Ausgabe 61
Wirtschaft

Gute Bank, schlechte Bank

Von Prof. Dr. Bernd Nolte
Datum: 30.05.2012
Die Bankenrettung aus Steuermitteln hat zu einer gigantischen Vermögensvernichtung bei Otto Normalverbraucher geführt. 500 Milliarden Euro weniger haben die Bürger in der Tasche oder auf der hohen Kante, kritisiert Wirtschaftsexperte Prof. Dr. Bernd Nolte und erklärt, wie aus einer guten Bank eine schlechte wird.

Die Bankenrettung aus Steuermitteln hat zu einer gigantischen Vermögensvernichtung bei Otto Normalverbraucher geführt. 500 Milliarden Euro weniger haben die Bürger in der Tasche oder auf der hohen Kante, kritisiert  Wirtschaftsexperte Prof. Dr. Bernd Nolte und erklärt, wie aus einer guten Bank eine schlechte wurde. 

Im Februar 1995 verabschiedete sich der Banker Nick Leeson mit den Worten "Es tut mir leid" von seinem Arbeitsplatz. Er hatte in wenigen Monaten mit riskanten Finanzwetten unter den Augen seiner Vorgesetzten die renommierte Barings Bank mit einem Milliardenverlust in den Ruin getrieben. Dem französischen Banker Jérôme Kerviel gelang Vergleichbares ein Jahrzehnt später in der über hundert Jahre alten Société Générale mit Finanzwetten über 50 Milliarden Dollar und einem Verlust von fünf Milliarden im Jahr 2008. 2011 gelang Ähnliches einem Händler der Schweizer UBS in London mit riskanten Finanzwetten, und im Jahr 2012 sind derartig riskante Transaktionen bei den renommierten Banken Crédit Suisse und JP Morgan Chase für Milliardenverluste verantwortlich.

Dass Jamie Dimon, der Chef von JP Morgan, diese Verhaltensmuster und ihre verheerenden Folgen mit einem "Wenn wir einmal Dummheiten gemacht haben, dann heißt das noch nicht, dass andere dasselbe getan haben" kleinzureden versucht und die damit einhergehenden Folgen als "Sturm im Wasserglas" verharmlost, veranlassen den gesunden Menschenverstand zu zwei kritischen Fragen: 1. Warum wird eigentlich eine gute Bank (engl. Good Bank) zu einer schlechten Bank (Bad Bank)? Und 2.: Wie lässt sich das verhindern?

Die (Fehl-)Entwicklungen der letzten Jahre lassen folgende Schlüsse zu:

Eine Good Bank hat im Grunde drei Kernfunktionen:

  a) Sicherer und preisgünstiger Zahlungsverkehr.

  b) Sichere Verwaltung von Sparvermögen (Sie erinnern sich: der Ansatzpunkt für die Staatsgarantie – das sogenannte Merkel-Wort).

  c) Kredite für den Hausbau und die Unternehmensfinanzierung (Achtung: Einschränkung der Vermittlungsfunktion durch die Regulierungsfolgen der Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise).

Ausbeutungswirtschaft

Das Leitbild bzw. Motto "Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten!" verleitet die Marktteilnehmer und verantwortlichen Manager zu einer Übervorteilungs- und Ausbeutungswirtschaft. Als Folge des damit verbundenen Gewinnerzielungs- und Eigentümerinteressendrucks müssen gemeinwohlorientierte Solidarprojekte zurückstehen. Das widerspricht dem Satzungs- und Gründungsinteresse vieler Bankengruppen, wie zum Beispiel den Genossenschaftsbanken (F. W. Raiffeisen: "Unser oberster Generaldirektor ist Jesus Christus"). Auch dem der PSD- und Sparda-Banken als Selbsthilfeeinrichtungen der Post- und Telekom-Mitarbeiter oder in Not geratener Eisenbahner.

Infolge der damit einhergehenden Gewinn- und Ausschüttungsorientierung werden zunehmend kapitalmarktorientierte Aktivitäten zur Erweiterung des  Drei-Kernfunktionen-Geschäftsmodells einer Good Bank, die in erster Linie der Gesellschaft und ihrer Realwirtschaft dient. Erschreckender Indikator dieser Entwicklung ist eine Vervielfachung und Abkoppelung rein kapitalmarktorientierter Aktivitäten im Vergleich von den obigen realwirtschaftlichen Aktivitäten (siehe hierzu auch die inverse Liquiditätsentstehungs- und -verwendungspyramide unten).

Zu immer größeren Risiken "gezwungen"

Wer immer mehr verdienen muss, wird systematisch zur Eingehung größerer Risiken, die die Märkte bieten, "gezwungen". Die damit exponentiell steigenden Ertragsdruck-Risikoeingehungs-Anreize und die damit einhergehenden Gefährdungspotenziale für den zentralen Risikoträger der Banken – das Eigenkapital und die Reserven – zwingen die Aufsicht zu rigideren Vorschriften im Hinblick auf die Eigenkapitalbildung und Risikosteuerung. Und das ohne Zweifel zu Lasten der Kernfunktionen einer Good Bank.

Gerade die öffentlich-rechtlichen Landesbanken sind hierfür ein abschreckendes Paradebeispiel. Abweichend von ihrem historischen Auftrag zur Unterstützung der Sparkassen als Kofinanzier bei großen Unternehmensfinanzierungen stiegen viele von ihnen lieber ins internationale Finanzwettkasino ein. Vorne dran die WestLB, die HSH Nordbank, die BayernLB, die LBBW und die NordLB. Wie das lief: ganz einfach auf der Hoffnungsgerade ohne Rücksicht oder unter Verschleierung der Risiken mit Finanzwetten und dubiosen Wertpapieren die Chance auf satte Gewinne "erspielen" (die natürlich die gewinnabhängigen Boni der Verantwortlichen im Erfolgsfall in die Höhe schnellen lassen).

Vermögen der Bürger um 500 Milliarden Euro reduziert

Kommt es aber zu Verlusten wie in den Jahren 2008 und 2009 und reichen die internen Reserven dafür nicht mehr aus, werden die Ausfälle den Eigentümern in Rechnung gestellt – sprich den Ländern, den Kommunen und ihren Steuerbürgern. Auf diese Weise reduzierte sich das Bürgervermögen in Deutschland um über 500 Milliarden Euro. Verbrieft und ausgelagert in Schattenhaushalten auf wahren "Finanzschrottplätzen". Dort versuchen angeheuerte Spezialisten aus schwer verkäuflichen Staatsanleihen, dubiosen Kredite klammer Schuldner oder maroden Immobilien in Spanien und Rumänien rauszuholen, was rauszuholen ist. Und die Verluste aus ihren Geschäften trägt der Steuerzahler.

Doch nicht nur das: die öffentlich-rechtlichen Eigentümer müssen zudem weitere Milliarden für die mittlerweile notwendig gewordenen Eigenkapitalstärkungen ihrer um die maroden Geschäfte amputierten Landesbanken nachschießen. Und weitere Milliarden für neue, unüberschaubare Risiken, die noch kommen werden. Und nachträglich aufgedeckten Bilanzierungstricks zur Verschleierung ihrer faulen Kredite und Überbewertung ihrer Beteiligungen. Ein Fass ohne Boden.

Um Bürger und Gewerbe mit den gesellschaftlich notwendigen Bankfunktionen nachhaltig zu stärken, erscheint mir eine regulatorische Fixierung für das Gros der Bankenlandschaft auf die drei Kernfunktionen einer Good Bank unumgänglich. Nur so kann der Sozialisierungsdruck von weiteren Verlusten mit Geschäften aus der Welt der  Spekulanten vermieden werden. Eine weitere Alimentierung dieser Verluste durch Staatseingriffe und -schulden und den "Kauf" der zur Finanzierung emittierten Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank wird ansonsten folgende negative Auswirkungen haben:

– eine weitere Ausweitung der "real-unnützen" Geldmenge für Spekulanten und "Über-"Gewinnjäger und

– Preisblasen bei raren Naturwerten (wie Rohstoffen, Edelmetallen, Nahrungsmitteln und Grundstücken), finanziert mit dem "Über-Geld" der Spekulanten.

Zu schlechter Letzt wird all dies zu erheblicher Inflation – sprich Geldvermögensvernichtung – für alle Vermögen, große wie kleine, führen. In diesem Bad Szenario als Folge des Bad Bankings der letzten Jahrzehnte sind dann auch die "über"regulierten Good Banks (wie zum Beispiel Sparkassen, Sparda- und Genossenschaftsbanken) und die Einkommens- und Vermögenswerte ihrer Kunden, die gefährdeten Besteuerungsquellen einer Gesellschaft und die Daseinsvorsorge von Kommunen massiv gefährdet.

Und warum das alles: nur weil falsche Ertrags- und Ausschüttungsmotive und der damit verbundene "Über"gewinndruck im Bankensektor einen alle gefährdenden Teufelskreis befeuern. Das muss ein Ende haben.

 

 

Prof. Dr. Bernd Nolte (48) ist geschäftsführender Gesellschafter der vielfach ausgezeichneten Stuttgarter Beratungsfirma 4p Consulting. 50 Mitarbeiter betreuen dort 200 Kunden in zwölf Ländern, wobei der Schwerpunkt im (genossenschaftlichen) Bankbereich liegt. Nolte lehrt bei der Steinbeis-Stiftung sowie an den Universitäten von Berlin, Tokio und Ulan Bator. Als unabhängiger Unternehmer, betont der Wirtschaftsprofessor, leiste er sich die Freiheit, seine "Gosch" aufzumachen.


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1 Kommentar verfügbar

  • lemale
    am 07.06.2012
    Hoch interessanter Artikel. Aber die Grafik mit dem BIP habe ich nicht verstanden. Ein Manko von Kontext, dass Erläuterungen, Bildunterschriften und Namen damit entfallen. Schade!

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