Ausgabe 203
Gesellschaft

Pflichttermin für braune Fackelträger

Von Anton Maegerle
Datum: 18.02.2015
Am Montag der kommenden Woche steht Pforzheim der jährlich größte Polizeieinsatz bevor: Der rechtsextreme "Freundeskreis Ein Herz für Deutschland e. V. 1989 Pforzheim" ruft seine Gesinnungsgenossen und -genossinnen wieder einmal in die Goldstadt. Anlass ist die Bombardierung vor 70 Jahren. Michèle Kiesewetter, die in Heilbronn ermordete Polizistin, war dort 2007 im Einsatz.

Vor 70 Jahren, am 23. Februar 1945, bombardierte die britische Royal Air Force Pforzheim. Der Luftangriff forderte im Zweiten Weltkrieg nach alliierten Angriffen auf Hamburg (1943) und Dresden (1945) die meisten Opfer im Luftkrieg gegen deutsche Städte. Der 23. Februar ist seit dem Jahr 2003 offizieller Gedenktag der Stadt Pforzheim und dient als Tag der Trauer und Besinnung dem friedlichen Gedenken an die Opfer des Bombenangriffs.

Der "Freundeskreis Ein Herz für Deutschland e. V. 1989 Pforzheim" will das Gedenken an die Opfer des Luftkrieges für seine Propaganda instrumentalisieren und einseitig politisch vereinnahmen. Die Fackel-"Mahnwache" in Pforzheim ist eine der größten rechtsextremen Demonstrationen im Ländle, die regelmäßig stattfindet. Seit rund 20 Jahren marschieren zu diesem Datum, vom baden-württembergischen NPD-Landespressesprecher Jürgen Schützinger (Jahrgang 1953) zum "Terrorgedenktag" erkoren, bis zu 150 Rechtsextremisten aus dem gesamten süddeutschen Raum in der Stadt auf.

Teilweise gilt der braune Aufmarsch in Pforzheim als Ersatzveranstaltung für die einst jährlich stattfindenden rechtsextremen Demonstrationen in Dresden. "Pforzheim ist ein baden-württembergischer Pflichttermin, ist unser Dresden", gab 2013 der polizeibekannte Rechtsextremist Axel Heinzmann (Jahrgang 1946) auf dem Neonazi-Internetportal "Altermedia" kund. Der mehrfach vorbestrafte Heinzmann kandidierte in der Vergangenheit für die NPD sowohl zum Landtag als auch Bundestag.

Maßgeblicher Organisator der seit 1994 regelmäßig mit kurzer Unterbrechung am 23. Februar stattfindenden "Mahnwache" in Form eines Fackelgedenkens auf dem Wartberg in Pforzheim ist der "Freundeskreis Ein Herz für Deutschland e. V. 1989 Pforzheim". Einst als Vorfeldorganisation der NPD gegründet, arbeitet die Gruppierung zwischenzeitlich partei- und organisationsübergreifend im rechtsextremen Lager. In den Reihen des "Freundeskreises" tummeln sich um die 50 Mitglieder. Einzelne Vereinsmitglieder verübten außerhalb des Vereinsgeschehens Straftaten, darunter auch Gewaltdelikte wie gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch. Dorn im Auge sind dem "Freundeskreis" eigenem Bekunden zufolge "Multi-Kulti-Ideologen, Parteienallmacht, mediale Manipulation, Geschichts- und Kulturlosigkeit und liberale Meinungsdiktatur". Mehrfach veranstaltete der "Freundeskreis" auch Lieder- und Konzertabende unter anderem mit dem NPD-Liedermacher Frank Rennicke und den Skinbands Sleipnir und Blutstahl sowie Saalveranstaltungen unter anderen mit dem Holocaust-Leugner und militanten Antisemiten Horst Mahler.

An der Spitze des "Freundeskreises" steht der italienischstämmige Silvio Corvaglia. Corvaglia hat 2004 auf der Liste der Republikaner bei der Gemeinderatswahl in Pforzheim kandidiert. Auf ihn ist die Domain "fhd-pforzheim.de" eingetragen. Die Republikaner waren einst auch die Partei von Detlef von Seggern. Der Pforzheimer ist bundesweit einer der bekanntesten rechtsextremen Leserbriefschreiber. Leserbriefe des Rentners finden sich regelmäßig in der Illustrierten "Focus" und der NPD-Parteizeitung "Deutsche Stimme".

Seggern ist wie Edda Schmidt gern gesehener Teilnehmer der "Mahnwache". Die NPD-Funktionärin Schmidt aus dem schwäbischen Bisingen (Zollernalbkreis) führt in Baden-Württemberg die NPD-Frauenorganisation "Ring Nationaler Frauen" (RNF) an. Schmidt war vormals "Gaumädelführerin" der 1994 bundesweit wegen Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus verbotenen Neonazitruppe "Wiking-Jugend" (WJ). An der diesjährigen "Mahnwache" werden auch Mitglieder des im Januar 2014 gegründeten Kreisverbandes Enzkreis der Neonazi-Partei Die Rechte teilnehmen. Führer der NPD-Konkurrenzpartei ist der altgediente Neonazi-Kader Christian Worch, einst rechte Hand von Michael Kühnen, dem Anführer der bundesdeutschen Neonazi-Bewegung.

Der rechtsextreme baden-württembergische Liedermacher "Resistentia" veröffentlichte 2014 ein Lied zur Mobilisierung für die "Mahnwache". Im Text heißt es: "Der Tod kam unerwartet über Nacht. Ein Feuersturm hat eine ganze Stadt zum Schweigen gebracht. Wie so viele deutsche Städte blieb auch sie nicht verschont. Hat sich dieser Bombenterror Pforzheim für sie denn gelohnt? Wenn man betrachtet, dass der Krieg längst verloren war. Trotzdem haben sie weiter gemordet in diesem Jahr. ... Pforzheim in Flammen. Das war ihr Ziel. 2000 Tote – für sie leichtes Spiel." "Resistentia" spielt sowohl bei der Veranstaltungen der NPD als auch bei der Partei Die Rechte auf. In seinen Liedern, so die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, wird der Nationalsozialismus als "Systemalternative zur gegenwärtigen staatlichen Verfasstheit Deutschlands aufgebaut".

Bei der "Mahnwache" am 23. Februar 2007 war die Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter im Einsatz. In Zivil tummelte sie sich in den Reihen der Gegendemonstranten. Kurze Zeit darauf, am 25. April 2007, wurde die Polizistin mit einem gezielten Kopfschuss von den Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) auf der Theresienwiese in Heilbronn ermordet. Der Tod der 22-jährigen Polizistin zählt bis heute zu den rätselhaftesten Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik.

Um gegen die Fackel-"Mahnwache" der Rechtsextremen auf dem Wartberg-Plateau zu demonstrieren, werden sich zum 70. Jahrestag kommenden Montag Hunderte Menschen auf dem Pforzheimer Marktplatz einfinden. Neben der zentralen Gedenkfeier ab 16 Uhr auf dem Hauptfriedhof gibt es auch eine Vielzahl von Veranstaltungen.


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4 Kommentare verfügbar

  • Jürgen Stern
    am 07.04.2015
    Das übliche Antifa-Bla-Bla.
    Zusammenhänge werden konstruiert wo keine sind.
    Natürlich darf NSU nicht fehlen, Unterstellungen, billiger Anpranger"journalismus" (sogar mit Foto), Behauptungen, usw..
    Woher Sie Ihre Ergüsse haben und in welchen extremistischen Zusammenhänge Sie Ihre politische Heimat haben ist bekannt.
    Berichten Sie mal über die Ausschreitungen , verletzte Polizisten, Sachbeschädigung, kurz über die Straftaten (jedes Jahr im zweistelligen Bereich) Ihrer Gesinnungsfreunde an jedem 23. Februar in Pforzheim und welche polizeibekannten Gestalten aus dem linksextremen Spektrum sich an dem Tag dort einfinden.
    Objektiv geht anders, aber das erwartet man von Ihnen sowieso niemand.
    Gustav Freytag hat in seinem Lustspiel Journalisten von 1853 treffend für diese Art Journalismus die Bezeichnung Schmock gewählt.
  • Manfred Fischer
    am 18.02.2015
    Im obigen Artikel steht am Ende der Satz:
    "Kurze Zeit darauf, am 25. April 2007, wurde die Polizistin mit einem gezielten Kopfschuss von den Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) auf der Theresienwiese in Heilbronn ermordet."

    Hier fehlt ein Nachsatz, der etwa lauten müsste: "Wie bislang behauptet wird." Denn wer damals tatsächlich am Werk war, soll ja nochmals sorgfältig in dem eingerichteten Untersuchungsausschuss untersucht werden .
  • Helmut Maier
    am 18.02.2015
    Nicht nur am Marktplatz sondern auch in direkter Nähe zu den Faschisten gibt es eine Gegenkundgebung vom Bündniss "Nicht lange Fackeln!" http://nonazis23feb.blogsport.de/

    Die Versorger werden auch da sein und für Essen und warme Getränke sorgen.
  • tillupp
    am 18.02.2015
    Michèle Kiesewetter's Ermordung war keine Zufallstat, sondern passt hervorragend in die Reihe anderer Todesfälle im NSU Umfeld. Also eine Hinrichtung. Nur ihr Kollege hatte Pech mit ihr auf Streife gewesen zu sein. Sie wurde als "Linke" Demokratin von KKK-Kollegen, "Verfassungsschützern", V-Männern oder "alten Bekannten" aus Thüringen erkannt, und sie wurde mit ihrem Kollegen in einen Hinterhalt gelockt oder sogar geschickt. Gab ihr jemand den Auftrag dort nachzuschauen? Wie kam es dazu, dass diese Streife zum falschen Zeitpunkt an diesen entlegenen Ort der Theresien-Wiese in HN fuhr. Bei Verdacht auf eine Straftat hätten sie wohl Kollegen hinzugerufen. Und weshalb sollten sich ausgerechnet an diesem entlegenen Ort Mörder aufhalten die sofort schießen. Niemand schießt unbedrängt und grundlos. Die waren sich schon ziemlich sicher davon zu kommen weil man es erst mal den "Zigeunern" anhängen kann. Die DNA-Wattestäbchen Verunreinigung passte da auch zufällig ganz gut ins Konzept der Spurenverschleierung.

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