KONTEXT:Wochenzeitung
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Von Augstein bis Stocker

Von Augstein bis Stocker
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Von A wie Augstein über M wie Molitor bis S wie Stocker. Die Leserschaft von Kontext ist so vielfältig wie das Alphabet, persönlich wie politisch. Das spiegelt sich auch in ihren Kommentaren zum Einjährigen wider, die eines zeigen: Kontext ist zu einer wichtigen Stimme geworden. Damit das so bleibt, ist das "ehrgeizige Experiment" ("Süddeutsche Zeitung") weiter auf die Unterstützung seiner Leser angewiesen. Zur Erinnerung: Wir schaffen es nur, wenn am Ende des Aprils 1000 Soli-Abos zu Buche stehen. Die Hälfte haben wir fast erreicht. Dafür herzlichen Dank.

Ein Jahr Kontext, jede Woche einmal, und jede Woche die Frage, ob gelungen ist, was wir uns vorgenommen haben: der andere Journalismus, der eigentlich der eigentliche ist. Der unabhängige.

Gelungen? Mal mehr, mal weniger, wie das halt so ist, wenn man ausprobiert. Ohne Netz und doppelten Boden. Aber unterm Strich gesehen, bleibt der Eindruck, dass wir so schlecht nicht waren. Oder waren irgendwo anders die aufwendig recherchierten Reportagen über Illegale und Alzheimer-Patienten zu lesen? Die exklusiven Berichte über Mafia und braune Anwälte im Land? Die langen Interviews mit Künstlern, Schriftstellern und Politikern? Oder gar die Texte zu Stuttgart 21? Eine Auswahl davon haben wir in unserer Jubiläumsausgabe zusammengestellt.

Was immer Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, entgangen sein sollte – einen Artikel empfehlen wir besonders. Zur Schärfung des Blicks für Unterschiede. Jenen von Anna Hunger über die Parkschützer ("Rosen auf dem Baumstumpf"), der die Leitlinie der Redaktion auf den Punkt bringt: eigenständig denken. Und der in den darauf folgenden Reaktionen (etwa dem BürgerInnenbrief von Peter Grohmann oder den teils heftigen Reaktionen mancher Parkschützer) belegt, wie schwer es ist, andere Meinungen als die eigene zu ertragen.

Wie leicht wäre es gewesen, die Parkschützer, die in den Altmedien gerne als "sogenannte" bezeichnet werden, zu diskreditieren, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass sie der Motor der Bewegung waren. Andererseits: wie wohlgefällig wäre es gewesen, in den Chor jener einzustimmen, die Grün für das eigentliche Übel und Kretschmann für Mappus halten?

So haben wir unseren Job nie verstanden. Das Gemeinmachen ist kein Journalismus, das kritische Draufschauen, auf alle Seiten, schon. Freunde bei den Betrachteten schafft das selten, bestenfalls Respekt. Aber was will man mehr in diesen liedrigen Zeiten, in denen die Glaubwürdigkeit von Medien extrem leidet? (Doch, mehr war noch zu haben bei Kontext-Veranstaltungen in der Stiftung Geißstraße oder im Café Stella oder in den Schulen bei "Lernen als Recherche".)

Jetzt ist das Jahr vorbei, und schon lockt ein neues Abenteuer: eine gemeinsame Reise mit den Häuptlingen der Bewegung. Peter Grohmann, Walter Sittler, Wolfgang Schorlau, Gangolf Stocker trommeln für eine "Fusion" von Kontext mit ihrem Organ "einundzwanzig". Aus zwei mach eins, sagen sie, Stuttgart trage zwei alternative Medien nicht. Die Künstler übersehen dabei eines: Zeitungen sind keine Autofabriken. Zeitungen sind Kulturgüter mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Identität und einer eigenen Haltung.

Kontext hat seine Haltung immer klar formuliert. Kein Kampfblatt, keine Gegenzeitung, niemandes Sprachrohr, sondern Plattform für einen Journalismus, der keinem Konzern, keinem Verleger und keinen Lobbyisten zu gehorchen hat. Die "einundzwanzig" war und ist eine Bewegungszeitung, herausgegeben von bewegten Bürgern, die sich den Kampf gegen den Bahnhof auf die Fahnen geschrieben haben – und jetzt seine (schwindende) Kraft medial weiter tragen wollen. Auf Felder auch jenseits des Bahnhofs. Das ist ein ehrenhaftes Anliegen. Aber soll ihr Furor unser Federhalter sein, das Einspartenhaus die Bühne? Das können wir nicht bieten – weder den Herausgebern der "einundzwanzig" noch deren Lesern.

 

Ein Spender wollte es uns leicht und schwer zugleich machen. Er brachte 10 000 Euro in Münzen vorbei.P.S.: Ein Jahr Kontext heißt auch, vor Wundern nie sicher zu sein. Zum Beispiel dann, wenn 86 Kilo Geld vor der Tür stehen. So viel wiegen viele, viele Ein- und Zwei-Euro-Stücke plus 50-Cent-Münzen, wenn sie zusammen 10 000 Euro ergeben. Ins Haus gewuchtet hat sie ein Spender, den wir zwar kennen, der aber nicht genannt werden will. Er wollte uns das Leben leichter und schwerer machen. Nicht einfach einen Scheck zur Bank bringen, sondern Säcke tragen, hat er wohl gedacht. Die Zähler von der Bundesbank haben nicht schlecht gestaunt, als wir ihnen den Schatz auf den Tisch gehievt haben. Und sie waren beruhigt, dass alles sauber banderoliert und gekennzeichnet war. Dem Spender sei zehntausend Dank.

 


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3 Kommentare verfügbar

  • bronzus
    am 11.04.2012
    Antworten
    liebe kontext,
    offenbar wurde euch die vermeindliche nähe zu s21 gegnern doch zu heiß - und ihr tut dann alles dafür, ganz klar sichtbar, die nötige distanz zu schaffen. wie bereits von mir vermutet soll wohl das leserspektrum erweitert werden. wie sonst ist es zu erklären, dass ein artikel wie…
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