Ausgabe 2
Politik

Der blutverschmierte Mann

Von Rainer Nübel und Martin Storz (Fotos)
Datum: 13.04.2011
Bei aufsehenerregenden, aber ungelösten Kriminalfällen in Baden-Württemberg verfallen Polizeibehörden mitunter fast in die Strategiemuster ihrer Klientel: vertuschen, tricksen, tarnen und täuschen. Die Frage ist, wie weit sie mit manchen dubiosen Manövern gehen. Im Fall des Polizistenmords von Heilbronn etwa schweigen sich Ermittlerchefs über die Rolle eines blutverschmierten Osteuropäers bis heute aus. Hatte man eine heiße Spur, bevor das legendäre "Phantom" die Ermittlungen dominierte? Gerade dieser Fall ist eine Herausforderung für den neuen Innenminister.

Inzwischen schütteln selbst loyalste Ermittler den Kopf angesichts des "ehernen Gesetzes", das in Baden-Württemberg vorherrsche: "Die Polizei in diesem Land macht keine Fehler."

Der erfahrene Kommissar, der sich gegenüber allen seiner politischen Dienstherren, und das waren nicht wenige in den vergangenen dreißig Jahren,  immer streng verpflichtet sah, streicht die Ironie aus seiner Stimme und legt die Stirn in Falten. "Es ist inzwischen nicht nur peinlich, sondern wirklich ein Problem, ein großes Problem: Fehler der Polizei werden partout nicht zugegeben – vor allem, wenn es um gravierende Fehler geht."

Eigentlich ist der Ermittler ein ruhiger, besonnener Mann, der sich gemütlich durch seinen grauen Bart streicht, bevor er zu erzählen beginnt. Mit dieser scheinbar betulichen Gestik hat er schon so manchen "Kunden" irritiert und aus der Reserve gelockt. Doch jetzt fährt er mit einem Ruck in seinem Sessel hoch und haut mit der flachen Hand auf den Schreibtisch: "So kann es nicht mehr weitergehen, mit dieser blöden Verarschung der Leute, mit diesen dummen Lügen." Für einen Moment überlegt er, ob der Reporter ihn mit Namen zitieren kann. "Damit dieses Spiel endlich aufhört, damit die Leute wirklich wissen, was bei uns los ist." Doch dann starrt der Kriminalbeamte besorgt auf die Tür seines Büros, als ob dahinter irgendeine Gefahr lauere. Er steht auf, geht zur Tür und prüft, ob sie auch wirklich zu ist. Deutlich leiser, fast flüsternd sagt er: "Sie wissen, was dann passieren würde?" Er wartet die Antwort nicht ab. "Interne Ermittlungen, Disziplinarverfahren, Suspendierung. Leute, die sich nicht an dieses eherne Gesetz halten, werden gehängt."

Die Sache könnte noch prekärer sein. Nein, sie ist es bereits. Und das seit Jahren. Nicht nur, dass Polizeibehörden im Musterländle öffentlich keine Fehler einräumen, wenn in aufsehenerregenden  Ermittlungsfällen einiges gründlich schiefging. Viele, zu viele fallen sogar in Verhaltensmuster, die man gemeinhin eher von ihrer Kientel kennt: Unbequeme Wahrheiten werden gebogen oder  vertuscht, hinter den Kulissen wird getrickst, getarnt und getäuscht, was die Fantasie hergibt. Und die ist mitunter erstaunlich groß.

Panne beim Geständnis im Mordfall Tobias

Beispiel eins: der unaufgeklärte Mord an Tobias in Weil im Schönbuch. Am Abend des 30. Oktober 2000, gegen 22 Uhr, war der damals elfjährige Junge am Tobelweiher gefunden worden, mit 37 Messerstichen getötet. Schon nach wenigen Tagen war ein Tatverdächtiger festgenommen worden: Thomas (Name geändert), ein sechzehnjähriger Sonderschüler mit einem Intelligenzquotient von 64, der in einer Sozialbaracke am Rande des Ortes lebte. Bei einer Vernehmung räumte er den Mord ein, nannte Details, die nur der Täter oder ein Mittäter kennen kann: An jenem Abend habe er Tobias getroffen, es habe Streit gegeben. Als Tobias hinter die Fischerhütte am Weiher gegangen sei, habe er von hinten  "leicht gestochen". Plötzlich habe der Junge leblos am Boden gelegen, mit weit aufgerissenen Augen und Laub zwischen den Fingern. Genau so war Tobias aufgefunden worden. Thomas zeichnete auf, wo die Leiche hinter der Hütte lag. Auch das stimmte mit der dramatischen Realität überein.

Über den gravierenden Fehler, der bei der Vernehmung dann passierte, wissen zahlreiche Kriminalisten in Baden-Württemberg, darunter hochrangige Beamte, Bescheid. Um nach dem Geständnis noch eilig Details zu klären, hatten die vernehmenden Beamten die Eltern von Thomas ins Präsidium kommen lassen. Die Tür zum Vernehmungszimmer hatten sie fatalerweise einen Spalt offen gelassen. So passierte es: Der autoritäre Vater, vor dem Thomas Angst hatte, ging an der Tür vorbei. Als der Junge seine laute Stimme hörte, zuckte er zusammen – und widerrief sein Geständnis. Wenig später war Thomas wieder auf freiem Fuß.

Es blieb nicht die einzige Panne. Wichtige Beweisstücke blieben monatelang unbearbeitet in der Asservatenkammer liegen, darunter auch Kleidungsstücke des  jungen Tatverdächtigen. Später erklärte die Staatsanwaltschaft Stuttgart lediglich, manche Spuren seien "nicht ganz zeitnah" geprüft worden.

Ein Gentest könnte Klarheit bringen

Die Verhörpanne ist von der damaligen Führung der Böblinger Kripo und der Staatsanwaltschaft  nie offen kommuniziert worden. Stattdessen pochten beide Behörden fortan in der Öffentlichkeit stereotyp auf einen Punkt: ein Blutfleck auf Tobias’ Windjacke und fünf stecknadelgroße Blutspuren auf seiner Unterhose, die nicht von Thomas stammen, seien eindeutig Täterspuren. Ein Massengentest wurde gestartet – ohne jeglichen Erfolg. Allerdings wurden nur männliche Personen im Alter von über zwölf Jahren getestet, nicht aber gleichaltrige oder jüngere Mitschüler und Freunde von Tobias.  Und Polizei und Staatsanwaltschaft verschwiegen, dass ein Kommissar, der vorübergehend in der Sonderkommission aktiv war, auf eine Erklärung für die winzigen Blutspuren gekommen war: In der Tatnacht hatte es stark geregnet, und die Jacke von Tobias war zuvor lange nicht mehr gewaschen worden. Der Blutfleck, so die These, könnte schon vor dem Mord auf die Jacke gekommen sein, etwa durch eine harmlose Rauferei mit einem Mitschüler. Der starke Regen wiederum könnte winzige Partikel des Blutflecks aufgewirbelt und als stecknadelgroße Tröpfchen auf die Unterhose gesprüht worden sein.

Was dies bedeuten würde, war der Polizei und der Staatsanwaltschaft klar: Damit wären die von beiden Behörden nach der Verhörpanne so vehement  herausgehobenen Blutspuren auf Tobias’ Unterhose keine Täterspur. Und der zunächst geständige Thomas wieder ganz im Visier. Dann müssten die Indizien für eine Anklage ausreichen. Doch: obwohl manche Experten die These des Kommissars für schlüssig hielten, wurde sie bis heute nicht umgesetzt. Dazu wäre nur nötig, auch von jenen Mitschülern und Freunden von Tobias, die zur fraglichen Zeit jünger als zwölf Jahre waren, eine Speichelprobe zu nehmen.  Eine überschaubare Zahl, ein machbares Unterfangen. Denn beim – gescheiterten – Massengentest waren immerhin mehr als 12 000 Männer und Jugendliche gespeichelt worden. Doch die zuständigen Ermittlungsbehörden blockten es immer ab.

Zuletzt hätte die Stuttgarter Generalstaatsanwaltschaft einen solchen Gentest auf den Weg bringen können, vor vier Jahren. Der "General" Klaus Pflieger wusste um die These des Kommissars - und darum, dass sie eine Chance auf neue wichtige Erkenntnisse sein konnte. Er wusste auch um die jahrelange verzweifelte Hoffnung der Eltern von Tobias, dass der Mord an ihrem Kind endlich aufgeklärt wird. Doch es geschah nichts. Die Frage drängt sich auf: Wollte und will man die Wahrheit nicht herausfinden – weil sonst die eklatanten Pannen evident würden?

Das Polizeidesaster von Heidenheim

Auch das zweite Beispiel hat bundesweit die Öffentlichkeit erschüttert: der Heidenheimer Fall der im Mai 2010 entführten und getöteten Bankiersgattin Maria Bögerl. Wochenlang hatten damals die zuständigen Ermittlungsbehörden erklärt, das geforderte Lösegeld in Höhe von 300 000 Euro sei am 12. Mai von Kreissparkassenchef Thomas Bögerl an einer Ausfahrt der Autobahn A7 abgelegt, von dem oder den Tätern jedoch nicht abgeholt worden. Eine Darstellung, die nicht der vollen Wahrheit entsprach. Verschwiegen wurde eine unglaubliche Panne: Es war nicht gelungen, das Lösegeld bis zu dem geforderten Termin 14 Uhr zu beschaffen. Von Anfang an waren nicht nur die örtliche Polizei in Heidenheim, sondern auch Landespolizeibehörden, darunter das Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA) mit seinen Experten, in den dramatischen Fall eingeschaltet – und damit für den Ablauf der Lösegeldbeschaffung verantwortlich. Doch statt die Summe selbst zu besorgen, hatte man dies Thomas Bögerl, dem Mann der Entführten, überlassen. Dem Bankchef wurden polizeiliche Betreuer an die Seite gestellt. Zu jedem Zeitpunkt wusste die Polizei damit Bescheid über den Verlauf der Lösegeldbeschaffung. Auch und besonders davon, dass es bis 14 Uhr nicht reichen würde. Doch die Landespolizei handelte nicht.

Erst nachdem Maria Bögerl am 2. Juni am Randes eines Waldstückes unweit des Übergabeortes tot aufgefunden worden war, gab die Polizei erstmals öffentlich zu, dass das Geld zu spät, nämlich gegen 15.30 Uhr  abgelegt worden war. Die Übergabe sei an den "engen Vorgaben des Entführers", insbesondere an der geforderten Stückelung des Geldes, gescheitert, behaupteten die Behörden seitdem stereotyp. Doch ausgewiesene Experten wie der frühere Chefermittler bei der Reemtsma-Entführung, Dieter Langendörfer, glauben dem nicht. Und auch Uwe Dolata vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) betonte: "An der Beschaffung des Geldes darf ein Entführungsfall nicht scheitern, eine Parallelbeschaffung durch die Polizei ist immer möglich."

Das Innenministerium schweigt beharrlich

Das Stuttgarter Innenministerium hat bisher stets beharrlich zu der gravierenden Polizeipanne geschwiegen. Keine Stellungnahme von Noch-Minister Heribert Rech, kein öffentliches Wort des Bedauerns gegenüber der Familie der ermordeten Frau. Doch ausgerechnet als vor einigen Wochen in Heidenheim das Gerücht aufkam, Bankchef Thomas Bögerl sei von einer Geliebten Vater von Zwillingen geworden, was einen bösen Verdacht gegen ihn impliziert, äußerte sich auf einmal das Ministerium: Wenn man die Identität dieser Frau in Erfahrung bringen könne, würde man dem selbstverständlich nachgehen, zitierte die "Bild"-Zeitung die Rech-Behörde. Die Staatsanwaltschaft Ellwangen sah sich danach veranlasst, mit Nachdruck klarzustellen, dass zu der angeblichen Vaterschaft Bögerls kein einziger konkreter Hinweis vorliege. Bögerl selbst hatte das Gerücht umgehend als eine Lüge bezeichnet.

Es gibt eine DNA-Spur des mutmaßlichen Entführers. Wo sie gefunden wurde, im Haus der Familie Bögerl, aus dem die Bankiersgattin gekidnappt worden war und wo offenbar ein Kampf zwischen dem Täter und ihr stattgefunden hatte, oder im Fahrzeug der Entführten, das später auf einem Parkplatz am Kloster Neresheim abgestellt worden war - dazu wollen die zuständigen Ermittlungsbehörden nichts sagen. Wie es aus Polizeikreisen heißt, seien die Familie, alle Mitarbeiter der Kreissparkasse und weitere Personen einem Gentest unterzogen worden. Ohne Treffer. Worauf jetzt hochrangige Polizei-Insider hinweisen: kurze Zeit vor der Entführung habe ein Jogger unweit des späteren Fundortes von Maria Bögerls Leiche zwei Männer gesehen, die sich nach dessen Wahrnehmung in die Büsche geschlagen hätten, als er sie bemerkt habe. Eine heiße Spur? Der Typ und die Farbe des Fahrzeugs, das diese Männer gefahren hätten, seien der Polizei bekannt, zudem ein Teil des Autokennzeichens. Wurden diese Personen ausfindig gemacht und einer Speichelprobe unterzogen? Die Polizeidirektion Heidenheim will sich dazu auf Anfrage nicht äußern. Sie erklärt nur grundsätzlich, dass es mehrere Zeugenaussagen über verdächtige Personen gebe. Sofern diese ermittelt seien und kein Alibi vorweisen könnten, würden sie gebeten, eine Speichelprobe abzugeben.

Eines, so sagen Ermittler, die mit dem Fall zu tun haben, sei klar: "Wenn die Täter geschnappt werden und sie aussagen würden, dass Frau Bögerl sterben musste, weil das Lösegeld nicht rechtzeitig vorlag, dann haben einige Polizeichefs ein riesiges Problem. Nicht nur in Heidenheim, sondern auch in Stuttgart."

Die groteske Jagd nach ordinären Wattestäbchen

Das dritte Beispiel ist besonders krass, fast schon grotesk: der bis heute unaufgeklärte Mord an der jungen Polizistin Michéle Kiesewetter auf der Heilbronner Theresienwiese, der sich am 25. April zum vierten Mal jährt. Ein Fall, der international für Aufsehen sorgte und sich schließlich zur mutmaßlich größten Blamage in der deutschen Kriminalgeschichte entwickelte: Zwei Jahre lang hatten die Polizei Heilbronn und das Landeskriminalamt Baden-Württemberg nicht, wie sie hartnäckig immer meinten und kommunizierten, eine gefährliche "Phantom"-Serienkillerin gejagt, sondern faktisch ordinäre Wattestäbchen. Des Rätsels Lösung war ein GAU für die Ermittler: An den Spurentupfern, die von Kriminaltechniker in Heilbronn und an rund 40 anderen Tatorten in Mitteleuropa verwendet worden waren, hatten bereits vor ihrer Verwendung der genetische Code der unbekannten Frau  geklebt – es handelte sich um eine völlig harmlose, alte Mitarbeiterin eines Medizinalbetriebs, die mit den Wattestäbchen in Berührung gekommen war. Die Kripobehörden hatten immer nur sterile, aber keine DNA-freien Spurentupfer bestellt.

Unglaublich, aber wahr: spätestens seit Anfang 2009 hatte die LKA-Führung Kenntnis von DNA-Funden, die eindeutig zeigten, dass es die "Phantom"-Killerin nicht geben konnte. Darunter die an einer Coladose befindliche Spur aus einem Einbruch in eine Saarbrücker Realschule. Die geschnappten Täter waren zwischen 12 und 18 Jahre alt. Eine brutale Serienmörderin soll mit Kindern und Jugendlichen agieren? Abwegig. Genau so unrealistisch ein DNA-Fund in Mannheim, an der Innenseite des Steckers eines Navigationsgerätes, das Polizisten aus einem geklauten Fahrzeug sichergestellt hatten.  Der Stecker war gar nicht berührbar, ohne das Gerät vorher zu zerlegen. Just beide DNA-Spuren verschwieg jedoch die LKA-Spitze der Öffentlichkeit. Und sie log, als sie im Februar 2009 gegenüber Journalisten erklärte, es gebe keine neuen "Phantom"-Funde.  Als der "Stern" einen Monat später erstmals über die Nichtexistenz des "Phantoms" und die verunreinigten Wattestäbchen berichtete, war der Spuk vorbei. Und die Riesenpanne offenkundig. Doch der damalige LKA-Chef Klaus Hiller räumte keinerlei Fehler ein, sondern sprach – allen Ernstes – von "Erfolg" und prägte den zynischen Satz: "Wir haben eine Frau gesucht, und wir haben eine Frau gefunden."

Als es das "Phantom" offiziell noch gab oder es am Leben gehalten wurde, hatten Ermittlerchefs wiederholt dementiert, dass die osteuropäische Mafia hinter dem Polizistenmord stehen könnte. "Das passt nicht." Dabei wies die extreme Brutalität der Täter genau in diese Richtung. Genauso Erkenntnisse bundesweit agierender Ermittler, wonach osteuropäische Banden im Raum Heilbronn seit Jahren aktiv seien. Konkret auch auf der Heilbronner Theresienwiese, dem Tatort des Polizistenmordes. Was die Polizeibehörden auch nie kommunizierten: Unmittelbar nach dem Mord waren in nächster Nähe des Heilbronner Tatortes, auf einem Fußweg am Neckar, zwei arabische Personen angetroffen worden. Terrorexperten rechnen diese der radikal-islamistischen Szene zu. Und wie Recherchen inzwischen zeigen: In zeitlicher Nähe zu der Tat waren arabische Personen bei einer Bank in der Region Heilbronn aufgeschlagen, mit jeweils zweistelligen Millionensummen in bar, die sie transferieren ließen. Das Geldinstitut machte keine Geldwäsche-Verdachtsanzeige, obwohl es dazu verpflichtet gewesen wäre. 

War die osteuropäische Mafia im Spiel?

Gab es auf der Heilbronner Theresienwiese ein Treffen zwischen osteuropäischen Kriminellen und Islamisten, als die Streifenpolizistin Michéle Kieswetter und ihr Kollege (der lebensgefährlich verletzt wurde) auf dem großen Platz parkten, um ihre Mittagspause zu machen? Wurden sie brutal überfallen, weil sie durch Zufall einen mafiösen (Waffen-)Deal störten? Zuständige Polizeibehörden halten so etwas für abwegig und konstruiert. Dabei sind sie es, die einen sehr wichtigen und brisanten Umstand bis heute verschwiegen haben: Kurz nach dem Mord hatten mehrere Passanten einen blutverschmierten Mann gesehen, der rennend aus dem Wertwiesenpark kam und in der Sontheimer Straße hektisch in ein Fahrzeug stieg, das daraufhin in auffallend schneller Fahrt Heilbronn in Richtung Sontheim verließ. Der Ort dieses Geschehens, nur zirka eineinhalb Kilometer vom Tatort entfernt, liegt auf der Verlängerung jenes Fußwegs am Neckar, der von der Theresienwiese herführt - und auf dem auch die beiden arabischen Personen angetroffen wurden.

Dass ein blutverschmierter Mann am Tattag gesehen wurde, kommunizierten zwar die Behörden. Nicht aber, was aus polizeiinternen Unterlagen vom Tattag hervorgeht, die uns vorliegen: Bei diesem Mann handelte sich um einen Osteuropäer. Der wartende Fahrer habe ihm in russischer Sprache zugerufen, er solle in sein Auto steigen, sagten Zeugen damals aus. Sie konnten der Polizei auch sagen, dass das Fahrzeug, ein blauer Audi 80, ein Mosbacher Kennzeichen hatte.

Wäre der Polizistenmord etwa vor der "Geburt" des mysteriösen Phantoms zu lösen gewesen? War der blutverschmierte Osteuropäer der Mörder von Michéle Kiesewetter? Fest steht: der Killer hatte ihr, nachdem er sie mit einem Kopfschuss getötet hatte, die Dienstwaffe, Magazin, Handschellen, Pfefferspray und Taschenlampe abgenommen. Vieles spricht dafür, dass er sich dabei mit Blut verschmiert hatte.

Seitens der Heilbronner Polizei war vor einiger Zeit behauptet worden, die Spur dieses blutverschmierten Mannes sei ausermittelt. Auf unsere Anfrage erklärt jetzt jedoch das Landeskriminalamt Baden-Württemberg: "Die Ermittlungen zu diesem Komplex sind noch nicht abgeschlossen." Die Behörde spricht von einem "neuen Ermittlungsansatz". Ob der osteuropäische Mann ausfindig gemacht werden konnte, dazu will die Behörde nichts sagen.

Der erfahrene Kommissar sitzt in seinem Büro, streicht durch seinen grauen Bart und schüttelt den Kopf, nachdem er noch einmal zur Tür geschaut hat: "Man muss sich inzwischen fragen, ob manche Kriminalfälle nie gelöst werden sollen."

Der neue Landesinnenminister, den offenbar die SPD stellen will, steht auch und besonders im Falle des  ungelösten Polizistenmordes vor einer wichtigen Aufgabe. Nur: gerade in diesem Fall ist die SPD-Fraktion im Landtag in den vergangenen Jahren weitgehend abgetaucht. Sie mutierte fast selbst zum Phantom.

 

Zur Seite unseres Fotografen Martin Storz: www.martinstorz.com


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2 Kommentare verfügbar

  • Capeli-Longo
    am 16.04.2011
    Dazu passt der Artikel asu der StZ von heute, 16.4.2011
    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.einsatz-im-schlossgarten-staatsanwalt-sieht-kein-fehlverhalten-der-polizei.fb3fcc2b-6393-4097-9fbd-f380a893f642.html
    Der Einsatz im Schlossgarten sei rechtmaäßig, deshalb werde die Anzeige von Hr. Reicherter wird nicht weiter verfolgt.
    Was nicht sein kann das nicht sein darf.
  • canislauscher
    am 13.04.2011
    Man darf, glaube ich, darüber hinaus auch gespannt sein, wo Polizei, Staatsanwaltschaften und Innenministerium bis hin zum Staatsministerium noch so „keine Fehler“ gemacht haben. Mir fällt da z.B. gleich der 'Schwarzen Donnerstag' ein (Stuttgart, Mittlerer Schlossgarten, 30.9.2010).
    Es gibt u.a. eine ganze Reihe von Hinweisen darauf, dass an diesem Tag staatliche (oder staatlich gedungene) agents provocateurs im Schlossgarten zum Einsatz kamen, um die (gewünschte) Gewalttätigkeit der protestierenden Bürger im Nachhinein belegen zu können.

    Diesen Hinweisen wurde teils nicht seriös nachgegangen, teils wurden sie a priori als absurd abgetan. Beispielsweise von der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, die es explizit ablehnte, gegen den auf Titelseiten einschlägiger Presserzeugnisse abgelichteten Pfeffersprayer zu ermitteln. Mit der Begründung, dass es sich mit Sicherheit nicht um einen vermummten Polizeibeamten handeln könne, weil das ja wohl „absurd“ sei. Was an sich schon eine steile These ist; bedeutet sie doch -gemäß dem Grundsatz der Gleichheit aller vor dem Gesetz- im Umkehrschluss auch, dass in Stuttgart gegen Straftaten nur noch dann ermittelt wird, wenn sie von vermummten Polizeibeamten durchgeführt werden. -Was ist jetzt absurder?

    Die Akten-Shredder in Behörden und Ministerien laufen der derzeit sicherlich auf Hochtouren...

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