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Grüne Jagdszenen in Südbaden

Grüne Jagdszenen in Südbaden
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Agrarminister Alexander Bonde macht dem Biowinzer Reinhold Pix am Kaiserstuhl das Landtagsmandat streitig. Ende März muss die Basis entscheiden. In der örtlichen CDU, vor vier Jahren von den Grünen gedemütigt, wächst die Zuversicht.

So weit hat sich ein Grüner noch selten von den Gründungsmythen der Partei entfernt. Unvorstellbar wäre es über Jahrzehnte gewesen, dass ein Promi wildert in einem ordentlich bewirtschafteten Revier. Die Aussicht, schon bei der Kandidatenaufstellung von der Basis erlegt zu werden, hätte ihn ferngehalten. Dass Alexander Bonde nun dennoch gegen den angesehenen Parteifreund Reinhold Pix antritt, nennen die einen unverfroren. Anderen nötigt sein Verhalten Respekt ab. Immerhin als "absolut offen" bewertet der Freiburger Kreisvorsitzende Jochen Hefer das Rennen.

Der Minister sieht sich selbst als Platzhirsch qua Geburt. Hier ist er zur Schule gegangen, hier hat er die Grüne Jugend mitbegründet, hier fiebert er Spiel für Spiel mit dem SC. "O je", twitterte er am vergangenen Samstag nach der Heimniederlage gegen die Borussia, "das war jetzt aktive Wiederbelebungshilfe für Dortmund." Und weil der Vater von drei Kindern keinen bürgerlichen Beruf ausgeübt hat, in den er zurückkehren könnte, braucht er ein Landtagsmandat – gerade wenn es im nächsten Frühjahr doch wieder ab in die Opposition gehen sollte.

Bonde hat schon Özdemir gekickt

Der Drang des 40-Jährigen, Rivalen niederzuringen, ist nicht neu. Im Oktober 2008, auf dem Parteitag in Schwäbisch Gmünd, sorgte Bonde ohne Beißhemmung sogar dafür, dass keinem Geringeren als dem damals designierten Bundesparteichef Cem Özdemir der Einzug in den Bundestag verwehrt blieb. Den "Durchmarsch eines Karriere-Politikers, der nicht einmal Zeit hatte, sein Studium zu beenden", bestaunt ein Schulfreund aus früheren Tagen, der den frischgebackenen Minister zwei Jahre später in Stuttgart besucht. In einem Brief an die "lieben Freunden und Freundinnen" preist sich der ehemalige Finanzpolitiker nicht nur als "grünen Schwarzwälder", sondern auch als einen, der "politische Bekanntheit" in die Waagschale werfen kann. Und er liest aus der Tatsache, dass, wie er sagt, "in allen Wahlkreisen alle fünf Jahr neu gewählt wird" heraus, dass allerorten alle fünf Jahre auch ein Neustart möglich sein muss – selbst wenn es gegen einen verdienten Amtsinhaber geht.

Äußerlich sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Kandidaten frappierend. Auf den wenigen gemeinsamen Fotos stehen die Kontrahenten da, als wären sie Brüder: hohe Stirn, dunkle Augen, breites Kreuz. Der Werdegang dagegen könnte unterschiedlicher kaum sein. Pix ist studierter Forstwirt, 1984 hat er mit seiner Frau das gemeinsame Öko-Weingut gegründet – längst hochdekoriert sogar im Gault-Millau. Im selben Jahr zog er in den Gemeinderat und wenig später in den Kreistag ein. Seit 2006 sitzt er im Landtag. Bis dahin eine Grünen-Karriere wie so manch andere: Gerade in den 14. Landtag zogen aufgrund des schon damals herausragend guten Ergebnisses der heutigen Regierungspartei viele Abgeordnete ein, die viele Jahre zusammen mit Winfried Kretschmann dicke Bretter gebohrt hatten.

Für ein Alleinstellungsmerkmal in seiner Fraktion sorgte der gebürtige Stuttgarter, der sich als knorriger Querkopf über all die Jahre weder den Realos noch den Fundis zurechnen lassen wollte, 2011. Pix holte nicht nur ein Plus von fast 15 000 Stimmen oder 12,6 Prozentpunkten, sondern nahm auch dem CDU-Juristen Klaus Schüle das Direktmandat ab. In den Siebzigern hatte Hans Filbinger im Freiburger Norden kandidiert. Die Kreisreform 1973 wurde genutzt, um den überdurchschnittlich großen Wahlkreis für ihn vorteilhaft zurechtzuschneidern, denn ein Jahr zuvor hatte der CDU-Ministerpräsident sein Direktmandat an einen Sozialdemokraten verloren. Die Schmach war so groß, dass er vor dem nächsten Urnengang – der mit einem Riesenerfolg für die Schwarzen enden sollte – sogar massiv Einfluss auf die "Badische Zeitung" zu nehmen versuchte. "Über Macht redet die Stuttgarter Elite nicht, die übt sie aus", mokierte sich der "Spiegel". Und Filbinger selber wird zitiert mit dem Satz: "Die 'Badische Zeitung' ist doch kein Anti-Kernkraft-Unternehmen."

Pix ist stolz, für diese Region im Landtag zu sitzen. Und zwar als einziger Abgeordneter überhaupt, weil weder der CDU- noch der SPD-Kandidat den Sprung ins Parlament schaffte. Er ist seit mehr als drei Jahrzehnten vor Ort aktiv, gründete Anfang der Achtziger eine Bürgerinitiative gegen die B 31. Nach Tschernobyl trieb er bei einer Demo Vieh durch die Kaiser-Franz-Joseph-Straße. Er ist der Platzhirsch qua Erfolg. Lange Zeit habe es geheißen, erinnert sich der 59-Jährige, ein grüner Kandidat stehe hier auf völlig verlorenem Posten. Jetzt hingegen gelte ein Mandat für die Ökopartei als sehr sicher. Und jetzt kommt Bonde im Ministerauto.

Gegenkandidatur für die Grünen völlig ohne Mehrwert

Es hätte, meinen selbst Anhänger des Landwirtschaftsministers, durchaus Alternativen gegeben. Gerade solche, die gut passen würden zu einem Kandidaten, der sich gern bäuerlich gibt. In Villingen-Schwenningen beispielsweise kamen die Grünen 2011 auf 22,4 Prozent, in Kehl auf 22,8, in Waldshut auf 23 Prozent – und in allen diesen drei Wahlkreisen gibt es derzeit keine Abgeordneten, denen Bonde ins Gehege kommen könnte.

Hier müsste er nicht in der Pix-Liga spielen und einen zweistelligen Zuwachs auf die erwähnte Waagschale werfen, um sicher im Landtag zu sein. Stattdessen kapriziert er sich auf Freiburg und provoziert ein Duell, das nicht wenige in der Landtagsfraktion befremdet. Denn unter den Kollegen und Kolleginnen hat sich der Pix den Ruf des Fachpolitikers erarbeitet, der "nur den Mund aufmacht, wenn er was zu sagen hat", wie eine Abgeordnete lobt. Außerdem sei die Gegenkandidatur für die Grünen "völlig ohne Mehrwert": Ein Kabinettsmitglied "hätte versuchen müssen, einen zusätzliches Sitz zu holen".

Bonde selber hält sein Antreten in Freiburg I für alternativlos. Schon allein aus Gründen der Frauenquote müsse "ein männlicher Bewerber gegen einen männlichen Bewerber antreten". Als "mit seinem Profil ideal zum Wahlkreis passend" beschreibt er sich. Und er lässt einen Masterplan erkennen, der hinter der ganzen Aktion steckt, nicht zuletzt, weil ein Minister mit Mandat mehr das Gewicht des Kabinetts in der Fraktion stärken würde.

Ohnehin sieht sich der Oberrealo seit langem als Strippenzieher und als Stratege. Schon der Wechsel nach Stuttgart war akkurat geplant. Immer pflegte er gute Kontakte zu den Youngsters in anderen Fraktionen, er konnte und kann gut mit den SPD-Netzwerkern, die ebenfalls den eigenen Aufstieg im Blick haben. Er profilierte sich im Verteidigungsausschuss des Bundestags und trat mit einem differenzierten Urteil über die Schuldenbremse hervor: Bonde, dem nicht nur in Berlin Verlässlichkeit nachgesagt wird, aber auch Schwierigkeiten im Umgang mit Kritik, wollte nicht nur die "fiskalische Verschuldung" betrachten. Er verlangte, die ökologische oder die soziale Verschuldung einzurechnen oder den Investitionsstau in der Infrastruktur.

Durchsetzen konnte sich seine grüne Bundestagsfraktion, damals geführt vom heutigen Stuttgarter OB Fritz Kuhn, damit nicht. Aus den grün-roten Koalitionsverhandlungen war der Emmendinger Bundestagabgeordnete – neues Lieblingsoutfit: Trachtenanzug – nicht wegzudenken. Dass es etwas würde mit dem ersehnten Ministeramt, bestätigte sich noch vor der offiziellen Bekanntgabe auf seiner Homepage, auf der sich Bonde plötzlich Kühe streichelnd und Ziegen wiegend präsentierte. "Wie geschnitzt für den ländlichen Raum", nannte ihn Kuhn damals. Rasch erntete er Anerkennung für seinen Umgang mit der Bauernschaft. Inzwischen beklagen allerdings gerade die Bioverbände "eine Abkehr von der Idee, großflächig mehr Ökologie durchzusetzen".

Den Showdown gibt's bei der Mitgliederversammlung im März

Der Minister führt im sechsseitigen Bewerbungsschreiben seine Erfolge für den ländlichen Raum an und handelt Themen wie gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit ab. Er bedient sich des alten Slogans "Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben" und lobt, "dass unser Gründungsanliegen, der Naturschutz, ins Zentrum der Landespolitik gerückt ist". Er verschweigt, dass er bei den Koalitionsverhandlungen gerade dieses Thema bei Umweltminister Franz Untersteller angesiedelt sehen wollte – womöglich in einer Vorahnung, was mit dem Nationalpark Nordschwarzwald an Arbeit, Ärger und persönliche Anfeindungen auf ihn zukommen könnte.

Pix beackert dieselben Themen, bezeichnet den "Schutz von Natur und Tieren" als einen "zentralen Wert unserer Politik". Der nachhaltige Ausbau des Tourismus, Wald, Wild und Weinbau ergänzten den politischen Tätigkeitsbereich. Er war 2011 selber gehandelt worden als möglicher Ressortchef, ist Sprecher der Landtagsfraktion für ebenjene Bereiche und intern oft Bondes Widerpart.

Der Showdown findet statt am 26. März auf der Mitgliederversammlung. Bis dahin wird es jede Menge Einblicke ins grüne Innenleben geben. Die Honoratioren halten sich offiziell heraus, Fraktionschefin Edith Sitzmann, die im Nachbarwahlkreis Freiburg II ebenfalls ein Direktmandat zu verteidigen hat, ohnehin, und der Ministerpräsident ebenfalls. Wiewohl Kretschmann nicht vergessen hat, dass der Winzer einer der Ersten war, die ihm im Herbst in der schwierigen Debatte um den Asylkompromiss beigesprungen sind.

Landeschef Oliver Hildenbrand pocht auf "die gute grüne Tradition, dass solche Entscheidungen allein vor Ort getroffen werden". Hinter den Kulissen soll allerdings bereits heftig telefoniert werden, vor allem, um den Kabinettskollegen in Stellung zu bringen. Schüle, der stellvertretender CDU-Fraktionschef im Landtag war und als fähig für Höheres gilt, sieht angesichts der anschwellenden Unruhe neue Chancen für seine Partei in einer der wichtigsten Ökohochburgen. Und gerade alte Anti-Atomkraft-Aktivisten im Kaiserstuhl prophezeien dem Herausforderer, "an der gläsernen Decke auf dem Weg nach oben angekommen zu sein", sollte er Pix unterliegen.

Was einem tiefen Fall gleichkäme. Denn zuweilen lässt Bonde durchblicken, dass er allein im stillen Kämmerlein oder zusammen mit seiner Frau Conny Mayer, einer früheren CDU-Bundestagsabgeordneten, über einen Revierwechsel ganz anderer Art sinniert: aus dem Agrarministerium am Kernerplatz über die Grünbrücke in die Villa Reitzenstein – als Regierungschef von Grün-Rot. Ersatzhalber, sozusagen, er wäre auch mit dem Amt des stellvertretenden Ministerpräsidenten zufrieden, sollte es im nächsten Jahr zu einem Machtwechsel kommen. "Ich kann", sagt er selbstbewusst, "das Angebot machen, neue Bündnisse für die Grünen zu suchen."


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8 Kommentare verfügbar

  • tillupp
    am 05.03.2015
    Antworten
    Bonde zieht Kandidatur zurück. Aber warum erfährt man das nur so nebenbei, und nicht gestern schon im Kontext live-ticker.

    http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/wahlkreis-freiburg-ost-bonde-zieht-kandidatur-zurueck--101357798.html
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