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Rosen auf dem Baumstumpf

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Es war vor ein paar Wochen, kurz nach dem Fällen der Bäume, als im Parkschützerbüro eine psychologische Beratungsstunde abgehalten wurde. Es hatte etwas von Seelsorge. Eine Frau weinte, weil sie so lange gekämpft und doch verloren hatte, sie könne nicht mehr am Bahnhof vorbeigehen, sagt sie, weil sie dann wieder weinen müsse.

Was einmal eine Gruppe war, spaltet sich in einzelne Personen. Foto: Jo RöttgersEs war vor ein paar Wochen, kurz nach dem Fällen der Bäume, als im Parkschützerbüro eine psychologische Beratungsstunde abgehalten wurde. Es hatte etwas von Seelsorge. Eine Frau weinte, weil sie so lange gekämpft und doch verloren hatte, sie könne nicht mehr am Bahnhof vorbeigehen, sagt sie, weil sie dann wieder weinen müsse.

Eine andere hatte Bilder gemalt, die zeigen, wie man im Schlossgarten – wenn das Projekt scheitert, und davon geht sie aus – an den Bahnhof erinnern könnte und an die Protestbewegung. Blumenrabatte in Camp-Form, Geranien, die in Form des Bahnhofs gepflanzt sind, der Mercedes-Stern zum Peace-Zeichen umgedeutet. Verrückt, aber ein Stück Bewältigung des eigenen Niedergangs. Im Park hatte kürzlich einer auf ein paar Baumstümpfe Rosen gelegt. Aber damit betrauerte er nicht nur die Bäume, sondern auch ein bisschen sich selbst.

Die Bewegung gegen S 21 geht zu Ende. Das belegen die schwindenden Zahlen der Montagsdemos. Waren es vor einer Weile noch 3000 bis 5000 Teilnehmer, sind es nun noch rund 1500, und das hält die Trauer in Grenzen, weil dieser Protest langsam im Immergleichen verrostet. Aber mit ein bisschen Mühe könnte man seine Kraft bewahren und umwidmen.

Diese Bewegung ist gestartet voller Energie. So viel Power hatte Stuttgart schon lange nicht mehr, wenn überhaupt jemals gespürt. Es gab ein unglaubliches Potenzial zuvor nie genutzter Kräfte. Es war bewundernswert und toll, wie aus diesem Protest eine kleine Gesellschaft in der großen wurde, mit eigener Leitzentrale, eigenen Medien, eigenen Kommunikationsplattformen, mit Chefs und Wortführern, Arbeitern und Denkern. Solchen, die sich Kompetenzen angeeignet hatten und zu Fachmännern und -frauen wurden, anderen, denen die Anti-S-21-Bewegung eine Plattform zur eigenen Performance bot und wieder anderen, die einfach gegen den Tiefbahnhof waren, weil es eine Möglichkeit war, irgendwo dazuzugehören. Gegen S 21 zu sein lag auf der Hand: Geldverschwendung, Volksverarschung, ein Durchregiertwerden von oben. Dagegen zu protestieren konnte nicht falsch sein. Jetzt wird es schwerer.

Es war wunderbar

Diese Bewegung hat schwere Zeiten durchlebt, Hausdurchsuchungen, Prozesse, immer wieder wurde um sie herum und an ihr vorbeigebaut. Aber mit Sicherheit hat der Protest auch Spaß gemacht. Auf Wiesen sitzen, wie damals in den 68ern, singen, musizieren, dichten, ein bisschen Hippie im 21. Jahrhundert, und das auch noch für eine gute Sache. Die CDU wurde abserviert, es gab eine Schlichtung, einen Stresstest, eine Volksabstimmung, die Bewegung hat den Ministerpräsidenten gestürzt und letztlich Stuttgarts OB Schuster mitgerissen. Dieser Protest hat zeitweise das Riesenunternehmen Bahn, die Bundes- und Landesregierung vor sich hergetrieben. Es war wunderbar.

Selbst das Räuber-und-Gendarm-Spiel, als die Bewegung längst einen erbitterten Kampf gegen die Stuttgarter Polizei führte, hat vielen einfach Spaß gemacht. Ein bisschen Thrill und Aufregung in einem sonst eher gesitteten, unauffälligen Leben, der "zivile Ungehorsam" bot die Möglichkeit, einmal über die Stränge zu schlagen.

Allerdings hatte sich im vergangenen Jahr eine Menge an Menschen herauskristallisiert, die offenbar nicht mehr herausfanden aus ihrem Protest. Sie fühlten sich verfolgt (was eifrige Staatsanwälte beförderten), rutschten so tief hinein in ein umfassendes Misstrauen, dass sie nicht mehr in Wohnungen miteinander sprachen, sondern nur noch im Freien, aus Angst vor Wanzen. Es gab andere, die mehrfach ihre Telefone auseinanderbauten, auf der Suche nach Sendern, weil sie glaubten, jeder ihrer Schritte werde von einer Truppe Geheimdienstler überwacht, und solche, die meinten, jeder zweite Parkschützer sei ein Spitzel des US-Militärs. Bei den ganz Hartgesottenen herrschte eine teils groteske Paranoia, gepaart mit tiefem Hass auf das Land, die Bahn, die Polizei, die S-21-Befürworter.

Es begann eine unendlich tiefe Depression

Trauer um die Schlossgarten-Bäume. Foto: Chris GrodotzkiNach der Volksabstimmung wurde die Sache mit S 21 aber immer differenzierter, die Rahmenbedingungen hatten sich geändert. Wie auch immer man die Volksabstimmung bewerten will, wie auch immer der Kampf um sie geführt wurde, sie hat gezeigt, dass die meisten Baden-Württemberger das Projekt nicht ablehnen. Sie hatten offensichtlich die besseren Argumente der Gegner nicht gehört, sie nicht ernst genommen, vielen war dieses Bahnprojekt egal, andere waren die Diskussion satt, wieder andere fanden und finden S 21 auch einfach gut.

Damit begann eine Depression, die mit dem Abriss des Südflügels und der Fällung der Bäume im Schlossgarten unendlich tief geworden ist.

Die vormals eng verbundene Masse wurde auseinandergerissen. Menschen, die mehr als ein Jahr gemeinsam in Zelten gelebt hatten, sind plötzlich wieder allein und müssen nun versuchen, ihr Leben ohne die gewohnten Aufgaben, ohne die gewohnte Gemeinschaft zu erledigen. Was einmal eine Gruppe war, spaltete sich wieder in einzelne Personen, die Präsenz schwand, weil die Räume abhanden kamen, sich kollektiv zu artikulieren, das Camp, die Parkwache, Orte, die schon zum Inventar Stuttgarts geworden waren. Inzwischen sind die Demos nichts Besonderes mehr, sie sind Gewohnheit, werden langsam zu einer Veranstaltung von vielen.

Zwischenzeitlich lautete innerhalb des Protests das Credo, man habe zu wenig für die Sache geworben, müsse neue Mitstreiter finden, mehr Öffentlichkeitsarbeit machen, mehr rausgehen. Aber je mehr diese Bewegung versuchte, mehr Öffentlichkeit zu schaffen, desto mehr ging sie den Menschen auf den Keks.

Tausende haben den Glauben in die Politik verloren

"Syrien, Libyen, Stuttgart" – irgendwann kam es zu einer Überhöhung der eigenen Wichtigkeit, die vielen Leuten auf den Nerv ging und die auch zum Niedergang und zum Verlust von Ansehen dieser Bewegung beigetragen hat. Was einmal förderlich war, wurde hinderlich. Die Hartnäckigkeit und das einprägsame Mantra vom bösen Bahnhof wurden zu einem bloßen Etikett für diverse Unzufriedenheiten.

Hinterlassen hat dieser Protest Tausende, die den Glauben in die Politik, die Wirtschaft und die Bevölkerung verloren haben, eine Handvoll Menschen, die in psychiatrischer Behandlung sind, viele, die den Bezug verloren haben zu diesem System und seiner Gesellschaft. Das ist schade und traurig, aber es ist ein Ausdruck der Hilflosigkeit der Geschlagenen.

Nun gibt es noch eine kleine Gruppe bei den Parkschützern, die sich als Untergrundbewegung begreift und weiterhin gegen S 21 agiert. Aber das wird der falsche Weg sein.

Das Projekt ist Murks, und es muss kritisch begleitet werden. Aber vielleicht sollte der restliche Protest aus seinem selbst gewählten Untergrund auftauchen und sich für einen Dialog öffnen. Stuttgart braucht keine "Bewegung", die dem BUND nach jahrelangem Engagement vorwirft, er habe sich nicht um eine Juchtenkäferlarve in einem gefällten Baum gekümmert. Eine "Bewegung", die nichts mehr tut, außer dagegen zu sein, macht sich überflüssig.

Neue Aufgaben für die Bewegung

Stuttgart braucht Menschen, die sich im Dialog engagieren. Die Parkschützer sind und waren der kreative Motor der Bewegung, die treibende Kraft. Sie waren agiler als das Bündnis, bunter, schneller und mutiger. Das nun umzupolen wird die Herausforderung sein.

Man weiß jetzt, wie Politik funktioniert, wie Medien arbeiten, wie eine Gesellschaft tickt und die Masse. Man hat nun ein Gefühl für die Struktur. Das ist unendlich wertvoll. Und das muss man umsetzen, dafür muss man neue Aufgaben finden, für die Protestbewegung und für ihre Menschen.

Mittlerweile gibt es viele gute Ansätze einer neuen Bürgerschaft, wie zum Beispiel den Stuttgart Salon oder die Meisterbürger. Die Stuttgarter und auch die Baden-Württemberger im Allgemeinen machen sich Gedanken, wie sie leben möchten, über Pflanzen, über Tiere, über soziales Verhalten, darüber wie viel Grün die Stadt braucht, wie viel Luft, wie viel Platz, wie viel Kultur. Die Protestbewegung hat das aufgebrochen und ein völlig neues Bewusstsein in die Stadt gepflanzt.

Kompromisse sind wichtig

Diese Chance muss man nutzen und darf sie nicht verschenken, indem ein paar Unverbesserliche am immer gleichen Sermon festhalten. Die Solidarität innerhalb der Bevölkerung muss aufrechterhalten werden, die Kraft genutzt werden für die Einlösung der Bürgerbeteiligung, die Winfried Kretschmann vor sich herträgt.

Kompromisse sind wichtig, eingehen aufeinander, den Hass ablegen, flexibler sein. Der Kampf gegen das Projekt S 21 ist vielleicht verloren, aber alle anderen kommenden Kämpfe sind noch zu schlagen.


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10 Kommentare verfügbar

  • phil55
    am 08.04.2012
    Antworten
    Viele schöne Worte - dennoch leider ein nur leichte Hausmannskost ohne den sachlich notwendigen Tiefgang, welchen die Thematik erfordert. Die Autorin sollte ihr Ohr "an die Masse halten", um mit gehaltvollen Recherchen zu beweisen, dass sie etwas vom tieferen Sinn der beschriebenen Bürgerbewegung…
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