KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Ausgabe 66
Gesellschaft

Gnadenlose Bank

Von Roland Reck (Text und Fotos)
Datum: 04.07.2012
Ende April lässt die Volksbank Altshausen Josef und Irmgard Nussers Bauernhof zwangsräumen. Die Geschwister Nusser sind beide über 70 Jahre alt. Durch das gnadenlose Vorgehen der Bank verlieren sie nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre Menschenwürde.

Ausgesperrt. Die Geschwister Nusser vor der eigenen Haustür. Es gibt Geschichten, die muss man vom Ende her erzählen, weil es mehr als einen Anfang gibt und die Anfänge alle schwer zu finden sind. Weil sie im Rätselhaften beginnen und sich verschlingen, Knoten bilden, krankhaft wirken, vielleicht auch sind, ungerecht erscheinen, vielleicht auch sind, aber irgendwann zu einem Ende kommen, das in der Gegenwart liegt und Anstoß erregt. Ein Ende, aber noch nicht das Ende.

Ein Ende fand am 19. April statt. Josef Nusser ist Bauer. Und im Frühjahr gilt es zu arbeiten. Josef Nusser mästet Bullen, die brauchen ordentlich was zu fressen. Also ist der Landwirtschaftsmeister an diesem Nachmittag auf dem Acker. Der 75-Jährige treibt rund 35 Hektar um. Bis 2008 waren es noch 25 Hektar mehr. Eigenes Land. Das sei ihm vor vier Jahren kurz vor der Ernte "geraubt" worden. Enteignet. Die Forderung der Volksbank Altshausen wurde vom Amtsgericht durchgesetzt. Aber Josef Nusser ist ein sturer Kopf. Er macht auf seinem Pachtland weiter, wo er an diesem herrlichen Frühlingstag auf seinem roten Traktor sitzend die Felder bestellt. Der alte Mann sieht das Polizeiauto kommen, wundert sich und wundert sich doch nicht. Denn die Polizei war schon öfter auf seinem Hof, schließlich ist er in den Augen der Gesetzeshüter Delinquent, ein Normverletzer, ein Regelübertreter, ein Schuldner.

Doch an diesem Morgen folgt die Polizei ihm bis auf seinen Acker. Das Polizeiauto habe direkt neben seinem Traktor gehalten und der Beamte habe ihm erklärt, er müsse sofort mitkommen, mit seiner Schwester stimme etwas nicht, erinnert sich Josef Nusser. Das Polizeiauto bringt den erschrockenen Bruder zurück auf den Hof, wo ihn nicht nur seine 77-jährige Schwester erwartet, sondern weitere Polizei, eine Richterin, der Gerichtsvollzieher, der Leiter des Gesundheitsamts, die Besatzung zweier Krankenwagen sowie ein Anwalt. Nusser sitzt in der Falle.

Das hoffüllende Aufgebot gilt nämlich nicht seiner Schwester, sondern ihm. Nun geht alles sehr schnell. Dem Bauern wird die Zwangsräumung von seinem jahrhundertealten Hof und die sofortige Einweisung in die geschlossene Psychiatrie mitgeteilt. Sein lautstarker Protest fruchtet nicht, es ist alles von Amts wegen anwesend, was für eine solche Zwangsmaßnahme juristisch notwendig ist. Sigrid Scharpf, Richterin beim Amtsgericht Ravensburg, hat die ihr zugewiesene Aufgabe in wochenlanger Arbeit akribisch vorbereitet. Das Szenario durchgespielt, die Aktion koordiniert, den Termin festgelegt, die Polizei und alle anderen in Bewegung gesetzt. Es ist die unangenehmste Aufgabe in ihrem Richterinnendasein.

Sie quält sich damit und überlegt, den Auftrag zurückzugeben, folgt aber ihrem Pflichtgefühl. Und dieses schreibt ihr vor, dem Recht am Eigentum ist Geltung zu verschaffen, auch wenn der von Zwangsmaßnahmen Betroffene mit Suizid droht oder suizidgefährdet ist. Das entsprechende höchstrichterliche Urteil vom Bundesverfassungsgericht liegt der 60-jährigen Richterin vor. Und die Betreuungsrichterin sieht ihre vorrangige Aufgabe darin, dafür zu sorgen, dass Josef Nusser sich an diesem frühlingshaften Donnerstagnachmittag bei Überbringung des Zwangsräumungsbeschlusses nicht das Leben nimmt. Scharpf: "Meine Aufgabe war, Herrn Nusser lebendig ins Zentrum für Psychiatrie zu bringen." Lebendig, das ist ihr gelungen.

Früher war der Nusser-Hof das Zentrum von Eichstegen

Zurück bleibt Irmgard Nusser, die ältere Schwester. 77 Jahre alt und nur noch Haut und Knochen. Die unverheiratete Frau lebt seit Jahren bei ihrem Bruder auf dem Hof. Auch davor schon hatte die Schwester täglich nach dem Hauswesen ihres Bruders geschaut, kochte für ihn, pflegte den Garten und war Helferin auf dem Hof. Sehr akkurat ging sie ihrer Arbeit nach, danach fuhr Irmgard Nusser zurück nach Altshausen, wo sie seit 1974 in einer Eigentumswohnung lebte. Kurz vor Weihnachten 2010 erhielt die Volksbank Altshausen bei der Zwangsversteigerung den Zuschlag für ihre Wohnung, von nun an sollte Irmgard Nusser Miete bezahlen, was sie entrüstet ablehnt und beteuert, dass ihr Eigentum schuldenfrei gewesen sei. Sie wollte fortan nicht mehr zurück in ihre Wohnung, die nicht mehr die ihre war, deshalb zog sie zu ihrem Bruder. 

Der Nusser-Hof war mal was, Gasthaus und Hofstelle mitten im Dorf. Das Zentrum von Eichstegen. Das kleine Dorf, zwischen Altshausen und Ostrach gelegen, zu dem noch ein paar Weiler gehören, ist mit etwas mehr als 500 Einwohner eigenständige Gemeinde mit Rathaus und ehrenamtlichen Bürgermeister und gehört zum Gemeindeverwaltungsverband Altshausen. In direkter Nachbarschaft von Rathaus und Kapelle ist der Nusser-Hof Zufluchtsort einer geschwisterlichen Notgemeinschaft geworden, dem man die Not auch ansieht. 

Von Schulden erdrückt, bis die Volksbank dem Geschwisterpaar und ihrem Zuhause Ketten anlegte. Hier war die Wirkungsstätte von Josef Nusser. Denn um einen Anfang der Geschichte zu verstehen, muss man wissen, dass er nicht nur Bauer, sondern Erfinder, Tüftler, Forscher ist. Das eine ist der Broterwerb, das andere seine Leidenschaft. Für die er viel opferte. Zu viel, letztlich seine Existenz. Das will er nicht hören und auch nicht wissen. Denn es ist ja nicht so, dass er nicht erfolgreich gewesen wäre. Ganz im Gegenteil: gibt man auf der Internetseite des Deutschen Patent- und Markenamts als Suchbegriff Josef Nusser ein, dann erhält man eine Liste mit 118 Nennungen, beginnend mit 1961 bis 1999. Es sind eingetragene Erfindungen, technische Neuerungen, die sich hauptsächlich, aber nicht nur auf Agrartechnik beziehen. Ein Eichstegener ist gar überzeugt, dass Josef Nusser der eigentliche Erfinder des Kreiselmähers ist.

Diese Feststellung ist nicht überprüft, aber verweist auf ein grundlegendes Problem. Die Erfindung ist noch keine Lizenz zum Gelddrucken, sondern kostet zunächst nur Geld. Und wenn es ans Geldverdienen geht, dann hat man in jeder Branche mit mächtigen Gegnern zu tun, die einen oberschwäbischen Tüftler allemal an die Wand spielen. Denn Masse erschlägt Klasse. Das musste auch Josef Nusser erfahren. In zig Prozessen, die sich meist über Jahre hinzogen, versuchte er seine Patentrechte durchzusetzen. Allenfalls kleine Siege kosteten ihn ein Vermögen an Honoraren und Spesen. Für Josef Nusser, den Kämpfer, verfinsterte sich die Szenerie zunehmend zu einer Macht des Bösen, die alles lenkt.

Die Genossenschaftsbank räumt ihre Genossen

Er sei "kein Spinner", aber er solle zum "Idioten gemacht" werden, stellt Josef Nusser sich vor. Wer den 75-Jährigen kennenlernt, der ist beeindruckt von dessen Vitalität, seinen hellwachen blauen Augen, seinem Wissen, seiner Durchsetzungsfähigkeit und seinem Optimismus. Letzteres steht in krassem Widerspruch zu seiner psychischen Erkrankung. Depressiv sei er, attestiert ihm sein langjähriger Neurologe und Psychiater, aber sein Patient leide nicht unter Wahnvorstellungen, welche ihm drei Gutachter zugeschrieben haben.

Und diese haben besonderes Gewicht, denn sie sind Teil eines Prozesses, der sich schon über zehn Jahre hinzieht und bei dem Josef Nusser und seine Schwester die Verlierer sind. Es ist der Streit zwischen zwei Personen und einer Institution, der Volksbank Altshausen. Die Genossenschaftsbank ist Gläubigerin und treibende Kraft. Es geht um Recht und Gesetz, aber auch um Vorwürfe von Betrug und Intrige. Fakt ist, Josef Nusser konnte sich nicht durchsetzen. Die Konsequenz: sein und das Eigentum seiner Schwester an Grund und Boden sowie Immobilien gehört seit acht Jahren der örtlichen Bank, bei der beide nach wie vor Genossen sind. 

Recht haben und recht bekommen ist zweierlei, weiß man, aber für die Bank stellte sich das Problem, zwar recht bekommen zu haben, aber vom Recht nur sehr beschränkt profitieren zu können, solange die Immobilien nicht für sie verwertbar sind, weil die beiden Alten sich weigern zu weichen. Aber auch in solch einem hartnäckigen Fall hilft der Gesetzgeber, indem er die Möglichkeit der Zwangsräumung einräumt. Und wenn die Bank auf ihr Recht pocht, dann müssen die staatlichen Organe diesem Recht Geltung verschaffen. Und das war der Fall im Fall Nusser. "Es wird alles nur auf Antrag des Gläubigers gemacht", erklärt Richterin Scharpf.

Doch so einfach, wie sich die Rechtslage darstellt, ist sie nicht. Denn der Staat ist vom Grundgesetz verpflichtet, Leib und Leben seiner Bürger zu schützen, und dem muss er aktiv nachkommen. Was aber, wenn das eine Recht dem anderen zuwiderläuft? Josef Nusser hatte schon vor Jahren gedroht, sich umzubringen, sollte die Zwangsräumung durchgesetzt werden. Und in den ärztlichen Gutachten wurde die Suizidgefahr als überdurchschnittlich hoch eingeschätzt. Dem musste die Staatsgewalt Rechnung tragen, und das war die schwierige Aufgabe von Richterin Scharpf. 

Das Räderwerk der Entmündigung setzt sich in Gang

Besonders hoch sei die Gefahr, dass sich Josef Nusser das Leben nimmt, ab dem Zeitpunkt der Benachrichtigung bis einschließlich der tatsächlichen Räumung. Deshalb dürfe auf keinen Fall der Delinquent am Tag der Räumung auf dem Hof zugegen sein, das entschied das Landgericht, gestützt auf eingeholte Gutachten, bereits im Juli 2007. Darüber hinaus, so legte das Gericht fest, sollte eine Betreuung erfolgen, die auch gewährleisten müsste, dass der verjagte Bauer nach der Räumung nicht wohnsitzlos ist. Für die Betreuung konnte sich jedoch weder das Gesundheitsamt noch der zuständige Notar erwärmen, die für die Einschränkung der Mündigkeit von Josef Nusser keinen ausreichenden Grund sahen. Die Räumung verzögerte sich, und die Rechtspflegerin in der Abteilung Zwangsvollstreckung beim Amtsgericht rüffelte in einem Schreiben im September 2011 die Herren massiv, dass sie endlich das ihre dazu beitragen sollten, die Vollstreckung zu vollstrecken. Die erboste Rechtspflegerin zwang zum Handeln, indem sie den Gerichtsvollzieher anwies, einen Räumungstermin anzusetzen. Das Räderwerk setzte sich in Gang.

Mindestens drei Wochen vor einer Zwangsräumung muss der Bescheid zugestellt werden. Das geschah am 19. April. Und die geforderte sichere Unterbringung von Josef Nusser war die Einweisung in die Psychiatrie. Vorerst auf zwei Wochen begrenzt, dann vom Amtsgericht bis Ende Mai verlängert, zunächst vom Landgericht bestätigt, dann mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Dazwischen lag die Beteuerung Josef Nussers, dass er nicht daran denke, sich umzubringen, und als das nicht fruchtete, trat er in den Hungerstreik, 20 Tage lang, dann war er frei. Entscheidend hierfür war jedoch die Intervention seines Hausarztes Wolfgang Röhm, der eine Patientenverfügung vorlegte, die ihn als Betreuer autorisierte und das Landgericht zur Revision seines Urteils veranlasste.

Der Allgemeinmediziner kennt seinen Patienten noch viel länger, als er seine Praxis in Altshausen hat, und das sind immerhin schon 30 Jahre, denn Wolfgang Röhm ist weitläufig verwandt mit Josef Nusser und verbrachte als Kind seine Ferien oft auf dem Bauernhof in Eichstegen. Röhm sieht Nusser nicht in erster Linie als kranken, sondern als besonders eigenwilligen, querköpfigen Menschen, dessen Entscheidungen teils falsch sein mögen, aber dessen Entscheidungsfähigkeit der Arzt nicht eingeschränkt sieht. Und deshalb ist er entsetzt über die vorgesehene Betreuung, die der Notar Ulrich Kopf als zuständiger Betreuungsrichter am 10. Mai 2012 auf den Weg bringt, während Josef Nusser sich in der geschlossenen Abteilung in Weissenau im Hungerstreik befindet. "Es kam einer vollständigen Entmündigung gleich", kritisiert Röhm, der natürlich weiß, dass die althergebrachte Entmündigung gesetzlich novelliert als Betreuung tituliert wird.

Doch der Notar ordnet in seinem Beschluss dem Betreuer Aufgaben zu, die Nusser weitgehend entmündigten. In sechs Punkten festgeschrieben, sollte der bestellte Betreuer nicht nur über die Unterbringung und vermögensrechtliche Fragen, sondern auch darüber entscheiden können, wer Josef Nusser zukünftig besuchen darf, und "die Entscheidung über die Entgegennahme, das Öffnen und Anhalten von Post" treffen können. Und daran änderte auch Josef Nussers Widerspruch nichts mehr, den der Notar zwar zu Protokoll nimmt, aber in seiner Begründung erklärt: "Der Widerstand des Betroffenen beruht jedoch nicht auf einem freien Willen (...), da eine freie Willensbildung in den genannten Aufgabenkreisen durch die Wahnerkrankung des Betroffenen eingeschränkt bzw. aufgehoben ist. Eine kritische Distanz ist ihm nicht möglich. Dies entspricht auch der Einschätzung des Sachverständigen im oben genannten Gutachten. Der Widerspruch des Betroffenen blieb daher für das Gericht unbeachtlich." 

Der Bürgermeister verbat sich Protest. Nur eine kleine Gruppe Menschen setzt sich öffentlich gegen die Ungerechtigkeit ein. An dieser Stelle wäre das weitere Leben Josef Nussers womöglich auf fatale Weise entschieden gewesen, hätte er nicht schon vor Jahren auf den Ratschlag seines Hausarztes gehört und eine Patientenverfügung hinterlegt. "So geht's nicht!", ist die Haltung von Wolfgang Röhm, und er widerspricht damit auch dem maßgeblichen Sachverständigen, der die gutachterliche Grundlage dafür gab, dass die Gerichte Josef Nusser als wahnsinnig und betreuungsbedürftig erklärten. Dr. Jochen Tenter, Chefarzt Alterspsychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg, ist der Sachverständige, auf den sich auch der Notar Ulrich Kopf bezieht. Tenter hatte den eingewiesenen Nusser mehrmals untersucht und bei ihm eine "wahnhafte Störung" diagnostiziert.

Aber der Mediziner macht auch auf ein Dilemma aufmerksam, indem er sich sieht. "Mehrfach wurde auch in den Vorgutachten in den obergerichtlichen Beschlüssen die Verhältnismäßigkeit angesprochen, das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Leben dem Recht auf Eigentum gegenübergestellt. Ein Stück weit wird diese Entscheidung über die Durchführung der Zwangsräumung von der Rechtsprechung, Abteilung Zwangsvollstreckung, auf das Betreuungsgericht, das Vormundschaftsgericht am Amtsgericht und den Gutachter verlagert."

Keine Frage, die Abteilung Zwangsvollstreckung beim Amtsgericht sah sich in der Pflicht, der Gläubigerin Volksbank zu ihrem Recht zu verhelfen. In einem letzten Beschluss am 8. Mai, eine Woche vor der Räumung, begründet die Rechtspflegerin Jakob die Ablehnung des Antrags der Geschwister Nusser auf einstweilige Einstellung der Zwangsvollstreckung mit dem Hinweis, "dass der Gläubiger nach nunmehr acht Jahren, in denen er sein Eigentum nicht nutzen kann, (...) ein sehr gesteigertes Interesse an der nunmehrigen Räumung hat". Daran änderte auch ein "fachärztliches Attest" der Hausärztin von Irmgard Nusser nichts mehr. Die Allgemeinmedizinerin warnt in ihrem Schreiben an das Amtsgericht vom 7. Mai: "Im Rahmen der durchgeführten Hausbesuche stellte ich fest, dass sie (Irmgard Nusser, Anm. d. Red.) schwer krank ist und es aus fachärztlicher Sicht zu befürchten ist, dass sie eine zwangsweise Räumung der Wohnung/Hofstelle am 15. Mai 2012 nicht überleben wird." Die Fachärztin fordert deshalb unmissverständlich: "Zum Schutz des Lebens der 77-Jährigen muss die Zwangsräumung der Wohnung/Hofstelle (...) unterbleiben."

Ein weiteres Ende in dieser Geschichte findet deshalb am 15. Mai statt, dem Tag der Zwangsräumung. Josef Nusser befindet sich in der geschlossenen Psychiatrie, Irmgard Nusser wartet in großer Aufregung an diesem kühlen Morgen auf das, wovor sie sich so furchtbar fürchtet. Gegen 9 Uhr ist es so weit. Der Gerichtsvollzieher mit Polizei, Rettungswagen und Umzugs-LKW im Gefolge okkupiert die Hofstelle. Irmgard Nusser wird zum Verlassen von Haus und Hof aufgefordert, ebenso die Schaulustigen, dann beginnt das große Packen, und am Ende sorgt ein Schlüsseldienst dafür, dass die alten Schlösser gegen neue ausgetauscht werden. Das einst stattliche Bauernhaus wird verrammelt und verriegelt, selbst für Mäuse ist darin nichts mehr zu finden. Irmgard Nusser bekommt Herberge bei ihrer jüngeren Schwester in Aulendorf. 

"Es gibt Dinge, da fragt man sich, warum handeln die so"

So könnte das Ende aussehen. Doch Fragen bleiben. Stellt man diese, dann bekommt man keine Antworten. Ruft man in den Rathäusern in Eichstegen und Altshausen an: kein Kommentar ("Im Fall Nusser bin ich für Sie tot!"). Ruft man bei der Volksbank in Altshausen an, flötet einem in der Warteschleife eine aufmunternde Frauenstimme den Werbeslogan ins Ohr: "Was auch immer Sie antreibt, wir sind gleich für Sie da." Fortsetzung: "Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt. Wir machen den Weg frei!" Gerhard Weisser, Vorstand der Bank, an den der Aufsichtsratsvorsitzende ohne weitere Auskünfte verweist, sagt, er wolle Beratungszeit und melde sich wieder. Warum legt die Bank nicht die Karten auf den Tisch, fragt der Hausarzt Wolfgang Röhm. "Es gibt Dinge, da fragt man sich, warum handeln die so." Und wenn alles so glasklar dokumentiert ist, dann könnte man es doch vorlegen.

"Sie wissen ja, wie die Banken sind", erklärt ein Gemeinderat aus Eichstegen. Klar ist, juristisch ist die Volksbank auf der sicheren Seite. Es fragt sich nur, ob sie ihr zugesprochenes Recht auf diese Weise einfordern muss. Man hätte ja auch auf eine "biologische Lösung" warten können, verweist ein Mitbürger auf das fortgeschrittene Alter der Geschwister. "Daran wäre die Bank nicht pleitegegangen." 

Am übernächsten Tag kommt der Rückruf von Bankvorstand Weisser: Man sei im Fall Nusser zu keinem Gespräch bereit, alles sei "höchstrichterlich entschieden". Auf den Verweis auf die soziale Verantwortung einer Genossenschaftsbank lässt sich Gerhard Weisser nicht ein: "Ich werde die Entscheidung der Bank nicht rechtfertigen." 

Irmgard Nusser wirkt sehr zerbrechlich, ihre Kleidung hängt an ihr, ihr Bruder sagt, sie wiege keine 40 Kilogramm mehr. Nach der Räumung erlitt sie einen Hörsturz. Jetzt geht es ihr wieder besser. Glücklich ist sie, dass sie zunächst bei ihrer Schwester und ihrem Schwager unterkommen konnte. Wohnsitzlos wie ihr Bruder ist sie nicht. Zum Abschied drückt sie die Hand sehr kräftig, erstaunlich kräftig für eine so zerbrechliche Person. "Wir ziehen wieder ein, Sie werden es sehen!"


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