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Die Atom-Ruine

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Vor 20 Jahren endete in Kalkar ein Milliardenprojekt, das in Karlsruhe begonnen hatte. Atomforscher in Baden-Württemberg hatten den Schnellen Brüter entwickelt, der am Niederrhein tatsächlich gebaut wurde, aber nach heftigen Protesten nie ans Netz ging. Heute ist die Ruine ein Erlebnispark. Arge-Lola-Fotografen haben sich dort umgeschaut.

Die Atom-Ruine von Kalkar. Foto: arge lola

Heute klettern die Kids auf den Kühlturm oder sie fahren Kettenkarussell auf der grünen Wiese. Ein Tagungszentrum erinnert in Kalkar noch an den Charme des alten Kontrollzentrums, in dem Wissenschaftler die Brut überwacht hätten. Die Brut, das klang freundlich, aber das Reizwort hieß Plutonium. An diesem sogenannten Ultragift scheiterten am Ende die Pläne des früheren Kernforschungszentrums Karlsruhe.

35 Jahre lang hatten die Forscher bis 1991 am Projekt SNR 300 gearbeitet. Der Schnelle Brüter sollte Deutschlands Energiehunger stillen. Die Wissenschaftler hatten schon in den 60er-Jahren errechnet, dass auch die natürlich vorkommenden Kernbrennstoffe wie Uran nicht unendlich zur Verfügung stehen würden. Die Technik des Brütens wurde in den USA erfunden, und das Projekt SNR 300 (Schneller Natriumgekühlter Reaktor) wurde in Karlsruhe verfeinert. Der Reaktor arbeitete mit Plutonium, und er produzierte und "erbrütete" mehr Plutonium, als er verbrauchte. Das hatte ihm seinen Namen gegeben.

Hochgiftiges Plutonium und eine gefährliche Kühltechnik

Die Vorteile schienen verlockend. Geld für die Urananreicherung hätte sich so einsparen lassen. Es ging seinerzeit rein rechnerisch um Milliarden D-Mark. Das lockte die Forscher und die Industrie. Zum Betreiberkonsortium, das sich um die industrielle Verwertung der Atom-Brut-Technologie bemühte, gehörte seinerzeit noch das Unternehmen AEG, das sich später eher auf Waschmaschinen und Kochplatten spezialisieren sollte.

Ein Team aus Wissenschaftlern in Karlsruhe verfeinerte die Technik. Es baute einen Forschungsreaktor, auf dessen Basis die Pläne für den Schnellen Brüter entstanden. Er sollte im Dreiländereck nahe Aachen gebaut werden. Dort aber wohnten zu viele Menschen für das riskante Projekt.

Ein Schneller Brüter war nicht nur wegen seines Plutoniums gefährlich, sondern auch wegen seiner Kühltechnik. Der Reaktor sollte nicht mit Wasser, sondern mit Natrium gekühlt werden. Ein Stoff, der mit Luft und Wasser äußert aggressiv reagiert und ständig die Gefahr einer Wasserstoffexplosion birgt. Für ein so großes Risiko war die "Besiedlungsdichte" bei Aachen "zu hoch", heißt es in einem Papier des Kernforschungszentrums Karlsruhe. Der Standort Kalkar am Niederrhein schien geeigneter. Denn in einem Fünf-Kilometer-Radius um den Reaktor sollten laut Sicherheitsexperten nun einmal "weniger als 40 000 Menschen leben".

Mehr als drei Milliarden Euro verpulvert

Der Brüter in Kalkar wurde nach Plänen aus Karlsruhe gebaut. Ans Netz ging er nie. Der politische Widerstand war zu groß. 1991 kam das politische Aus. Und mit diesem Ende kam auch das Ende der Karlsruher Atomforscher. Ihre kleinere Version des Brüters am Rande der badischen Residenzstadt wurde abgeschaltet. Seine Entsorgung kostet mehr als 300 Millionen Euro. Auch die USA waren aus der Technologie ausgestiegen. In Russland steht dagegen der größte Brüter der Welt, und das katastrophengeplagte Japan schlägt sich aktuell wieder mit einem Pannen-Brüter herum.

Kalkar wurde zu einer Investitionsruine. Mit mehr als drei Milliarden Euro verpulvertem Geld eine der größten in Deutschland. Ein holländischer Investor kaufte schließlich das Kraftwerksgelände. Seitdem gibt es das "Wunderland Kalkar". Kletterspaß für die Kleinen und Geschäftsräume fürs Business. 16 Tagungsräume mit den Namen deutscher Kernkraftwerke oder denen großer Wissenschaftler wie Marie Curie oder Otto Hahn. Im Brüter-Museum "bist du sicher", verrät ein Schild am Eingang. Es dürfte eines der wenigen Museen sein, dessen Betonmauern tatsächlich gegen Flugzeugabstürze oder Erdbeben ausgelegt sind.

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www.argelola.de


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