Istanbul! Wahnsinn
Jetzt bin ich persönlich keiner, der das Badnerlied in ewige Hitparaden wählen würde. Aber trotzdem: riesengroße Freiburg-Gönnung meinerseits. Wie der Julian Schuster und seine Mannschaft mitten in der Kurve feiern – noch eine Stunde nach dem Spiel. Hach! Da kann es dir schon nostalgisch werden um deinen inneren Mittelkreis. Zum Beispiel, wenn du liest, dass dereinst im Jahr 1972 überhaupt keiner Lust hat, Präsi dieses putzigen Vereins zu werden. Also wählen sie einen, der sich nicht wehren kann, weil er gar nicht anwesend war: einen gewissen Achim Stocker. Mit dem geht das Märchen los, sonst fehlt der schönste Teil.
Jetzt stell dir einen typischen Finanzbeamten aus den 1970ern vor. Am besten in schwarz-weiß. Oder mausgrau. So einer war der Stocker. Keiner, der auf seiner Glatze Locken dreht. Dafür dreht er jeden Pfennig zweimal um. Oder viermal. L'État, c'est moi – aber Etat in seiner deutschen Bedeutung, also Finanzplan. Immer schön auf der Habenseite leben. Die Mini-Geschäftsstelle schmeißt der Präsi selbst. Jahrelang hilft ihm nur ein Rentner. Reicht ja auch. Später, als der Sport-Club in die Zweite Liga Süd aufsteigt, steckt der Präsi alles in die Mannschaft, was er kriegen kann. Faxgerät? Können wir uns sparen. Stehtribüne fürs Dreisamstadion? Machen wir in Eigenleistung. Scouting? Mach ich selbst. So einer war das. Hoppla! Der Platz hat Gefälle und ist ein paar Meter zu kurz? Egal. Holen wir uns eine Sondergenehmigung.
Wobei Stocker zusätzlich das Glück hat, dass sich der angestammte Traditionsverein Freiburger FC genau zu dieser Zeit selbst zerlegt. Damals wechseln viele vom FFC zum SCF. Manche früher, andere später. Das Dreisamstadion wird immer voller, nur der Stocker bleibt bald zu Hause. Schwaches Herz. Und weil er das schont, geht er während der Spiele entweder am Kaiserstuhl spazieren oder starrt im Wohnzimmersessel auf Teletext, Tafel 221. Nicht, dass du denkst, das wären Anekdoten aus der Mottenkiste. Ich komm gleich nochmal darauf zurück.
"Freiburg wird nie eine Fußballstadt." Das stammt jetzt nicht vom Hoeneß-Papa, sondern vom Stocker selbst. So kann man sich täuschen. Alles richtig gemacht hat er jedoch, als er diesen Oberlehrer mit dem Brilli im Ohr holte. Volker Finke. Da hat wirklich alles gepasst: der Fußball, die Ergebnisse – und das Klischee auch. Null Bruchstelle, wenn ein Oberlehrer mit komischen Methoden in eine Fahrradstadt mit lauter Studis kommt. Da waren die Sonnenkollektoren aber fix auf dem Stadiondach. Auf dem Platz gilt die Devise: Konzeptfußball statt Heldenfußball. Sprich: Abwehrkette statt Libero. Stürmer, die verteidigen. Überzahl in Ballnähe. So neumodisches Zeug halt. Super zum Anschauen und offensiv sowieso. Aus der Epoche stammt das Gerede von den Breisgau-Brasilianern. Noch so ein Klischee, das sich bis heute hält. Dabei waren schon damals mehr Georgier im Südschwarzwald als im gesamten Kaukasus.
Wenn du heute den Klischee-Check machst, stimmt nur eines: das Ding mit dem Fahrrad. In keinem deutschen Stadion kommen mehr Zuschauer mit dem Rad. Rund 6.000 pro Spiel, so protokolliert es Jobrad, der Hauptsponsor. Bei allen anderen SCF-Erzählungen ist Vorsicht geboten. Offensivfußball? Die angeblichen Brasilianer sind halt auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Die Datenerfassung dieser Spielzeit weist nach: Der SC unter Trainer Schuster ist beim Verhindern von Chancen stärker als beim Erzeugen. Offensives Pressing im ersten Angriffsdrittel ist auch keine ausgemachte SC-Spezialität. Die Mannschaft steht überwiegend tief hinten drin. Inzwischen eher eine moderne Form von Catenaccio, zu Deutsch Mauerfußball.
Das Märchen vom kleinen Verein
Es gibt eine weitere Geschichte, geboren zu Stockers Zeiten, die aber schon lange überholt ist. Das ganze Getue vom kleinen Außenseiterclub mit seinem begrenzten südbadischen Umfeld. Aber diese Selbstverzwergung kriegst du aus dem Verein nicht raus. Weil sie es selbst gern erzählen. Reflexartig kommt das, natürlich auch nach dem Sieg gegen Braga. Vermutlich sitzt das aus zweierlei Gründen so tief. Erstens, damit die Erwartungen hübsch am Boden bleiben. Zweitens ist es intern praktisch, weil gut für den Spirit. Wenn du es weniger gut mit dem mittelständischen Freiburger Fußballbetrieb meinst, könnest du vermuten, die Chefs wollen den Angestellten damit sagen, dass sie bitteschön weiterhin ihre Überstunden machen sollen. Das sei halt in einem kleinen Verein so, damit man mithalten kann im Konzert der Großen. Anders ausgedrückt: Der Geist vom alten Stocker steckt immer noch drin.
Was die Freiburger wirklich besser machen als alle anderen ist das Riesending mit dem Nachwuchs. Da hat die gesamte Bundesliga gestaunt, als der SC richtig Geld in die Hand genommen hat. 2001 haben sie die Freiburger Fußballschule eröffnet. Heute nennt man es Nachwuchsleistungszentrum (NLZ). Übrigens im alten Möslestadion gebaut, was den alten Fahrensmännern vom FC heute noch weh tut. Das hat auch in der Bundesliga ein paar Jahre gedauert, bis die anderen Vereine begriffen haben, wie gut das funktioniert. Und jetzt pass auf! Die meisten haben es immer noch nicht begriffen. Wetten, du wirst keinen Bundesligisten finden, der so viele Spieler aufs Feld schickt, die er selbst ausgebildet hat?
Nehmen wir nur die Mannschaft vom Donnerstag gegen Braga. Drei astreine NLZ-Absolventen stehen in der Startelf (Atubolo, Treu, Ginter). Zwei weitere zählen in dieser Saison zur Stammformation (Günter, Rosenfelder). Und dann stehen in der Aufstellung gegen Braga noch drei weitere, die der SC in sehr jungen Jahren nach Freiburg geholt hatte (Höfler, Manzambi, Kübler). Eine so starke Selbstausbildungsquote gibt's innerhalb der Bundesliga nur in Freiburg. Was nicht nur mit dem NLZ zu tun hat, sondern vor allem mit dem Übergang in den Profikader. Du darfst halt den Jungen nicht nur eine Chance geben, sondern mehrere. Und du musst dann an ihnen festhalten, selbst wenn es weniger gut läuft. Erst wenn du das schaffst, bekommst du organisches Wachstum. Nachhaltigkeit schwaches Wort.
Noch was gehört dazu: Du darfst den Trainer nicht ins Achtung stellen, wenn er junge Spieler einsetzt. Ich geb‘ ja zu: Wenn ich als Trainer drei Spiele verlieren sollte, weil meine Jungs auf dem Platz einen Vorsprung verschusselt haben, würde ich im nächsten Spiel die alten Haudegen zurückholen. Bevor es mich den Job kostet. So geht's in jedem anderen Verein. Womit wir bei den Trainern sind. Die Freiburger Cheftrainer der letzten 35 Jahre kannst du an einer Hand abzählen: Finke, Dutt, Sorg, Streich, Schuster – genau fünf! Nach keinem der vier Abstiegen wechselt der Trainer. Nur zum Vergleich: HSV-Trainer im vergleichbaren Zeitraum: 37. VfB-Trainer im selben Zeitraum: 40.
Das Märchen der anderen
Auf was du dich bei diesen anderen Vereinen verlassen kannst: Wenn wieder das Geld knapp wird und sie auf die Jugend setzen, weil sie es müssen, kommt mindestens einer daher und salbadert davon, dass man sich künftig an Freiburg ein Vorbild nehmen wolle. Wenn du sowas hörst: Vergiss es. Geht mit Ansage schief. Kaum setzt es ein paar Niederlagen, wird alles wieder umgeschmissen. Weil dann ist der Trainer schuld. Vom Freiburger Modell keine Rede mehr. Das ist der Moment, in dem das Märchen vom kleinen Freiburg die Seite wechselt. Dann tun die anderen so, als ginge es in Freiburg easy-peasy zu. Als wäre dort verlieren nicht so dolle schlimm wie anderswo. Von wegen. Der Sport-Club jedenfalls ist ein brettharter Leistungssportbetrieb. Da wird gerackert, gepumpt und wer durchs Raster fällt, wird knallhart ausgesiebt.
Das Freiburger Modell hat nämlich nichts mit Standort zu tun, sondern mit Standhaftigkeit. Robin Dutt hat mal gesagt: "Wenn andere Klubs lobend über Freiburg sprechen, dann wollen sie das Freiburger Ergebnis. Sie wollen aber nicht den Weg gehen, um dorthin zu gelangen." Ende des Monats führt dieser Freiburger Weg finalerweise nach Istanbul. Zum Endspiel gegen Aston Villa, eine richtig große Hausnummer in der englischen Premier League. Zum ersten Mal seit vielen Jahren muss sich Freiburg nicht künstlich kleinreden. Natürlich schau ich mir das an. Volle Daumendrückung. Und wenn der Anpfiff ertönt, schau ich hoch in den Fußballhimmel. Da sehe ich dann einen ehemaligen Finanzbeamten auf seiner Wolke hocken, wie er auf die Ziffern des göttlichen Teletextes starrt. Tafel 221. Hach!
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