Ausgabe 81
Wirtschaft

Stuttgart 21 auf dem Grill

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 17.10.2012
Der Brandschutz könnte S 21 grillen. Wieder einmal wird deutlich, wie fahrlässig die Bahn mit der Sicherheit ihrer Kunden umgeht. Neu ist allerdings, dass sie sich das von eigenen Gutachtern bestätigen lassen muss. Der Tiefbahnhof könnte zum Berliner Flughafen werden.

Die Tage im Stuttgarter Hauptbahnhof sind jetzt schon ungemütlich. Wie soll das in Zukunft werden? Foto: Martin Storz Der Brandschutz könnte S 21 grillen. Wieder einmal wird deutlich, wie fahrlässig die Bahn mit der Sicherheit ihrer Kunden umgeht. Neu ist allerdings, dass sie sich das von eigenen Gutachtern bestätigen lassen muss. Der Tiefbahnhof könnte zum Berliner Flughafen werden.

Damit das klar ist: "Selbstrettung bedeutet immer Zivilcourage, die von jedem verlangt wird." So sagt es Klaus-Jürgen Bieger, der Brandschutzbeauftragte der Deutschen Bahn (DB), und so steht es im Schlichtungsprotokoll vom 20. November 2010. Weiter ist dort zu lesen, dass niemand darauf warten dürfe, bis die Feuerwehr kommt.

Das hat den Schlichter Heiner Geißler zu der Frage verleitet, wie es denn mit alten Menschen, Rollstuhlfahrern und Mütter mit Kindern aussehe? Ob bei den Fluchtwegen auch an sie gedacht worden sei? Selbstverständlich sei das geschehen, antwortet DB-Bieger, man habe schon sehr früh mit den Behindertenverbänden diskutiert und deshalb eine "viel breitere Breite" eingeplant. Ein Meter zwanzig, und dort könnten sich Rollstuhlfahrer und Rettungskräfte "begegnen". Außerdem gebe es "jede Menge Fläche", auf der die "Schnellen die Langsamen überholen können".

Zu den Langsameren gehört auch Alexander Drewes, der beim Fahrgastverband Pro Bahn für die Behinderten zuständig ist. Er fragt Bieger, ob er bei den Schnellen an den "Yuppie" denke, der kurz zu einem Meeting nach Frankfurt eile, oder ob ihm auch bewusst sei, wie die Bahn schon jetzt mit Behinderten umspringe. Er sitze erst einmal "dumm vor dem Aufzug" und müsse darum "bitten und betteln", von einem DB-Mitarbeiter nach oben gebracht zu werden. Auch das mag Bieger so nicht stehen lassen. Natürlich müsse den Rollstuhlfahrern geholfen werden, betont er, und beim Kinderwagen gebe es "ganz klare Festlegungen": Das Kind müsse herausgenommen und getragen werden.

Welche Tür öffnet sich wie und wann?

Man lernt – schon der Alltag bei der Bahn ist schwierig. Was aber ist im Brandfall? Auch darüber gibt das zwei Jahre alte Protokoll en detail Aufschluss.

Der Sachverhalt: Im Tunnel brennt ein ICE, die Röhre füllt sich mit Rauch, bis zu tausend Fahrgäste versuchen sich zu retten. Dafür gibt es alle 500 Meter einen Notausgang, dessen Tür sich automatisch öffnet, zu einem zwölf Meter langen Rettungsquerstollen, der in den gegenüberliegenden Tunnel führt. Vor diesem befindet sich ebenfalls eine Tür. Die Frage ist jetzt: welche Tür öffnet sich wie und wann? Darüber streiten sich Klaus-Jürgen Bieger, Schlichter Heiner Geißler und S-21-Gegner Gangolf Stocker. 

Stocker: Die Fahrgäste steigen aus und gehen in einen solchen Rettungsquerstollen hinein. Wenn hier die Tür aufgeht, ist die Tür zum gegenüberliegenden Rettungstunnel verschlossen.

Bieger: Stimmt nicht.

Geißler: Herr Stocker, von welcher Tür reden Sie?

Stocker: Die Menschen kommen aus dem Zug und retten sich in den Rettungsquerstollen. Diese Tür ist gerade aufgegangen. Die verriegelt dann automatisch die gegenüberliegende Tür. Wäre sie offen, würde sie den Rauch mit hineinziehen. Die Menschen wollen aber in den rauchfreien zweiten Tunnel.

Geißler ist ungehalten, Gönner ruft dazwischen, DB-Bieger nach der Wissenschaft

Geißler: Was für einen Sinn hat dann der Rettungsstollen?

Stocker: Das müssen Sie die Bahn fragen. Ich zeige nur auf, wie es geplant ist.

(Zwischenruf Tanja Gönner, Verkehrsministerin: Das gibt der Gesetzgeber vor.) 

Geißler: Kann man das mal abklären? Machen Sie das mal, Herr Bieger.

Bieger: Nichts ist von uns erfunden worden, sondern gemeinsam mit Experten und Feuerwehren entwickelt worden. 

Geißler: Sagen Sie doch mal, was da los ist.

Bieger: Es gibt keine verschlossenen Türen. Es ist ein ganz normaler Panikverschluss, wie bei jedem Notausgang in jedem anderen Gebäude auch. Das System sieht vor, dass beide Türen mit Panikverschluss in beide Richtungen aufgehen.

Stocker: Wenn die Leute reingehen und beide Türen öffnen, dann verraucht der zweite Tunnel. Dann können Sie Ihr Rettungskonzept einstampfen.

Bieger: Das ist tiefste Wissenschaft. Es gibt dafür Bemessungsbrände. Diese sind von hochrangigen Professoren mehrfach weiterentwickelt worden.

Stocker warnt vor Rauch, Geißler vor Panik, und DB-Bieger will ein Bild

Geißler: Das sagt gar nichts.

Bieger: Das heißt, der Rauch kommt dort nicht automatisch hinein.

Geißler: Aber unautomatisch.

Bieger: Heißrauch schichtet sich erst einmal oben, und irgendwann kommt er runter und wird kalt.

Geißler: Aber wenn der Rauch unten hineinkommt, dann geht die Tür zu, oder?

Bieger: Die Frage ist: Bleibt die auf? Wenn einer durch ist, geht sie wieder zu.

Stocker: Da gehen große Massen von Menschen in diese Rettungsquerstollen hinein, und dann ist diese Tür auf. Wenn auch die zweite Tür zum gleichen Zeitpunkt aufgehen würde, würde der Rauch mit diesen Menschen in den Rettungstunnel gelangen. Genau auf diesen Punkt hat mich die Brandschutzdirektion Stuttgart aufmerksam gemacht.

Geißler: Ich begreife das überhaupt nicht. Man kann doch Auskunft darüber geben auf die Frage: Was passiert, wenn Panik ausbricht und der Rauch kommt. Antworten Sie doch einmal darauf.

Bieger: Wir haben ein Bild dazu.

(Zwischenruf Gönner: Wir holen gerade ein Bild heraus.)

Geißler: Ich brauche dafür kein Bild.

Bieger: Doch, das Bild ist ganz wichtig. Sie sehen, dass es aufgrund der Tunnelhöhe sehr lange dauert, bis der Rauch herunterkommt. Die Leute sind bis zu diesem Zeitpunkt raus.

Geißler: Der Rauch tut offenbar das, was Sie wollen.

(Zwischenruf Gönner: Das ist Physik.)

Geißler: Es ist unglaublich. Sie retten Ihren Bahnhof doch nicht, indem Sie meine Fragen nicht richtig beantworten. Ich möchte wissen, was passiert, wenn der Fall eintritt, dass eine Panik ausbricht. Herr Bieger, sind beide Türen auf, bis alle durch sind?

Bieger: Das kann sein, muss aber nicht sein.

Geißler: Sie müssen auf jeden Fall ein Sicherheitskonzept für den Worst Case haben.

Kefer (Bahnvorstand): Versprochen. Diese Lösung finden wir.

Ingenieur Heydemann hat alles vor zwei Jahren gesagt

Der Stuttgarter Ingenieur Hans Heydemann (72) wundert sich über nichts mehr. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Brandschutz und Sicherheitstechnik, seit Jahren mit dem "bestgeplanten Bauprojekt" Europas. Er weiß, dass die Stuttgarter Feuerwehr und Brandschutzdirektion bereits 2002 gewarnt haben. Folgenlos. In seinem Gutachten für die Ingenieure 22 hat er schon alles bewertet – vor zwei Jahren. Darin ist festgehalten: Die Fluchtwege an den Bahnsteigen sind zu schmal und nicht barrierefrei, das Entkommen nach oben nur über Treppen möglich, die Flucht könnte in einer Rauchzone enden, die Lebensgefahr bedeutet, die angesetzte Evakuierungszeit mit maximal 21 Minuten ist viel zu lang und trotzdem nicht zu schaffen. Das ist damals zur Kenntnis genommen worden. Mehr nicht.

Scharfe Kritiker des Brandschutzes: Hans-Jörg Jäkel, Hans-Joachim Keim und Eisenhart von Loeper (von links). Foto: Martin StorzGeändert hat sich daran bis dato nichts, und dennoch ist alles anders. Seitdem es das Gutachten der Basler Gruner-Gruppe gibt. Dass ist nicht irgendeine Expertise, sondern eine Auftragsarbeit der DB-Projektbau GmbH, die kaum verheerender ausfallen konnte. Auch hier zu lange, zu enge Fluchtwege, auch hier der Verweis auf fehlende bzw. mangelhafte Konzepte zur Entrauchung von Halle und Tunnel. Auch hier die Kritik an den Evakuierungszeiten. Nach gängigen Sicherheitsstandards, schreiben die Schweizer, sei von zwei bis acht Minuten auszugehen. Im Katastrophenplan der Bahn seien es jedoch 23 Minuten, und auch die seien nur im günstigsten Fall erreichbar. Wenn der Zug nicht überfüllt ist, keine Alten, Kinder und Behinderte im Weg stehen.

Das Gruner-Gutachten erfordert im Grunde eine Neuplanung

Sollten ihnen die Flucht nach oben gelungen sein, erwartet sie eine Halle, in der sie Gefahr laufen, "mit Rauchgasen kontaminierter Luft" ausgesetzt zu werden. Fazit der Gruner-Studie: "Wir kommen zu dem Ergebnis, dass derzeit kein gesamthaftes, funktions- und genehmigungsfähiges Konzept für Brandschutz, Sicherheit und Entrauchung der Projektbestandteile vorliegt." Das erinnert irgendwie an den neuen Berliner Flughafen.

Wie aber breitere Fluchtwege, -treppenhäuser und -tunnel umsetzen? Die Gruner-Gutachter haben darauf eine so einfache wie schwierige Antwort: Die notwendigen "Maßnahmen" haben eine "erhebliche Auswirkung auf den architektonischen Entwurf des Bahnhofs". Das spricht im Grunde für eine Neuplanung, und die wiederum kostet viel Zeit und Geld, so sie denn überhaupt möglich ist.

Der international anerkannte Brandschutzexperte Hans-Joachim Keim hat dafür auch schon eine Größenordnung parat: Mehrkosten zwischen vier und sechs Milliarden Euro. Keim war der deutsche Gutachter nach der Tunnelkatastrophe in Kaprun, wo am 11. November 2000 in der Kitzsteinhorner Gletscherbahn 155 Menschen ums Leben kamen. Und Keim sagt, S 21 sei "schlimmer als Kaprun". Wenn es im Stuttgarter Tiefbahnhof brenne, hätten Alte, Behinderte und Kinder große Chancen, unten zu bleiben – "für immer im Krematorium".

Gelassen bleiben, besonders unten.Und plötzlich ist die Empörung groß. Heiner Geißler hält es für ""völlig inakzeptabel", wenn Rollstuhlfahrer und Mütter mit Kindern im Falle eines Brandes nicht ins Freie kommen. Und wundert sich über die "Entrüstung" der grün-roten Landesregierung, die "wusste, dass die bisherigen Brandschutzplanungen unzureichend sind". Ministerpräsident Winfried Kretschmann wiederum zeigt sich "außerordentlich irritiert" darüber, davon aus der Presse zu erfahren. Nur die Bahn bleibt gelassen. Bei dem Gruner-Gutachten handele es sich um einen "nicht diskussionsfähigen Arbeitsstand", lässt ein DB-Sprecher wissen.

 


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2 Kommentare verfügbar

  • peterwmeisel
    am 17.10.2012
    Heute Nacht hat der Kandidat (ohne Partei) und vermutlich ohne genügend Rückrad (Esslinger Zeitung 13/14 Okt. 2012: Merkel war nach Stuttgart gekommen, um den parteilosen OB-Kandidaten Sebastian Turner den Rücken zu stärken) an die Architekten Stuttgarts eine Botschaft geschrieben. Die Mutbürger, darunter viele Architekten haben es ihm gepfiffen und der "Mächtigsten Frau der Welt?" gezeigt, dass wenig Hoffnung besteht: "Mit Stuttgart zockt man nicht - Stuttgarts bester Kopf K21 - Mutti, nimm die Brezel mit, wir haben genug davon!"
    Und dann noch die mailing Aktion heute Nacht? Für wie doof hält er die Stuttgarter eigentlich. Gerade diesem Fachpublikum sind seit vielen Jahren die Planungsfehler von S21 zur Genüge so bekannt wie den aufrechten Bahn-Mitarbeitern. Meine Benotung für diesen Vor-Turner, in der Pflicht: ungenügend; Kür mangelhaft.
    Diese Benotung ist meine persönliche Meinung! Damit ich dem Anspruch seiner Finanzierer am Parteiengesetz vorbei, auch ihren Haftungshinweisen gerecht werde: "Die Übernahme und Nutzung der Daten zu anderen Zwecken bedarf der schriftlichen Zustimmung der Partei." Also doch Partei, aber auch sie übernehmen für ihn keinerlei Haftung?
    Eine Reaktion auf jene Nacht und Nebel Aktion erscheint mir nicht notwendig, denn er hat es mit der Vernunft der Stuttgarter und ihren Architekten zu tun. Ich freue mich auf das Grillfest.
  • Fragensteller
    am 17.10.2012
    Ich hätte mir gewünscht, dass Sie – statt sattsam Bekanntes wiederzukäuen – mal ein paar Fragen nachgegangen wären:
    Warum werden diese Erkenntnisse plötzlich so breit in der Öffentlichkeit aufgegriffen?
    Wer hat die Studie den Medien zugespielt?
    Wer profitiert von ihrer Veröffentlichung gerade zum jetzigen Zeitpunkt – nach dem ersten und kurz vor dem zweiten OB-Wahlgang in Stuttgart?
    Was wird passieren, wenn der Grüne Kuhn mit Glanz und Gloria ins Stuttgarter Rathaus eingezogen sein und der CDU im Land eine neuerliche Schlappe zugefügt haben wird?
    Ich erwarte von kritischem Journalismus, dass solche Hintergründe thematisiert werden – und keine Zusammenfassung der Tagespresse der vergangenen Tage, angereichert mit ein bisschen Schlichtungskonserve aus der Dose.

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