Dass die Jugend so wenig trinkt, ist schlecht für die Wirtschaft. "Wie der Alkoholverzicht der GenZ die Börse erschüttert", berichtete kürzlich der "Focus" – eine Industrie ächzt unter der Enthaltsamkeit. Der Staat steuert gegen und sponsert in Ehingen an der Donau den "Spazbierweg" inklusive Spielplatz. Kontext-Mitgründer Josef-Otto Freudenreich war bei der Einweihung dabei und hat sich angeguckt, ob sich die Investition von 549.955 Euro gelohnt hat. Die dient natürlich nicht der Werbung, sondern Bildungszwecken, ja, der Aufklärung! Mit Infotafeln neben Spielplätzen, laut denen dank Reinheitsgebot ein "sicheres" Getränk gebraut wird, "das frei von schädlichen Zusätzen ist". Nicht erwähnt ist der Alkohol, der pro Jahr 44.000 Todesfälle in Deutschland verursacht.
Neuer Kontext-Podcast
Wir gestehen: Auch in der Kontext-Redaktion wird manchmal angestoßen. Zum Beispiel, weil es jetzt – Trommelwirbel mit Tusch! – einen neuen Podcast gibt: "Zwei mit Kontext – vom Plenum zum Pferdle" mit unseren beiden Autorinnen Linda Roth und Johanna Henkel-Waidhofer. Letztere ist landespolitische Korrespondentin seit exakt 42 Jahren und kennt den Landtag in- und auswendig. Linda Roth ist freie Journalistin, begnadete Porträtschreiberin und kennt sich bestens mit rechtsextremen Strukturen aus. Beide sprechen einmal im Monat über Aktuelles aus der Landespolitik: hintergründig, fundiert, witzig – und in der ersten Folge sogar mit einem Gläschen Sekt. An den Start geht unser Podcast am Donnerstag auf allen gängigen Podcast-Plattformen und hier.
Opernkritik vor der Uraufführung
Mit "Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal" hat die Stuttgarter Oper für internationale Schlagzeilen gesorgt – und zwar noch vor der Uraufführung, die Ankündigung genügte: Ab April 2027 soll das Stück von Bassem Akiki (Musik) und Olga Bach (Libretto) zu sehen sein. Doch viele urteilen bereits, als würden sie den Inhalt schon kennen.
Einerseits wird Kritik an der "heroisierenden und unkritischen Inszenierung" laut, weil da ein Massenmörder glorifiziert werde. Anderseits freuen sich türkische Nationalist:innen, dass ihr Idol gewürdigt wird. Wann wohl ein Hitler-Musical folge, fragt eine Social-Media-Nutzerin. Eine andere schreibt, es sei ja typisch deutsch, Genozide abzufeiern. Ein Hobby-Historiker kontert, der Völkermord an den Armeniern mit bis zu 1,5 Millionen Toten im Ersten Weltkrieg sei in Wahrheit eine "kriegsbedingte Umsiedlung aus militärischer Notwendigkeit aufgrund von Aufständen und Sicherheitsrisiken" gewesen.
Beim Wissenschaftsministerium ist bereits eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingegangen, mit der Forderung, die "Atatürk"-Aufführung unverzüglich abzusagen. Zugleich verschicken Fans der rechtsextremen türkischen Grauen Wölfe Morddrohungen an Kritiker:innen der Oper. Im türkischsprachigen Online-Medium "OdaTV" steht, "PKK-Anhänger, Griechen und Armenier" hätten "eine Verleumdungskampagne" gestartet. Und zitiert wird Osman Şentürk, Gründer und Ehrenvorsitzender der türkischen Atatürk-Stiftung, der ankündigt: Wenn die Oper abgesagt werden sollte, werde er sich beim Bundesverfassungsgericht beschweren.
Der libanesisch-polnische Komponist Bassem Akiki, der nicht nur die Musik zu "Atatürk" geschrieben hat, sondern in Stuttgart auch dirigieren wird, betont nun: "Diese Geschichte kann nicht nur einer Stimme oder einer Perspektive gehören." Daher werde sich die Oper mehrerer Sprachen bedienen, "darunter Armenisch, Griechisch, Kurdisch, Türkisch, Deutsch, Französisch und Englisch". Kunst könne historische Gewalt nicht wiedergutmachen, sagt er, und historisches Leid auch nicht auslöschen. "Sie kann jedoch einen Raum schaffen, in dem sich die Menschen mit der Komplexität auseinandersetzen, anstatt die Geschichte auf Slogans, Vereinfachungen oder Schweigen zu reduzieren. Für mich bleibt dies eine der wesentlichen Aufgaben der Oper und der Kunst im Allgemeinen."
Es dürfte allerdings keine allzu gewagte Prognose sein, dass dies bis zur Uraufführung in knapp einem Jahr nicht das letzte Wort zu der Oper gewesen sein wird.




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