KONTEXT Extra:
NSU: Maulkorb für Drexler

Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des ersten und des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag, soll seine massive schriftliche Kritik am ARD-Film zum Mord an Michèle Kiesewetter vorerst nicht wiederholen. Der frühere SPD-Fraktionschef und Landtagvizepräsident hatte die Produktion, die am Montag ausgestrahlt wurde und für die der SWR mitverantwortlich zeichnet, als "grob falsch, unsachlich und anstößig" bezeichnet. Jetzt liegt der Landtagsverwaltung ein mehrseitiges Schreiben eines Rechtsanwalts vor, in dem Drexler zur Unterlassung etlicher Aussagen aufgefordert wird.

Drexler hatte sich per Pressemitteilung nach der Trauerfeier zum zehnten Jahrestag des Terroranschlags geäußert. Auf dieser habe er Kollegen getroffen, die wie er selbst den Fernsehbeitrag "mit Bestürzung" verfolgt hätten. Ein Punkt von vielen: Es sei suggeriert worden, die Polizistin habe selbst Heroin konsumiert und sei davon abhängig gewesen. Das verstoße "nicht nur gegen das Gebot journalistischer Sachlichkeit", sondern sei gerade zum jetzigen Termin "unpassend und für die Angehörigen belastend, wie etwa die ebenfalls verwendeten Bilder der grausam Ermordeten im Badeanzug". Er halte "derartige gänzlich unbewiesene Anwürfe für grob anstößig". Für Heroinkonsum hätten sich in der "intensiven mehrjährigen Aufklärungsarbeit" keine Hinweise ergeben.

Als "ähnlich perfide" bezeichnet der frühere Landtagsvizepräsident und SPD-Fraktionsvorsitzende die Versuche, "trotz ausführlicher Widerlegung, unmittelbare Kontakte zu Rechtsextremen zu unterstellen". Zudem irritiere, "dass die Verfasser sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht hätten, die Protokolle oder wenigstens die Abschlussberichte der Untersuchungsausschüsse des Bundestags und des Landtags von Baden-Württemberg zur Kenntnis zu nehmen. Etwa wenn es um das Umfeld der beiden Opfer in ihrer Einheit gehe, auch würden die mittlerweile erfolgten teilgeständigen Einlassungen von Beate Zschäpe, die die Täterschaft von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auch an der Tat von Heilbronn einräumt, vollständig ignoriert, ebenso wie etwa das Bekennervideo des NSU und seine Entstehung bereits bis Ende 2007". Mündlich wiederholen mochte der Ausschussvorsitzende seine Kritik einen Tag vor den nächsten Zeugenvernehmungen nicht. Die Landtagsjuristen prüfen gegenwärtig das Schreiben des Anwalts. (27.4.2017)


Offene Wunde in Heilbronn

"Wir hoffen alle, dass vielleicht doch noch mehr Licht in die Vorgänge kommt." Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat am zehnten Jahrestags des Anschlags auf Polizisten Michèle Kiesewetter und ihres Kollegen Martin Arnold genutzt, zumindest indirekt eine Fortsetzung der Ermittlungsarbeit zu verlangen. Der Heilbronner OB Harry Mergel (SPD) wurde auf der Gedenkfeier deutlicher: "Warum Heilbronn? Wieso Michèle Kiesewetter? Und weshalb der 25. April 2007?" Solange diese Fragen "nicht ausreichend beantwortet werden können, gibt es auch hier in Heilbronn eine offene Wunde".

Angestoßen wurde die Diskussion um neue Ermittlungen auch durch die Bundesanwaltschaft. Sie geht der Entstehung eines Graffito mit dem Kürzel "NSU" nach, das auf einer Mauer am Tatort aufgesprüht war. Bisher lautet die offizielle Version, dass das NSU-Trio für den Anschlag verantwortlich ist. Immer wieder und aufgrund zahlreicher anderer Spuren sind die Zweifel an dieser Darstellung nicht ausgeräumt. Bisher waren an Tatorten weder Bekennerschreiben des NSU noch andere Hinweise gefunden worden. Entdeckt worden waren die drei Versalien in schwarzer Farbe vom Filmemacher Clemens Riha beim Sichten von SWR-Archivmaterial. (25.04.2017)


AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Sie hätten ein Schwarzwälder Glamourpaar werden können: Isolde (links) und Siegfried Kauder. Foto: Kontext

Sie hätten ein Schwarzwälder Glamourpaar werden können: Isolde (links) und Siegfried Kauder. Foto: Kontext

Ausgabe 124
Politik

Siggi und die Schwarzwaldmädels

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 14.08.2013
Im Schwarzwald lodert das Feuer. Verbrannt werden soll Siegfried Kauder. Die CDU will ihn kaltstellen, hält ihn für durchgeknallt und fürchtet seine Kandidatur als Unabhängiger für den Bundestag. Im Gespräch mit der Kontext:Wochenzeitung äußert sich der 62-Jährige zum ersten Mal zu seiner angeblichen Krankheit, zu seiner neuen Gattin und zu den Drahtziehern im Hintergrund: den Frauen im Kreisvorstand.

An der Tür unten prangt er, im Aufzug und an der Tür oben: der Bundesadler. Daraus ist zu schließen, dass sich dahinter ein wichtiger Mensch in einem wichtigen Raum befindet. Dahinter ist der Fußboden aus Granit, das Kaffeeservice aus Edelstahl, das Mobiliar schwarz. Alles sehr kühl, sehr aufgeräumt, sehr kontrolliert. Ein Farbtupfer findet sich hinter einem Schreibtisch, der dem Chef der Kanzlei in der Villinger Carlo-Schmid-Straße 7 gehört. Ein farbenfrohes Bild, dessen strenge Formen nur von zwei nackten Brüsten gebrochen werden. Siegfried Kauder hat es selbst gemalt. "Das hätten Sie nicht gedacht", sagt er und guckt so kühl wie das Milchkännchen von Alessi. Zu seinen Hobbys zählen die Malerei und fliegende Modellhubschrauber.

Auch an diesem Freitagmorgen ist der 62-jährige Jurist wieder wie aus dem Ei gepellt. Tailliertes Hemd, anthrazitfarbener Anzug, schwarze Schuhe. Hellwach nach einer Nacht, in der die CDU den Prozess in Gang gesetzt hat, an dessen Ende sein Rausschmiss aus der Partei stehen soll. Das Ausschlussverfahren. Noch einmal hatte er vor einer großen Schar von Journalisten wiederholt, was er in den Tagen zuvor verkündet hat. Dass die CDU ein Abnickerverein sei, ihre Abgeordneten Weicheier und sein Kreisverband Schwarzwald-Baar eine Bananenrepublik. Trotzdem wolle er weiterhin in der CDU bleiben. Es wäre ein Leichtes, jetzt zu sagen, ihr könnt mich mal, meint er. Aber nicht mit ihm, dem Hüter des Bundesadlers, der jetzt angetreten ist, das Wesensmerkmal der Demokratie zu retten: den Streit.

Zum Müsli-Frühstück mit Bahnchef Grube

Den hat er. Wolfgang Schäuble will ihn los haben, Landeschef Thomas Strobl und sein Bruder Volker auch. Er spinne, soll der Ältere gesagt haben. Und jetzt eben sein Kreisverband, dessen König er elf Jahre lang war. Elf Jahre haben sie ihm gehuldigt, weil der "Siggi" in ihren Augen ein Großer war. Wenn er ihnen vom Rechts- oder BND-Ausschuss erzählte, deren Vorsitzender er war, oder von seinen Müsli-Frühstücken mit Bahnchef Rüdiger Grube, dann leuchteten die Augen, vor allem jene der weiblichen Vorstandsmitglieder. Das konnte zwar schon mal zwei Stunden dauern, aber es war die Berliner Welt, die in den dunklen Schwarzwald strahlte.

Zwei, die gerne Müsli miteinander essen: Kauder und Bahnchef Grube. Foto: Moni Marcel
Zwei, die gerne Müsli miteinander essen: Kauder und Bahnchef Grube. Foto: Moni Marcel

Er sei ein "Super-Typ" gewesen, erzählt Traudel Zimmermann, die seit 25 Jahren im Kreisvorstand sitzt. Die 69-Jährige kommt gerade aus Freiburg zurück, wo sie die Kasse der CDU Südbaden prüft und festgestellt hat, dass Kauder seinen Mandatsträgerbeitrag (85 Euro monatlich) erst nach ernster Mahnung überwiesen hat. "Richtig weh" tue es ihr, zu sehen, was aus dem "Siggi" geworden sei, sagt sie in ihrem Haus hinter hohen Buchsbaumhecken. Sie sei mit ihm befreundet gewesen, habe immer für ihn gekämpft, auch wenn er für das Wahlvolk der "arrogante Schnösel" gewesen sei. Und jetzt das. Was sie mit "das" meint, ist in dem Sündenregister aufgelistet, das seine einstigen Freunde inzwischen gerne verteilen. Das liest sich so:

Autoritär und selbstherrlich bis auf die Knochen: Hausverbot für die langjährige Geschäftsführerin Luzia Grieshaber, Vernichtung von Akten in der Geschäftsstelle, Verlegung des Wahlkreisbüros in die eigene Kanzlei ohne Wissen des Kreisvorstands, Diffamierung von Vorstandsmitgliedern als stalinistische Bande, Rausschmiss von Mitarbeitern ohne Begründung.

Ämterhäufung und sonstige Verfehlungen im "vorpolitischen Raum": Präsident des FC 08 Villingen, Vorstandsmitglied "Weißer Ring", Vorstand Feldner Mühle (Behinderteneinrichtung), Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände. Viel zu viel, um damit seriös umzugehen. Außerdem habe Kauder bei einem Oberammergauer Holzschnitzer einen Bären für 2500 Euro bestellt und ihn erst nach einem Gerichtsurteil bezahlt. 

Negatives Echo in der Presse: Kauders Kampf gegen die Offenlegung der Nebeneinkünfte von Abgeordneten, gegen ein Gesetz zur Abgeordnetenbestechlichkeit, für die Einschränkung der Pressefreiheit und sein Lobbyismus für die Spielautomatenindustrie würden auf immer "größeres Unverständnis" bei der Bevölkerung stoßen.

Die lieben Parteifreundinnen lancieren die "Krankheit"

Nun ist das alles bekannt, das meiste schon seit Jahren. Wen hat es im Schwarzwald-Baar-Kreis gestört, in dem auch ein schwarz angemalter Besenstiel gewählt würde? 47,4 Prozent haben zuletzt für Siegfried Kauder gestimmt. Aber jetzt kommt noch die "Krankheit". Auch sie gezielt in die Öffentlichkeit getragen von seinen ParteifreundInnen. Renate Breuning, Fraktionschefin im Gemeinderat von Villingen-Schwenningen, berichtet der "Bild am Sonntag", Kauder falle immer wieder durch "seltsames Verhalten" auf, sei in seiner Persönlichkeit "sehr stark verändert". Er blamiere die CDU "deutschlandweit". Sie könne das nur mit einer "Krankheit" erklären. Als Beispiel nennt sie gegenüber der Zeitung "Neckarquelle" die erwähnte Holzbären-Nummer. Vorständlerin Traudel Zimmermann spricht von einer "Wesensänderung", die möglicherweise mit starken Schmerzmitteln im Zusammenhang stehe, die "Siggi" nach der Operation seiner Achillessehne nötig haben könnte. Tatsächlich zieht der Marathon-Mann (Bestzeit 2.46 Stunden) ein Bein leicht nach. Andere berichten, Kauder habe nur gelächelt, als Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel im Oktober 2012 versuchte, im Nominierungsstreit um den Bundestagskandidaten zu vermitteln.

Auch der Kreisverkehr in Bad Dürrheim ist wichtig: Kauder kümmert sich um die Beleuchtung. Foto: Hans-Jürgen Eisenmann
Auch der Kreisverkehr in Bad Dürrheim ist wichtig: Kauder kümmert sich um die Beleuchtung. Foto: Hans-Jürgen Eisenmann

Siegfried Kauder ist zu lange im politischen Geschäft, um nicht zu begreifen, dass er sich dagegen nicht wirklich wehren kann. Er mag ein Gutachten einer Berliner Parlamentsärztin vorlegen, die ihn für geistig gesund erklärt, er mag sich beklagen, über diese "perfideste Art, jemanden kaltzustellen" – der Verdacht frisst sich in die Köpfe und bleibt. 

Was hat er nun tatsächlich? Einen Sack voller Macken, gewiss. Seine Mitarbeiter dürfen ihre Jacketts nicht über die Stuhllehne hängen, an Weihnachten und Silvester wird geschafft, stolz ist er auf die Messingplakette, die ihn als Ehrenbahnhofsvorsteher von Villingen-Schwenningen ausweist, bei Parteitagen wird Blasmusik verlangt, wegen seines Präsidentenamts beim Deutschen Musikverband, im Leben hat er noch nie eine Zigarette geraucht. Das macht ihn nicht zum Homo sympathikus, dem die Wähler auf die Schulter klopfen. Aber verrückt ist er nicht.

Oben angekommen: Isolde und "Siggi" beim Bundespräsidenten. Foto: Bundespräsidialamt, Bürgerfest 2012
Oben angekommen: Isolde und "Siggi" beim Bundespräsidenten. Foto: Bundespräsidialamt, Bürgerfest 2012

Er hat eine zusammengeflickte Achillessehne, die ihm seit Jahren zu schaffen macht. Sie zwinge ihn zu unnatürlichen Bewegungsabläufen und Körperhaltungen, erläutert Kauder, aber beileibe nicht zur Einnahme von Schmerzmitteln. Der Kopf funktioniert einwandfrei. Auf die Frage, was für ihn Glück sei, antwortet er: ein heller Kopf, mit dem Systeme zu durchdringen seien. Er weiß, dass ihn das System, das immer seines war, jetzt abstößt, weil er es, aus seiner Sicht, fundamental kritisiert. Wer hat zuletzt gesagt, dass die Regierung das Parlament mit "Schäufelchen im Sandkasten" spielen lässt? Wer wundert sich über Wolfgang Schäuble, der sich fassungslos zeigt über den einst "prima Kollegen"? Der jüngere Kauder nicht, weil er weiß, dass er ihre Kreise stört. "Macht erschlägt alles", sagt er.

Die falsche Frau: blond, High Heels, schwarze Fingernägel

Und dann hat er noch die falsche Frau.

Blond, High Heels, bisweilen kurze Röcke, schwarze Fingernägel. Isolde Kauder, geborene Böhlefeld, frühere Immobilienmaklerin in Triberg. Das komplette Gegenprogramm zu den Frauen im Kreisvorstand, die dem Bollenhut näher stehen. Sie habe sich den "Siggi" geangelt, dränge in die Öffentlichkeit einerseits und schotte ihn andererseits ab. Und sie gewähre tiefe Einblicke, raunen sie den Journalisten zu, die sich auf den Weg von ihrer zu Kauders Pressekonferenz machen. Nichts war's. Das kornblumenblaue Kleid war hochgeschlossen und lang. 

Was geht hier vor? "Siggi", das Objekt der Begierde einer Frau, die nach oben will? Isolde Kauder spricht zum ersten Mal darüber. Kennen gelernt hat sie "Herrn Kauder", wie sie ihn nennt, beim Triberger "Winterzauber", als humor- und liebevollen Menschen. Nach seinem dritten Heiratsantrag habe sie eingewilligt, Hochzeit im November 2011 gehalten, und seitdem sei sie auch seine "persönliche Referentin". So definiert sie ihre Rolle selbst. "Ich muss dabei sein, um zu verstehen, was er macht", sagt sie und legt damit klar, dass sie sich nicht als schmückendes Beiwerk versteht. Bettina Wulff sei nicht ihr Vorbild, betont sie, und das klingt nach länger. In der Tat führt der Weg zu ihrem Mann über sie, seine Termine werden von ihr verwaltet, und das Hausverbot (für die Ex-Geschäftsführerin Grieshaber) wird von ihr überbracht. Die Kinderbücher in der Kanzlei sind von ihr. Unter anderem ist "Kapitän Krummsäbel" als Pirat auf den Weltmeeren unterwegs.

Meucheln verschmähte Verehrerinnen ihren weißen Ritter?

Damit haben sich die Verhältnisse geändert. Siegfried Kauder, der langjährige Single, hat keinen weiblichen Fanclub mehr im Kreisverband, der ihn oder seine Position "anhimmelt", wie seine Auserwählte sagt, die seiner Fürsorge sicher sein kann. "Ich werde ihr keinen Sack umhängen", verspricht er. Der ehemalige Fanclub schießt jetzt.

Eine steile These: Verschmähte Verehrerinnen meucheln den weißen Ritter? Undenkbar? Nicht für Siegfried Kauder. Er sei wohl mit einem Tunnelblick durch die Welt gelaufen, vermutet er und legt die Hände an den Kahlkopf, wie man es tut, wenn man Scheuklappen vorführen will. "Ich habe nie gemerkt, dass mich die Frauen angehimmelt haben", gibt er zu Protokoll und kommt zu einem neuen, bisher nie geäußerten Schluss: "Ich erkenne Eifersucht als Motiv für den Putsch."

Diesen Satz werden seine GegnerInnen als neuerlichen Beweis für seine "Krankheit" werten, die keine ist. Vielleicht ist es diesmal hormonelle Hybris? Er sei "kein anderer" geworden, versichert Kauder, er verhalte sich nur anders. Weniger freundlich. Das darf als Kampfansage betrachtet werden, die für die CDU gefährlich werden kann. Nicht nur wegen der verlorenen Stimmen, die sie bereits mit bis zu zehn Prozent einpreist. Auch wegen der Sumpfblasen, die noch aufsteigen werden. Kauders Blick in die ferne Zukunft wird sie da wenig trösten. "In meinem nächsten Leben werde ich schwul", sagt er und gibt es als Zitat frei. Das dürfte nach dem 22. September 2013 sein, und darüber lacht sogar der eiserne Siegfried.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!