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Schwarmintelligenz

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"Gut, dass wir heute mal nicht über den Bahnhof reden", sagte Sigmar Gabriel am Dienstagabend bei einer SPD-Veranstaltung im Stuttgarter Vinum. Kurz danach konnte der Obergenosse in den Nachrichten hören, dass das Milliardenprojekt möglicherweise bald vor dem Aus steht. Dies legt ein internes Papier aus dem Bundesverkehrsministerium nahe, dessen Inhalt Thomas Wüpper in der "Stuttgarter Zeitung" veröffentlicht hat.

Jetzt wackeln sogar eifrige Stuttgart-21-Fans in den Reihen der CDU und der FDP. Eine Stellungnahme von Sigmar Gabriel steht noch aus. Dafür hat sich der Stuttgarter SPD-Chef Dejan Perc jetzt eindeutig gegen Stuttgart 21 ausgesprochen und indirekt sogar den Kopf von Rüdiger Grube gefordert. Der Bahnchef wird auch in dem Papier des Verkehrsministeriums scharf kritisiert. Grube habe den Aufsichtsrat zu spät, unzureichend und sogar falsch informiert.

Doch der Fall Stuttgart 21 ist längst ein Fall Merkel und ein Fall, der den Bundestagswahlkampf beeinflussen wird. Die Bundeskanzlerin hat den Tunnelbahnknoten zu ihrer Sache gemacht. Und jetzt scheint sie endgültig verloren zu haben. Sie wird ihren Wähler erklären müssen, wie es so weit kommen konnte.

Doch die Wähler wollen noch mehr wissen. Sie wollen wissen, wie die Bahn, die wegen ihrer miserablen Leistungen immer mehr zu einem Hassobjekt wurde, zu einer Bürgerbahn gemacht werden kann. Mit dem Fall von Stuttgart 21 steht damit die Bahnreform aus den 90er-Jahren zur Disposition. Damals getragen von CDU, SPD, FDP und Grünen, hat sich der Privatisierungs- und Deregulierungskurs als milliardenschwerer Irrweg erwiesen. Das Versprechen, mehr Verkehr auf die Schiene zu übertragen, ist wie eine Seifenblase zerplatzt. 

Ohne die Schwarmintelligenz der S-21-Gegner, ohne ihre Hartnäckigkeit und ihren fantasievollen Protest wäre das Missmanagement der Deutschen Bahn AG nicht oder erst viel zu spät bekannt geworden. Der Schaden wäre immens. Siehe Berliner Großflughafen! Man darf gespannt sein, wann sich die ersten Politiker bei den Stuttgarter Zorn- und Mutbürgern für ihren (unentgeltlichen) Einsatz bedanken.

 


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