Ausgabe 7
Kultur

Der andere Blick

Von Meinrad Heck
Datum: 18.05.2011
Wir werfen den Blick in eine Schatzkiste. Es muffelt in diesen Kartons. Nach Fotolabor, Fixiersalz. Die Archivare im Stuttgarter Haus der Geschichte behandeln diesen Schatz wie ein rohes Ei: das Lebenswerk des bald 78-jährigen Fotografen Rupert Leser.

Rupert Leser. Foto: Meinrad Heck

Fotografinnen und Fotografen, die bei der Kontext:Wochenzeitung publizieren, sind stets mit diesem etwas anderen Blick unterwegs. Etwa die jungen Township-Fotoreporter Südafrikas, die selbst zwischen Bretterbuden und Blechbaracken leben (müssen), und die wir unlängst als "Das Auge des Volkes" vorgestellt haben. Oder Jo Röttgers aus Stuttgart, der in einem freien Projekt seit Jahren "Gesichter der Arbeit" fotografiert und dabei Menschen porträtiert, auf die im Mainstream üblicherweise kaum ein Blick fällt.

Aber auch Uli Reinhardt, Mitbegründer der Agentur Zeitenspiegel, der rund um den Globus "Die Würde des Menschen" sucht und sie selbst unter den entsetzlichsten Bedingungen noch sieht und findet. Und jetzt Rupert Leser, "Das Auge Oberschwabens" oder auch 35 Reporterjahre lang dessen soziales Gewissen. Journalisten, sagt er, "dürfen nichts inszenieren". Nur so bleibt das, was sie entdecken, sehen und mit der Kamera aufschreiben, authentisch.

Rupert Leser verkörpert die klassische Lehre der Fotoreportage. Ihm genügt als Lichtquelle auch eine Kerze. Mit einem Blitz oder am Ende mit voluminöser Studiotechnik einzugreifen,  aufzuhellen, aufzufrischen, nachzuhelfen verfälscht demnach schon die Wirklichkeit. Auch in Zeiten digitaler Fotokunst und ihrer schier unendlichen (Manipulations-)Möglichkeiten braucht die Reportage-Fotografie nicht neu erfunden werden. Rupert Leser hat in jungen Jahren die Bücher und Magazine der alten Meister studiert. Also halten wir es mit diesen Altmeistern des Fotojournalismus. Henri Cartier Bresson, nach dem Zweiten Weltkrieg Mitbegründer der legendären Agentur Magnum und kein Freund großer Worte, brachte es auf einen sehr einfachen Nenner: "Die Fotografie ist ein Handwerk. Viele wollen daraus eine Kunst machen, aber wir sind einfach Handwerker, die ihre Arbeit gut machen müssen." Und Bresson sagt in den wenigen von ihm überlieferten Sätzen, Fotografie sei "eine Art zu schreien, sich zu befreien, und es ist eine Art zu leben". Also leben wir.


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