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Die dritte Frau

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Wenn die Gockel krähen, ist immer Alarm. Vor allem, wenn die einen grün und die anderen rot sind. Dann muss Silke Krebs ran. Silke wer? Die 46-Jährige ist Ministerin in der Villa Reitzenstein und muss den Regierungsladen zusammen halten. Und das geht nur, wenn frau die Bühne meidet und still die Strippen zieht - mit Macht.

Im Zentrum der Macht: Amtszimmer der Ministerin in der Villa Reitzenstein.Wenn die Gockel krähen, ist immer Alarm. Vor allem, wenn die einen grün und die anderen rot sind. Dann muss Silke Krebs ran. Silke wer? Die 46-Jährige ist Ministerin in der Villa Reitzenstein und muss den Regierungsladen zusammen halten. Und das geht nur, wenn frau die Bühne meidet und still die Strippen zieht - mit Macht.

Manchmal wünscht sie sich einen Sandsack. Den könnte Silke Krebs dann in ihr Eckzimmer in der Villa Reitzenstein hängen, mitten rein in die gediegene Möbliertheit aus Nuss und Eiche. Mal so richtig draufhauen, wann immer mal wieder ein Koalitionär querschießt wie der unberechenbare SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel, der auch aus dem Urlaub noch seine Pfeile platziert. Oder wenn die Mitarbeiter im Hochgeschwindigkeitsapparat Staatsministerium der ungeduldigen Grünen mal wieder zu langsam sind. Oder wenn es mal wieder hausinternes Kompetenzgerangel gibt zwischen Stami-Amtschef Klaus Peter Murawski und Ministerin Krebs. Das würde Silke Krebs, die Diplomatin, natürlich nie so sagen. Sie sagt nur: "Manchmal wünsche ich mir zum Ausgleich einen Sandsack". Und lächelt sibyllinisch. Und schweigt.

Sie macht einen Mörderjob. Sie vertritt den Regierungschef im Bundesrat. Sie sitzt zu seiner Rechten in den Kabinettsitzungen. Sie ist Aufsichtsrätin in der gebeutelten EnBW, die auch noch die Energiewende schaffen soll. Sie verhandelt den Staatsvertrag mit dem SWR und sinniert über die Neuordnung der Finanzen der politischen Stiftungen nach. An manchen Tagen muss sie sich im Stundentakt mit unterschiedliche Themen von der Berta-Benz-Rallye bis zu Stuttgart 21 beschäftigen. Aber vor allem ist sie verantwortlich für den fragilen Koalitionsfrieden zwischen den Grünen und der SPD. Ein Job, bei dem im Hintergrund die Fäden gezogen werden. Ein Job, der Durchsetzungsvermögen und diplomatisches Geschick verlangt. Ein Job für eine Politikerin, die von sich selber sagt: "Ich mach schrecklich gerne Pläne."

Die Frau für heikle Missionen

Dass sie für heikle Missionen geeignet ist, hat Silke Krebs schon bei den grün-roten Koalitionsverhandlungen bewiesen. Es war ihr politisches Gesellenstück, das die grüne Landeschefin direkt auf den Ministersessel in die Villa Reitzenstein katapultiert hat. Als Vertraute von Winfried Kretschmann. Als erste Frau auf diesem Posten. Und dennoch bleibt diese Politikerin unsichtbar wie der geheimnisvolle dritte Mann in Graham Greens gleichnamigem Spionagethriller. "Wenn man meine Arbeit in der Presse nicht wahrnimmt, mach ich meinen Job gut", sagt die 46-jährige Freiburgerin.

Nun sitzt die dritte Frau am großen Tisch ihres Büros, eingezwängt zwischen Terminen, im Hintergrund das blaue Bild des Künstlers Hans Peter Reuter, das Winfried Kretschmann nicht in seinem Zimmer haben wollte. Zu modern. Ihr gefällt's, weil es ein bisschen Schwung in die hölzerne Einrichtung bringt, die sie von Amtsvorgänger Helmut Rau übernommen hat. Die Regierung macht Urlaub, der Landtag hat Sommerpause und die Frau im Hintergrund hat es zwei Umdrehungen weniger turbulent. Dann kann man schon mal an Entspannung und den eigenen Urlaub denken.

Die passionierte Krimileserin zieht es nach Schweden, nach Ystad, der Heimatstadt von Kommissar Kurt Wallander. Henning Mankells Bücher, die sie alle schon mal verschlungen hat, will sie nun ein zweites Mal am Originalschauplatz lesen. Tochter Kathleen ist dieses Mal nicht dabei. Silke Krebs hat der 18-Jährigen in diesem Jahr schon den Umzug in die eigene Wohnung finanziert. Die Urlaubskosten hätte Kathleen selber aufbringen müssen, da bleibt die Tochter lieber daheim - und die alleinerziehende Mutter eisern.

Grüne wollen diskutieren, Rote feilschen: Silke Krebs erklärt, warum sich die Regierungsparteien wechselseitig für bösartig halten.Eine politische Tellerwäscherkarriere, von der Freiburger Gemeinderätin zur Ministerin in der Regierungszentrale und Vertrauten des Ministerpräsidenten - das schafft eine Frau nur, wenn sie besser ist als die Männer und Machtbewusstsein hat. Vor allem letzteres braucht Silke Krebs in der Villa Reitzenstein, um nicht unterzugehen neben einem Amtschef, der vor den Kabinettssitzungen in Vorkonferenzen den souveränen Politikplaner gibt und auch den öffentlichen Auftritt nicht scheut. Das Machtgefüge in der Regierungszentrale, vor allem zwischen Staatssekretär und Ministerin, ist nur lose festgezurrt, und beide haben das Ohr des Ministerpräsidenten. Verwaltungschef Murawski, dessen Job es ist, den Laden am Laufen zu halten, nutzt jede Gelegenheit, politische Marken zu setzen - sehr zum Missfallen der SPD. Murawski begleitet den Ministerpräsidenten auch auf Auslandsreisen, ein Novum in der Geschichte der Stami-Hausmeier.

Überleben im Zentrum der Macht

Sie seien wie Hund und Katze: Hier Klaus-Peter Murawski, der sich gerne im schwarzen Künstleroutfit präsentiert, dort die Ministerin, klug, diplomatisch und ehrgeizig, die in Jackett und Rock eher die Musterschülerin gibt. Rangeleien sind da programmiert. "Es geht immer darum, wer hat den Ball in der Hand", sagt Silke Krebs, "und ich bin ganz gern und ganz schnell davon überzeugt, dass ich eine gute Idee habe." So einfach lässt sich diese Frau nicht an die Wand drücken.

Silke Krebs hat sich ihr Leben lang durchgeboxt. Alleine ein Kind aufgezogen, Umschulung zur Bürokauffrau, Arbeit bei den Freiburger Stadtwerken. Das Wahlkreisbüro für Dieter Salomon gemanagt, der heute OB in Freiburg ist. Für Edith Sitzmann, die heute grüne Fraktionsvorsitzende ist. In Freiburg leben, in Stuttgart Politik machen, etwa als Pressereferentin der grünen Landtagsfraktion für Rudi Hoogvliet, der als Wahlkampfmanager nach Berlin ging und heute als Regierungssprecher mit in der Villa Reitzenstein sitzt. Das alles schafft ein Netzwerk, das in der Politik nie hinderlich ist. Das erfordert aber auch eine Disziplin, die ihr ins Gesicht geschrieben ist.

Von 2009 bis zur siegreichen grünen Landtagswahl schließlich war Silke Krebs zusammen mit Chris Kühn Landesvorsitzende der Grünen. Dort war die Konfliktlöserin mit dem Krimifaible maßgeblich daran beteiligt, dass die Partei Winfried Kretschmann keine Doppelspitze aufzwang, sondern ein Team zur Seite stellte. Dafür ist er der Ex-Parteichefin, die von sich selbst sagt: "Ich bin kein Ökoengelchen", heute noch dankbar.

Und natürlich für ihre Rolle in den Koalitionsverhandlungen. Die Frau, die wohl zu den wenigen gehört, die in der Schule mathematische Textaufgaben liebten, hat sich mit dieser Lust an Problemlösungen in diese Aufgabe gestürzt. Mag das Ergebnis auch noch so umstritten sein - dass in wenigen Wochen ein Vertrag erarbeitet wurde, darauf ist sie heute noch stolz. Dabei kam der Frau, die aus einem SPD-Haushalt stammt, auch zugute, dass sie beide Parteien kennt. Aber vor allem, dass sie einen scharfen Blick dafür hat, aufgeregt diskutierte Probleme auf ihren Kern zu reduzieren, indem man sämtliche emotionalen Störfeuer ausschaltet. Die zurückhaltende Ministerin kann richtig in Fahrt kommen, wenn sie etwa von den kulturellen Unterschieden zwischen SPD und den Grünen erzählt.

Warum sich Grüne und Rote nicht wirklich verstehen

Silke Krebs, die Problemlöserin, liebte schon in der Schule mathematische Textaufgaben. Und das hört sich dann so an: Wenn ein Grüner einen Konflikt hat, wird das ausdiskutiert. Dann wird in der Sache argumentiert und versucht, den anderen zu überzeugen. Ein Sozialdemokrat hingegen hält es für penetrant, wenn auf ihn eingeredet wird. Der denkt, lass mich in Ruhe, ich bin anderer Meinung, aber wir können uns ja einigen, was kannst du mir anbieten? Der Grüne wiederum hält das für ein unmoralisches Angebot. Und so hält jeder den anderen für unhöflich und bösartig. Silke Krebs lacht. Es war auch der Job der Strategin, auf den Kern des Problems zu kommen.

Sie sei ein Arbeitstier und könne richtig hart sein, sagen Parteifreunde. Sie sei von schneller Auffassungsgabe und beharrlich, sagten die roten Koalitionspartner. "Ich bin mit dem allermeisten zufrieden", sagt der notorische Nörgler Claus Schmiedel, einstecken könne sie, aber auch austeilen: "Silke Krebs ist kein Herzele". Sie sei penibel und streng, sehr streng, sagen Mitarbeiter im Staatsministerium, die ihr zuarbeiten. Bei Anfragen ist Silke Krebs schwer zufriedenzustellen. Schnell will sie bedient werden und das Ergebnis genügt selten ihren hohen Ansprüchen. Manche in der Regierungszentrale wollen eine fünfseitige Abhandlung eines Sachverhalts, also die Langversion. Andere nur eine Seite, in der auf einen Blick alles zu erfassen ist. Silke Krebs will beides. Und zwar schnell. Diese Frau genießt Respekt, aber manchmal nervt sie auch, wie alle Perfektionisten, die von anderen so viel verlangen wie von sich selbst.

Nie ist sie in Stuttgart in den einschlägigen Lokalitäten zu sehen, wo sich Kriminalschriftsteller, Kulturschickeria und grüne Politiker zum Plausch treffen. Im protestantischen Stuttgart wird gearbeitet, im hedonistischen Freiburg an den Wochenenden entspannt, basta. Wer als Alleinerziehende überleben will, muss Arbeit und Freizeit trennen. In ihrem Leben vor dem Staatsministerium hat sie unter der Woche in einer Wohngemeinschaft im Heusteigviertel gewohnt und abends zur Entspannung schon mal mit den Mitbewohnern Skippo gespielt. Als Ministerin wohnt sie heute alleine. Und wenn sie entspannen will, verschiebt sie das auf das Wochenende in Freiburg. Oder denkt an den Sandsack in der Villa Reitzenstein, der bisher nur ein Gedanke ist. Aber vielleicht bekommt sie ja mal einen geschenkt.


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