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Feurige Zungen

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Stell dir vor, es ist Dialog und keiner geht hin. Also: was ist los mit dem Citoyen, dem aufgeklärten Bürger, der doch überall mitreden will? Da kriegt er das Angebot, über sein Lieblingsthema Stuttgart 21 zu diskutieren, und er will einfach nicht. So geschehen beim sogenannten Filderdialog.

Hoffen auf den Heiligen Geist. Kurz vor Pfingsten einzusteigen in den "Filderdialog" mochte dem Glauben entsprungen sein, die feurigen Zungen würden den Häuptern die Erleuchtung bringen und die Münder ganz andere Sprachen sprechen lassen. Im Sinne einer konstruktiv-kritischen Begleitung des fulminanten Tiefbahnhofs, der bekanntermaßen auf den Fildern seine Fortsetzung finden soll.

Basisdemokratisch, wie die Grünen nun mal sind, sollten darüber nicht nur Experten, Lobbyisten und andere interessierte Kreise reden, sondern auch der einfache Bürger, der sich möglicherweise von den umfänglichen Arbeiten – Flughafenanbindung des Tiefbahnhofs, Gäubahn, Neubaustrecke Wendlingen/Ulm – betroffen fühlt. Ganz im Geiste des Kretschmann'schen Gehörtwerdens. Zum ersten Gespräch am Freitag, 25. Mai, sollten 80 von jenen einfachen Bürgern kommen, die per Zufallsprinzip ausgewählt wurden. Und was machen die? 75 sagen ab. Sagen einfach Nein zur Partizipation, die ihre Regierung zum Symbol grün-roter Politik erhoben hat.

Darüber sei sie "etwas enttäuscht", sagt jetzt die Staatsrätin Gisela Erler, was verständlich ist, weil ihr Anliegen, den Bürger zu beteiligen, so schnöde missachtet wird. Nun mutmaßt sie, ganz realpolitisch, dass das mit Pfingsten vielleicht doch keine so gute Idee war – wegen der Ferien. Stünden selbige nicht an, wären die Zufallsbürger wohl zuhauf erschienen, meint Frau Erler und baut auf die Zeit danach, wenn alle erholt zurück sind. Dann, so heißt es, soll es richtig losgehen.

Bis dahin haben die Urlauber die schönste Jahreszeit gewiss genutzt. Zur Entspannung, Ruhe und Gelassenheit. Sie werden ihre Kampfplakate ("Filderdialüg") zum Sperrmüll bringen und nie mehr behaupten, der bestgeplante Gesprächskreis sei eine Show- und Alibiveranstaltung beziehungsweise die Simulation von Demokratie. Stattdessen werden sie eifrig mitdiskutieren über etwas, dessen Ergebnis sie nach der S-21-Schlichtung, dem Stresstest und der Volksabstimmung zu kennen glauben. Und schon wird der "Filderdialog" ein voller Erfolg.


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2 Kommentare verfügbar

  • Martha
    am 27.05.2012
    Antworten
    Ich denke es reicht nicht 250 Einladungen ins Blaue zu verschicken und zu hoffen, dass darunter genug Leute sind die sich dafür interessieren ist ziemlich naiv. Entweder man schafft eine Möglichkeit wo sich Leute melden können, die sich interessieren und aus dieser Gruppe (mindestens 500) lost man…
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