Ausgabe 1
Debatte

Altmodisch in die Zukunft

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 06.04.2011
Niemand zwingt uns, der Hektik des Netzes zu verfallen, warum also keine Wochenzeitung im Internet? Als Gegenmodell zur Atemlosigkeit, mit langen Texten, mit den alten Tugenden des Journalismus, der fragt, abwägt und prüft, bevor er schreibt. So gesehen gehen wir altmodisch in die Zukunft. Josef-Otto Freudenreich über das Projekt Kontext:Wochenzeitung.

Eine neue Regierung, eine neue Zeit, eine neue Zeitung. Kaum anzunehmen, dass jetzt gleich die Kehrwoche in Baden-Württemberg abgeschafft wird. Aber der Geist wird freier und die Lust am Probieren größer. Für die Menschen ist das eine gute Zeit, und weil Journalisten auch Menschen sind, heißt auch für sie die Devise: carpe diem.

Also nutzen wir die Gelegenheit, die vielleicht nie wieder kommt. Schreiben wir darüber, wohin dieser Geist weht, wohin er wehen könnte und wer ihn am Wehen hindert. Kontext:Wochenzeitung wird das tun, ohne den Anspruch, die Wahrheit gepachtet zu haben,  und ohne die Selbstüberschätzung, keine Fehler zu machen. Die Grünen und die Roten dürfen dabei unserer kritischen Aufmerksamkeit sicher sein. Dasselbe gilt für alle, die Stuttgart zur Hauptstadt des Protests gemacht haben. Nicht zu vergessen die Schwarzen und Gelben mit ihrer Baden-Württemberg AG. Sie sind ja nicht weg, und deshalb ruht auf ihnen weiterhin unser offenes Auge, aus Tradition und Vorliebe für ihren Filz. 

Wir von Kontext:Wochenzeitung sind so frei, das in aller Unabhängigkeit anzugehen. Geistig und ökonomisch. Wir gehören keiner Partei an, und die kleine Werkstatt gehört keinem, der meint, die Richtung vorgeben zu müssen. Zusammen mit unseren Trägern und Spendern, die Sie in „Wir über uns“ finden, wollen wir nur eines: einen glaubwürdigen Journalismus.

Wir wissen, wie schwer das heutzutage ist. Das Misstrauen gegenüber den meisten Medien ist groß. Zu Recht. Sie sind zu nahe bei den Mächtigen, zu oberflächlich und so weit durchökonomisiert, dass für Kritik und Kreativität kaum mehr Platz bleibt. Viele Redaktionen werden kaputtgespart, Redakteure noch ängstlicher, und heraus kommt die Mutlosigkeit des Mainstreams, der wie Seife durchs Land fließt.

Journalismus (wieder) in einen unmittelbaren Zusammenhang und Dialog mit den Bürgern einer Region als Mediennutzer zu bringen, darin liegt ein Hauptanliegen von Kontext:Wochenzeitung. Daher haben die Redakteure, als ein Teil des Gesamtprojekts, bereits begonnen, in Stuttgart in öffentlichen Veranstaltungen interessierten Bürgern nahezubringen, "wie Medien ticken". Zugleich gehen sie seit zwei Jahren in baden-württembergische Gymnasien, Real- und Hauptschulen, um unter dem Titel "Lernen als Recherche" kostenlos den Schülern strukturiertes Denken und Arbeiten zu vermitteln. Die Erfahrungen daraus werden in der neuen Internet-Wochenzeitung thematisiert. Daher wurde "Kontext" als Titel für das Projekt gewählt. Mit dem Kontext Verlag, Berlin, und der in diesem Verlag erscheinenden Zeitschrift hat es nichts zu tun.

Journalismus braucht Zeit für viele Fragen, Raum für viele Gedanken und eine Bühne für die Präsentation. So sind wir auf das Internet gekommen, was kurios anmutet, aber zeitgemäß ist. Niemand zwingt uns, der Hektik des Netzes zu verfallen, warum also keine Wochenzeitung im Internet? Als Gegenmodell zur Atemlosigkeit, mit langen Texten, mit den alten Tugenden des Journalismus, der fragt, abwägt, in alle Lebenswirklichkeiten schaut und prüft, bevor er schreibt. So gesehen gehen wir altmodisch in die Zukunft. Und wenn die Leser die Tage zwischen den Mittwochen nutzen, um mit uns online zu diskutieren, dann ist Presse das, was sie sein soll: ein Grundnahrungsmittel der Demokratie.

Ermuntert haben uns auch die Kolleginnen und Kollegen von außen, die bisher über das Projekt berichtet haben. Sie sehen es mit Sympathie, weil es sie daran erinnert, wie sie selbst einmal angetreten sind – mit Freude an ihrem Beruf. Gestärkt hat uns auch die  taz, die zu uns passt, weil sie als Genossenschaft ihre Unabhängigkeit hochhält. Ihr Angebot, Kontext:Wochenzeitung zu drucken, betrachten wir als gemeinsames Anliegen, den Qualitätsjournalismus zu fördern. Und wenn uns jetzt noch die Leser ihr Vertrauen schenken, indem sie lesen und debattieren, dann kann’s losgehen.

Also: mittwochs Kontext:Wochenzeitung im Netz, samstags Kontext:Wochenzeitung gedruckt in der taz.


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11 Kommentare verfügbar

  • werner
    am 10.04.2011
    hut ab. meine damen und herren.
    hut ab! ich wünsche ihnen/uns viel erfolg. glück und einen langen atem.
    wie recht sie haben, herr freudenreich.
    wir sollten - wenigstens - versuchen, einen anderen, neuen ansatz zu finden und zu leben.

    viel glück
    und vielen dank für das engagement.

    werner
  • Hoffnungsvoll
    am 09.04.2011
    Liebe Macher von Kontext !

    Die Erstausgabe von Kontext passt ja richtig zum Wetter. Die Sonne scheint und alles blüht und spriest.

    Als ich zum 1. Mal heute auf die Webseite ging hat das richtig gut getan. Klar und übersichtlich struktiert! Keine Werbung auf dem Schirm.

    Und die Beitrage, die ich gelesen habe, sind ausgezeichnt und sprechen mir aus dem Herzen. Klasse !

    .... "glernt isch halt glernt" hot's Äffle mol gsagt ... das spürt man ...

    Den Titel für das Editorial finde ich genial. Genauso fühle ich mich. Sozusagen ein Volltreffer. Gratulation - ich denke das trifft auch das Zeitgefühl vieler Mitmenschen.

    Ich wünsche KONTEXT für die Zukunft weiterhin die spürbare Begeisterung, die in diesem Projekt ist. (und habe auch schon alle Freunde darüber informiert!).

    Allen aktiven Machern von Kontext viel Freude und Durchhaltevermögen.

    Herzliche Grüße + sonniges Wochenende !

    Renée Busch

    ... PS: ... Grüße an euren Systemprogrammierer ... oder denjenigen, der die Webseite macht. Vielleicht könnte man das Feld für die Kommentare etws gößer gestalten ???

    ... nur dass man besser sieht, was man schreibt ...auf dem kleinen Feld ist das schon recht mühsam ...
    ...
  • Landei
    am 09.04.2011
    Der Hunger der Stuttgarter nach unabhängigem Lesefutter ist ungeheuerlich: die taz ist heute überall in der Stadt restlos ausverkauft... !
  • RolfRichard
    am 08.04.2011
    Nach der "Schlecker-isierung" der Frankfurter Rundschau werden Medien wie Kontext an Bedeutung gewinnen. Alles Gute für die stets kritisch zu sehende Zukunft.
  • Kakapo
    am 07.04.2011
    Aus der Ferne wünsche ich Dir und Deinen Kolleg/innen viel Erfolg beim neuen Projekt. Es ist angesichts der Streich-, Spar- und Zusammenlegungsmaßnahmen in der deutschen Medienlandschaft eine willkommene Bereicherung. Alles Gute! Sissi
  • lanzelotty
    am 07.04.2011
    So ein Projekt kann man nur loben - selten war so etwas (in der BRD) so nötig. Wirtschaftlicher Druck hat so viele Medien willfährig gemacht und der Qualität des Journalismus sehr geschadet.
    Viel Glück und Erfolg!
  • helmkend
    am 07.04.2011
    Großartig. Es muss eine Gegenmacht gegen Springer, Burda und Co. aufgebaut werden. Tom Schimmeck hat die Misere in seinem Buch "Am besten nichts Neues" gut beleuchtet.
    Habermas hat heute in der SZ das zusammenwachsen des medialen mit dem politischen Sektor ebenfalls
    kritisiert.
    Ich wünsche Ihnen viel Glück und ein langes Leben.
  • Demokratix
    am 07.04.2011
    Glückwunsch zum Kontext-Start.
    Zeit für mehr gelebte Demokratie im Land.
    Dazu braucht es Kontext.
    Ich freue mich sehr.
    In diesem Sinne - beste Grüße aus Berlin
    Niko, der Demokratix
  • Beleuchtung
    am 07.04.2011
    Ich wünsche Ihnen Allen einen guten Start und ein gutes Durchhaltevermögen.
  • canislauscher
    am 06.04.2011
    Endlich! -Der Geist, der die Berichterstattung der sogenannten Mainstream-Medien durchweht braucht unbedingt ein Gegengewicht, einen Gegenwind. Ich hoffe, dass KONTEXT genug Puste haben wird, dazu einen entscheidenden Beitrag zu leisten; ordentlich lüften tut bitter Not!

    Alles Gute & viel Erfolg dabei wünsche ich Ihnen. Uns.

    (...und jetzt werde ich erst einmal ausgiebig lesen...)

    Mit freundlichen Grüßen
    canislauscher
  • nairolf
    am 06.04.2011
    Neue Medien braucht das Land. Glück auf! In diesem Sinne: eine immer erfolgreiche Ausfahrt aus den Tiefen der Recherchen.

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