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"Ich habe eine Schwaben-Krise"

"Ich habe eine Schwaben-Krise"
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Peter Unfried und seine Frau – genannt "die Macht" – wollen Penelope, 13, und Adorno, 11, "zeitgemäß modern" erziehen. Also möglichst weit weg von den Schwaben. Der Grund: sie waren früher selber welche. Wie seine Kinder dann wunschgemäß zu Schwaben-Skeptikern werden, aber er leider plötzlich die Liebe zu seiner alten Heimat entdeckt, beschreibt er in seinem neuen Buch "Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen".

Peter Unfried und seine Frau – genannt "die Macht" – wollen Penelope, 13, und Adorno, 11, "zeitgemäß modern" erziehen. Also möglichst weit weg von den Schwaben. Der Grund: sie waren früher selber welche. Wie seine Kinder dann wunschgemäß zu Schwaben-Skeptikern werden, er aber leider plötzlich die Liebe zu seiner alten Heimat entdeckt, beschreibt er in seinem neuen Buch "Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen".

Weiß Gott, ich war der schärfste Kritiker des Landlebens. Vor allem, wenn es sich in Baden-Württemberg abspielte. Doppelt schlimm. Diese Enge, diese Leute, diese Sprache.

Wie ich immer zu sagen pflegte: "Ich habe meine Dosis gehabt, und es war eine Überdosis." Genau deshalb waren wir ja nach Berlin geflohen.

Berlin gut, Baden-Württemberg furchtbar, so einfach war das. 

Damals.

Weil ich mit Schwaben nichts mehr zu tun haben wollte, war es auch so ein Schock für mich, als die Macht eines Tages ins Wohnzimmer getreten war und gesagt hatte: "Wir fahren an Weihnachten nach Hause." 

Ich saß damals genauso auf demselben Stuhl wie jetzt, Blick zur der Wand, an der das Schallplattencover von Manfred Manns "Angel Station" hängt. Es lief eine Liveversion von Billy Joels "My Life." Ich weiß das so genau, weil das zu der Zeit immer lief. Ich habe so Phasen.

"Nach Hause?", stammelte ich. "Wie – nach 'Hause'?" 

Ich versuchte, das Wort möglichst abschätzig klingen zu lassen. 

"Unser Zuhause ist doch Berlin-Kreuzberg, ist Collegetown, California, ist die gelebte Kultur der Globalbürger."

"Papperlapapp", sagte die Macht. 

"Aber wir sind doch letztes Jahr erst gefahren", sagte ich. Wir hatten damals eine Regel: Ein Jahr fuhren wir nach Opaland, ein Jahr durften wir zu Hause bleiben.

Immer wenn wir fuhren, war die Macht glücklich. Bis sie da war. Dann fing sie an rumzunölen, dass sie es nicht mehr aushalte und wenn wir nur wieder abreisen würden. Immer wenn wir zu Hause blieben, war ich glücklich. Und zwar total. In dem besagten Jahr war keine Fahrt vorgesehen. 

"Was ist mit unserem Deal?" 

"Der Deal ist gekündigt", sagte die Macht. 

"Wie ... gekündigt?" 

"Gekündigt." 

"Minki muss nie nach Ravensburg."

Minki ist unser Nachbar und "Freund". 

"Seit wann ist Minki dein Vorbild?"

Seit ich in Not war. 

"Wir sind so selten in Opaland, da können wir wenigstens an Weihnachten anrücken."

Aha, sie wurde mal wieder von Schuldgefühlen gegenüber ihren Eltern gejagt. Ganz schön mühsam, so ein Frauenleben. Ständig unter Strom, um es seinen Alten und seinen Jungen recht zu machen. Und trotzdem permanent Schuldgefühle.

Ich sah ja auch ein, dass man ab und zu hin musste. Aber am Heiligen Abend legte der Metzgermeister – mein Schwiegervater – immer "Weihnachten mit den Kastelruther Spatzen" in den CD-Player.

"Kastelruther Spatzen", rief ich.

Mein Lieblingshorrorlied war "Die Straßenkinder von Bukarest" mit den leider unvergesslichen Zeilen:

"Und auch in der Heiligen Nacht / schlafen sie im U-Bahn-Schacht."

Lief meistens kurz vor der Bescherung. 

Also jedes zweite Jahr war das absolute Maximum. 

Das sei doch vollkommen nebensächlich, sagte die Macht. 

"Du kannst unseren Deal nicht einfach kündigen", rief ich.

Darauf rief die Macht die Kinder an den Tisch und fragte sie, ob sie an Weihnachten hierbleiben wollten oder lieber nach Opaland fahren, wo es viel mehr Geschenke geben würde und so weiter. Es war selbstverständlich eine mies abgekartete Sache. Ich hatte keine Chance. 

Das war ganz schlimm, ich litt wirklich sehr, wenn nicht mindestens 500 Kilometer Distanz zwischen den Schwaben und mir lagen. Umso seltsamer war, was dann mit mir passierte. 

Zum ersten Mal merkte ich, dass irgendetwas im Busch war, als Penelope zur Tür hereingepoltert kam und über die Schwaben herzog. Normalerweise geht sie sofort in ihr Zimmer, aber da kam sie full Speed zu mir an den Tisch gerast. "Oh, Mann, was für ein Tag", stöhnte sie.

Sie hatte ihr richtig leidendes Gesicht aufgesetzt. Offenbar war es ernst. "Was war denn so schlimm?"

"Schwaben", ächzte sie. 

"Wie – Schwaben?" 

"In der U-Bahn. Junge Schwaben. Alles voller Schwabenseckel." 

"Und?" 

"Die redeten Schwäbisch. Echt hart."

"Hm", brummte ich vorsichtig, "was redeten denn diese Schwaben so?" 

"Der volle Wahnsinn, du glaubst es nicht", sagte Penelope und bekam ihren komplett gestressten Gesichtsausdruck. "Die sagten so was wie: Mit meim Geppel bin i en vier Stunda in Stuttgart, verstesch?" 

"Und, glaubst du, dass die das wirklich schaffen?" 

"Keine Ahnung, ich weiß ja nicht mal, worum es geht."

Die hätten wahnsinnig laut geredet. "Alle mussten zuhören, keiner verstand was."

Und diese Schwaben hätten sich "kein bisschen geschämt".

Eigentlich hätte das ein großer Tag für mich sein müssen. Darauf hatte ich als Vater schließlich hingearbeitet. Aber dann sagte ich: "Na, also Penelope ..." Sie unterbrach mich. Das macht sie selten. "Es tut mir leid, Pu, aber ich glaube, ich habe eine Schwaben-Krise."

 

Fortsetzung nächste Woche.

 

 

 

 

Peter Unfried ist Chefreporter der taz. Diesen Abdruck entnehmen wir seinem soeben erschienenen Buch "Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen", Ludwig, 14,99 Euro.

 

 


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