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Abriss des Wittwer-Hauses in Stuttgart

Es wird uns noch leidtun

Abriss des Wittwer-Hauses in Stuttgart: Es wird uns noch leidtun
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Erneut ist ein prominentes Gebäude vom Abriss-Alltag betroffen. Im Zentrum Stuttgarts soll das Haus der Buchhandlung Wittwer zerstört werden. Es ist nicht nur Zeugnis einer Bauepoche, sondern auch einer jungen Demokratie im Aufbruch.

Zunächst sah es noch ganz gut aus. Im September 2025 vermeldete Thalia, dass "die bisherige Fläche umfassend saniert werden muss". Diese "bisherige Fläche", von der die Rede ist, ist die in einem Haus in prominentester Stuttgarter Lage: in der Königstraße, neben dem städtischen Kunstmuseum, am Schlossplatz. Das Gebäude, 1968 bis 1970 nach dem Entwurf von Hans Kammerer und Walter Belz errichtet, entstand in Zusammenarbeit mit Max Bächer und gehörte zum Ensemble des Kleinen Schlossplatzes, das Anfang der Nullerjahre durch den Neubau des Kunstmuseums transformiert wurde. Der Bau von Kammerer, Belz und Bächer entstand im Auftrag der Landesgirokasse und einem der immer noch bekanntesten Stuttgarter Familienunternehmen: der Verlagsbuchhandlung Wittwer. Sie eröffnete 1970 auf drei Etagen und 700 Quadratmetern die damals größte Buchhandlung der Republik. Fast alle Stuttgarter:innen kannten "den Wittwer" – entsprechend ist das Gebäude bis heute mit diesem Namen verbunden, auch wenn seit 2018 Thalia hier Bücher verkauft. Noch.

Denn im März wurde öffentlich, dass es nichts wird mit der Sanierung. Das Wittwer-Haus soll abgerissen werden, seine markante Sichtbetonfassade soll verschwinden. Das Gebäude ist heute im Besitz der Dinkelacker AG und soll so viele Mängel haben, dass eine Sanierung sowohl aus technischen als auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht in Frage komme. Geschützt ist das Haus nicht: "Insgesamt kommt das Landesamt für Denkmalpflege zu dem Schluss, dass der dokumentarische und exemplarische Wert des Gebäudes als Geschäftshaus der Zeit des Brutalismus durch die Menge und Stärke der Überformungen so stark geschmälert ist, dass eine Kulturdenkmaleigenschaft nicht begründet werden kann", zitiert die Stuttgarter Zeitung das Amt. In Aussicht gestellt wird lediglich, dass Untergeschosse und Teile des Erdgeschosses erhalten werden sollen. Dass es für einen Neubau einen Architekturwettbewerb geben soll – ein eher schwacher Trost.

Man könnte nun eine Diskussion darüber beginnen, ob diese Begründung eigentlich in Zeiten, in denen der Erhalt eine Maxime ist und damit die Notwendigkeit, Bauten auch immer wieder neu anpassen zu können, Teil eines Denkmalschutzbegriffs sein müsste. Ob es also zum Denkmalschutz gehören könnte oder sollte, unverwechselbare Teile zu schützen und mehr als bisher in anderen Bereichen Freiräume der Aneignung zu öffnen.

Immer noch, so könnte man argumentieren, ist die unverwechselbare Erscheinung des Baus besonders – seine sorgfältig abgewogene Mischung aus horizontaler Schichtung und vertikalen Komponenten, seine Komposition aus verschiedenen Volumen, den über dem Erdgeschoss versetzten und mit großen Betonträgern aufgesetzten Obergeschossen, seine bis ins Detail ausgearbeitete Skulpturalität der Sichtbetonelemente. Wäre es möglich, Denkmalschutz und Offenheit für Änderungen anders zu kombinieren, dann könnte auch das Haus von Rolf Gutbrod am Kleinen Schlossplatz in direkter Nachbarschaft unter Denkmalschutz stehen, wo ebenfalls beim späteren Umbau stark in die Substanz eingegriffen wurde.

"Rein ökonomische Zwecklogik"

Beim Wittwer-Haus ist der Abriss für 2028 angepeilt, bis Ende 2027 soll es leergezogen sein. Ihm wird auch zur Last gelegt, dass die innere Organisation in Split-Level-Geschossen, die als Teil der Vermittlung zwischen der Königstraße und dem erhöhten Kleinen Schlossplatz zum architektonischen Konzept gehören, eine Vermarktung erschwere. Dabei ist die Split-Level-Konzeption keine willkürliche gestalterische Marotte. Die äußere Promenade auf den erhöhten Platz, der der damaligen Neuordnung der Verkehrsinfrastruktur eine stadträumliche Gestalt gegeben hatte, und die innere durch das Gebäude gehören zusammen, sie wird heute ergänzt durch ein Café in den Räumen der Buchhandlung, das sich zum Kleinen Schlossplatz öffnet.

Fast unisono sprechen sich Architektinnen und Architekten für den Erhalt aus. Ob Stefan Behnisch, Florian Kaiser (Atelier Kaiser Shen) oder die Stadtplanerin Martina Baum, ob Martin Haas (haascookzemmrich) oder Stefanie Weidner (Werner Sobek AG). Sascha Bauer (studio cross scale) verweist auf die damalige Aufbruchsstimmung und die Demokratisierung des öffentlichen Raums. Parallel dazu ist kürzlich die Website "Wittwer ist nicht fertig" online gegangen, die "Stimmen, Materialien und Initiativen gegen den Abriss" sammelt. Und die Stuttgarter Gemeinderatsfraktion Linke SÖS Plus hat einen Antrag eingereicht, mit dem sie die Verwaltung beauftragen will, die Pläne für den Neubau zu prüfen, da dieser die Baugrenze überschreite.

In den Stimmen, die sich nun gegen den Abriss erheben, mischen sich also viele Sichtweisen und Argumente. Wieder wird graue Energie vernichtet, wieder wird versäumt, diese Energie auch als kulturell aufgeladene, goldene Energie zu verstehen. Daneben tritt auch noch die städtebauliche Komponente – mit den Fragen danach, wie der Konsumschlauch Königstraße in deren Querrichtung besser an sein Umfeld angebunden und dabei auch die Gebäude als Potenzial mit einbeziehen könnte. Insofern wirkt es etwas befremdlich, wenn dem Gebäude vom städtischen Baubürgermeister Peter Pätzold vorgeworfen wird, es gebe "städtebaulich mangelhafte Bereiche wie der Anschluss an die Freitreppe des Kunstmuseums" – ist es doch gerade dieses Kunstmuseum, das (2005 eröffnet) selbst für dieses Defizit verantwortlich zu machen ist. Es wurde nicht nur später gebaut, sondern kehrt dem Kleinen Schlossplatz auch demonstrativ die Rückseite zu.

Die lokalen Repräsentanten des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) Jan Theissen und Tobias Bochmann schließlich gehen dann auf die wahrscheinlich entscheidende Komponente ein: die "rein ökonomische Zwecklogik eines Immobilienwirtschaftsfunktionalismus". Tatsächlich wurden in der Königstraße und den sie angrenzenden Straßen in den letzten Jahrzehnten einige Gebäude abgerissen; dass Thalia nun in einen Neubau ziehen wird, dem ein Kaufhaus weichen musste, ist deswegen eine wenig überraschende Pointe: Bis heute ist es nicht gelungen, ökologische, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Kriterien aneinander zu koppeln – in den wirtschaftlichen Modellen und Systemen spielen Ressourcenabbau und deren ökologische Folgen keine Rolle.

In dieser Gemengelage kann der Denkmalschutz kaum alleine dafür verantwortlich gemacht werden, sollte sich der Abriss nicht vermeiden lassen. Auf der einen Seite fehlt es an Konzepten, wie Gemeinwohl und Wirtschaft im Bereich der Immobilienentwicklung besser aufeinander abgestimmt werden können, wie Rendite-Orientierung und kulturelle Werte gemeinsam verhandelt anstatt gegeneinander ausgespielt werden können. Auf der anderen Seite muss es zu einer weit über den Denkmalschutz hinausgehenden Praxis werden, Gebäude zu erhalten und sie neu zu nutzen. Dies müsste ein gesellschaftlicher Prozess sein, in den die Vertretungen der Immobilienwirtschaft ebenso wie die kultureller Träger und der Bewohnerschaft eingebunden werden sollten – gesucht ist eine "Antwort auf die großen Defizite städtebaulicher Praxis, die insbesondere den parzellen- und grenzüberschreitenden, funktionalräumlichen Maßstab, aber auch die Beziehung von Menschen zu ihrem unmittelbaren baulichen Umfeld zu wenig berücksichtigt".

Zeugnisse der Demokratisierung verschwinden

Fälle wie den drohenden Abriss des Wittwer können (nicht nur in Stuttgart) in Zukunft erst verhindert werden, wenn es Teil einer städtischen, städtebaulichen Strategie ist, beweglicher auf Entwicklungen reagieren zu können und nicht erst dann, wenn Besitzende Entscheidungen verkünden. Keine einfache Aufgabe, das steht außer Frage – aber sie wird nicht leichter, wenn sie nicht angegangen wird. Ein Gebäude wie der Wittwer könnte ja auch dann erhalten werden, wenn es gelänge, Nutzungen wandern zu lassen und nicht Materialien, wie es im Forschungsprojekt "obsolete Stadt" angeregt wird. Konkret könnte sich hier ein Fenster dadurch öffnen, dass die Stadt nun nicht mehr den etwa fünfhundert Meter entfernten ehemaligen Kaufhaus Horten zum Haus der Kulturen umwidmen will. Voraussichtlich wird nun hier ein Verwaltungsbau der Stadt entstehen mit kulturellen Nutzungen und Proberäumen in den Untergeschossen; die Entscheidung steht im Mai an. Warum nicht darüber nachdenken, dieses Projekt an zwei Standorten zu entwickeln, ihm im Wittwer ein Forum zu geben, ergänzt durch eine Infostelle, die auf die Kulturnutzungen im ehemaligen Horten aufmerksam macht, aber auch, wo sich Kultur in der Stadt an anderen Orten finden lässt – vielleicht auch in Häusern, deren zukünftige Nutzung noch nicht feststeht, obwohl die alte aufgegeben wurde. Wird es nicht Zeit, den öffentlichen Raum wieder als demokratischen Raum zu stärken, zu signalisieren, dass wirtschaftliche und nichtkommerzielle Nutzungen in eine angemessene Balance gebracht werden müssen?

Eines darf ja auch nicht vergessen werden: Dass neben prominenten Beispielen auch andere Gebäude verschwinden – die vor Ort aber auch eine große Bedeutung haben, in der Öffentlichkeit aber weniger die große Bühne bekommen. Ein Beispiel aus dem Großraum Stuttgart ist das Hallenbad von Sindelfingen, das nach jahrelangen Diskussionen nun abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden soll. Die Holzschalenkonstruktion des 1976 eröffneten Bades galt als das größte freitragende Holzdach einer Halle in Europa; Friedrich Tober aus Sindelfingen hatte 1970 den Wettbewerb gewonnen. Die Sanierung käme Sindelfingen teurer als der Neubau, heißt es – aber wie der Neubau finanziert werden soll, steht offensichtlich noch nicht fest. 

Verschwinden wird unter den Vorzeichen einer solchen Sichtweise aber auch ein Beispiel für eine Architektur, die die Aufbruchsstimmung der Olympischen Spiele von 1972 auch in weniger prominenten Beispielen in den Alltag der Menschen brachte. Auch dieses Bad ist gestalterisches Zeugnis einer Demokratisierung, einer, die den Besuch von Schwimmbädern für alle erschwinglich gemacht hat und wie Bibliotheken oder Museen zu Orten eines gesellschaftlichen Einverständnisses machte, dass Lebensqualität wie Bildung keine Frage des Geldbeutels sein darf. Aufgegeben wird auch ein Gebäude mit einer außergewöhnlichen Konstruktion aus zwei hyperbolischen Paraboloid-Schalen und Fischbauch ähnlichen Randträgern, die als vorgefertigte Elemente mit Überlänge und -breite über Bundesstraßen und Autobahnen transportiert wurden. Solche Bauten aufzugeben, ist angesichts einer unter Druck stehenden Demokratie ein mehr als bedenkliches Zeichen.


Christian Holls Beitrag ist zuerst im Onlinemagazin "Marlowes" erschienen und wurde für Kontext aktualisiert. 

Am 19. Juni organisiert der BDA eine Informationsveranstaltung zum geplanten Abriss auf dem Kleinen Schlossplatz, mehr dazu hier.

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