Ganz schön viel Inhalt. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 255
Medien

Bleibt in Bewegung

Von Gastautor Volker Lösch
Datum: 17.02.2016
Das Geburtstagsbuch ist da! Wir finden, es ist schön geworden, und es hat uns bis zum Schluss in Bewegung gehalten: Schließlich mussten wir die Bände hoch in die Redaktion schleppen. Fünf Jahre Kontext wiegen schwer. Aber den Zuruf von Volker Lösch "Bleibt in Bewegung" setzen wir gerne auch sportlich um. Hier ist sein Vorwort zu lesen, als kleiner Appetizer auf das Jubiläumsbuch.

Die Mitte der Gesellschaft wandert merklich nach rechts. Dabei handelt es sich nicht um etwas Vorübergehendes. Die sich anbahnende Spaltung der Gesellschaft in Besorgte und Engagierte, in Ängstliche und Mutige, in Rechte und Linke spitzt sich zu und wird uns lange beschäftigen. Eine diffuse Angst, ein sich immer mächtiger ausbreitendes Lebensgefühl der Unsicherheit bei gleichzeitiger Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche greift um sich.

Das verführt einerseits dazu, sich auf die Seite der mit einfachen Antworten und Sündenbocktheorien ausgestatteten Welterklärer zu flüchten; es schafft andererseits aber ein Verlangen nach profunder, unabhängiger Analyse und Kritik der sich bedrohlich verändernden Gesellschaft.

Die ersehnte Orientierung sollen dabei das Internet und die Zeitungen bieten. Die größtenteils privatwirtschaftliche Presselandschaft hat sich aber in den letzten Jahren stark verändert. Die Konzentration der Meinungs- und Publikationshoheit auf einige wenige Verlagshäuser, die Zusammenlegung von Zeitungen, die schlechtere Bezahlung von JournalistInnen hat Folgen für das Berufsbild.

Immer mehr Hofberichterstatter der herrschenden Politik und Nachplapperer der Wirtschaftlobbyisten verarmen den politischen Diskurs. Deren schamlos agierender, parteiischer Journalismus schlägt sich unverhohlen auf die Seite der Neoliberalen und Marktgläubigen. Die zunehmende inhaltliche Uniformierung der Mainstreammedien erzeugt Meinungseinfalt statt Meinungsvielfalt.

Diese Praxis fordert ihr Gegenteil geradezu heraus: einen Journalismus, der mit einer Haltung zur Welt arbeitet, dabei radikal kritisch ist, konsequent mutig bleibt und immer unabhängig sein möchte; einen Journalismus, der da anfängt, wo die Berichterstattung des Mainstream aufhört.

Eine Haltung zur Welt zu haben setzt voraus, mit dem Bestehenden nicht einverstanden, auf der Seite der Schwachen und gegen jede Form der Ungerechtigkeit zu sein. Radikal kritisch sein kann man nur mit einer unvoreingenommenen Berichterstattung, die nicht oberflächlich an Themen herangeht und im Zweifel auch liebgewonnene Standpunkte über den Haufen wirft. Konsequent mutiger Journalismus positioniert sich gegen den Massengeschmack, der nur Symptome beschreibt. Er arbeitet an Grundsätzlichem und versucht immer wieder, mit seiner Themenauswahl unser System als Ganzes zu debattieren und in Frage zu stellen. Unabhängig sein bedeutet, sich die Freiheit zu bewahren und beim Schreiben keine Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen von Auftraggebern nehmen zu müssen.

2011 wurde die Kontext:Wochenzeitung gegründet. Und sie hat sofort und spürbar diesen Journalismus mit Haltung frei und kämpferisch vertreten. Damals war es ein aufregendes Experiment in bürgerbewegten Zeiten, Stuttgart war so etwas wie der politische Mittelpunkt der Republik. Heute, nach fünf Jahren, kann man ohne Vorbehalt sagen, dass das Projekt Kontext auch langfristig geglückt ist.

Beim Lesen der hier versammelten Artikel wird ein Prinzip sichtbar. Man erhält Informationen jenseits des medialen Mainstreams und wird gleichzeitig mit Gedanken und Fragen konfrontiert, die darüber hinausgehen. Dabei sind die Beiträge oft erfrischend unterhaltsam, nie besserwisserisch, sondern spürbar interessiert an den wirklichen Hintergründen. Kontext strahlt gedankliche Freiheit aus, inspiriert zum Weiterdenken und erzeugt dabei oft Lesevergnügen. Für mich als Zeitungs-Vielleser ist Kontext aus der bundesweiten Lese- und Debattierkultur nicht mehr wegzudenken.

Und Kontext ist mehr als eine kritische Informationsquelle. Diese Wochenzeitung ist unverzichtbarer Teil einer immer wichtiger werdenden Gegenöffentlichkeit. Die besorgte Bürgerdämmerung am abendländischen Horizont braucht in der Bevölkerung spür- und sichtbare Widerstände, die an einer demokratischen Utopie arbeiten – also auch einen Journalismus mit Charakter. Kontext hilft dabei, emanzipatorische Kräfte zu bündeln, die Seite der marktungläubigen Kritik zu stärken.

Denn die wichtigste Frage der Zukunft lautet vermutlich: "Demokratie oder Kapitalismus?" Wir werden uns entscheiden müssen, beides zusammen ist nicht mehr uneingeschränkt zu haben. Das ist eine beunruhigende Bestandsaufnahme, und nur unabhängige Medien wie Kontext, die sich dieser existenziellen Frage journalistisch widmen, werden immer wieder aufs Neue versuchen, so nah wie möglich an die Wahrheit heranzukommen. Nur so ist eine starke Demokratie zu verteidigen. Wenn es stimmt, dass jede Zeit den Journalismus bekommt, den sie verdient, dann stellt Kontext die ersehnte Ausnahme dar.

Ihr seid mir bereits so etwas wie eine geistige Heimat geworden, und deshalb wünsche ich mir für euch und uns alle: Bleibt so, wie ihr seid, bleibt in Bewegung!

 

Volker Lösch ist einer der streitbarsten Theaterregisseure der Republik. Das gilt auch für seine Zeit am Stuttgarter Staatstheater. "Kunst ohne Anbindung an das Draußen finde ich sinnlos", sagt er.

 

 

 


Das Buch "Kontext! Fünf Jahre couragierter Journalismus" ist ab kommenden Montag, 22. Februar, im Buchhandel erhältlich.


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4 Kommentare verfügbar

  • Barolo
    am 22.02.2016
    Guten Tag Herr Lösch,
    ich habe Sie schon einige Male live erlebt und schätze Ihre Wortgewalt, auch wenn sie gewollt und gekonnt überziehen.
    Wenn Sie sagen "Die Mitte der Gesellschaft wandert merklich nach rechts." so kann ich dem nicht zustimmen.
    Meine Wahrnehmung ist, daß alle etablierten Parteien heute linkere Positionen als früher einnehmen. Am deutlichsten fällt das an der CDU auf. Deswegen haben wir heute anscheinend soviel "Rechte". Das waren alle mal Positionen die von einer CDU/FDP abgedeckt wurde.
    Gleichzeitig machen alle Parteien wie die Wahnsinnigen beim neoliberalen Spiel mit und tun wirklich alles, um Bürgerinteressen zu ignorieren.
    Das war mit der Agenda 2010 so und setzt sich mit der Entmachtung der Gewerkschaften durch Nahles fort. Alle Beispiele der sogenannten Freihandelsabkommen sind negativ (ausser für die USA), aber Gabriel und Co kämpfen wie bekloppt, dieses Geheimabkommen durchzuboxen zum Schaden der Bürger.
    Selbst wenn hundertausende protestieren wird das ignoriert.
    Ja, die Orientierung ist nicht nur bei der privatwirtschaftlichen Presselandschaft schwer zu bekommen.
    Schaue man sich doch nur mal an was unsere GEZ Medien bieten am Beispiel Syrien/Russland http://forum.publikumskonferenz.de/viewtopic.php?f=44&t=1205&sid=42b867d25f6f9e2358c3ee71ef694570#p4346
    Das ist mehr als erbärmlich.
    Ja, auf der Seite der Schwachen zu stehen ist eine (gute) Sache, aber geltendes Recht zu brechen ist eben nicht Gerechtigkeit. Eine sich dafür selbst ermächtigende Kanzlerin tut dies aber vor den erstaunten Augen von ganz Europa. Und wenn die CDU dann sehr langsam vom Wahnsinn runterkommt und unter Wahlängsten die auch schon vor einem Jahr erkennbare Wahrheit widerwillig akzeptiert, dann kann z.B. die AfD sagen: "haben wir ja schon immer gesagt." Das ist aber nicht der AfD anzulasten sondern unseren irrationalen Politikern.

    Zum Schluss formuliere ich Ihr "Demokratie oder Kapitalismus?" etwas anders.
    Die heutige Partei-Demokratur führt in die Unfreiheit und in eine Diktatur der Grosskonzerne gegen den 1984 ein Gutenachtmärchen ist.
    Bürger, informiert Euch und empört Euch!
  • Heike Schiller
    am 18.02.2016
    Verrückt. Waghalsig! Radikal! Kritisch! Ihr seid mir ja welche. Hehe. Glückwunsch jedenfalls zum Jubiläum. Durchhaltewillen kann man, insbesondere ich, euch ja keinesfalls absprechen. Krieg ich jetzt ein Buch mit Widmung? Eure treue Leserin.
  • P.Linke
    am 17.02.2016
    Hallo,

    lese KOnTEX erst seit einigen Monaten u. Bin sehr
    zufrieden. Danke u. machtacht weiter so !

    Gruß

    P.L.
  • Peter Meisel
    am 17.02.2016
    Die diffuse Angst ist real begründet. Meiner Meinung nach haben wir das in anderer Form bereits 1929 ff erlebt. Ab 1934 führten solche Ängste zur Katastrophe. Geld ist nur ein Versprechen, einmal reale Güter dafür zu erhalten. Es artete aus in Gewalt, wie heute, gegen Schwache.
    Jetzt merken wir, das wir die Opfer unserer Gier sind. es heißt: Die Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche greift um sich. Unser Denken wird blockiert, Brot und Spiele lenken davon ab. "Wir sind selbstfinanzierende Exportweltmeister".
    Ja, unsere Blase wird platzen!

    Das System wurde mit der Geburtstagsfeier für den Deutsche Bank Chef Josef Ackermann öffentlich: DIE ZEIT berichtete: "Im April 2008 waren rund 30 Gäste im Kanzleramt zusammengekommen. Darunter waren Manager aus Dax-Konzernen, Mittelstandsbetrieben, Vertreter aus Kultur und von Medien (Friede Springer, BILD) sowie Wissenschaftler". Deutschland ein Geschenk an die Banken? Der Kampf Reich gegen Arm wurde in der ARD am Montag als "Die Story" beschrieben.. und die Kluft wird weiter wachsen.
    Kontext ist mehr als eine kritische Informationsquelle. Genau deshalb brauchen wir dringend KONTEXT für unserer Bürgerdämmerung und unsere Beteiligung am Ausgang unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Wir haben 2016 und 2017 die Wahl!
    Danke an Volker Lösch, der uns auffordert an der Bewegung teilzunehmen. Nur wer hinschaut, kann etwas sehen (KRABAT Stuttgarter Ballett)

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