KONTEXT:Wochenzeitung
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Denken ist Glückssache

Denken ist Glückssache
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Im Alltag und in der Literatur finden sich tradierte Lebens- und Denkmuster, die vielen kaum noch bewusst sind. Dabei haben sie eine zeitaktuelle Bedeutung. Vor allem vermitteln sie strukturiertes Denken – eine Kompetenz, die in der Bildung wie im Beruf besonders wichtig ist. Die Kontext:Wochenzeitung putzt diese Denkmuster wieder blank, in einer fortlaufenden Erzählung, die jetzt startet. Im ersten Kapitel von "Denken ist Glückssache" geht es um Zeit und Raum. Und um außen und innen: wenn mitten im Sommer Winter ist. Eine 15-jährige Schülerin hat die Denkmuster fotografisch interpretiert.

Die Mauern stehn: einem Hölderlin-Gedicht nach-denken.
Die Stimme des Wettermannes aus der Morgen-Muntermacher-Sendung überschlug sich fast: "Sonnengarantie 90 Prozent, Regenrisiko null Prozent. Leute, das ist der erste richtige Frühlingstag in diesem Jahr", jubelte er zu jeder vollen Stunde. "What a wonderful world", trällerte es klimakompatibel aus dem Radio.

Sie saßen in Stefans Penthouse-Wohnung. Beste Hanglage, mit freier Sicht auf die Stuttgarter City. Als Vertriebschef in einem Elektronikunternehmen konnte er sich den Weitblick leisten. Jeden zweiten Monat trafen sie sich sonntagmorgens: Stefan, Doris, Manuela und Wolf. Sie kannten sich aus der Jugend, hatten sich lange aus den Augen verloren und vor Kurzem wieder zusammengefunden. Stefan nannte das Ritual "Revival-Breakfast". Der 44-Jährige, sportlicher Typ, solargebräunt, Dreitagesbart, servierte am Ess-Place frische Brötchen, Ham & Eggs, Tomaten mit Mozarella, Marmelade, O-Saft, Prosecco.

"Bist du noch mit Angie zusammen?", fragte ihn Doris ganz beiläufig, als sie ihr Brötchen aufschnitt. Doris, 39, Haus- und Ehefrau mit zwei Kindern, frei stehendem Eigenheim und geordneter Kurzhaarfrisur, liebte aktuelle Beziehungs-News – von anderen. Stefan murmelte nur was von "Stress" und "wenig Zeit", wechselte rasch das Thema. "Was machen wir heute? Der erste richtige Frühlingstag, das ist doch ein Event!"

Manuela verzog das Gesicht. "Heute ist alles gleich ein Event", sagte sie leicht schnippisch. "Hast du keine Lust auf Frühling?", fragte Stefan etwas spitz zurück. Manuela reagierte auf Stefans Sprüche auffallend häufig mit Ironie. Vor allem, wenn er von seinen stressigen Konferenzen erzählte, wie "busy" er immer sei und was man für die Karriere doch alles machen müsse. Das tat Stefan oft und gern. Manuela, 41, hatte einen anderen Alltag zu managen. Sie hatte ein Kind und eine halbe Stelle, war alleinerziehend.

Winter ist Trauer, Frühling ist Freude

Wolf hatte die Gespräche schweigend verfolgt. "Sollen wir in die Stadt gehen?", warf er in die Runde. Stefan war begeistert. "Klar, Leute gucken, Frauen schauen, sehen und gesehen werden." Sein Frechdachs-Lächeln wurde noch eine Spur breiter. Das Quartett entschied, das "Revival-Breakfast" vorzeitig abzubrechen und rauszugehen. Raus in den Frühling.

Der Himmel über der Stadt war makellos blau. "Ist das nicht ein Azurblau?", schwärmte Doris. Die Bushaltestellen strahlten hell, die Parkuhren an der Straße warfen pittoreske Schatten. Doris streifte die Ärmel ihres Pullis hoch. "Man kann die Luft wieder auf der Haut spüren. Irgendwie riecht sie auch anders, frischer, erdiger." Manuela zeigte auf die Bundesstraße: "Vielleicht ist ja die Autokolonne heute nur kleiner als sonst."

Wolf war gedankenverloren neben den drei hergelaufen. Sie hatten den Schlossplatz erreicht, Menschen saßen oder lagen auf den Grünflächen, plauderten, lasen, flirteten und sonnten sich. Wolf blieb stehen und blinzelte in die Sonne. In ihm arbeitete es schon wieder, wie immer, wenn er eine solche Szene sah. "Winter, das ist Trauer, Isolation. Frühling ist Freude, Kommunikation."

Stefan, Doris und Manuela wussten nichts von seinen Obsessionen, nur seine Partnerin. Sie könne damit leben, pflegte sie lakonisch zu sagen. Obwohl, dass er ihren Kindern im Babyalter Walther von der Vogelweide, Hölderlin und Paul Celan vorgetragen hatte, fand sie mitunter doch befremdlich. Geduldig aber ertrug sie seine unheimlichen Leidenschaften. Erstens: er liebte Lyrik. Zweitens: er mochte das Mittelalter. Drittens: er sammelte elementare Denkmuster wie andere Briefmarken.

"Wichtig ist, dass man bereit ist und sein Fleisch nicht mehr versteckt"

"Was ist, willst du Wurzeln schlagen?", fragte plötzlich Stefan und stieß Wolf an. Der überspielte seine Absenz. "Das Wetter ist einfach toll", sagte Wolf harmlos. Und doch konnte er in diesem Moment einer kleinen Versuchung nicht widerstehen. "Wisst ihr noch?", sagte er. "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist ..." "Und die Luft nach Erde schmeckt", antwortete Manuela prompt. Doris begann zu singen: "Ist's egal, ob man gescheit ist, wichtig ist, dass man bereit ist und sein Fleisch nicht mehr versteckt." Ganz breit dehnte sie ihre Stimme bei "bereit" und "Fleisch", so wie es Konstantin Wecker immer getan hatte.

Zwei ältere Frauen, schwarz gekleidet, gingen vorüber, müde und schweigend. Manuela hatte sie als Erste bemerkt. "Irgendwie passen die nicht zu einem solchen Tag. Es scheint, als ob Trauernde im Frühling noch trauriger werden", stellte sie nüchtern fest. Wolf horchte auf. Das war doch sein Stichwort. Noch aber blieb er in Deckung.

Sie waren ohnehin schon wieder am Aufbrechen. Doris hatte die Idee, raus aufs Land zu fahren. "Da ist es vielleicht schon grün. Lasst uns das anschauen." Stefan murrte: "Hier gibt es doch viel mehr zu sehen." Die Aussicht, sein Mercedes-Cabrio ausfahren zu können, versöhnte ihn. Sie fuhren Richtung Schwäbische Alb, zum Hohenneuffen. Es war Wolfs Vorschlag.

Am Fuße der Burgruine herrschte Rushhour. In Serpentinen schraubten sich Kolonnen von Frühlingswanderern in die Höhe.

Zeit-Raum: Frühsommerimpressionen unter der Burgruine Hohenneuffen.

Als sie oben angekommen waren, schaute Doris versonnen ins Weite. "Irgendwie erkennt man da seinen eigenen Horizont." Drei Volkshochschulkurse in Psychologie und diverse esoterische Seminare hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. "Und wie ist es um deine Frühlingsgefühle bestellt?", fragte Stefan frech ins Grüne hinein. Manuela verdrehte die Augen. "Ich genieße den Frühling, er ist für mich immer noch das Neue, der kleine Aufbruch. Im Winter würde ich mich am liebsten in eine Höhle verkriechen."

Eine Frage der Zeit und des Raumes

Sonst hatten sie bei ihren Treffen meist über Beruf, Zuhause, Urlaub, die aktuelle politische Lage, wahlweise die aktuelle sexuelle Lage von Stefan gesprochen. Jetzt aber waren sie plötzlich mitten in einer Jahreszeiten-Diskussion. Wolf reizte dieses Gespräch, es forderte ihn heraus. Jetzt sprach es aus ihm, und er hörte sich aus etwa hundert Metern Entfernung zu: "Frühling und Winter, das ist alles eine Frage der Zeit und des Raumes. Der Wandel von Zeit spiegelt sich in der Veränderung des Raumes wieder. Das ist ein altes Denkmuster."

"Hä?", klang es aus der Ferne. "Wie meinen?" Das konnte nur Stefan sein. Kurz blickte Wolf in sein Gesicht – und sah nur Fragezeichen. Und so was wie Schock. "Zeit, Raum, Wandel, Denkmuster – Mittelalter? So heiß ist es doch noch gar nicht?" "Sei ruhig", sagte eine der Frauen in scharfem Ton. Wolf blickte kurz auf. Es wSkulptur eines adeligen Dichters: Gottfried von Neifen.ar Manuela. Sie meinte Stefan, nicht ihn! Er fasste Mut. "Ich beschäftige mich schon seit Langem mit dem Mittelalter", sagte Wolf leise. "Ah ja", kam als Antwort. "Und mit Lyrik", fügte er hinzu. Das mit den Denkmustern ließ er vorsichtshalber erst mal weg. Freundschaft darf man nicht überstrapazieren.

Als Wolf sich vergewissert hatte, dass noch alle drei da waren, offenbarte er sich weiter. Die Gelegenheit war günstig. "Hier oben kann einem bewusst werden, was ein Jahreszeitenwechsel, also ein Wandel von Zeit und Raum, früher ganz konkret bedeutete. Winter im Mittelalter, das bedeutete beißende Kälte, scharfe Winde, die durchs Windauge pfiffen, wüste Schneestürme." Manuela hakte ein: "Klar, es gab ja keine Heizungen." Wolf nickte heftig. "Es war ein Leben auf dem Nullpunkt. Auch die Gedichte waren eingefroren. Als aber die Sonne wieder schien und die Landschaft grün wurde, tauten auch sie wieder auf."

Jetzt horchte Doris auf. "Welche Gedichte?" Darauf hatte Wolf gehofft. "Auf dieser Burg lebte im Mittelalter ein Adliger, der Gedichte schrieb. Er hieß Gottfried von Neifen."

Wolf hörte Stefan glockenhell lachen. "Etwa ein Minnesänger, so einer mit Klampfe, der unten stand und seine Angebetete mit einem Singsang anschmachtete, damit die oben endlich aufmachte und er fensterln konnte?" "Ja, Gottfried war ein Minnedichter", sagte Wolf fast trotzig, "er schrieb sogenannte Sommerlieder, in denen schwärmte er in den höchsten Tönen, dass nach dem langen, kalten Winter die Heide endlich wieder grün ist und das Leben und die Freude wieder erwachen. Er schwärmte von der Natur draußen – und von seiner Liebe zu der Frau mit dem roten Mund."

Dann wagte es Wolf. Er rezitierte Gottfried von Neifen – in blankem Mittelhochdeutsch:

Saelic sî diu heide!
saelic sî diu ouwe!
Saelic sî der kleinen vogellîne suezer gesanc!
Bluomen, loub, diu beide
Stânt in manger schouwe,
diu der kalte winter hiure mit sînem froste twanc.
Dien ist an ir fröiden wol gelungen:
Alsô möhte ouch ich an mînen
fröiden wider jungen,
trôste mich ein rôter munt nach
dem mîn herze ie ranc.

Stille. Atemlos. Eine bedrohliche Stille. Kein Wort, nirgends. Wenn doch wenigstens Stefan einen Spruch loslassen würde, dachte Wolf. Aber der saß nur da, mit offenem Mund und seltsam gekrümmten Kopf. Jetzt war der smarte Mann ein Ganzkörper-Fragezeichen. Manuela hatte sich als Erste wieder gefangen. "Wurde so im Mittelalter gesprochen?" fragte sie Menschliche Symbolik: zwischen innen und außen.in das peinliche Schweigen hinein. "Ja", antwortete Wolf, eine Spur zu schnell. "Oder so ähnlich." Doris meinte: "Das klingt interessant, mit den Blumen, Vögeln und so. Irgendwie kommt in dem Gedicht die Freude über den neuen Frühling richtig rüber. Gedichte finde ich sowieso irgendwie interessant."

"In der mittelalterlichen Literatur", setzte Wolf wieder vorsichtig an, "bedeuteten Frühling und Sommer Freude, Kommunikation." Jetzt war er ganz nahe am Jahreszeitenschema. "Das galt für die Natur draußen – und für das Innere des Menschen. In Gottfrieds Sommerlied deckt sich der helle, sonnige Zustand der Natur mit der Freude des Ichs." Doris schnippte mit den Fingern. "Klar, ich freue mich auch, wenn's draußen wieder grün ist." Manchmal war sie unersetzlich. "Genau", sagte Wolf. "Dieses Jahreszeitenschema gilt bis heute – in der Literatur wie im Leben."

Zu diesem Schema gehöre aber auch der Gegensatz, sozusagen die Schattenseite, fuhr Wolf fort. "Winter, das ist Trauer, Isolation." Gottfried von Neifen habe auch Winterlieder geschrieben. "Die waren kalt, dunkel, eine einzige Klage. Alles war grau." Kurze Pause. Ein scheuer Blick auf die anderen. "Soll ich noch mal ...?" Wolf sah, wie Stefan zusammenzuckte. Die Frauen nickten tapfer. Also tat er es:

Owê, winter, dîn gewalt
Will uns aber twingen!
Heide und ouch die bluomen rôt
Die sint nu worden val.
Sô clag ich den grüenen walt
Und der vogel singen:
Dar zuo hât vil grôze not
Diu liebe nahtegal.

"Diesmal verstand ich mehr", sagte Manuela. "Manche Wörter klingen ja wie heute, Winter und Wald zum Beispiel, oder Not." Wolf nutzte die Gunst der Stunde, zumal von Stefan keine Gefahr mehr auszugehen schien. Der wirkte nämlich leicht apathisch. "In Gottfrieds Winterliedern herrscht nicht nur draußen in der Natur Winter, Trauer, Isolation. Sondern auch im Innern, in den Gedanken und Gefühlen des Ichs, das da spricht. Es beklagt, dass sich die Frau, das wîp, sehr kühl zeigt, dass die Minne auf Eis liegt. In dieser Traurigkeit kommt das Ich fast ins Stammeln." Jetzt blickte Wolf selbstbewusster in die Runde. "Das klingt dann so":

Winter, du wilt aber vil verderben
Liehter bluomen, die doch schoene wâren;
Unde ein wîp diu will mich fröide ersterben,
der ich pflac in fröiderîchen jâren:
diu guote, diu guote, diu guote, diu reine
diu ich mit ganzen triuwen iemer meine.

"Das hört sich wirklich irgendwie traurig an", meinte Doris. Es klang nach aufrichtiger Anteilnahme. "Alles so kalt um einen rum und dann keine Liebe." Jetzt hörte sich Doris irgendwie traurig an. "Das muss damals wirklich hart gewesen sein, so Winter, Trauer ... wie hieß das Dritte?" "Isolation", sagte Manuela kühl.

"Ist das alles nicht Schnee von gestern?", fragte sie Wolf. "Nein, überhaupt nicht", entgegnete Wolf fast empört. "Dieses Jahreszeitenschema ist in der Literatur eine feste Grundstruktur. Und im Leben. Nicht nur im Mittelalter, sondern bis heute." Manuelas Blick blieb skeptisch. Er musste es anders versuchen. "Verschneite Gedanken gibt es auch in der Moderne", sagte Wolf. "Im Winter ist meine Geliebte / unter den Fischen und stumm." Manuela hob den Kopf. "Was ist das?", fragte Manuela. "Ein Gedicht von Ingeborg Bachmann,", sagte Wolf, "moderne Lyrik." Sie schien irritiert. "Und?" "Auch bei Bachmann liegt im Winter die Liebe auf Eis, wie beim alten Gottfried."

Treulos ist meine Geliebte,
ich weiß, sie schwebt manchmal
auf hohen Schuh'n nach der Stadt,
sie küsst in den Bars mit dem Strohhalm
die Gläser tief auf den Mund,
und es kommen ihr Worte für alle,
doch diese Sprache verstehe ich nicht.

"Interessant", sagte Doris, "irgendwie kommt da eine Einsamkeit rüber." Manuela fiel ihr ins Wort. "Da scheint es wenigstens mal einen Mann getroffen zu haben." Kühl fügte sie hinzu: "Im Winter geht's einem halt schlechter. Ich sagte ja, ich könnte mich da in eine Höhle verkriechen." Sofort hakte Wolf ein: "Was ist eigentlich, wenn innen und außen nicht übereinstimmen?" Fragende Blicke. "In Gottfrieds Winterlied und in Bachmanns Gedicht ist das Innen und Außen gleich düster", sagte Wolf. Es gebe aber auch eine andere Variante: wenn draußen Winter sei, aber innen Sommer, Freude, Kommunikation.

"Ja, das wäre schön", sagte Doris eilig. Manuela winkte ab: "Gibt's nicht, zumindest nicht bei mir." Wolf lächelte siegessicher. "Gibt es doch. Jedes Jahr schmetterst du's unterm Weihnachtsbaum."

Manuela wirkte genervt. "Was meinst du?"

"Es ist ein Ros' entsprungen – "mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Zeit." Aufs Singen verzichtete Wolf. Stefan war seiner Apathie noch nicht entronnen. Manuela sagte kurz: "Gut, ja." Aber Dagmar war ganz aus dem Häuschen. "Meine Jüngste ist am zweiten Weihnachtstag geboren!"

Dann ging Wolf noch weiter. Es gebe noch eine andere Variante des lyrischen Jahreszeitenschemas. "Sie ist dramatisch: Draußen in der Natur ist es Sommer, innen aber tiefster Winter." Manuela hob den Kopf. "Das eindrücklichste Beispiel dafür ist ein Gedicht von Friedrich Hölderlin – 'Hälfte des Lebens'", sagte Wolf. Kurze Pause. "Für mich ist es sehr wichtig." Er schaute an den andern vorbei, irgendwohin, als er zu rezitieren begann:

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Dem drohenden Kommentar von Doris, dass das irgendwie wirklich interessant klingt, kam Wolf zuvor. "Das ist die erste Strophe des Gedichts. Es ist eine spätsommerliche Naturszene, die sehr schön wirkt. Alles bildet eine Einheit, ein harmonisches Ganzes." Es schien, als ob Manuela nickte. Wolf hob die Stimme. "In der zweiten Strophe ist jedoch alles ganz anders, kalt, abweisend, winterlich. Der Kontrast könnte nicht krasser sein." Pause. Jedes Wort sollte jetzt wirken.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

"Die Kälte in dieser zweiten Strophe kann man richtig hören", sagte Wolf. "Was vorher harmonisch war, klingt jetzt vereinzelt, zerbrochen." Wolf wiederholte eine Zeile: "Die Mauern stehn", er machte danach die Pause, die das Versmaß an dieser Stelle vorschrieb – "so stehen die Mauern tatsächlich, man kann sie fast greifen." Noch immer blickte Wolf an den anderen vorbei. "Das Ich, das sich hier ausdrückt, friert äußerlich und innerlich. Es ist steinern geworden." Plötzlich fragte Manuela: "Könnt ihr euch an die beiden alten Frauen heute morgen in der City erinnern?"

Sie schaute lange vor sich hin. Dann sagte sie: "Ich war vierzehn, als meine Mutter starb. Krebs. Es war im Juni. Als wir sie beerdigten, schien die Sonne. Vor dem Friedhof spielten Kinder, ich hörte, wie sie sich zuriefen. Ich weiß noch, wie ich dauernd diesen blauen Himmel und die grünen Bäume anstarrte. Ich konnte es nicht fassen. Es war surreal. Dieses Bild habe ich bis heute im Kopf."


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