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China kauft

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Der Verkauf des Baumaschinenherstellers Putzmeister in Aichtal an den chinesischen Sany-Konzern hatte für Aufsehen gesorgt. Doch das ist erst der Anfang.

Wenn Chinesen in Deutschland Firmen kaufen, wird besonders kritisch hingeschaut. Weil das Land und die Kultur so fern sind. Und weil China – doch vorgeblich kommunistisch offensichtlich auf dem Weg zur wirtschaftlichen Weltmacht ist. Auch deswegen hat der Verkauf des kerngesunden Baumaschinenherstellers Putzmeister in Aichtal an den chinesischen Sany-Konzern im Februar für Aufsehen gesorgt. Die erste Aufregung ist nun aber vorüber.

Die 1200-köpfige Belegschaft von Putzmeister in Aichtal und im hessischen Gründau kann inzwischen beruhigt sein: Die IG Metall hat mit der Aichtaler Geschäftsführung ausgehandelt, dass auch nach dem Verkauf an die Chinesen der Standort und die Arbeitsplätze bis 2020 sicher sind. Bis hin zum Vorstand des neuen Besitzers, der Sany-Gruppe aus China, sind alle zufrieden. Ist dies also der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Die Geschäftsführung hat nach Aichtal zur Pressekonferenz eingeladen. China-Fahnen wehen am Eingang, ein China-Wimpel ziert den Tisch des Pförtners, der Hof des riesigen Putzmeister-Geländes ist blitzblank. Die Ehre gilt dem neuen Eigentümer. Sany-Chef Liang Wengen, Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas (KPC), ist gekommen, im Tross sind viele Mitglieder des Sany-Vorstands.

Sie sind alle bei der Pressekonferenz dabei, und die Putzmeister-Mitarbeiter haben von ihren chinesischen Kollegen bereits gelernt: Jedes Vorstandsmitglied wird bei der Vorstellungsrunde brav beklatscht. Den Statements des Geschäftsführers von Putzmeister, Norbert Scheuch, und von Sany-Chef Liang ist jedoch nicht viel Neues zu entnehmen. Beide Seiten versichern einander, dass der Deal für alle super sein wird. "Der Zusammenschluss von Sany und Putzmeister wird auch ein Vorbild der Zusammenarbeit zwischen chinesischen und deutschen Unternehmen sein", prophezeit Liang.

Strategische Industriepolitik: Putzmeister-Käufer Liang Wengen und -Gründer Karl Schlecht.Der Kauf von Putzmeister durch Sany zeigt exemplarisch, wie China strategische Industriepolitik betreibt. Der gesamte Baumaschinenmarkt befindet sich seit Jahren in einem Konzentrationsprozess. Zu den großen und bedeutenden Unternehmen gehören Caterpillar (USA), Liebherr (Deutschland) und Komatsu (Japan). Putzmeister war ein sogenannter Hidden Champion (verborgener Meister) im hochwertigen Maschinenbereich. China hat zwar große Baumaschinenfirmen, aber außerhalb des eigenen und des zentralafrikanischen Marktes fällt es den Unternehmen des Landes schwer, Fuß zu fassen. Das Image der Billigproduktion haftet ihnen an, also wird gekauft. 2008 erwarb das chinesische Staatsunternehmen Zoomlion den italienischen Baumaschinenhersteller CIFA. Der deutsche Betonpumpenhersteller Schwing steht laut Zeitungsmeldungen derzeit vor der Übernahme durch den chinesischen Baumaschinenhersteller XCMG, und Putzmeister ist nun in Sany-Hand. Damit könne Sany sich gegen die drei großen Baumaschinenfirmen behaupten, sagt der Esslinger IG-Metall-Chef Sieghard Bender. "Sany ist jetzt in der Lage, weltweit mit einem Komplettprogramm aufzutreten."

Die Chinesen haben gut gezahlt

Dass Putzmeister mittelfristig einen Partner benötigen würde, war im Unternehmen seit geraumer Zeit klar. Der Betriebsrat und die IG Metall Esslingen hätten gerne jemand Einheimisches gehabt. Gerhard Schamber, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende, hatte sich auch seine Gedanken gemacht: "Wir konnten uns Liebherr oder Schwing gut vorstellen", sagt er, zumal man mit Liebherr bereits kooperierte. Doch daraus wurde nichts. Auch, weil das Unternehmen kaum – wie Sany – 520 Millionen Euro an Karl Schlecht gezahlt hätte, den nunmehr früheren Eigentümer von Putzmeister.

Die Kooperation mit Liebherr werde beendet, erklärt Schamber. Liebherr hatte bisher die Ausrüstung zum Mischen von Beton gestellt. Künftig soll Putzmeister die Maschinen selber bauen, heißt es auf der Pressekonferenz. Und in der Sany-Niederlassung in Bedburg bei Köln (200 Mitarbeiter) werden keine Betonpumpen mehr gebaut, sondern, wie Liang Wengen andeutet, eines der vielen anderen Produkte von Sany wie Drehmaschinen, Windanlagen und Tunnelbohrmaschinen.

Früher wurde kopiert, jetzt wird gekauft

Die Zeiten, in denen chinesische Unternehmen in Europa Werke kauften, ab-  und zu Hause wieder aufbauten, sind vorbei. Auch die Zeiten des Kopierens scheinen sich dem Ende zuzuneigen. Der aktuelle chinesische Fünfjahresplan, der bis 2015 gilt, gibt die Richtung vor: Der Ausbau der Schwerindustrie ist abgeschlossen, und mit der Produktion von Billigware lässt sich nicht mehr das notwendige Wachstum erwirtschaften, um den Wohlstand der 1,3 Milliarden Einwohner Chinas zu erhöhen.

Die Führung will vom "made in China" hin zum "developed in China", erklärte im vorigen Jahr der Botschafter Wu Hongbo in Berlin. Innovationsstark wolle man werden und nicht mehr die verlängerte Werkbank der Welt sein. Innovationen holt man sich mit Aufkäufen guter Unternehmen und ihrer Marken einfacher ins Haus als mit schlechtem Abkupfern. Nach und nach erreicht auch auf diesem Weg das Know-how zum Beispiel der Putzmeister-Ingenieure die chinesischen Kollegen.

Längere Zeiträume im Blick

In China wird nicht in Wahlzyklen gedacht, man gibt sich Zeit. 1985 erklärte der damalige KPC-Generalsekretär Hu Yaobang vor Absolventen der Zentralen Pekinger Parteihochschule, man hoffe, bis zum 100. Geburtstag der Gründung der Volksrepublik, also 2049, die höchstentwickelten kapitalistischen Länder in ökonomischer Hinsicht eingeholt zu haben. Derzeit liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in China laut Internationalem Währungsfonds bei 5000 Dollar, womit China den 80. Platz von 181 Ländern einnimmt. Zum Vergleich: Deutschland belegt mit mehr als 44 000 Dollar pro Kopf den 19. Platz. Das Datum 2049 ist in der Satzung der Kommunistischen Partei Chinas festgeschrieben.

Harro von Senger, ein emeritierter Sinologie-Professor der Universität Freiburg, nennt den langen Zeithorizont "Supraplanung". Eine solch langfristige Strategie bringe westlichen Geschäftsleuten zwar hohe Sicherheit, so von Senger. Es könne aber auch passieren, dass sie damit am Ende von ihren chinesischen Geschäftspartnern abgehängt würden.

Deutschland soll sich an China orientieren

Der Esslinger IG-Metall-Gewerkschafter Bender fordert von der deutschen Politik endlich eine gezielte Industriepolitik. "In der Krise 2008 wurde ein Abwrackprogramm aufgelegt, um die Autoindustrie zu stabilisieren. In Brasilien hat man in der Zeit Maschinenbauer mit billigen Krediten unterstützt, um zu investieren. Nach der Krise stand die Branche glänzend da", verdeutlicht er. In Japan macht sich im Wirtschaftsministerium eine eigene Abteilung Gedanken über die industrielle Zukunft: Welche Branchen will man erhalten und wie? Die wichtigen Branchen bekommen dann Kredite für einen Prozent Zins.

Bender ärgert sich über die deutsche Politik: "Bei uns bekommen den die Banken, die das Geld dann für sieben oder acht Prozent an die Unternehmen weitergeben." Der Textilmaschinenbau sei in Deutschland fast komplett verschwunden, chinesische Investoren klopften derzeit überall im Maschinenbau an. Bender: "2008 standen sofort Chinesen auf der Matte, um den Drehmaschinenhersteller Traub in Reichenbach zu kaufen. Gleiches gilt für Metabo in Nürtingen."

Thatcher hat mit ihrer Industriepolitik England schwer geschadet

Die britische Premierministerin Maggie Thatcher entschied in den 1980er-Jahren, Großbritannien zu einem Finanzplatz zu machen. Die englische Industrie ist inzwischen nahezu vernichtet. Was die Finanzwirtschaft der weltweiten Ökonomie antut, ist bekannt. Dass Deutschland bislang die Finanzkrise relativ gut überstanden hat, dürfte der industriellen Basis zu verdanken sein. Und den mittelständischen Unternehmern, die natürlich Geld verdienen wollen, aber auch von Erfinderehrgeiz getrieben sind und häufig Verantwortung für Belegschaften und Region empfinden.

Im Jahr 2006 haben sich sechs chinesische Investoren in deutsche Betriebe eingekauft, 2011 waren es schon 15. Wer seine Industrie aufwerten will, braucht dafür deren Kern, den Maschinenbau, der gerade in Baden-Württemberg stark ist. Ob in der nächsten Finanzkrise ein chinesischer Eigentümer daran interessiert sein wird, seine deutschen Mitarbeiter mit Kurzarbeit zu halten oder ob er sie einfach rauswirft? Der deutschen Politik scheint das egal zu sein. In der Landesregierung herrscht dazu Hilflosigkeit.

Vielleicht bringt das nun anstehende Treffen mit dem Präsidenten der Sany Heavy Industry, Wenbo Xiang, den baden-württembergischen Wirtschaftsminister Nils Schmid von der SPD ja auf neue Ideen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) jedenfalls begrüßt chinesische Investoren ausdrücklich. Offenbar setzt die schwarz-gelbe Koalition auf die "unsichtbare Hand der Märkte". Die Zukunft wird zeigen, wer diese Hand tatsächlich lenkt.


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