschließen". Dafür aber müssten die Studierenden selbst aktiv werden und beitreten, sagt sie. Mit den Mitgliedsbeiträgen könnte die Gewerkschaft dann eine Interessenvertretung finanzieren. Bislang könne Verdi es sich schlicht nicht leisten, einen Hiwi-Schwerpunkt zu setzen. Dafür hat die Gewerkschaft in Baden-Württemberg das Projekt Fairspektive gestartet. Es soll wissenschaftliche Beschäftigte – und damit auch Hiwis – zuallererst einmal organisieren.

Ein klein wenig passiert ja schon. In Tübingen. Dort gingen die Hiwis auf die Barrikaden, als ihnen die Universität kurzerhand das Weihnachtsgeld strich. "Die Uni kann so etwas machen, weil wir nicht vertreten sind", ärgert sich Christin Rampitsch von der Tübinger Hiwi-Initiative, "und diese Willkür wollen wir bekämpfen". Nur sei das eben schwierig angesichts befristeter Arbeitsverhältnisse. Drei bis zwölf Monate liefen die meisten Verträge, theoretisch können Hiwis auch für nur einen Tag angestellt werden, erzählt sie, und dafür möge kaum einer kämpfen. Versuchen wollen es die Tübinger trotzdem, nach Berliner Vorbild. Einen Forderungskatalog haben sie schon mal ausgearbeitet und an das Land geschickt.

 


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