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Recherche gegen Rechts – AfD und Waffen

Udo und die Rehkitze

Recherche gegen Rechts – AfD und Waffen: Udo und die Rehkitze
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Von der Psychiatrie ins Parlament: Der AfD-Politiker Udo Stein kandidiert am 8. März bei der Landtagswahl Baden-Württemberg. Steins politisches Kernthema: die Jagd. Doch seine Initiative zur Rehkitzrettung wirft Fragen auf.

"Meine Damen und Herr'n, mein Name ist Udo Stein", grüßt der AfD-Politiker mit sanfter Stimme. Im Hintergrund ruhiges Klavierspiel. In seinem Wahlkampfvideo spricht der 42-Jährige aus dem Wahlkreis Schwäbisch Hall, der seit 2016 im Stuttgarter Landtag sitzt, über seine Tugenden. Über "Haltung und Rückgrat", "Loyalität und Überzeugung". Bei der Landtagswahl am 8. März will Stein wieder in den Landtag einziehen. Markus Frohnmaier, AfD-Spitzenkandidat im Ländle, unterstützt die Kandidatur. "Du hast gute Arbeit geleistet", lobt er im Video. "Ich drücke dir die Daumen!"

Dass Stein antritt, ist erstaunlich. Denn 2023 sorgte der AfD-Mann für bundesweite Schlagzeilen. Er soll mehrere Polizist:innen attackiert und massiv bedroht haben. Die Worte "Ich bring euch um" sollen gefallen sein. Zunächst stellte die Polizei eine "Schreckschusswaffe mit Gaskartusche" sicher. Wenig später wurde Steins Privatwohnung durchsucht, um die zahlreichen Schusswaffen des erfahrenen Jägers zu beschlagnahmen.

Doch im Tresor fehlten Waffen. Damals gab Steins Anwalt dem Zeitungsverlag Waiblingen preis, sein Mandant habe eine Schusswaffe im Wald verloren. Angeblich soll die Waffe bis heute verschwunden sein. Als die Polizei in Steins Landtagsbüro auch noch einen Rucksack mit Messer und Munition entdeckte, war Stein in der Psychiatrie. Erst nach einigen Wochen durfte er die Klinik verlassen.

"Persönliche Eignung"

Rund ein Jahr später gab die Staatsanwaltschaft Stuttgart bekannt, sie habe ihre Ermittlungen gegen den AfD-Politiker "mangels hinreichenden Tatverdachts" eingestellt. Die Erste Staatsanwältin erklärt Kontext: "Es kann nicht sicher ausgeschlossen werden, dass der Beschuldigte zum Zeitpunkt der ihm zur Last gelegten Taten schuldunfähig war."

Darf Stein – trotz seines Aufenthaltes in der Psychiatrie – heute noch Waffen besitzen und auf die Jagd gehen? Er teilt Kontext mit, unserer Zeitung "aufgrund der fehlenden journalistischen Neutralität" keine Fragen beantworten zu wollen. Das Landratsamt und die Kreisjägervereinigung Schwäbisch Hall dürfen aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskünfte erteilen.

Stein ist Pächter im Jagdrevier Bühlertann. Gepachtet hat er den "Jagdbogen Nr. III". Die Pacht hat 2023 begonnen und dauert sechs Jahre. Das ist auf der Internetseite der Gemeinde Bühlertann zu lesen. Der Bürgermeister hat die Aktualität der Daten bestätigt. Wer pachtet, benötigt einen Jagdschein und ist für die Hege und Jagd im Revier verantwortlich.

Kontext hat mit Personen aus Steins Umfeld gesprochen. Kaum jemand will über den Fall reden. Einzelne berichten, er habe aktuell keine Waffen, aber bemühe sich um die beschlagnahmten. Entscheidend dürfte für den AfD-Mann die Frage der "persönlichen Eignung" (§6 Waffengesetz) sein. Denn Personen, die psychisch erkrankt sind, besitzen keine Eignung, eine Waffe zu führen.

Bambicopter und junge Kitze

Steins politisches Kernthema im Landtag ist die Jagd. Er ist jagdpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion und stellt Kleine Anfragen etwa zur "Gefahr durch den Wolf" oder zu "Verzögerungen bei Jagdscheinverlängerungen". Erst vor Kurzem sprach er im Parlament über das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz.

Auch in seinem Wahlkampfvideo rückt der AfD-Politiker sein Kernthema in den Fokus: Mit Trachtenjanker spaziert er durch Wald und Wiese, macht Halt an einer Jagdhütte, stemmt die Hände in die Hüfte und lässt den Blick in die Natur schweifen. Dazwischen werden Aufnahmen eingeblendet, die Stein mit einem Rehkitz in seinen Händen zeigen. Im Video schwärmt er: "Als ausgewiesener Natur- und Umweltfreund ist die Rehkitzrettung für mich eine Herzensangelegenheit." Vor der "ersten Mahd", dem ersten Mähen im Frühjahr, werden Kitze eingesammelt, die im hohen Gras sitzen, damit sie nicht verletzt werden. Immer häufiger werden Drohnen eingesetzt, um die Kitze per Wärmebildkamera aufzuspüren.

Mitte 2018 hat Udo Stein die Rehkitzrettung als politisches Thema für sich entdeckt. Es betrifft Jäger:innen und Landwirt:innen gleichermaßen, eine Klientel, der sich die AfD bereits seit Längerem widmet. Aber das Thema spricht deutlich mehr Menschen an, denn mal ehrlich: Wer findet so ein Rehkitzchen nicht süß?

Erstmals berichtete Stein am 22. Mai 2018 auf seiner Facebook-Seite, einen Drohneneinsatz begleitet zu haben. Am 7. Juli beantragte er im Landtag, die Anschaffung sogenannter "Bambicopter" finanziell zu unterstützen. Die Parlamentsmehrheit lehnte den Antrag ab. Daher beschloss er mit seinem AfD-Fraktionskollegen Rainer Balzer aus dem Wahlkreis Bruchsal, eine Initiative zur Rehkitzrettung ins Leben zu rufen.

Die Facebook-Seite "Rehkitzrettung e.V." ging 2019 online. Im Frühjahr erschienen die ersten Beiträge. Am 24. Mai hieß es: "Mit Drohne und Herz! Wenn Sie sich an dem Projekt beteiligen möchten, hilft Ihre Spende." Dann folgte Steins private Handynummer und eine IBAN. Kontext hat den Inhaber des Kontos recherchiert: Es ist Balzers Privatkonto bei der Sparkasse Kraichgau.

Gründung und Spenden

2019 soll – neben der Facebook-Seite – auch ein Verein gegründet worden sein. In einer Ausgabe seiner Zeitschrift "Meine Arbeit im Landtag" (2020) titelte Stein: "Rehkitzrettung e.V. erfolgreich gegründet!" Der Verein habe das Ziel, "Spenden zu sammeln, um mit diesen Geldern die notwendigen Flug-Drohnen anzuschaffen". Die erste Drohne sei bereits gekauft.

Wer einen "eingetragenen Verein" ("e.V.") in Deutschland gründen will, muss eine Gründungsversammlung mit sieben Mitgliedern abhalten. Bei der Gründung ist eine Satzung zu beschließen und ein Vorstand zu wählen. Ein Notariat muss die Unterlagen beglaubigen. Dann trägt das Amtsgericht den Verein – nach erfolgreicher Prüfung der Unterlagen – ins Vereinsregister ein. Fortan ist der Verein rechtsfähig, aber auch rechenschaftspflichtig. Das betrifft insbesondere den Umgang mit Spendengeldern. In einer jährlichen Hauptversammlung muss ein Kassenbericht samt Prüfung vorgelegt werden.

Kontext will Näheres über die Aktivitäten des Vereins erfahren. Das Problem: Im Netz kursieren mehrere Bezeichnungen. Mal "Rehkitzrettung", mal "Mit Drohne & Herz". Im "Volkshandbuch" (2022) gibt Stein an, "Vorsitzender des Rehkitzrettungsvereins e.V." zu sein. Da Stein eine Auskunft nach Registernummer und Satzung verweigert, fragt Kontext seinen Fraktionskollegen Balzer an. "Der Verein heißt Rehkitzrettung e.V.", teilt er mit. "Bezüglich der Satzung wenden Sie sich bitte an den Herrn Abgeordneten Udo Stein." Auf den Hinweis, Stein wolle keine Auskunft geben, reagiert Balzer prompt: "Wenn Ihnen der Herr Vorsitzende Stein keine weiteren Unterlagen zukommen lassen möchte, dann kann ich das von meiner Stelle leider auch nicht tun." Er fügt hinzu: "Bezüglich eines möglichen Verdachtes, dass die Rehkitzrettung kein eingetragener Verein ist, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, das ist der Fall." Aber: Die Registernummer nennt er nicht.

Kontext sucht im Online-Register nach dem Verein. Hier sind alle Vereine, die bestehen und bestanden haben, gelistet. Das Ergebnis: in allen Namensvarianten kein Treffer. Daher fragt Kontext die Amtsgerichte in Freiburg, Mannheim, Stuttgart und Ulm an. Diese vier Gerichte kümmern sich zentral um die Registersachen in Baden-Württemberg. Das Ergebnis auch hier: kein Treffer.

Der Verein – ein Phantom?

Kontext bittet den Landesjagdverband Baden-Württemberg um Auskunft. Der Hauptgeschäftsführer René Greiner weist auf eine "landesweite Übersicht" der Kitzrettungsvereine hin. In der Tat: Beim Projekt "Kitzrettung-Hilfe" ist unter "Schwäbisch Hall" ein "Verein zur Rehkitzrettung e.V." gelistet – allerdings mit einem Link zur Facebook-Seite der Kreisjägervereinigung Leonberg.

Kontext erkundigt sich bei der Kreisjägervereinigung Schwäbisch Hall. Der Vorsitzende Timo Rieger teilt mit, Stein habe sich "in den letzten Jahren mit eigenen Drohnen in der Kitzrettung engagiert", das sei aber bereits eine Weile her. Und weiter: "Ob er dazu einen eingetragenen Verein gegründet hat, ist mir nicht bekannt."

Ähnliches berichten Ingo Nitsch, der "Kitzrettungsbeauftragte" jener Kreisjägervereinigung, und alle, die Kontext angefragt hat, um herauszufinden, ob Udo Stein der Vorsitzende eines eingetragenen Vereins zur Rehkitzrettung ist, der um Spenden geworben und Gelder eingesammelt hat. Offenbar scheint der Verein ein Phantom zu sein.
 

Karikatur: Oliver Stenzel

Dank einer Vielzahl von Spenden konnte Kontext das Projekt "Recherche gegen Rechts" ins Leben rufen. Seit Ausgabe 762 und bis ins Frühjahr 2026 werden im Wochentakt Veröffentlichungen erfolgen, die rechtsextremen Strukturen nachgehen, mit einem Schwerpunkt auf Baden-Württemberg. Alle bisherigen Veröffentlichungen der Serie finden Sie hier

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