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Rohstoff

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Viele große Rohstoff-Unternehmen gab es in Deutschland, bis das Geschäft nicht mehr lukrativ war und die Unternehmen sich umorientierten. Inzwischen sehen viele Mittelständler die wachsende Abhängigkeit von Importen mit Sorge. Ein kleines Unternehmen in Heidelberg nutzt diese Marktlücke geschickt für sich und will sogar in Deutschland Erdöl und seltene Metalle gewinnen.

Eigentlich wollten sie die Firma in Frankfurt gründen. Dort hatten sie bisher schon gearbeitet, von dort aus starten Flieger in alle Welt. Ein guter Ort, um im internationalen Rohstoffhandel mitzuspielen und eine lange Tradition wiederzubeleben - mit Rohstoffen, die in Deutschland gewonnen werden. Doch die Geschäftspartner aus den USA, aus Kanada und aus Australien hatten bei den Geschäftsterminen nicht nur das Geschäftliche auf dem Zettel. Sondern auch "Heidelbörg". Also blieben die Chefs der Deutschen Rohstoff-AG mit ihrem kleinen Unternehmen in einem schmucken Altbau nahe der Heidelberger Altstadt. Und auch sonst lief nicht alles nach Plan.

"Der Zeit voraus ..." endet dort die Firmenpräsentation. Das klingt ganz schön forsch für ein Startup - genauso forsch wie sein Name. Politik und Wirtschaft reden zwar seit einiger Zeit davon, dass sich deutsche Unternehmen dringend wieder im Bergbau engagieren müssen, neuerdings trommelt die Industrie für eine Gemeinschaftsinitiative. Den ersten Schritt haben aber Titus Gebel und Thomas Gutschlag gemacht, zwei Geschäftsmänner, die im vergangenen Jahr die Deutsche Rohstoff AG gegründet haben. In Australien betreibt ihr Unternehmen jetzt eine Goldmine. Für das Fördern von Öl, Gas und Hightech-Metallen in Deutschland, dem ursprünglichen Plan, und in Amerika steht die DRAG in den Startlöchern.

Thomas Gutschlag will sich mit Rohstoffen auf dem deutschen Markt etablieren. Fotos: Deutsche Rohstoff AGWährend den Konzernen ein Wiedereinstieg in den Bergbau bisher zu mühsam und teuer war, verfolgt das kleine Unternehmen im hart umkämpften Markt der Ressourcen ein ambitioniertes Ziel: Es will sich zu einem neuen deutschen Rohstoffproduzenten entwickeln. Der Name sei dabei keine Provokation, sagt der Finanzchef Thomas Gutschlag, der Name sei Programm: "Wir wollen uns im Rohstoffabbau bewähren und damit in die Fußstapfen ehemaliger Unternehmen wie der Preussag und der Metallgesellschaft treten."

Einst machten deutsche Konzerne mit dem Erkunden und Fördern von Bodenschätzen ein gutes Geschäft. Dann kam die Globalisierung, einige Länder konzentrierten sich auf das Produzieren von Ressourcen, andere auf das Verarbeiten zu Industriegütern. Die Rohstoffpreise waren niedrig, denn das Angebot überstieg die Nachfrage bei weitem. Bis in die frühen 1990er musste sich die deutsche Industrie um Rohstoffe keine Sorgen machen, die Unternehmen kauften sie billig auf dem Weltmarkt.

Wer ein Glas Milch trinken will, so hieß damals ein beliebter Spruch in der Wirtschaft, der braucht sich deshalb doch keine Kuh zu halten. Die Ressourcen schienen sicher zu sein, der Staat strich die Subventionen für den Abbau im Ausland. Als sich das Geschäft mit Rohstoffen nicht mehr lohnte, stießen Konzerne wie ThyssenKrupp ihre Minenbeteiligungen ab, die einstige Preussag und die frühere Metallgesellschaft bauten sich andere Geschäftsbereiche auf.

Heute gilt der Rückzug aus dem Rohstoffgeschäft als einer der größten Managementfehler der deutschen Industriegeschichte. Denn im weltweiten Wettrennen um Ressourcen ist die Konkurrenz mittlerweile enorm, die deutsche Industrie wäre heilfroh darüber, die ein oder andere Mine zu besitzen. Schließlich ist Deutschland bei Metallrohstoffen zu hundert Prozent auf Importe angewiesen. Auch der Erdölbedarf wird fast vollständig mit Importen gedeckt.

Der Wirtschaftsboom der Schwellenländer aber hat die Preise in die Höhe getrieben, wenige Rohstoffkonzerne beherrschen den Markt, und das ressourcenreiche China schottet seine begehrten Hightech-Metalle immer stärker ab - anstatt sie wie früher ans Ausland zu verramschen. Nun herrscht in der deutschen Industrie Unruhe. Denn auch wenn die Nachfrage wegen der anhaltenden Wirtschafts- und Finanzkrise bei einigen Industrierohstoffen derzeit sinkt: Auf Dauer wird der weltweite Bedarf weiter wachsen.

Gutschlag und Gebel sahen es genau so, als sie vor fünf Jahren die DRAG gründeten. Die Idee dazu entstand aus dem gemeinsamen Vorbereiten des Börsengangs einer kanadischen Rohstoff-Gesellschaft. Gebel arbeitete dort als Vorstandschef, Gutschlag war Berater der Deutschen Börse. Als der Plan für den Sprung aufs Parkett jedoch platzte, beschlossen sie selbst etwas auf die Beine zu stellen. Rohstoffe waren damals in Deutschland noch kein heißes Thema, doch die beiden Manager witterten ihre Chance. "Der Bereich reizte uns nicht nur wegen unserer Erfahrungen", sagt Gutschlag. "Vor allem hielten wir ihn für eine zukunftsfähige Branche, die über Jahre hinweg boomen wird."

Die Gründer investierten eine Million Euro Eigenkapital und sammelten kleine Summen im Bekanntenkreis ein. Um als Zwei-Mann-Mini auf dem Markt der Multis überhaupt Fuß fassen zu können, schlugen sie einen vorsichtigen Kurs ein: Das Unternehmen konzentriert sich auf Rohstofflager, die bereits erkundet worden sind. Dabei ging der Blick zunächst vor die Haustür. Forscher der Uni Halle wühlten sich im Auftrag der DRAG durch Archive, Beratungsunternehmen analysierten Potenziale. Das Ergebnis dieser Recherchen: Deutschland verfügt über mehr als 300 still gelegte Bergbaustätten mit Restreserven. Die interessantesten davon befinden sich im Osten, dort schlummern Bodenschätze wie Zinn und Kupfer, in Süddeutschland liegen nicht ausgeschöpfte Öl- und Gasfelder.

Solche Bohrkerne haben die Rohstoff-Experten auf verwertbare Metalle untersucht.Für das Wiedererschließen der alten Lagerstätten warb die DRAG erfahrene Spezialisten an: Frühere Preussag-Experten, Mitarbeiter der einstigen Metallgesellschaft, ehemalige DDR-Geologen. So gruben die Heidelberger wertvolles Wissen aus. Etwa dass ein sächsisches Zinnlager zudem Indium enthält, ein wichtiger Rohstoff für Solarmodule. Zu DDR-Zeiten existierten die entsprechenden Technologien noch nicht, Gehalt und Menge des Spezialmaterials blieben daher unbestimmt.

Jetzt lässt die DRAG alte Bohrkerne aus Sachsen auf Hightech-Metalle untersuchen. Für Rohstoffkonzerne wäre das uninteressanter Kleinkram, für das junge Heidelberger Unternehmen gehört die überschaubare Größe eines Projektes zur Strategie. "Wir müssen es finanzieren und in absehbarer Zeit in Produktion bringen können", erklärt Gutschlag den Ansatz.

Aussichtsreiche Vorhaben lagern die Chefs in Tochterunternehmen aus. Jüngster Ableger ist eine Firma, die sich um den Abbau von Spezialmetallen, die so genannten seltenen Erden, in einer still gelegten DDR-Lagerstätte kümmern soll. Und die DRAG trennt sich auch wieder von Neugründungen, um mit den Einnahmen das nächstgrößere Projekt zu stemmen. "Anstatt gleich ganz hoch zu springen, verfolgen wir eine Stufenstrategie", sagt Gutschlag. So verkauften die Heidelberger drei Viertel ihrer Anteile an der Öl- und Gas-Tochter Rhein Petroleum an die niederländische Gesellschaft Tulip Oil.

Den Erlös aus dem Verkauf investierte die DRAG unter anderem in den USA, wo sie mit neuen Technologien alte Öl- und Gasfelder in Nordamerika reaktivieren und weitere Lager aufspüren will. Auch das Wiederbeleben einer Wolfram-Mine in Australien treiben Gutschlag und Gebel derzeit voran. Die Produktion ist bereits angelaufen, erste Verkäufe stehen laut DRAG unmittelbar bevor. Vor allem für den Maschinenbau ist Wolfram wichtig, in Europa zählt das fast ausschließlich von China produzierte Metall zu den als kritisch geltenden Industrierohstoffen.

Hubertus Bardt, ein Rohstoffexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) findet den Ansatz der DRAG spannend. "Ein kleines Unternehmen versucht das Besondere, indem es sagt: Hier ist eine Lücke, die man schließen kann." Denn sofern sich Rohstoff-Unternehmen auf bereits erkundete Gebiete konzentrieren, sagt Bardt, sei Bergbau kein Hexenwerk. Allerdings rät er dazu, sich wie die DRAG auch im Ausland zu engagieren: "Den großen Wurf kriegt man in Deutschland nicht hin, viele Ressourcen sind klein und die Projekte daher sehr aufwändig."

Diese Maschine verrichtet für die Goldmine in Goergetown in Australien ihren Dienst.Auf mehr als zehn Milliarden Euro schätzt die DRAG den aktuellen Wert ihrer Beteiligungen, allein die 180.000 Tonnen Zinn, die in Sachsen gewonnen werden sollen, würden derzeit mehrere Milliarden Euro einbringen. Für das Gesamtjahr 2011 erwartet die DRAG einen Nettogewinn von mindestens zehn Millionen Euro. In seinem ersten Halbjahresbericht meldete das Unternehmen einen Gewinn von 7,8 Millionen Euro. Vor allem eine Goldmine in Australien spülte schnell Geld in die Kasse.

Investoren sahen das gern - auch wenn sie sich wegen der Angst vor der Rohstoffklemme ohnehin von Anfang an für den Kleinakteur aus Heidelberg interessiert hatten. 2010 erhöhte die DRAG gleich vier Mal das Kapital und sammelte dabei rund sieben Millionen Euro ein. Im gleichen Jahr startete das Unternehmen an der Börse, Gutschlag und Gebel halten ein Viertel der Aktien, mit knapp acht Prozent der Anteile ist der Chemiekonzern BASF an Bord.

Mit der BASF-Tochter Wintershall haben die Heidelberger süddeutsche Ölfelder erkundet, der weltgrößte Rohstoffhändler Glencore kooperiert bei einem Erz-Projekt der DRAG in Kanada. Gutschlag wertet die Zusammenarbeit als Glaubensbeweis: "Dass wir Großkonzerne als Partner gewonnen haben, zeigt: Wir sind keine Eintagsfliegen, sondern wir haben solide Projekte." Zwei Dutzend Mitarbeiter und diverse Dienstleister kümmern sich umd iese Projekte, später wird das DRAG-Team vor allem im Ausland wachsen.

Die Bundesregierung bemüht sich derzeit um eine Rohstoffallianz mit Kasachstan, der zentralasiatische Staat verfügt über nahezu alle wichtigen Industriemetalle sowie über große Mengen Öl und Gas. In Fragen der Menschenrechte steht das Land jedoch nach wie vor in der Kritik. Die DRAG hat sich den Eigenanspruch gesetzt, heikle Regionen auszuklammern. "Wegen Themen wie Korruption und Menschenrechten würden wir nie in Projekte in Ländern mit unsicherem Rechtssystem einsteigen", sagt Gutschlag. Seine Kooperation mit dem umstrittenen Rohstoffkonzern Glencore dagegen sieht er nicht als problematisch. Menschenrechts- und Umweltorganisationen werfen dem öffentlichkeitsscheuen Schweizer Unternehmen vor, Rohstoffvorkommen in Ländern wie Sambia oder dem Kongo rücksichtslos auszubeuten.

Derzeit arbeitet die Rohstoff AG in mehreren Bereichen. Das Fördern von Öl soll zum bedeutendsten Geschäftsfeld wachsen. Die ehemalige Tochtergesellschaft Rhein Petroleum, an der die DRAG weiterhin beteiligt ist, lässt derzeit ein mehr als 650 Quadratkilometer großes Gebiet erkunden, das sich über Südhessen, Nordbaden und das bayerische Allgäu erstreckt. Mit neuen Technologien wollen die Experten das Potenzial einst still gelegter Ölfelder auswerten, aber auch neue Quellen analysieren. Noch in diesem Jahr soll die Produktion in Deutschland starten, die ersten Ölbohrungen in den USA stehen ebenfalls auf dem 2012-Programm der DRAG.

Die nahen Ziele sind also ehrgeizig. Und wo steht die Deutsche Rohstoff AG in fünf Jahren? Bis dahin, sagt Gutschlag, soll aus dem Start-up ein Unternehmen geworden sein, "das durchaus eine Milliarde Euro wert sein kann." Doch trotz der Ambitionen und trotz des provokanten Namens: Als Antwort auf Deutschlands Rohstoffprobleme sehe sich das Unternehmen nicht. Eins aber wolle die DRAG zeigen: Dass sich mehr machen lässt, als nur zu jammern.


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