KONTEXT:Wochenzeitung
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Hiob

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Ungerechtigkeit und Ungleichheit empfinden die Leut als die größte Sauerei im Lande – dafür würden sie auf die Barrikaden gehen, sagen sie. Man sagt viel, wenn der Tag lang ist, hätte meine Omi Glimbzsch aus Zittau dazu gesagt. Im Schwäbischen liest sich diese Redensart so: Was goaht mi mei domms Gschwätz vo geschtern an!

Ungerechtigkeit und Ungleichheit empfinden die Leut als die größte Sauerei im Lande – dafür würden sie auf die Barrikaden gehen, sagen sie. Man sagt viel, wenn der Tag lang ist, hätte meine Omi Glimbzsch aus Zittau dazu gesagt. Im Schwäbischen liest sich diese Redensart so: Was goaht mi mei domms Gschwätz vo geschtern an! Doch merke: Der tumbe Bürger merkt sich das dumme Geschwätz – für ihn ist es die Messlatte für die Steinbrücks oder Kuhns, die Kretschmanns und Pastorentöchter. Doch die Kanzlerin ist da fein raus: Sie sagt wenig, was man sich merken könnte. Steinbrücks Absturz ist also nicht, wie die SPD sagt, das Ergebnis der Medienmacher (obgleich ihnen alles zuzutrauen ist), sondern das der Erinnerung. Sobald Peer auch nur das Wort "Geld" in den Mund nimmt, löst er damit einen Impuls im Hirn aus: Es macht Klick und sagt Honorar oder – Doppelklick – Hartz IV.

Beim Wort Barrikaden gab's früher eine umgehende Weiterleitung der Daten an "rote Fahne" oder "Gewalt", beim Kosewort Bio eine auf "grün". Heute ist alles gleich – Gewalt traut der Mensch den Banken, dem Kapital und der Bundeswehr zu – die Roten kommen einem da überhaupt nicht mehr in den Sinn. Und grün? Grün ist alles und jeder. Schuld daran ist nicht der Bossa nova, sondern die Bioecke im Supermarkt. Beim abendländischen Kürzel Demokratie fällt dem Hirn im Kontext von Ungerechtigkeit oder Ungleichheit gar nichts mehr ein, und beim Slogan "Interesse der Allgemeinheit" lachen selbst die Hühner.

Eine Hiobsbotschaft jagt die andere – Hiob hört zu und meint lapidar: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Unsereins hält diese Haltung davon ab, Gewalt anzuwenden, Revolution zu machen oder falsch zu wählen. Sie hält uns aber auch davon ab, Geiz und Gier zu bekämpfen, den Gewalttätern in den Arm zu fallen oder das Herz zu öffnen. Außer für Tiere.

Peter Grohmann.Apropos Unfreiheit und Ungerechtigkeit: "Ich glaube an die Unantastbarkeit und die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen." Zu hören jeden Sonntag fünf vor 12 auf Deutschlandradio Kultur, der Schwur in schwer tragenden Worten, samt Läuten der Freiheitsglocke am Rathaus Schöneberg. Ein schöner Klang. Aber es macht nirgends Klick.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Bürgerprojekts Die Anstifter.

 


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