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Ein fescher Mob

Ein fescher Mob
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Manche S-21-Demo mutet wie ein Coco-Chanel-Gedächtnissymposium unter freiem Himmel an. Schreibt Heinrich Steinfest. Im zweiten Teil seiner Beschimpfung der Stuttgarter Halbhöhe widmet sich der Schriftsteller den Damen des Straßenkampfs, dem feschen und grünen Mob – grün wegen einer gewissen Verwandtschaft zu fleischfressenden Pflanzen.

Der Widerstand gegen Stuttgart 21 hat neue Straßenkämpferinnen geboren. Foto: Martin Storz

Man sollte einigen Vertretern der grünen Partei einmal bewusst machen, dass auf eine Krawatte zu verzichten noch lange nicht genügt, um eine halbwegs attraktive Erscheinung abzugeben. Und den diesbezüglichen weiblichen Vertretern wäre vielleicht zu sagen, dass der grüne K-21-Button zwar an sich eine ziemlich gelungene Komposition darstellt, er aber aufgrund seiner gelblichen Tönung sich mit grasgrünen Blusen und spinatgrünen Seidenschals und smaragdgrünen Lidschatten schlägt und dass selbst eine durchgehend gelblich-grüne Kleidung noch so lieblichen Gestalten einen clownesken Zug verleiht.

Doch die wahren Damen des Straßenkampfes, selbst wenn sie schon einmal grün gewählt haben sollten, begehen solche Fehler nicht. Es gibt Demos, da könnte man meinen, hier finde gleichzeitig ein Coco-Chanel-Gedächtnissymposium unter freiem Himmel statt. Der weibliche Mensch als Kostüm. Wobei ... eher ist zu vermuten, dass diese Damen zur Rasse der Androiden gehören. Wesen, deren Haut aus demselben Stoff wie ihre Kostüme besteht und die in ihrer umfassenden Künstlichkeit bedrohlich vital anmuten. Ich habe es einmal so ausgedrückt: "Auch Glasfasern haben Gefühle, wenn in ihnen eine Seele einsitzt."

Aber nicht nur an die heilige Coco erinnern mich viele dieser Demonstrantinnen, sondern ebenso an die sogenannte Prinzessin aus Jean Cocteaus Film "Orphée", von der gesagt wird, sie hätte eine "Vorliebe für unsere jungen Künstler". Auch diese von Maria Casarès gespielte hyperelegante Aristokratin trägt eine Perlenkette. Der genaue Beobachter wird erkennen, dass die Kette so verknotet ist, dass man darin einen Galgenstrick erkennen kann, und ganz sicher keinen, der dem Selbstmord zugeeignet ist. Denn wie sich bald herausstellt, ist die Prinzessin in Wirklichkeit nichts weniger als der Tod. Dem soeben verstorbenen Cégeste offenbart sie: "Ich bin Ihr Tod, und Sie stehen in meinem Dienst."

Verwandtschaft zu fleischfressenden Pflanzen

Man kann sich vielleicht vorstellen, wie manchen gequälten S-21-Betreiber die albtraumhafte Vision ereilt, von einer der mondänen Halbhöhendamen mit ebendiesem Satz konfrontiert zu werden: "Ich bin Ihr Tod, und ..."

Ein gewisser Kommentator des deutschen Feuilletons (über das zu schimpfen ich leider nicht beauftragt wurde), der gerne dadurch provoziert, über Dinge zu schreiben, von denen er keine Ahnung hat, das aber miserabel, hat sich darüber erregt, der "grüne Mob" habe den braven, anständigen, grenzgenialen und außerdem noch durch seinen Migrationshintergrund geadelten Bauleiter von S 21 aus Stuttgart hinausgeekelt. – Also, da hat er, der gute Mann, zwar wie üblich mit verbundenen Augen einfach in die Luft geschossen, aber trotzdem genau ins Schwarze getroffen. Denn diese Damen der Halbhöhenlage sind Vertreter dieses neuen "Mobs", ein Begriff, der vom Lateinischen mobile vulgus herstammt, aus dem dann im England des 17. Jahrhunderts das mobile isoliert wurde und schließlich eine Verkürzung auf die erste Silbe mob erfolgte. Das etymologische Wörterbuch vergleicht diese Kürzung interessanterweise mit den Begriffen fesch und Mull.

Die Stuttgarter Halbhöhe ist eine besondere Umgebung, deren Bewohnern Heinrich Steinfest seine Rede gewidmet hat. Foto: Jo Röttgers

Das wienerische "fesch" passt so wunderbar zu diesem Mob: ein fescher Mob oder auch ein flotter Mob, und natürlich nicht zu vergessen, wie der Kommentator sagt, ein grüner Mob, freilich grün aufgrund einer gewissen Verwandtschaft zu fleischfressenden Pflanzen. Der Begriff "männerverschlingend" wird in diesem Zusammenhang neu definiert werden müssen.

Satanistinnen mit Schwertgosch

Diese weiblichen Gutbürger, die in ihrem Leben selten mehr geleistet haben, als sich ständig irgendeine Kultur reinzuziehen und mit jedem Atemzug diese Kultur wieder auszuatmen, verfügen über eine diabolische Kraft. Satanistinnen mit Schwertgosch. Bourgeoise Giftspritz'n. Ja, wenn ich zuvor die Lippen dieser Frauen als zusammengepresste Nacktschnecken beschrieben habe, darf man sagen, dass noch zwischen den dünnen Schneckenhäuten die scharfe Klinge eines verbalen Messers hervorblitzt. Wäre ich ein Bahnchef, würde ich mich auch vor diesen "Erscheinungen des Todes" fürchten und mich in meiner Verzweiflung etwa auf "geltendes Recht" berufen, ganz gleich, wie dieses "Recht" zustande kam. Fragt sich allerdings, ob man eine Todin damit beeindrucken kann, auf juristische Konstruktionen zu pochen. Das Recht ist biegsam, diese Frauenzimmer nicht: wertkonservative Megären als raffiniert-elegantes Schreckgespenst.

Nichts schlimmer als die Vorstellung, dieses Schreckgespenst könnte zum gewaltigen Dämon anwachsen, ja, das Land, der Kontinent, die Welt könnten verstuttgartern. Aber möglicherweise wollen die Stuttgarter das gar nicht. Ja, Fernsehbilder in aller Welt, das ist in Ordnung, damit die anderen sehen, wozu man imstande ist, aber im Endeffekt will man den Widerstand für sich behalten. Als sei's ein Dialekt. (Ein blödes Auto über den ganzen Globus verteilen wie eine den Geist zersetzende Krankheit, das muss der Welt genügen.)

Natürlich, es existiert auch das männliche Pendant zur Edelprotestdame: der Halbhöhenherr. Welcher allerdings sehr viel weniger ins Auge sticht: Er erfreut das Auge nicht, beleidigt es nicht, straft es nicht, spiegelt sich nicht darin. Er trägt Anzug und immer öfters auch Hut. Gleich, was er wirklich arbeitet, sieht er aus, als stamme er aus der Gruppe "Unternehmer gegen S 21", was sich übrigens für einige Spötter aus der IHK so anhört wie "Mondkälber gegen den Mond" oder "Milchbauern gegen Milch". Jedenfalls fallen diese Herren optisch kaum ins Gewicht. Man könnte auch sagen: den Halbhöhenherren fehlt, wie leider so oft bei den Vertretern des starken Geschlechts, die magische Note. Es sind, in ganz neuer Bedeutung des Wortes, Halbstarke. Während die Damen einen "eleganten Tod" in sich tragen, sind diese Herren frei von luziferischen Einflüsterungen.

Die Herren? Nachkommen transsilvanischer Nachtgestalten

Allerdings nicht frei von Bildung und Kraft und Erregungszuständen. Fähig zu tiefschürfenden sach- und fachkundlichen Einlassungen oder ausufernden, ja in der Ausuferung kulminierenden philosophischen und politischen Expertisen – welche sie ja auch so freigiebig wie erbarmungslos zum Besten geben. Erzürnt ob der geradezu schamlos offenkundigen Tarnung eines Immobilienprojekts als Verkehrsprojekt. Erzürnt ob der Beleidigung ihrer Intelligenz. Es ist nicht zuletzt der akute Dilettantismus, der sie beleidigt. Sie selbst würden niemals so viele dumme Fehler machen.

Wenn ich jenen Herren die "luziferische Energie" abgesprochen habe, dann jedoch keineswegs ihre Abstammung von transsilvanischen Nachtgestalten. Diese Männer sind – gleich ihren "Kollegen" aus den Niederungen – spielend in der Lage, ihre Gesprächspartner bis zum letzten Tropfen auszusaugen, in Grund und Boden zu reden und mit einem Bombardement von Argumenten zu belegen. Der S-21-Komplex hat ihre vampirische Ader zur vollen Blüte gebracht. Ich habe ich es einmal so ausgedrückt: "Diese Leute können einen vollquatschen, bis man bewusstlos umfällt. Schlimm!" Sie schreien, sie klagen an, sie recken die Fäuste, ereifern sich, argumentieren, polemisieren, drangsalieren, drohen mit Wortgewalt, veröffentlichen auf den Kommentarseiten der Stuttgarter Zeitungen ganze Abhandlungen, Pamphlete, Traktate, Romane. Ihr Expertentum ist eine Bombe. Einige allerdings jammern auch, einige flüchten sich in eine stoisch stumme Haltung, der sie eine Würde andichten, aber: Es fehlt ihnen ebenjene "magische Note". In gewisser Weise könnte man sagte, ihnen fehle der Geist. Was seinen symbolischen Ausdruck darin findet, daß die meisten Männer auf Demos genauso armselig-einfallslos gekleidet sind wie ihre Gegner, egal, ob sie jetzt Krawatte tragen oder nicht. Mit "fehlendem Geist" ist somit etwas Ästhetisches gemeint.

Aber es gibt ja noch den Eisenbahn-Geist, der in vielen Fällen aus jugendlichen Modelleisenbahnphantasmagorien geschlüpft ist. Entweder weil man zu viel Märklinzeug hatte oder zu wenig. Jedenfalls bläht sich der Eisenbahn-Geist nun mächtig auf, und es darf nicht verwundern, dass die sogenannten Bürgerexperten von "Gleisen" und "Wartezeiten" und "Taktfahrplänen" sprechen, als hätten sie soeben die mathematische Struktur der Quantenmechanik entdeckt. Die Wissensaneignung als Samurai-Schwert, das gar hässliche Wunden auf der Haut des Gegners hinterlässt. Der Krieg der Gutachter! Sollten diese Bürgerexperten einmal an die Macht kommen, werden nur mehr jene mit der Bahn fahren dürfen, die ohne zu stottern das Prinzip "gleisbogenabhängiger Wagenkastensteuerung, auch Neigetechnik genannt", eingehend zu beschreiben wissen.

Die Wirtschaft hat erkannt, dass die alten Deppen sehr kaufkräftig sind

Allerdings stimmt eine Sache trotz all des engagierten Expertentums nachdenklich. Man kann nämlich zweifellos von Glück sagen, dass einer der Köpfe, die monatelang unter den Protagonisten der Betreiberseite agierten, der eines kulturlosen, halslosen, übermotivierten, nachtragenden, uninspirierten Schustersohns aus Pforzheim war, der – schlecht beraten – meinte, in der Hau-drauf-Manier eines einst berühmten bayrischen Metzgersohns die Dinge und das Volk unter Kontrolle bringen zu können. Nicht auszudenken, wenn statt dem feisten Schusterjungen ein smarter, adretter, telegener, eloquenter, weltläufiger, kultivierter, womöglich adeliger Akademikersohn das Machtspielchen hätte steuern können. Einer, der nicht nur in der Lage gewesen wäre, vom neuen Herzen Europas zu reden, sondern auch Herzen zu brechen, Herzen zu erobern? Wäre da nicht vielleicht die Lust der Damen und Herren der Halbhöhe am bürgerlichen Protest ein geringerer gewesen? Die Beißhemmung eine größere? Es beißt sich leichter in ein fremdes, verachtetes Bein als in ein verwandtes, vertrautes.

Die Frage nun, die immer wieder vor allem auswärtige Berichterstatter beschäftigt hat, ist die, wogegen gerade die bürgerlichen Protestbewegten sich eigentlich wehren. Unbehagen beim Gedanken an eine schneeweiße Zukunft, an einen Bahnhof von der Strahlkraft einer Waschmittelwerbung? Oder doch vielmehr die Angst vor dem Unterirdischen, weil dieser Umstand den Menschen an die eigene Vergänglichkeit erinnert, daran, dass wir einst unter die Erde müssen?

Manche Hausbesitzer sehen durch die Tunnelbohrungen ihren Besitz bedroht. Foto: Jo Röttgers

Ist es nicht typisch, dass es vor allem Ältere sind, die erbärmlicherweise nicht an ihr zwangsläufiges und recht nahes Ende gemahnt werden möchten, auch dann nicht, wenn sie mit der Deutschen Bahn kurz mal rüber nach München fahren? Sie klammern sich an ihr Leben, sie wollen im wahrsten Sinne "oben" bleiben, im Licht, in der Luft, in der Sonne, die ihre welke Haut mit einer tröstlichen Schicht brauner Farbe belegt und ihnen die Illusion einimpft, heutzutage wäre das Alter eine Bereicherung, nur weil die Wirtschaft erkannt hat, dass die alten Deppen eine kaufkräftige Konsumentenschaft darstellen und weil die Wissenschaft mit einigem Ehrgeiz und durchaus erfolgreich die Disziplin der Lebenserhaltung betreibt. Aber dennoch, die Alten spüren den Tod, sie riechen ihn, bemerken seinen Atem, seine koketten Berührungen und wollen darum keinesfalls mehr als unnötig an ihn erinnert werden.

Hass auf eine Zukunft, von der man nicht profitieren wird

Im Falle jener Edeldemonstrantinnen, die der cocteauschen "Prinzessin" ähneln, wäre es dann so, daß auch der personifizierte Tod, also die "Todin", sich vor dem symbolhaften Tod in Form eines unterirdischen Bahnhofs fürchtet. Wobei freilich klar sein sollte, dass man, um diesen "Kulturhexen" richtig Angst einzujagen, statt eines subterranen Durchgangsbahnhofs eigentlich einen subterranen Kopfbahnhof errichten müsste. Sack zu!

Überhaupt die Sache mit dem Alter. Das war ja von Anfang an ein heikler Punkt, wenigstens sobald sich die Montagsdemonstrationen verfestigten. Jungunionisten erregten sich über den Altersschnitt einer Gruppe von Leuten, die heute verhindern wollen, was sie morgen gar nicht mehr benutzen können. Das stimmt zwar, gilt allerdings auch für die Planer, aber die haben ja das Glück der nächsten Generation im Sinn, die geriatrisch aufgepäppelten Projektgegner hingegen allein sich selbst: Sie hassen eine Zukunft, von der sie nicht werden profitieren können.

Ihre viel zitierte "Renitenz" entspringt folglich einer Ambivalenz, nämlich einerseits die angesprochene Abneigung, unter die Erde zu gehen, andererseits aber werden die älteren Herrschaften durch die Helle & Glätte & Frische des neuen Bahnhofs daran erinnert, dass ihnen selbst genau diese Helle & Glätte & Frische abgeht. Ein Blick in den Spiegel sagt mehr als tausend Worte. Das ist es! Sie neiden dem neuen Bahnhof seine Schönheit und solidarisieren sich mit einem bröckelnden Steinhaufen, der wie ein Ebenbild ihres eigenen Verfalls dasteht. Darum auch fordern sie seine Revitalisierung, analog zum eigenen Facelifting. – So gesehen erscheint es mir absolut schlüssig, wenn pfiffige Befürworter des Projekts den bürgerlichen Widerstand als "LeserInnen der Apothekenrundschau" verunglimpfen.

Die Angst, das Haus könnte einem unterm Hintern wegrutschen

Nun, es heißt aber auch, mancher Halbhöhenlagler fürchte simplerweise darum, sein Haus könnte ihm im Zuge doch nicht ganz so unproblematischer Tunnelbohrarbeiten unterm Hintern wegrutschen. Nun gut, es kann wohl sein, dass eine solche Gefahr besteht, aber der elitäre Bewohner in privilegierter Wohnlage mag eben nicht begreifen, wie sehr der Einzelne in einer Volksgemeinschaft Opfer zu erbringen hat. Weil nämlich höhere Werte existieren als Häuser und Hänge und es niemals in der Welt Fortschritt gegeben hätte, hätte man nicht den Mut besessen, auch mal was Verrücktes zu versuchen. Irgendwann werden die Chinesen Aufzüge zum Mond bauen, das Gelbe Meer überdeckeln, Russland kaufen und mal schauen, was passiert, wenn sie alle gleichzeitig von einem ein Meter hohen Tisch springen.

Aber die in Stuttgart, die lahmen, hinterwäldlerischen, eigenbrötlerischen Brettlesbohrer, werden noch immer diskutieren, ob eine einstige Gestapozentrale abgerissen oder zur Gänze vermahnmalt werden soll. Anstatt zu begreifen, dass der Geist der genialen Erfindungen eines Leonardo da Vinci über viele Jahrhunderte direkt in eine bessere, glänzendere Warenwelt führt. Eine Warenwelt, die unser Verhältnis zu den Dingen bestimmt, unseren lustvollen Umgang mit immer neuen Bedürfniskreationen. Wovon wir alle ja ganz gut leben.

Stattdessen ständiges Gejammer über das angeblich fehlende Geschichtsbewusstsein von Planern. Und natürlich beliebte Verweise auf die jüngere Bau- und Abbruchgeschichte. Siehe Kaufhaus Schocken! Darüber reden sie gern, all die Privatgelehrten in Fragen der Architekturgeschichte, die selbst ernannten Stadthistoriker, diese Hauserhaltungsfundamentalisten. Sie beharren auf der umwerfenden Schönheit des einstigen Mendelsohngebäudes in der Eberhardstraße und bemühen Vergleiche mit dem Bonatz-Scholer-Bau und dessen "schonendem Rückbau": weil auch im Falle des Kaufhauses Schocken kritische Architekten und vor allem Mendelsohns Witwe den Abriss zu verhindern suchten, weil auch damals der Gemeinderat einknickte, weil auch damals ein Investor mit seinem Weggang aus Stuttgart drohte.

Die hochgelobten Stäffele: pittoresk, aber wer benutzt sie?

Was sie aber so gerne vergessen, ist nicht nur der Umstand, dass das Schocken der vorteilhaften Verbreiterung einer Straße im Weg stand, sondern zudem weder über Klimaanlagen noch über Rolltreppen verfügte. – Aber wehe, wehe sie müssen mal ein paar Stufen gehen! Wie sieht es denn aus auf den hochgelobten Stäffele, den berühmten pittoresken Treppen der Halbhöhe? Schauen Sie mal dorthin und zählen Sie die Leute. Ein paar wenige, die bergab gehen und sich was drauf einbilden. Aber hochmarschieren ...? Da endet der Spaß. Hochjoggen ist etwas anderes. Das ist ja Sport, also eine betont exzentrische Fortbewegungsart. Aber am Heimweg will man im Auto sitzen, so, wie man im Einkaufstempel auf der Rolltreppe stehen möchte. Doch wenn diese "Betroffenheitsdemonstranten" und "retrogeilen Spießer" über das schöne, alte Kaufhaus Schocken reden, die famose Bauhaus-Architektur, die von einer bösen Stadtpolitik dem Fortschritt geopfert wurde, dann ... ja dann hört man kein Wort über Rolltreppen.

In der Halbhöhe lebt es sich gut: man ist oberhalb des stickigen Kessels, aber auch nicht auf der dörflich-industriellen Filderebene. Foto: Martin Storz

Nur bei S 21, da natürlich wird über Rolltreppen lamentiert. Plötzlich gelten sie als schlecht, nur weil sie nicht behindertengerecht sind. Ach ja, mit einem Mal sind die Behinderten so wichtig! Beinahe kommt mir vor, als gäbe es seit dem Beginn der Proteste mehr Behinderte in Stuttgart zu sehen als zuvor, mehr Rollstühle, auch mehr Kinderwägen, als versuche man boshafterweise eine Vielzahl von Behinderten und Kleinkindern vorzuspiegeln, die in dieser Stadt gar nicht existiert.

Nichts gegen Krüppel und Gören, aber man muss sich schon die Frage stellen, was die auf einem Bahnhof verloren haben, falls nicht grad Urlaubsbeginn ist oder irgendwo eine Behindertentagung. Wenn man sich nämlich für das Primat der Kapazität entscheidet, ist es Schwachsinn, kapazitätshinderliche Bevölkerungsgruppen über Gebühr zu berücksichtigen. Auf Pferderennbahnen wird man auch keine Fohlen sehen. (Allerdings bestehen Unkenrufe dahingehend, dass Kofferträger auf Geschäftsreise ebenfalls zu den Behinderten zählen, die permanent behindern.)

Die protestantischen Badehaubenfanatiker

Bitte, kein schlechtes Wort von mir gegen Kindergärten und geschützte Werkstätten, aber die werden auch nicht mitten auf einer Straßenkreuzung gebaut, um absichtsvoll den Verkehr, ja, zu behindern. Kinder haben nichts auf der Straße verloren, sie sind zu klein und sie sind zu langsam, sie stehen ewig lange an roten Ampeln und sind dort Fußgängern im Wege, die nicht die Zeit haben, sich an einer blöden Farbe zu orientieren (auffallend, dass auch die Blindenhunde sich wie Kinder verhalten, sich also ebenso wenig an die Rasanz erwachsener Passanten anpassen, sondern allein den Regeln der Ampelschaltung verpflichtet scheinen). Außerdem heben die lieben Kleinen ständig irgendeinen Dreck von der Straße auf und gefährden sich und die anderen. Und vor allem: sie verursachen ein schlechtes Gewissen, die Kinder und Bäume!

Es kann wahrlich nicht wundern, dass der Architekt von S 21 nichts als Verachtung für Leute übrig hat, die ein Theater um Bäume machen, die sie gar nicht selbst gepflanzt haben. Denen das Schicksal von Mineralquellen am Herzen liegt, als hätten ihre Vorfahren das "Sauerwasser" mit eigenem Herzblut veredelt. Denen, gut steirisch gesprochen, die Grausbirnen aufsteigen, wenn sie von Plänen hören, aus dem Mineralbad Berg – auch so ein vergammeltes Stück klassischer Moderne! – ein Erlebnisbad zu machen. Was haben diese protestantischen Badehaubenfanatiker gegen das Erlebnis, gegen die Freude? Warum halten sie den Spaß und die Lust für Teufelswerk? Und darum natürlich auch alle für Teufel – den Oberbürgermeister an erster Stelle –, die dem Spaß eine architektonische Verkörperung widmen wollen. Eine freudvolle Berlinisierung statt pietistischer Besitzstandswahrung. (Richtig, der Spaß kostet Geld. Aber warum sollte ausgerechnet er umsonst sein?)

Entschlackende Erregungszustände

Überhaupt: warum bilden sich die Mineralbadfetischisten so viel darauf ein, im Winter frühmorgens in ein 17 Grad kaltes Wasser zu steigen? Diese dumme Lust am Kasteien. An der Körpererhärtung. Der Körperversteifung. Der Verkrampfung. Dieses enervierende Ich-hab-nie-einen-Schnupfen-Getue! Dabei resultiert doch ihre ganze Gesundheit viel weniger aus dem kalten Baden und dem heißen Duschen als aus den diversen entschlackenden Erregungszuständen, diesem revitalisierenden Bürgerzorn. Für sie alle gilt ein Satz, den Josef Weinheber zwar für die Wiener geschrieben hat, der aber auch hier bestens passt: "Des Gfrett ohne Grund gibt uns Kern, hoit uns gsund." (Übersetzt: Der grundlose Ärger – ergo Bruddeln – verleiht uns Stärke, hält uns am Leben.) – Natürlich werden auch immer Gründe ins Feld geführt, aber ... mein Gott, ein Schwimmbad! Mein Gott, ein Bahnhof!

Mein Gott, ein Gott!

Darf es da noch wundern, dass diese "zombiehaften" Lustverächter all jene Menschen diskreditieren, die es sich auf Weindörfern und anderen lustigen Eventualitäten mal gemütlich machen? Festen, die kurioserweise meist vom Untotesten aller Untoten eröffnet werden, sodass der neutrale Betrachter sich fragt, wie viele konkurrierende Zombiegruppen in dieser Stadt eigentlich "leben". Deren lauteste, jene Lustverächter, geniert sich freilich wenig, eine Politik zu attackieren, die im oder eigentlich eher hinter dem Herzen Stuttgarts ein neues Zentrum zu schaffen versucht, wo es dann endlich mal auch Parkplätze für Leute gibt, die nicht in der Lage sind, die Hänge mit ihren Privatgaragen zu verschandeln. Man kann verstehen, dass mancher engagierte Tunnelbauunternehmer darunter leidet, wie sehr an diesem Ort der Begriff der "Museumsreife" zur falschen Anwendung kommt und sich ausgehend von Stuttgart ein ganzes Land der musealen Verstaubtheit hingeben könnte. Anstatt chinesische Verhältnisse zu kultivieren.

Denn das ist doch heutzutage die Wahl: China sein oder Griechenland sein. Die Stuttgarter aber sind vollkommen verbockt und behaupten die Existenz eines dritten Weges, so wie damals die Naiven in der sterbenden DDR, die zwischen Kohl und Honecker eine goldene Mitte zu sehen meinten. Aber in der Mitte gibt es kein Gold, sonst wären ja alle reich. Gleich reich. Und das wäre gerade für den Halbhöhenlagler eine Horrorvorstellung: eine Welt, die nur aus Halbhöhen besteht!

Der Text ist die gekürzte Fassung einer Rede, die Heinrich Steinfest beim Fritz-Erler-Forum am 21. Juli gehalten hat. Steinfest, geboren 1961, ist in Wien aufgewachsen. Er lebt heute als Schriftsteller und Maler vorwiegend in Stuttgart.


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