KONTEXT:Wochenzeitung
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Furchtlos in die Villa

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Habemus Kretsch. Und eine desolate CDU. Zwei Schwarze sollen für den Grünen gestimmt haben! Ja wo leben wir denn? Mappus soll richtig gezuckt haben, und wo immer er auftauchte im Landtag, bissen die CDU-Ex-Minister noch verkniffener in ihren Käsekuchen.

Denken und heimlich sagen tun es viele. So wie die CDU gestrickt ist, kungelmäßig eben, wird sie nun auf die Suche nach den Verrätern gehen. Das ist gewohntes Terrain und wird sie noch eine Weile beschäftigen, genauso wie die Frage, wer denn endlich den Kopf zum Fenster raushält. Hauk und Strobl, das kann wohl nicht alles gewesen sein. Aber wer dann? Selbst altgediente Schwarze, mit denen man im Landtag spricht, zucken mit den Schultern. So lange das so ist, braucht sich Kretschmann nicht zu fürchten. Vor der CDU.

Angst hätte eher der andere Winfried haben müssen. Hermann, der neue Verkehrsminister,  strahlte wie ein Honigkuchenpferd, selbst dann noch, als er vor ein versprengtes Häuflein von S 21-Gegnern trat, das vor dem Parlament auftauchte. Angst nicht wegen ihnen, die ganz nett zu ihm waren, sondern wegen der Dame im giftgelbgrünen Kostüm, die sich sofort seiner bemächtigte, als Kameras in Sichtweite waren: Claudia Roth. Der arme Mann aus dem katholischen Rottenburg kennt solche Überfälle nur von der Fasnet,  aber vielleicht hat er gedacht, dass bei der Berliner Obergrünen immer Fasching ist und dass er einfach weiter strahlen muss. Die Druckstellen sind zu Hause politisch zu erklären, und das Rothsche Lob, die "Wutbürger" bekämen den besten Verkehrsminister aller Zeiten, kann er zumindest verwenden, wenn es in Stuttgart eng wird. Stresstestmäßig zum Beispiel.

Und wie sieht der neue Dienstwagen aus?

Bei Winfried Kretschmann hat man nie das Gefühl, für ihn seien Weihnachten und Ostern zusammengefallen. Obwohl er, historisch, historisch, der erste grüne Ministerpräsident ist. Er lächelt verhalten landesväterlich, spricht ernsthaft mit den Menschen, stellt sich dezent zu seiner Gattin, die ihre Schwestern aus Oberschwaben, aus dem Himmelreich des Barock, mitgebracht hat. Das ist ein angenehmer Kontrast zu der aufgeregten Menge, die von der Idee beflügelt ist, zumindest Landesgeschichte geschrieben zu haben. Oder sich die Frage stellt, wie die Weihnachtsgeschenke aussehen. Das neue Büro, der neue Dienstwagen oder der neue Ministerialdirektor, der unter einem arbeitet. Es soll Gesichter geben, erzählen Altgrüne, die ihnen noch nie begegnet sind.

Das muss kein Fehler sein, wenn selbst Altschwarze wie der fränkische Berliner Wolfgang Reinhart gestehen, er sei froh, viele bekannte Gesichter nicht mehr sehen zu müssen. Immer an denselben Tischen hocken, dieselben Sprüche anhören müssen, dieselben Strippen ziehen, das nervt irgendwann. Da tut der Wechsel gut, das sorgt für Frischluft im Kopf, vielleicht sogar für ein paar neue Gedanken und die Offenheit für das Wahlvolk, das möglicherweise anders denkt. Kretschmann & Co. sind jetzt an ihre Stelle gerückt. Sie müssen beweisen, dass  ihre geistige Frische nicht aus der Not geboren ist. Die Zeichen  stehen gut: Einige seiner Mitarbeiter haben glaubhaft versichert, sie würden ohne Krawatte in die Villa Reitzenstein einziehen.

 

Stuttgart, am 11. Mai

Macht, Mafia, Medien                                     

Von Rainer Nübel

Medien sind manchmal wie Wundertüten. Darin finden sich die unterschiedlichsten Dinge, die Welten voneinander entfernt scheinen. Macht und Mafia zum Beispiel. Das sind zwei Themen, die doch so wenig miteinander gemein haben wie ein Skilift mit Ostfriesland. Oder?

Jetzt will es der Zufall – oder aber die "Themenmischung", wie Journalisten es nennen –, dass in unserer neuen Ausgabe tatsächlich von beidem die Rede ist: von der neuen Regierungsmacht in Baden-Württemberg, die Grüne und Sozialdemokraten am Donnerstag mit der Wahl von Winfried Kretschmann zum Ministerpräsidenten besiegelt haben. Und von der italienischen Mafia, die sich im Musterländle längst gefährlich breitgemacht hat, wie interne Ermittlungsunterlagen zeigen, die uns vorliegen.

Wir gestehen, putativ und präventiv: Diese krude Einleitung war nur der plumpe Versuch, die mutwillige und vorsätzliche Bösartigkeit zu verschleiern, mit der wir diese Themen zusammengemischt haben. Natürlich hat uns die diebische Freude an der Provokation zu dieser Tat angetrieben. Obwohl, ganz im Ernst: die bisherige schwarz-gelbe Landesregierung und die zuständigen Polizeibehörden haben das gravierende Problem der real existierenden Mafia jahrelang derart hartnäckig relativiert, dass einen schon mächtig interessiert, was die Gründe dafür sind.

Durchbrechen Kretschmann & Co. die Mauer des Schweigens?

Im aktuell-politischen Umkehrschluss heißt dies: Kretschmann & Co., die jahrelang gegen diese Mauer des Schweigens und Verschweigens mit Pressemitteilungen und Landtagsanfragen angerannt sind, haben es jetzt in der Hand, diese politische "Omertà" zu durchbrechen. Und für Transparenz zu sorgen. Hoffentlich klärt sich dann, was hinter der mysteriösen Aussage eines kalabrischen Mafiosos in Stuttgart steht, die italienische Ermittler heimlich aufgezeichnet haben: "Wir könnten hier das Kolosseum bauen."

Solche Sorgen haben unsere Nachbarn in Bayern selbstverständlich nicht. Sie bekümmert etwas ganz anderes: der Regierungswechsel am Neckar. Der Münchner Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) will den "Stern des Südens", also das Zusammenspiel Bayerns und Baden-Württembergs, erlöschen lassen. "Das klingt nach Kaltem Krieg, nach Freiheit oder Sozialismus", schreibt der Journalist Patrick Guyton und beruhigt zugleich: "Seehofer ist eine Pendeluhr."

Guyton kennt beide Bundesländer. Viele Jahre hat er bei der "Südwest Presse" in Ulm gearbeitet, ehe er es vorgezogen hat, als freier Journalist in München zu leben, wo er sich außer an Seehofer auch an dessen Generalsekretär Alexander Dobrindt erfeuen kann. Der sagt, wer gegen Stuttgart 21 demonstriere, müsse sich nicht wundern, wenn er bald ein Minarett im Garten stehen habe.

Womit wir wieder beim Thema wären. In Stuttgart hat der Konflikt um das Mega-Bahnprojekt das Vertrauen vieler Bürger tiefer gelegt – in die Politik wie auch in die Medien. Die Brüche und Aufbrüche in dieser Stadt, auch über Stuttgart 21 hinaus, zu beleuchten, darin liegt ein zentraler Ansatz der Kontext:Wochenzeitung. 

Wie ticken Medien? Debatte in der Stiftung Geißstraße. Foto: Kai Loges

Und auch darin, die Spielregeln von Journalismus zu vermitteln, um eine Informationsbasis für die entflammte Diskussion um die Medien zu schaffen. Dieses Ansinnen stößt offenbar auf rege Resonanz. In der Stiftung Geißstraße war der Saal voll besetzt, als am vergangenen Freitag Michael Kienzle, Leiter der Stiftung Geißstraße. Foto: Kai LogesMitglieder unserer Redaktion das Kontext-Projekt vorstellten und an aktuellen Themen erläuterten, "wie Medien ticken".

Im Schnelltakt, sozusagen zehngleisig, stellten die Besucher Fragen über Fragen, interessierte und kritische, wodurch sich rasch eine so lebhafte wie intensive Diskussion anbahnte. Natürlich über das Stuttgarter Thema der Themen, aber nicht nur. Wirtschaftliche Strukturen von Medien, Themenauswahl, Meinungshoheit der Chefetagen, Bedingungen und Barrieren von Recherche – das Themenspektrum war breit. Wie bei einer Wundertüte eben. Wobei nicht auszuschließen ist, dass mancher leise auch an Macht und Mafia dachte. Wer sich einen Eindruck von der Veranstaltung verschaffen möchte, kann dies übrigens bei fluegel.tv tun.

Nukleare Tyrannei und Selbstüberhebung

Lebenswirklichkeit zu spiegeln und Denkanstöße zu geben, auch das gehört zur Kontext:Wochenzeitung. Im zweiten Teil ihrer Sozialreportage erzählt Susanne Stiefel weiter von der Schattenexistenz eines "Papierlosen", der in Stuttgart wie ein Geist lebt. Inzwischen ist Yassin aufgeflogen und überlegt sich, nach Algerien zurückzukehren. Reintegration heißt das Wort, das er in diesem Zusammenhang gelernt hat. Nach 15 Jahren illegalem Leben in Deutschland ist die alte Heimat jedoch weit weg.

Es ist ein sehr persönliches Dokument, gleichzeitig mit großer gesellschaftspolitischer Aussagekraft: Der Heidelberger Arzt Karl Heinz Adzersen hat unter dem Eindruck des Super-GAUs von Fukushima einen Brief an seine Kinder verfasst. "Es scheint, als litten wir am Polykrates-Syndrom", schreibt der 66-jährige Mitarbeiter am Krebsforschungszentrum Heidelberg. "Wir haben uns eine nukleare Tyrannei eingehandelt und leiden – wie Polykrates – an Selbstüberhebung."


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