Ausgabe 2
Debatte

Sind Hauptschüler bessere Analytiker?

Von Rainer Nübel
Datum: 13.04.2011
Frühschichten mit Rollenwechsel: Kontext-Redakteure gehen mit dem neuartigen Projekt "Lernen als Recherche" in Gymnasien, Real- und Hauptschulen. Sinn und Zweck des für die Schulen kostenlosen Bildungsangebots von außen ist es, strukturiertes Denken und Arbeiten zu vermitteln und damit die Lernfähigkeit von Schülern zu fördern. Die Journalisten stoßen dabei auf handfeste Überraschungen, die bildungspolitisch zu denken geben.

Es mutet wie ein skurriler bildungspolitischer Extremversuch an: ein und dieselbe Gedichtanalyse in der Oberstufe eines renommierten Gymnasiums – und in einer neunten Hauptschul-Klasse. Konträrer könnten die beiden Schulwelten kaum sein, zumindest scheint es so. Hier Schüler vor dem Abitur, die meisten aus Mittelstandsfamilien, dort Jugendliche auf Lehrstellensuche, der Migrantenanteil liegt bei fast 80 Prozent. Und dann ausgerechnet Gedichte, intellektuelle Sprachgebilde, die vielleicht künftige Akademiker knacken können, nach landläufiger Meinung, doch nicht angehende Fabrikarbeiter oder Friseurinnen. Doch plötzlich, im Verlauf des neuartigen Projekts "Lernen als Recherche", stehen zementierte Denkweisen kopf. Die faustdicke Überraschung ergibt sich durch eine sehr konkrete Frage: Wie lange dauert es eigentlich, bis ein Soldatenhelm rostet? 

In der ersten Phase des Projekts sind die Klassen in der großen Pause auf Recherche gegangen, an verschiedenen Ecken ihres jeweiligen Schulgeländes, auf dem Hof oder Bolzplatz, am Bäckerstand oder Getränkeautomat, im Lehrerzimmer oder in den Toiletten. "Schaut ganz genau hin", haben ihnen die Journalisten zuvor ans Herz gelegt, "und schreibt alles auf." Auch sollten sie Leuten befragen, um Zitate zu sammeln, und  auf jedes einzelne Detail achten, das für ihr Thema wichtig sein könnte. So, wie es recherchierende Reporter eben machen müssen. Die gewonnenen Informationen und Impressionen haben die Schüler dann unter Anleitung in eine Struktur gebracht und daraus kleine Erzähltexte verfasst.

Genau auf den Text schauen, Wort für Wort

Schon da fiel auf: stilistisch sind die Texte der Gymnasiasten gefälliger und meist auch anspruchsvoller. Doch was die Menge und auch die Qualität der gesammelten Informationen angeht, stehen die Hauptschüler den angehenden Abiturienten häufig in nichts nach. Manche Neuntklässler haben sehr genau darauf geachtet, ob beim Pausenkick jemand ausgeschlossen wurde oder ob es Zoff gab. Oder haben penibel die Preise der einzelnen Backwaren notiert und festgehalten, wie viele Mitschüler sich nach dem Toilettenbesuch die Hände wuschen oder nicht. Genaues Hinsehen.

Und jetzt also das Experiment, Lernpädagogen würden eher vom "Transfer" sprechen. Was in den kleinen Pausen-Reportagen geübt wurde, ist nun auf ganz anderem schulischem Terrain umzusetzen, einem Terrain, das für viele Schüler gemeinhin der blanke Schrecken darstellt: Die Aufgabe ist, ein Gedicht zu "recherchieren". Also: genau auf den Text schauen, Wort für Wort, Zeile für Zeile, Bedeutungen erkunden, nach Zusammenhängen suchen, im einzelnen Motiv das  Thema erkennen – letztlich der inhaltlichen Struktur dieses Textes immer näher kommen. Die konkrete Recherchefrage lautet: von welcher Zeit handelt das Gedicht, wann könnte es entstanden sein?

Keiner der Gymnasiasten und Hauptschüler kennt das Gedicht und den Autor: "Schuttablage" von Günter Eich. Greifbar wird darin das konkrete Bild einer Schutthalde. Brennesseln wuchern darauf, der Wind bewegt "die Elastik einer Matratzenfeder".  Auf herumliegenden Scherben eines mit Blumen und Trauben verzierten Tafelgeschirrs stehen in verwischter goldener Schrift die Wörter "Glaube", "Liebe" und "Hoffnung" – der Bruch hat das biblische Wort von   "Glaube, Hoffnung und Liebe" verkehrt und neu zusammengefügt. In einem verrosteten Helm, in dem sich Wasser gesammelt hat, baden Vögel. Es sind Metaphern für eine durch Krieg in Schutt und Asche liegende Welt. Bürgerliche und religiöse Werte sind pervertiert worden, gebrochen. Von der "Trauer der Welt" ist die Rede, auch von der "verlorenen Seele", das Gedicht endet mit den Zeilen: "Verlorene Seele, wen du auch verlässt, / wer fügt dich zusammen in Gnade?"

In kurzer Zeit die konkreten Dinge recherchiert

Bei ihrer Gedicht-Recherche sollen die Schüler beider Klassen zunächst das Konkrete und das Allgemeine im Text finden und markieren. Ähnlich wie im  "Rechercheprotokoll", das sie für ihre Pausen-Reportagen angelegt haben. Jetzt heißt das: alle Wörter und Passagen umkringeln, die etwas benennen, was man anfassen kann, was also buchstäblich be-greifbar ist – alles, was Gefühle ausdrückt oder abstrakt ist, soll hingegen unterstrichen werden.  Der nächste Schritt ist, nach Bezügen zwischen dem Konkreten und dem Allgemeinen zu suchen.

Die Hauptschüler aus Stuttgart-Plieningen listen in relativ kurzer Zeit die konkreten Dinge auf, die sie in Eichs Gedicht gefunden haben: die Brennesseln, die Matratzenfeder, die  goldene Tafelschrift, die Scherben. "Da ist etwas kaputtgegangen", bemerkt ein Neuntklässler. "Und jetzt liegt es auf einer Müllhalde rum", sagt eine Mitschülerin. Dann stoßen sie auf den Helm. Und die Recherchefrage: um was für einen Helm kann es sich handeln?  Die Finger schnellen hoch: "Bauhelm, Motorradhelm, Feuerwehrhelm, Soldatenhelm, Ritterhelm." Eine ziemlich lange Liste. Doch dann kommt aus den vorderen Reihen Einspruch: "Im Gedicht steht 'im verrosteten Helm'. Dann kann es kein Motorradhelm sein. Und auch kein Bauhelm. Und auch kein Feuerwehrhelm. Die sind nämlich aus Kunststoff, die rosten nicht." Mit mittelalterlichen Rittern scheine das Gedicht nichts zu tun zu haben, bemerken die Schüler.  "Also muss es ein Soldatenhelm sein." Eine Schülerin streckt: "Da geht es um den Krieg -  und dass danach alles kaputt ist."

Gymnasiasten kaprizieren sich auf abstrakte Begriffe

Szenenwechsel. Die Reutlinger Oberstufengymnasiasten haben sich rasch auf die "Trauer der Welt" konzentriert, von der am Anfang des Gedichts die Rede ist. Die Brennesseln, die Matratzenfeder und die goldene Tafelschrift interessieren sie weniger. "Die Grundstimmung ist melancholisch", stellen manche fest. Das konkrete Motiv der Scherben bleibt unangesprochen, dafür fixieren sich die Zwölftklässler auf "Liebe, Hoffnung und Glauben".  Einigen Schülern dämmert, dass es sich um einen christlich-religiösen Kontext handeln könnte, konkreter wird es nicht ausgeführt. Andere kaprizieren sich auf ein Wort: Liebe. "Ist vielleicht eine Beziehung auseinander gegangen, worüber man traurig ist?", fragt eine Gymnasiastin. Als der Helm in den Blick gerät, wird in  der Klasse eine andere Interpretation ventiliert: "Das scheint so etwas wie eine Trauerfeier für einen verstorbenen Motorradfahrer zu sein." Manche nicken. "So eine Art melancholische Abschiedsparty."  Dass der Helm in Eichs Gedicht verrostet ist, bemerkt offenbar niemand in der Klasse. Erst als sie darauf aufmerksam gemacht wird, kommen erstmals Wortmeldungen, dass es sich wohl eher um einen Soldatenhelm handele. Und das Gedicht "irgendwie was mit Krieg zu tun haben könnte". Rund zwanzig Minuten sind seit Beginn der Gedicht-Recherche vergangen.

Nach derselben Zeit meldet sich in der Plieninger Hauptschule Patrycja zu Wort. Die 15-Jährige aus einem polnischen Elternhaus lächelt keck. "Ich weiß jetzt, von welcher Zeit das Gedicht handelt und wann es geschrieben wurde." Das verdutzte Gesicht des Journalisten vorne an der Tafel scheint sie zu genießen. "Bis etwas verrostet ist, dauert es ein bis zwei Jahre", hebt sie an. "Der Zweite Weltkrieg war 1945 zu Ende. Also müsste das Gedicht 1946 oder 1947 geschrieben worden sein." Sie überlegt kurz. "Ich tippe auf 1947."
Günter Eich hat "Schuttablage" im Jahre 1947 verfasst.

Ist es bloßer Zufall, dass Hauptschüler im Falle dieser Gedicht-Recherche schneller auf den springenden Punkt kamen als Abiturienten? Eher nicht. Denn die Journalisten, die mit "Lernen als Recherche" an Schulen aller Gattungen gehen, haben in den vergangenen zwei Jahren immer wieder dieselbe  Erfahrung gemacht: Auffallend viele Gymnasiasten formulieren eher das Allgemeine, die "Idee", sie bleiben häufig abstrakt und schweben gerne über einzelne konkrete Motive und Bausteine eines Textes hinweg. Dagegen nehmen Hauptschüler sinnlicher wahr, sie halten sich viel stärker ans Konkrete, an die Dinge, und versuchen auf diesem Weg dem Thema, also dem Allgemeinen näher zu kommen.

Neue Pisa-Untersuchungen  haben ergeben, dass zehn Prozent der Schüler, die einen Hauptschulabschluss anstreben, mindestens genauso gut lesen können wie die unteren zehn Prozent am Gymnasium. Die Erfahrungen aus dieser Gedicht-Recherche geben noch mehr zu denken. Sie werfen eine bildungspolitisch pointierte, ja sogar provokante Frage  auf: Sind Hauptschüler die besseren Lyrikinterpreten? Eines jedenfalls zeigen diese Szenen aus dem Schulalltag: Das in der Gesellschaft allzu gängige Bild von Hauptschulklassen als zukunftsloser Ort vieler "Bildungsferner", in denen Migrantenkinder ein buchstäblich gebrochenes Verhältnis zur deutschen Sprache haben und jedes vertiefte Verständnis anspruchsvollerer Texte so selten ist wie ein Skilift in Ostfriesland, gehört auf die "Schuttablage" realitätsferner Klischees. Die angeblichen "Loser" haben ihre Qualitäten – auch wenn, wie in den Klassen erkennbar wird, das soziale und familiäre Umfeld nicht selten problematisch ist.

Strukturiert denken als Schlüsselqualifikation

Strukturiert denken und arbeiten zu können ist eine Schlüsselqualifikation für jeden Schüler, gleichgültig, ob er später einen akademischen Beruf ausüben wird oder als Facharbeiter schafft. Und es ist ein ganz wesentlicher Faktor von Lernkompetenz. Wer strukturiert denken kann, erkennt rascher und hintergründiger den Sinn eines Textes oder das mathematische Prinzip, das hinter einer Rechenaufgabe steckt. Deutsche Schüler weisen laut der aktuellen Pisa-Studie gerade im Verstehen von Texten nach wie vor erhebliche Defizite auf. Wie auch Lehrer immer wieder bestätigen, gibt es häufig zwei Problemmuster.  Populär ausgedrückt: viele Schüler sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht – andere sehen den Wald, das Allgemeine, aber nicht die Bäume, das Einzelne.

Daher erscheint es als sinnvoll, gerade die Fähigkeit zum strukturierten Denken und Arbeiten zu entwickeln und zu fördern. Das neue Projekt "Lernen als Recherche" setzt bewusst hier an. Journalisten verfügen, dem werden kritische Mediennutzer sofort zustimmen, keinesfalls über mehr Fähigkeiten als Vertreter anderer Berufsgruppen. Doch sie müssen, neben dem Schreibtalent, besonders jene Kompetenz mitbringen und umsetzen, die auch fürs Lernen zentral ist: Informationen durch genaues Beobachten sammeln und dann strukturieren, das Wichtige  vom weniger Wichtigen trennen – sowie im Einzelnen und Konkreten das Allgemeine, das Thema erkennen und umgekehrt das Thema im Konkreten festmachen. Journalistische Recherche funktioniert also wie Lernen. Die Spielregeln von Recherche zu vermitteln bedeutet damit: Lernen zu lehren.

Dieses externe Angebot stößt auf beachtliche Resonanz. In mehr als 20 baden-württembergischen Gymnasien, Real- und Hauptschulen haben Kontext-Redakteure bereits "Lernen als Recherche" umgesetzt. Das Projekt kostet die Schulen nichts, es wird von der Berthold-Leibinger-Stiftung finanziell gefördert. Meist bauen die Lehrerprofis an den Schulen "Lernen als Recherche" in den laufenden Deutschunterricht ein, manche Schulen haben es inzwischen aber auch zum festen Bestandteil ihrer Methodentage  gemacht. Auch das zählt zu den spannenden Erfahrungen der Journalisten, die so manches Negativklischee widerlegen: Es gibt in den Schulen aller Gattungen überaus engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die sich intensiv damit auseinandersetzen, wie sie ihre Schüler voranbringen. Und die bewusst innovative Ideen suchen und umsetzen. Umso empörter reagieren sie jetzt auf den Plan der künftigen baden-württembergischen Landesregierung, Lehrerstellen abzubauen.

In der Bildungspolitik wird sehr viel und kontrovers diskutiert, über die Einheitsschule etwa, den Sinn oder Unsinn des dreigliedrigen Schulsystems oder die Werkrealschule. Es ist sozusagen die Hardware, die meist oder fast ausschließlich im Mittelpunkt der Bildungsdebatte steht. Doch ist es nicht höchste Zeit, sich verstärkt auch um die Software, also um neue Lerninhalte zu kümmern?

"Adieu, mon amour", sagt Fanta zu Cola

Schon um 7.40 Uhr, also kurz nach Mitternacht aktiv zu sein, grenzt für Journalisten an selbst auferlegter Höchststrafe. Doch sie gewinnen und lernen selbst sehr viel bei ihrem Schuleinsatz. Das Lächeln der Pennäler über die seltsame Frage, ob der Vorgang "Hund beißt Mann" zur Reportage taugt – oder eher "Mann beißt Hund". Die Freude und auch der Stolz von Schülern darüber, dass aus der oft mühevollen Recherche- und Schreibarbeit ein lesenswerter Text entstanden ist. Oder das originelle Dankeswort einer Realschülerin an den Journalisten, der als Externer einen Bonus genießt: "Wissen Sie, wir haben ja nur Lehrer, aber Sie sind ja ein richtiger Mensch!" Da kann auch die Klassenlehrerin ein leises Lächeln kaum unterdrücken.

Ob Gymnasium, Real- oder Hauptschule: die Erzähltexte, die aus der Pausen-Recherche entstehen, zeugen nicht selten von einer beachtlichen Kreativität. In der achten Klasse des Reutlinger Isolde-Kurz-Gymnasiums dachte sich eine Schülergruppe gar in das emotionale Innenleben eines Getränkeautomaten hinein. Cola und Fanta, so mutmaßen die Erzähler, scheinen eine Liaison zu haben, aus der ein kleines Spezi erwachsen ist. Als ein Schüler am Automaten den Fanta-Knopf drückt, kommt es zu einer bewegenden Abschiedsszene:  "Adieu, mon amour", haucht Fanta zu Cola.  


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