Ausgabe 380
Editorial

Auf die Barrikaden

Von unserer Redaktion
Datum: 11.07.2018

Nun hat es die Stuttgarter Wohnungsnot sogar ins "Heute-Journal" des ZDF geschafft. Am vergangenen Mittwoch begann Claus Kleber seine Anmoderation mit dem Zank zwischen CDU und CSU – um dann auf die "wahren Probleme" der Bürger umzuschwenken. Es folgte ein Beitrag über die beiden Stuttgarter Familien, die im Mai eine leer stehende Wohnung in der Wilhelm-Raabe-Straße 4 besetzt hatten. Über sie hat Kontext von Anfang an intensiv berichtet, und das Thema Wohnen begleitet uns auch diese Ausgabe.

Das Thema spielte auch bei der Demo gegen Stuttgart 21 am vergangenen Samstag vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof eine Rolle. Was nicht weiter verwundert, hatte sich die hiesige Immobilienbranche doch schon vor Jahren mokiert, dass S 21 "nur als Verkehrsprojekt wahrgenommen" wird, und nicht als "Jahrhundert-Immobilienprojekt". Redner Joe Bauer schlug nun einen weiten Bogen: "Fehlender Wohnraum und heillos überteuerte Mieten gehen einher mit Neid und Missgunst – und fördern damit das brandgefährliche Sündenbock-Denken." Hier läge mit die Ursache für den aktuellen, bedrohlichen Rechtsruck, dem man auch als Tiefbahnhofgegner entgegentreten müsse: "Wer gegen Menschen fremder Herkunft, wer für Ausgrenzung ist", der habe in einem demokratischen Bündnis wie dem gegen Stuttgart 21 "nichts zu suchen".

Volker Lösch, ebenfalls auf der Bühne, verknüpfte das Bahnhofsprojekt direkt mit dem Thema Geflüchtete und verwies auf deprimierende Parallelen: Bei beiden zeige sich "die politische Kultur der Verantwortungslosigkeit" . Und seine Vorrednerin, die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), legte gewohnt wortgewaltig dar, warum sich bei S 21 längst niemand mehr aus die Volksabstimmung als verbindliche Grundlage berufen könne.

Der entscheidende Unterschied liegt im Detail: In den StN wurde "gegen den Abbau der Gleise" demonstriert, in der StZ "für den Erhalt". Foto: Joachim E. Röttgers
Der entscheidende Unterschied liegt im Detail: In den StN wurde gegen den Abbau der Gleise demonstriert, in der StZ für ihren Erhalt. Foto: Joachim E. Röttgers

Es ging also um viele verschiedene Themen bei besagter Demo – aber mit keinem Wort um das Urteil des Bundesverwaltungsgericht vom 5. Juli. Dieses hatte die Sprungrevision der Stuttgarter Netz AG abgewiesen, die gegen den Abbau aller oberirdischen Gleisanlagen des Stuttgarter Hauptbahnhofs im Zuge von S 21 klagte. Seltsamerweise hatten aber die "Stuttgarter ZeitungsNachrichten" (StZN) genau diesen Bezug hergestellt und geschrieben: "Rund 1000 Menschen wenden sich gegen das jüngste Urteil aus Leipzig". Nun gehört es zum Zeitmanagement des notorisch gehetzten Journalisten, eine Meldung auch mal "kalt zu schreiben" – also schon vor dem Ereignis. Eine Aktualisierung im Nachhinein kann dennoch ganz hilfreich sein.

Wundern konnten sich geneigte Leser auch, dass laut einer auf die StZN-Seiten gelangten dpa-Meldung Tunnelpapst Martin Herrenknecht, sonst als glühendster Tiefbahnhofverfechter bekannt, in der Berichterstattung plötzlich zum S-21-Kritiker mutierte. Auch hier liegt die Aufklärung nahe: In einer älteren Meldung hatte er noch "Kritik am Vorgehen bei Stuttgart 21" geübt. Die zwei entscheiden Worte gingen wohl im Zuge des Vorgangs verloren, den man unter Kollegen als "Zuspitzen" kennt.

Ob die beiden Fälle auch Symptone einer aktuellen Krise des Journalismus sind, verursacht durch immer neue Sparmaßnahmen, immer weniger Leute für die gleiche Arbeit, immer niedrigere Honorare, das sei mal dahingestellt. Die Misere gibt es aber zweifellos, und sie äußert sich auch darin, dass die "Eßlinger Zeitung" ihren freien Mitarbeitern Honorarverluste als "Kollateralschaden" der neuen Blattstrategie verkauft. Sinkende Löhne für die schreibende Zunft sind ein bundesweites Phänomen, doch in Esslingen – und das ist bislang einzigartig – gehen die Freien jetzt auf die Barrikaden. Kontext-Redakteur Josef-Otto Freudenreich hat sich mit der kämpferischen Truppe unterhalten.

Wer lange Jahre den Aufstand erprobt, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu erreichen, hat vielleicht irgendwann genug. So ging es jedenfalls Helga Stöhr-Strauch und ihrem Mann, über deren Gründe, Stuttgart zu verlassen und nach Brandenburg zu ziehen, wir vor gut zwei Monaten berichtet hatten. Nun ist Helga angekommen – und hat uns ihre ersten Eindrücke in einem erfrischenden Textlein geschickt. Es geht unter anderem um den ungewohnten Geruch von frischer Luft und den ernüchternden Zustand des internationalen Sozialismus, Sektion Brandenburg. Wir freuen uns auf mehr!


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