Ausgabe 347
Editorial

Wer hat die dicksten Hosen?

Von unserer Redaktion
Datum: 22.11.2017

Wer sich lange genug mit Mistgabel oder Traktor in den Weg stellt, der wird irgendwann von den Herrschenden gelobt. So geschehen beim 50. Geburtstag der Schutzgemeinschaft Filder am vergangenen Freitag in der Echterdinger Filderhalle. Dort ehrte unter anderem Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) die "Mutter des organisierten ökologischen Protests in Deutschland". Wobei das Bild mit den Herrschenden und den sich ihnen in den Weg Stellenden in diesem speziellen Fall etwas schief ist. Denn Hermann gehörte lange Jahre selbst zu denen, die gemeinsam mit der Schutzgemeinschaft gegen immer neue Versuche kämpften, den Flughafen zu erweitern oder die fruchtbare Filderebene mit einer Messe zuzupflastern.

An dieser Stelle könnte man nun ein Loblied der Demokratie anstimmen, wäre nicht, ach, alles so kompliziert. Als mittlerweile Mit-Herrschender ist Hermann ja auch für die Umsetzung von S 21 zuständig. Was die Schutzgemeinschaft nicht will, vor allem nicht auf den Fildern. Und der grüne Verkehrsminister ja eigentlich auch nicht, aber er müsse ja, wegen der Verträge und so. Allenfalls leichtes Grummeln war da im Saal zu hören.

Die große Stärke der Schutzgemeinschaft sei immer gewesen, dass sie extrem breit aufgestellt war, "vom Landwirt bis zum Student", man habe oft nicht sagen können, "sind's Grüne, sind's Schwarze". Sagte der Grüne, der mit den Schwarzen im Kabinett oft seine liebe Not hat.

Kontext war mit einem Stand in der Filderhalle, denn einer breiten Aufstellung können auch wir viel abgewinnen: Wir werben ebenso gerne analog wie digital für unser spendenfinanziertes Projekt. Und seit drei Wochen erinnern wir mit einer Kampagne zusätzlich daran, dass Kontext-Artikel zwar gratis zu lesen sind, aber nicht kostenlos geschrieben werden. Dass gründliche Hintergrundrecherchen und meinungsstarke Texte, wie wir sie wöchentlich bieten, auch Geld kosten. Auf unsere Soli-Geber sind wir angewiesen. Sie sind unsere Bündnispartner.

Womit wir bei der Bundespolitik wären. Dass Jamaika nun doch noch scheiterte, konnte man hier in Baden-Württemberg bis zum Schluss kaum glauben. Hier im Land der breiten Bündnisse und mit einem konsensfreudigen Landesvater an der Spitze. Aber wenn bayerische Christsoziale und nordrhein-westfälische sogenannte Liberale auf dickstmögliche Hose machen, kann die Welt schnell anders aussehen. Wobei wir uns gleich für diese platten Stereotype entschuldigen, denn hoffnungsvolle Bündnisse in den Sand setzen und zukünftige Wahlchancen zerbröseln zu lassen, das haben die Linken in Stuttgart schon vor 50 Jahren geschafft. Und das schaffen die nicht mehr wirklich linken Jusos auch heute.

Zurück zum Jamaika-Aus, bei dem wir uns trotz allgemeiner Larmoyanz den Blick auf die kleinen Dinge bewahrt haben. Etwa auf die Beharrlichkeit mancher Zeitgenossen, sich immer und überall in die erste Reihe vorzuarbeiten. Kaum jemand kann das so gut wie Verfassungsästhet Thomas Strobl (CDU). Doch wie weit er damit kommt, war selbst uns neu. Staunen Sie mit.


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2 Kommentare verfügbar

  • Hartmut Hendrich
    am 22.11.2017
    Das Editorial schien mir der geeignete Ort, um meiner Verärgerung über einen fragwürdigen Sprachgebrauch im Nachrichtenteil „Kontext Extra“ Luft zu machen. Da stoße ich hier im Text gleich noch auf einen gern gebrauchten Euphemismus. Doch der Reihe nach:

    Da wird in der Nachricht über das „Verbrechen“ eines Krim-Besuches bedenkenlos (oder gilt das abgewandelte Bibelwort „an ihren Worten sollt ihr sie erkennen“) von der Annexion der Krim gesprochen. Diese Wortwahl, die der wütenden Hilflosigkeit entsprach und beharrlich weiter benutzt und sehr bewusst eingesetzt wird, nachdem eigene aggressive Absichten kurz vor der Vollendung durch eine elegante Lösung, nämlich eine Volksabstimmung, durchkreuzt wurden, ist alles andere, als sachlich neutral. Obwohl mehrere Leser in dem verlinkten Kontext-Beitrag vom 2.August diesen unpassenden Sprachgebrauch beklagten, wird munter (absichtsvoll?) daran festgehalten.

    Das nächste Ärgernis: Hier in diesem Editorial wird mir, wie das inzwischen schon ganz normal ist, der Ministerpräsident Kretschmann als Vater, sprich „Landesvater“ benannt. Ich meine, wir leben in republikanischen und nicht mehr in feudalen Zeiten, was auch Journalisten nicht entgangen sein sollte. Bei „Landesvater“ denke ich stets an feudale Herrscher, die für die Aufrechterhaltung ihres mehr als luxuriösen Lebensstils fürsorglich ihre „Landeskinder“ als Kanonenfutter an fremde Mächte verkauften. Und noch etwas, das schon beinahe pervers ist: Hätte ich in Figuren wie Öttinger oder Mappus auch meine Väter sehen sollen? – Na dankeschön. Dem Schwadroneur Kretschmann habe bedauerlicherweise einmal meine Stimme gegeben. Das ist schon schlimm genug, Aber „Vater“? Auch hier ein deutliches „Nein danke“!
    • Schwa be
      am 23.11.2017
      Stimme Ihnen insbesondere hinsichtlich dem Sprachgebrauch von Kontext in Bezug auf die Krim voll und ganz zu.

      Wenn man wie Sie mit der Bezeichnung "Landesvater" die monarchistische (diktatorische) Feudalherrschaft assoziiert finde ich persönlich passt der Begriff doch ganz gut. Wir leben zwar nicht mehr in monarchistischen Zeiten doch die herrschenden bürgerlichen Parteien/Politiker führen sich so auf bzw. praktizieren eine solche ausbeuterische Politik gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung/der Gesellschaft. Nicht zuletzt sichtbar an den massiven Privatisierungen von Volksvermögen bzw. Bereichen der Daseinsvorsorge, sie führen völkerrechtswidrige Kriege, fördern prekäre Beschäftigung und (Alters)Armut, machen wohnen zum Luxusgut, verbreiten m.E. eine nicht zu rechtfertigende Terrorangst unter der Bevölkerung um Repressionsmaßnahmen (Aushöhlung der Demokratie und der Persönlichkeitsrechte) und ihre Kriege zu rechtfertigen, etc., etc..

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