Für die Stuttgarter Bürgerschaft ist das Weindorf der Höhepunkt des Jahres: gesellig in der Laube sitzen, das ein oder andere Viertele trinken, die schwäbische Küche genießen und dann mit gepflegtem Schwips nach Hause wanken. Dieses Jahr feiert das Fest seinen 50. Geburtstag und Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) drohte bei der Begrüßungsrede mit 50 Weinsprüchen. Er beließ es dann aber doch bei zehn – die restlichen 40 könne man ja im Amtsblatt nachlesen. In der aktuellen Ausgabe, die am Tag der Eröffnung erschien, sind sie nirgends zu finden. Schade für all jene, die Fans sind von Trinkweisheiten wie: "Wein saufen ist Sünde, Wein trinken ist beten, lasset uns beten!"
Stuttgarts OB Frank Nopper (rechts), Weinkönigin Natalie Schäfter und der stellvertretende Ministerpräsident Manuel Hagel eröffnen das Stuttgarter Weindorf. Foto: Julian Rettig
Dass der Himmel über der baden-württembergischen Landeshauptstadt dieser Tage zuzieht und die Temperaturen fallen, dürfte den Besucher:innen des Weindorfs derweil gerade recht sein. Denn ein halber Liter Wasser – das Monopol auf das auszuschenkende hat Teinacher – kostet sechs Euro aufwärts. Ob das die Folgen von Dürre und sinkenden Grundwasserpegeln sind? Wohl nicht – im Laden kostet ein Liter des "Gourmet"-Wassers schließlich keine zwei Euro.
Dabei ist die Frage eine ernste: Wer darf sich an Quellen, Bächen, Flüssen und Seen bedienen, wenn die Wasserstände aufgrund der Klimakrise zurückgehen? Nicht nur die Trinkwasserversorgung muss sichergestellt sein, auch Felder müssen bewässert und Industrieanlagen gekühlt werden. Und Grundwasserstände und die Wassermengen aus Quellen sind in Baden-Württemberg vielerorts unter den Normalbereich gesunken, schreibt unser Autor Florian Kaufmann.
Die Erderwärmung geht weiter, es droht also ein Horrorszenario. Wer sich vom realen Horror der (nicht allzu fernen) Zukunft ablenken will, der möge doch zum neu erschienenen Horror-Comic "Stuttgarter Schocker" greifen. Der kostet auch nur bisschen mehr als ein halber Liter Weindorf-Wasser, für knapp zehn Euro ist die jüngste Ausgabe zu haben. In "Oben bleiben, unten leiden" verwandeln Autor Lukas Hepp und Zeichner Vincent Alef eine Besichtigung der Stuttgart-21-Baustelle in einen Höllentrip. Alle, die zwar auf S-21-Horror, aber mehr auf Videospiele statt Comics stehen, dürfen sich auf "S 21 – The Game" freuen. Hier läuft man auf dem "Fernwanderweg" zwischen Klettpassage und Bahngleisen, begleitet von Durchsagen wie "Bitte laufen Sie immer geradeaus" oder "Niemand hat die Absicht, dass Sie Ihre Bahn verpassen". Ein im wahrsten Sinne des Wortes endloses Vergnügen, denn die Gleise sind unerreichbar. Wann das Spiel des Stuttgarter Studios Hanging Garden Interactive veröffentlicht wird, ist noch unklar. Eine Demoversion ist jetzt schon kostenlos spielbar.
Droht womöglich der Besuch des realen Tiefbahnhofs, dessen Fertigstellung mitunter ebenso unerreichbar scheint, zum heißen Horror zu werden? Diese Befürchtung hegen jedenfalls Projektkritiker:innen, nachdem die Deutsche Bahn in einem Video verkündet hat, dass keine Klimaanlagen verbaut werden. Der Bahnhof nehme die kühle Temperatur des Untergrunds an, die Temperaturen blieben deshalb konstant. Unser Redakteur Oliver Stenzel hat bei einem Experten nachgefragt, wie plausibel das ist.
Dass das Warten auf den Zug alles andere als Horror sein muss, beweist übrigens das Kulturcafé Limbo an der S-Bahnhaltestelle in Beutelsbach: Kunst, Film, Musik und Literatur auf nur 25 Quadratmetern. Unser Autor Dietrich Heißenbüttel war zu Besuch bei den Betreiber:innen Martina Schneider und Stephen Burch.
Damit der politische Horror ausbleibt und der völkische Faschist Björn Höcke (AfD) kein öffentliches Amt bekleiden darf, hat Sebastian Wolf in allen Landtagen eine Petition eingereicht. Der Konstanzer Professor der Sozialwissenschaften möchte so erreichen, dass eine Landesregierung ein entsprechendes Verfahren beantragt und das Bundesverfassungsgericht aktiv werden kann. In Baden-Württemberg sind 10.000 Unterschriften nötig, damit sich der Petitionsausschuss damit beschäftigt. Mehr als die Hälfte sind schon beisammen, bis zum 2. September kann die Petition noch gezeichnet werden, und zwar hier.




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