Ausgabe 40
Überm Kesselrand

Strahlendes Glanzstück

Von Andreas Langen
Datum: 04.01.2012
Das Glanzstück der Stadt Jülich war jahrzehntelang ihre Kernforschungsanlage KFA. Trotz Tschernobyl blieb die Atomwelt in Nordrhein-Westfalen noch lange in Ordnung. Selbst eine Reaktorhavarie knapp vorm Super-GAU im Jahr 1978 kann in Jülich kaum jemanden erschüttern. Unser Autor Andreas Langen verfolgt den Umgang mit der Atomenergie in seinem Heimatort vom Störfall bis heute. Hier Teil zwei seiner Geschichte.

Das Glanzstück der Stadt Jülich war jahrzehntelang ihre Kernforschungsanlage (KFA). Trotz Tschernobyl blieb die Atomwelt in Nordrhein-Westfalen noch lange in Ordnung. Selbst eine Reaktorhavarie knapp vorm Super-GAU im Jahr 1978 konnte in Jülich kaum jemanden erschüttern. Unser Autor Andreas Langen verfolgt den Umgang mit der Atomenergie in seinem Heimatort vom Störfall bis heute. Hier der zweite Teil seiner Geschichte.

Vom Jülicher Atomversuchsreaktor (AVR) behaupten seine Erfinder bis heute, es sei das sicherste Kernkraftwerk der Welt. Das hat in Jülich jeder gern geglaubt, die Stadt profitierte schließlich bestens von der KFA. Meine Eltern waren Mitte der 60er-Jahre hierhergezogen. Niemand ahnte, was die angeblich makellose Technologieschmiede vor unserer Haustür anhäufte. Heute ist es bekannt, wird in Jülich aber erst langsam in seiner ganzen Tragweite begriffen: Das AVR ist die am stärksten mit Strontium und Cäsium verseuchte Atomanlage der Welt.

Vom Strahlen dieser Anlage ist nur die Radioaktivität übrig geblieben: der Kugelreaktor in Jülich.Die Ursache für dieses Desaster liegt in den Konstruktionsfehlern des AVR. Der Reaktor lief Jahrzehnte um hunderte Grad heißer als geplant, seine Brennelemente klemmten, viele zerbröselten im Betrieb. 1988 wurde der AVR stillgelegt, aber immer noch lauern 60 bis 90 Kilogramm hochradioaktiver Staub im Reaktor sowie eine unbekannte Zahl verklemmter und beschädigter Brennelemente. Zusätzlich stellte sich 1999 heraus, dass auch der Boden verseucht ist.

All das machte die ursprünglichen Pläne zunichte, die Anlage einfach abzudichten und gut bewacht stehen zu lassen. Was also tun? Die Betreiber taten sich so schwer mit ihrer strahlenden Erblast, dass der Bundesrechnungshof im Jahr 2003, 15 Jahre nach der Stilllegung, zürnte, der "desolate Rückbauverlauf" zeige "kaum Fortschritte".

Ein Wahrzeichen des Scheiterns für die Ewigkeit

Gegen heftigen Jülicher Widerstand wurde das heikle Projekt schließlich an die bundeseigene Spezialfirma Energiewerke Nord übertragen. Die entwickelte die aktuelle Strategie: Das alte Gebäude wurde um 60 Meter aufgestockt und der gesamte Reaktorbehälter mit Beton ausgegossen. Darüber wurde ein Kran montiert, um den Reaktorbehälter in die Horizontale zu bringen. Das riesenhafte Bauwerk ist mit Abstand das höchste im ganzen Jülicher Land – ein weithin sichtbares Wahrzeichen des Scheiterns.

Jetzt wartet der Koloss von 2100 Tonnen Gewicht auf seinen Abtransport ins Zwischenlager. Das besteht aus einer neu errichteten Halle in einigen Hundert Meter Entfernung. Dort muss die Strahlung des Reaktors noch jahrzehntelang abklingen, bevor kommende Generationen sich vielleicht daran machen können, ihn in handhabbare Stücke zu zerlegen. Außer diesem monströsen Brocken liegen in Jülich noch einige Tausend zerstörte Kugeln, in Beton eingegossen, sowie 288 000 intakte Brennelemente, verpackt in 152 Castoren. Deren Lagerungsgenehmigung läuft 2013 aus – derzeit sollen die Wachmannschaften am Jülicher Castorlager mit Schusswaffen und Panzerfahrzeugen ausgerüstet werden.

Die Probleme der Brennelemente sind komplex: Sie sind nicht nur äußerlich hoch kontaminiert, sondern wegen ihrer Grafithülle auch brennbar – weswegen sie nicht in den heutigen Endlagern untergebracht werden dürfen. Falls eine Endlagerung je stattfindet, wird sie besonders teuer. Denn die Kosten richten sich vor allem nach dem zu deponierenden Volumen, und das ist bei Müll aus Kugelhaufenreaktoren wie dem Jülicher weit größer als bei anderen Reaktortypen. Das langlebigste Spaltprodukt ihres Abfalls ist Uran-233. Bis sich dessen Strahlung halbiert, vergehen 160 000 Jahre. Kurz gesagt: eine Herkulesaufgabe, in jeder Hinsicht.

In Jülich wird sie weitergehen mit dem Transport des betongefüllten Reaktorbehälters, wahrscheinlich im kommenden Jahr. Nötig ist das gigantische Manöver, weil beim Störfall im Mai 1978 etwas Gravierendes passierte, das 20 Jahre lang unentdeckt blieb: Von den insgesamt fast 30 Tonnen hochverstrahltem Kühlwasser, die sich im Reaktorbehälter gesammelt hatten, liefen rund 100 Liter unbemerkt in den Erdboden. Dabei blieb das Strontium in etwa sechs Meter Tiefe unter dem Fundament stecken.

Blutkrebsrate weit über dem Bundesdurchschnitt

Strontium ist krebsauslösend und extrem giftig. Würde es durch Säure aus dem Boden gelöst, wäre ein Äquivalent von einigen hundert Kilogramm Zyankali oder Arsen freigesetzt. Außer dem Strontium enthielt das verseuchte Wasser die 70-fache Menge Tritium, das sich chemisch verhält wie Wasser. Diese Tritium-Fracht floss nach Pfingsten 1978 ins Grundwasser, unerkannt und unbemerkt.

Anfang der 90er-Jahre stieg in der Umgebung von Jülich die Blutkrebsrate von Kindern aufs 17-Fache des Bundesdurchschnitts. Ich wusste nichts davon, ebenso wenig meine Schwester, die damals mit Mann und Kind bei Bonn lebte. Als Teenie hatte sie einen hoch dotierten Schüler-Wettbewerb über die Segnungen der Kernkraft gewonnen; die Preisübergabe fand just während des schweren Störfalls im Frühjahr 1978 statt, mitten in der KFA, ein paar Hundert Meter neben dem havarierten Reaktor. Vom Störfall wussten damals nur wenige Insider. Die allermeisten Leute im Jülicher Land glaubten unerschütterlich an die Kernkraft, und erst die Häufung der Kinder-Leukämie schreckte Jahre nach dem Reaktorunfall einige auf.

Besorgte Eltern schalteten Anfang der 90er-Jahre den Marburger Nuklearmediziner Professor Horst Kuni ein, nach dessen Untersuchung Radioaktivität als Ursache "durchaus in Frage kommt". Das zuständige Gesundheitsamt Düren kommt zum gleichen Schluss. Bis heute, so der Nuklearmediziner Kuni, fehlt eine umfassende amtliche Untersuchung. Dies umso mehr, als das Tritium im Grundwasserstrom unter dem Reaktor eine andere Richtung nahm als jene, in der die auffälligen Leukämie-Erkrankungen stattfanden: "Das nährt die Vermutung, dass es auch zu anderen, nicht publizierten Freisetzungen gekommen sein kann", berichtet der Strahlenmediziner Kuni.

Hat die Aufsicht weggeschaut?

Für diesen Verdacht gibt es ein weiteres Indiz. Rainer Moormann, der langjährige Spezialist für Reaktorsicherung und der Mann, der den Störfall von 1978 publik gemacht hat, dieser Rainer Moormann hat es in den vertraulichen Genehmigungen für den Rückbau des AVR entdeckt: "Dort sind sehr hohe Strontium-Belastungen angegeben, für die es bisher keine Erklärung gibt."

Damit geraten die Aufsichtsbehörden und ihre amtlich bestellten Prüfer ins Visier. "Hier liegt die bedenklichste Dimension der AVR-Historie", bilanziert Rainer Moormann, "denn statt Öffentlichkeit und Umwelt zu schützen, stellen die Behörden dem AVR bis heute Persilscheine aus." Das liegt teilweise auch an personellen Verflechtungen, auf gut Rheinisch: Klüngel. Familienangehörige und ehemalige Doktoranden der Kugelhaufen-Granden hatten Posten in Aufsichtsbehörden und beim TÜV. Behörden und Gutachter sorgten dafür, dass das Jülicher AVR in den Meldelisten des Bundesamts für Strahlenschutz eine blütenreine Weste hat: Sämtliche gemeldeten Vorfälle stehen dort in der Rubrik "sicherheitstechnisch irrelevant".

Die Ignoranz der Kontrollinstanzen erreicht ihren Höhepunkt in der Einstufung des Störfalls von Pfingsten 1978. Obwohl es bis heute überhaupt keine Untersuchung des Tritium-Austritts ins Grundwasser gab, lautet die offizielle Auskunft des zuständigen TÜV: "Eine Beeinträchtigung der Trinkwasserversorgung im Raum Jülich durch das kontaminierte Wasser des AVR kann für die Vergangenheit und die Zukunft ausgeschlossen werden."

Wenn es zum Super-GAU in Jülich gekommen wäre, hätte der Medizinschrank hier an der Wand auch nicht mehr geholfen.Auch das Forschungszentrum beschwichtigt. 2010 heißt es in einer offiziellen Mitteilung zum Strontiumaustritt aus dem AVR: "Die kaum messbare Belastung ist seit zehn Jahren bekannt." Zum Vergleich: im Juni herrschte in Fukushima 500 Meter von den havarierten Blöcken eins und zwei eine Strontiumbelastung von 480 Bequerel pro Kilo Boden. In Jülich ist die "kaum messbare" Strontium-Konzentration zweieinhalbmal höher: 1200 Bequerel/kg. Unter dem Reaktor, wo die giftige Strontiumfracht lauert, dürfte sie noch weit darüber liegen.

Unter dem Druck der mittlerweile bekannten Fakten hat das Forschungszentrum im Frühjahr 2011 eine Untersuchungskommission eingerichtet. Dass der einstige Ingenieur und Kritiker Rainer Moormann nicht dazugebeten wurde, ist keine große Überraschung. Noch Ende Juli versuchte sein Arbeitgeber, ihm einen Maulkorb zu verpassen. Moormann wollte am 22. Juli dieses Jahres seine Kritik am AVR öffentlich vortragen, und zwar nicht vor Fachpublikum, sondern vor Jülicher Bürgern.

Castoren? Bei uns?

Die lokale Politik reagierte nicht auf die anstehende Premiere. Vor nicht allzu langer Zeit war ein Bürgermeister aus der Region in einem Hintergrundgespräch noch von der Tatsache überrascht worden, dass sich Castoren nicht nur im fernen Gorleben stapeln, sondern auch im Jülicher Forschungszentrum.

Auch im Juli 2011 zeigte die lokale Politik dem Thema die kalte Schulter. Rainer Moormann, der Anfang dieses Jahres mit dem Whistleblowerpreis ausgezeichnet worden war, trat im Café eines Jülicher Seniorenheims auf. Sein Publikum bestand zum großen Teil aus empörten KFA-Kollegen. Einer der weißhaarigen Ingenieure empfahl dem Kritiker Moormann, er möge es mit Fontane halten, der schrieb: "Tand, Tand ist alles Gebilde von Menschenhand."

So locker nahm das Forschungszentrum den Auftritt seines Angestellten Moormann nicht. Wenige Stunden vor dem Termin bekam er Kurierpost von der Personalabteilung. "Um zu vermeiden, dass ein unzutreffendes Bild entsteht", wird Moormann aufgefordert, die Debatte dem "Geschäftsbereich Unternehmenskommunikation zu überlassen".

Unternehmenskommunikation? Schönrederei wäre wohl passender. "Die Leistung aller Beteiligten am AVR-Projekt kann nicht hoch genug eingeschätzt werden", tönt es im Jubiläumsbuch "50 Jahre AVR", herausgegeben 2009 von der AVR-GmbH. Der gigantische Entsorgungsaufwand wird dort umschreiben als "völlig neuartige Vorgehensweise" und "außerordentlich kühn erscheinende Idee". Auf der Website des AVR schwärmen die Texter von der "grünen Wiese", die eines Tages zurückbleiben wird – obwohl die Betreiber schon heute einräumen, dass sie die gesetzlichen Freigabewerte von zwei Bequerel Strontium pro Kilo Boden kaum erreichen werden. Das Fazit der Betreiber: "Der Reaktor wurde erfolgreich betrieben."

Andere einstige Anhänger der Kernkraft sind mittlerweile nachdenklicher. Meine Schwester zum Beispiel. Am 23. Juni 1978 bekam sie in der KFA den Lohn für ihre Fleißarbeit über den Nutzen der Kernkraft. Es dauert eine Weile, bis die heute 48-Jährige die Bilder dazu in ihren Fotoalben gefunden hat. Eine gut erhaltene Farbaufnahme zeigt sie schüchtern lächelnd im Hörsaal der Forschungszentrums. Respektvoll blickt das brave Mädchen auf zum stellvertretenden KFA-Vorstandsvorsitzenden. Der hat ihr und ihren Klassenkameradinnen soeben einen Scheck über 5000 D-Mark aushändigt.

Es ist derselbe Tag, an dem die Ingenieure im AVR nach fast zwei Wochen Fehlersuche den Wassereinbruch im Reaktor stoppen. Während sich die Schülerinnen über die Großzügigkeit der Betreiber freuen, beginnen unter dem Reaktor die radioaktiven Gifte Strontium und Tritium in den Boden zu sickern.

Meine Schwester klappt ihr Fotoalbum wieder zu und sagt: "Mit dem Wissen von heute frage ich mich, ob man das Ganze nicht als eine spezielle Form von Kindesmissbrauch betrachten muss."

 

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