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Wenn Gerichte schweigen

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Die SS-Männer, die in Italien wegen ihrer Beteiligung am Massaker von Sant'Anna di Stazzema verurteilt sind, genießen in Deutschland die Freiheit. Am Sonntag hat mit Joachim Gauck erstmals ein Bundespräsident den Ort in der Toskana besucht. Kontext-Autor Sandro Mattioli war dabei.

Wir müssen nicht schweigen, wenn die Gerichte schweigen: die beiden Staatsoberhäupter Napolitano und Gauck in Sant'Anna. Ganz links der Bürgermeister, Michele Silicani. Foto: Fiorenzo SernacchioliDie SS-Männer, die in Italien wegen ihrer Beteiligung am Massaker von Sant'Anna di Stazzema verurteilt sind, genießen in Deutschland die Freiheit. Am Sonntag hat mit Joachim Gauck erstmals ein Bundespräsident den Ort in der Toskana besucht. Kontext-Autor Sandro Mattioli war dabei.

Viele, viele Jahre hat Enrico Pieri auf diesen Tag gewartet. Was hat der 78-Jährige nicht alles getan, damit es so weit kommt: hat Interviews gegeben, sich wieder und wieder mit seiner traurigen Geschichte gequält, der Geschichte eines Überlebenden. Er hat Historikern berichtet, ist von seiner Heimat weggegangen, die nicht mehr seine Heimat war, nur, um einmal wieder zurückkehren zu können, hat mit der Entscheidung gekämpft, in die Schweiz zu ziehen, weil man dort ja auch Deutsch spricht, hat dem deutschen Bundespräsidenten einen Brief geschrieben, an der Einrichtung eines Museums mitgewirkt. Und nun ist es so weit. Der deutsche Bundespräsident besucht Sant'Anna di Stazzema. 

Alle sind gekommen: die Bürgermeister der Nachbarorte, ein Musikkorps, die Einwohner von Sant'Anna, der Militärstaatsanwalt, das Ehepaar Westermann, das eine Benefizaktion organisiert hat, um Geld für eine Kirchenorgel zu sammeln, der Historiker, der das Geschehen aufgearbeitet hat, Vertreter der Polizei und der Feuerwehr und der Rettungsdienste, sogar ein Vertreter der Deutsch-Italienischen Parlamentariergruppe aus Berlin, dazu viele Journalisten. Alle stehen sie oben bei dem Ossarium, wo die Knochen liegen der mehreren Hundert Opfer, die man aus der Asche gezogen hat, und Enrico Pieri muss aufs Klo.

Eine ziemlich ungünstige Situation. Die beiden Präsidenten müssten gleich kommen, der Weg ist abgesperrt, ihre Limousinen sind angekündigt, die Blicke gehen immer wieder hinunter zur Serpentinenstraße. Die Militärkapelle steht bereit, der Weg zum Wald ist versperrt, und überhaupt, er kann jetzt nicht einfach weggehen hier. Denn auch wenn sich hier heute zwei Präsidenten die Hand schütteln werden oder sich umarmen oder einer demütig auf die Knie fallen wird, es ist sein Tag, es ist der Tag von Enrico Pieri.

Was er sich von diesem Tag erwarte, war eine der Fragen gewesen, vorhin auf der Piazza vor der Kirche, wo sie damals in die Menge der Leiber geschossen und dann Benzin darüber ausgeschüttet hatten, damit der Berg besser brenne, und wo sich nun langsam die Besucher an diesem 24. März 2013 sammelten. "Alles, was zu erwarten war, ist bereits erfüllt worden", hat Enrico Pieri geantwortet, "zwei Präsidenten kommen hierher, nach Sant'Anna, der deutsche und der italienische."

Die italienische Präsidentengarde trägt einen Kranz für die NS-Opfer. Foto: Fiorenzo SernacchioliFür Enrico Pieri mag das tatsächlich das Maximum sein. Doch es standen noch Fragen im Raum. Etwa die, ob einer der Präsidenten etwas zu der Einstellung des Ermittlungsverfahrens durch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft sagen würde. Die Behörde hat in Person von Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler entschieden, nicht weiter gegen frühere Angehörige der Waffen-SS zu ermitteln. Von einem italienischen Gericht waren zehn von ihnen wegen Mordes verurteilt worden, in Stuttgart dagegen kam man im September vergangenen Jahres zu einem anderen Ergebnis: Die Ermittlungen gegen die noch Lebenden werden eingestellt, es wird nicht in einem Gerichtsverfahren geklärt, ob die Beschuldigten tatsächlich für ihre Taten zur Verantwortung zu ziehen sind.

Die italienischen Behörden wollen erreichen, dass ihre von drei Instanzen bestätigten Urteile in Deutschland vollstreckt werden, und Enrico Pieri will eine Klage gegen die noch Lebenden erzwingen. Doch die Chancen stehen in beiden Fällen schlecht. Wer Enrico Pieri seine Familie nahm, wird wohl ohne jede Strafe bleiben.

Der Gemeindebedienstete hat eben noch vor der neu angebrachten Gedenktafel gekehrt. "Vor diesem Symbol des ewigen Gedenkens an die Schrecken des Krieges und die Barbarei des Nationalsozialismus und Faschismus in Ehrerbietung für die wehrlosen Opfer begegnen wir uns, Brüder unter Brüdern, Bürger des vereinten Europas, Verfechter der Grundsätze von Frieden, Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit", ist darauf zu lesen. 

Weit hinter dem Denkmal, das oben auf dem Felsen wie ein ausgestreckter Zeigefinger daran mahnt, das hier Geschehene auch ja nie zu vergessen, hat der Bedienstete seine Utensilien versteckt. Die Tafel ist nun von einer europäischen Flagge verhüllt, an der der Wind zerrt. Hier oben, knapp siebenhundert Meter über dem Meeresspiegel, den man sehen kann, wenn man weg vom Ort nach unten blickt, ist der Wind frostig. Schließlich fängt es auch noch zu regnen an.

Endlich scheinen Lichter durch die Bäume auf, es sind die Scheinwerfer von Giorgio Napolitanos Staatskarosse. Der italienische Präsident hat Joachim Gauck am Flughafen von Pisa abgeholt. Die beiden Staatsmänner verstünden sich gut, heißt es. Vielleicht, weil Gauck Giorgio Napolitano für seinen Einsatz im Widerstandskampf gegen die Nazis und Faschisten zurzeit des Zweiten Weltkriegs bewundert. Gauck ist dieses Treffen eine Herzensangelegenheit, unabhängig von seinem Verhältnis zu Napolitano. Nachdem ihm der italienische Präsident bei seinem Besuch Ende Februar ein Schreiben von Enrico Pieri übergeben hatte, änderte Gauck spontan eine Rede beim Staatsbankett zu Napolitanos Ehren ab. Die Einladung Pieris nahm Gauck gerne an. Zuvor noch hatte eine Mitarbeiterin seines Stabs den Brief von Roberto Oligieri, einem Angehörigen von Opfern eines weiteren Massakers, reichlich unsensibel beantwortet (Teil eins des Antwortbriefes und Teil zwei). 

Der Wagen kommt zum Stehen, die Bürger hinter der Absperrung applaudieren, die beiden Präsidenten schütteln Hände und nehmen Dank entgegen. Zwei Männer spannen über dem hohen Besuch Schirme auf. Die Kapelle setzt an, die Staatsoberhäupter richten sich auf. Zwei lange Kerle aus der italienischen Präsidentengarde tragen den Gedenkkranz nach oben zum Mahnmal. Gauck und Napolitano folgen. Kurz vor dem Mahnmal begrüßen sie Enrico Pieri.

"Stehen bleiben!", ordnet Gaucks Begleiter, oben angekommen, an. Wie jeder offizielle Akt ist auch dieser minutiös vor- und durchgeplant. Napolitano nimmt seinen Hut ab. Und so stehen sie nebeneinander. Gauck fasst nach Napolitanos Hand. Offenbar war das nicht geplant, denn Napolitano muss erst seinen Hut in die andere Hand nehmen. Ein Trompeter spielt eine Klagemelodie, Gauck blickt gen Himmel, Napolitano senkt den Blick. Lange stehen die beiden Präsidenten still da, kein Ton ist zu hören, nur die Trompete ertönt. Dann treten die beiden Männer einen Schritt vor, zupfen an den Bändern des Kranzes, wohl mehr der Form wegen. Der Text war vorher schon bestens zu lesen. Gauck bittet Enrico Pieri zu sich. "Ich danke Ihnen für alles, was Sie getan haben", sagt er, und legt einen Arm um ihn. Enrico Pieri trägt eine Sonnenbrille. Dass er feuchte Augen bekommt, kann man aus der Nähe dennoch sehen. Dann gehen die Präsidenten zu ihrem Wagen zurück, Enrico Pieri mit ihnen.

Joachim Gauck: Versöhnung kann man nicht einfordern, sondern nur als Geschenk bekommen. Foto: Fiorenzo Sernacchioli"Ich möchte nicht über Sant'Anna sprechen", hebt Enrico Pieri in seiner Rede an, nachdem er denjenigen gedankt hat, die die Erinnerung an das Massaker wachgehalten haben. Inzwischen ist die Gruppe in den Saal des kleinen Museums umgezogen, das die Erinnerung an den Massenmord und das Auslöschen von Sant'Anna wachhält. "Ich will, dass Europa weiter wächst und eine Hoffnung für die Jugend wird", sagt Enrico Pieri. Dies ist seine Lehre aus der Leere, dies ist, was bleibt. Und dies ist, was er heute, an seinem Tag, unbedingt sagen möchte. Langer Applaus brandet nach dem Ende seiner kurzen Rede auf, Gauck umarmt ihn innig.

Jetzt schreitet der Bundespräsident ans Rednerpult. Er spricht von Versöhnung, die man nicht einfordern, sondern nur als Geschenk bekommen kann, und von der Bedeutung der Erinnerung. Die Täter seien nicht namenlos; es seien konkrete Menschen, die hier getötet hätten. Und nun spricht Gauck zwei Sätze, die auch gen Stuttgart gerichtet sind. "Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, wenn Täter nicht bestraft werden können, weil eben die Instrumente des Rechtsstaates dieses nun einmal nicht zulassen. Da stehen wir manchmal als Bürger mit unserer Empörung und unserer Moral vor einem Rechtsgebäude und glauben, dass alles richtig ist, und trotzdem ist unser Rechtsempfinden nicht beruhigt." 

"Die Öffentlichkeit, wir, müssen nicht schweigen über Schuld, wenn die Gerichte schweigen", sagt Gauck. Man kann dies als diplomatischen Ausdruck seines Unbehagens über die Einstellung des Ermittlungsverfahrens in Stuttgart lesen, selbst wenn er später im Interview Wert darauf legt, sich als Bundespräsident jeglicher Kritik an der Justiz zu enthalten.

Mit Spannung erwartet wird auch die Rede von Giorgio Napolitano, der sich bereits deutlich über die Stuttgarter Entscheidung geäußert hatte. Mit tiefem Bedauern habe er im Herbst 2012 die "erschütternde Begründung registriert, mit der in Deutschland die Einstellung des gerichtlichen Verfahrens gegen Angeklagte erlassen wurde, die der direkten Teilhabe an grausamen Nazimassakern beschuldigt waren." Jetzt verweist er auf ein andere Form der Strafe: "So sehr es uns auch verbittern kann und mit Schmerz erfüllt, so sehr wir auch bedauern können, dass es nicht gelingt, in den Gerichten Gerechtigkeit zu erlangen, so sehr sind wir uns sicher, dass diese unsere Erinnerung eine hohe Form der Gerechtigkeit ist für das, was ihr erlitten habt, und dass es eine Strafe ist, schlimmer als jede andere, für jene, die die Schuld für dieses Leid tragen."

 

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2 Kommentare verfügbar

  • Taz-Pranke
    am 31.03.2013
    Antworten
    Sehr geehrter Herr Sandro Mattioli,

    Ihre hier in „Kontext“ veröffentlichten Artikel zum Massaker in Stazzema beeindrucken mich sehr.

    Dass der Status quo der Strafverfolgung nun das letzte Kapitel sein soll, irritiert mich.

    Die Überschrift Ihres Artikels „Wenn Gerichte schweigen“ finde ich…
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