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Tiki-Taka im Seilgeviert

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Der Edelfotograf Dietmar Henneka hat einen Blick fürs Detail und sieht eine Figur, die ihre Gegner mit "chirurgischer Präzision" zerlegt. Er meint Sebastian Turner. Henneka hat ihn im Theaterhaus erlebt, wo Kontext drei OB-Kandidaten hintereinander befragt hat. Tika-Taka im Seilgeviert.

Alle siegwilligen OB-Bewerber balgen sich um die Mitte – bis auf Hannes Rockenbauch. Der junge Linke hat den Vorteil, eine klar umrissene Klientel zu bedienen. Die S-21-Gegner. Für Fritz Kuhn, Sebastian Turner und Bettina Wilhelm ist die Gemengelage unübersichtlicher. Sie stochern im bürgerlichen Nebel herum und wissen nicht so recht, mit welchen Themen sie punkten können. Deshalb haben sie alles im Angebot, was das Stuttgarter Wählerherz begehren könnte: Kindergärten, Schulen, Bildung, Verkehr, Wohnen und vieles mehr.

Das macht die Kür der Kandidaten – zumindest bis jetzt – nicht besonders aufregend. Und die Gespräche mit ihnen nicht zum Gassenhauer. So viel kann man sagen, wenn man die Empirie zu Rate zieht, die sich aus drei Veranstaltungen im Stuttgarter Theaterhaus speist. Sprich aus drei Einzelauftritten, die von den Kontext-Redakteuren Susanne Stiefel und Josef-Otto Freudenreich moderiert wurden.

Der Werber Turner (parteilos/CDU) versteht sein gelerntes Handwerk, ist beredt und wird nur schmallippig, wenn er nach den Beteiligungen gefragt wird, die er an diversen Firmen hält. Die genaue Zahl, sagt er, könne er nicht nennen, aber das sei auch völlig unerheblich, weil es seine Unabhängigkeit nicht berühre. Ansonsten müht sich Turner, cool zu bleiben, gerät nur in eine Kurzzeitaufwallung, wenn vermutet wird, es mangele ihm womöglich an Empathie. Daran wird er aber gewiss noch arbeiten.

Der Grüne Kuhn ist lockerer, gestählt durch die Erfahrung von Hunderten solcher Podien, und er sagt auch manch Konkretes. Zum Beispiel, dass er für den Wahlkampf 80 000 Euro veranschlagt, die seine Partei trägt. Jeder gespendete Euro mehr sei da willkommen, um der zu erwartenden Materialschlacht des Kandidaten Turner etwas entgegensetzen zu können. Tröstlich in diesem Zusammenhang: Kuhn wird keine Bundesprominenz einfliegen. Das könne, meint er, auch kontraproduktiv sein.

Die Bürgermeisterin Wilhelm (parteilos/SPD) ist ein so fröhliches wie ehrgeiziges Kind einer Wengerterfamilie, das auf dem Stuttgarter Großmarkt groß geworden ist. Dort, sagt sie, habe sie Sozialkompetenz und rechnen gelernt, was beides nicht schlecht ist für den OB-Job, den sie unbedingt haben will. Authentisch will sie rüberkommen, worin, in der Tat, ihre Widersacher Kuhn und Turner das ernsteste Problem sehen. Wilhelms Beschränkung auf den "Postleitzahlbereich 7", den ihr Turners Kolumnist Adrian Zielcke (Zicke, zacke II) als Horizont aufmalt, dürfte hier eher hilfreich sein. Genauso wie die schwedische Schwiegermutter.

Dietmar Henneka: Turner boxt seinen Stiefel runter

Eine Verengung ganz anderer Art hat der Stuttgarter Edelfotograf Dietmar Henneka festgestellt. Beim Kandidaten Turner, den er seit Langem kennt und dessen Leidenschaft und Begeisterung er im Theaterhaus vermisst hat. Der Abend hat ihn offensichtlich so gepfupfert, dass er zum Griffel greifen und Folgendes zu Papier bringen musste:

"Sebastian Turner wahlkämpft, wie Spanien Fußball spielt. Tiki-Taka im Seilgeviert. Mit chirurgischer Präzision zerlegt er seine Gegner und vergisst nie, dass eines der wichtigsten Ziele ist, nicht selbst getroffen zu werden. So organisiert er seinen OB-Wahlkampf – und genau deswegen wird er eher respektiert denn geliebt. Zu wenig Emotionen, zu viel Kalkül, zu taktisch, zu wenig Leidenschaft. Der von der CDU ausgespähte Kandidat 'boxt' seinen Stiefel runter, das aber auf allerhöchstem technischen Niveau, wie man es in der OB-Mitbewerber-Liga eher weniger sieht."

Henneka hat in seinem Text den Namen Klitschko durch Turner ersetzt. Er basiert auf Tobias Schalls StZ-Bericht über Klitschkos Boxkampf in Bern. Der Fotograf nennt es "Kopierpaste".

Dieter Baumann fragt: Wo steckt Mappus?

Und wenn wir schon beim Sport sind: Unser Beiratsmitglied Dieter Baumann, der Olympiasieger, glaubte wohl, Redaktion und Vorstand des Kontext:Vereins für Ganzheitlichen Journalismus aus den politischen Niederungen in die Höhe des Tübinger Spitzbergs auslagern zu müssen. Wie fast jeder ordentliche Schwabe hat der Neu-Kabarettist einen Schrebergarten, ein "Gütle". Was dort ausbaldowert wurde, ist nicht völlig unpolitisch ("Wo steckt Mappus?"), aber ganz im Sinne der Transparenz hat es der laufende Kolumnist in einem fachfremden Organ veröffentlicht. Nachzulesen ist es hier.


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