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Kleiner König Gerd

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Gerd Mäuser glaubt von sich, er würde polarisieren. Stimmt. Für die einen ist der VfB-Präsident ein Macher, einer, der zupackt und dem der Erfolg recht gibt. Für die anderen ist er ein "Homo Unsympathikus". Beides stimmt ein bisschen.

Gerd Mäuser glaubt von sich, er würde polarisieren. Stimmt. Für die einen ist der VfB-Präsident ein Macher, einer, der zupackt und dem der Erfolg recht gibt. Für die anderen ist er, so wörtlich, ein "Homo Unsympathikus". Beides stimmt ein bisschen.

Gerd Mäuser ist einer dieser Manager-Typen, die eigentlich immer Erfolg hatten mit dem, was sie taten. Seit zehn Monaten ist er Präsident des VfB Stuttgart. Er trägt Jeans, ein graues Sakko, einen Schnäuzer auf der Oberlippe und ein Päckchen Zigaretten in der Brusttasche seines Hemdes, weil echte Männer eben Dinge in ihren Brusttaschen haben. Montblanc-Füller, Einstecktücher, Schraubenzieher, bei Mäuser sind es eben Marlboros. Ein bisschen Verwegenheit und Lonesome-Cowboy-Feeling für unterwegs.

Es ist ein Mittwochvormittag um zehn. Er sitzt im zweiten Stock des VfB-Gebäudes. Die eine Wand vollverspiegelt, damit dieser kleine Raum größer aussieht, ein Bücherregal, ein Schreibtisch. Der einzige offensichtliche Luxus: er muss sich seinen Kaffee nicht selber machen, den braut die Sekretärin und stellt ihn aufs Regal. Aus dem Präsidentenzimmer-Fenster sieht man das Dach der Fußballer-Umkleidekabinen, Kieselsteine, grau, dahinter grüner, saftiger Rasen – das Mäuser-Imperium, 100 bis 150 Millionen Umsatz, 250 Mitarbeiter, acht Tochtergesellschaften, 360 Fanclubs.

VfB-Präsident Gerd Mäuser. Foto: Martin Storz Gerd Mäuser ist laut, er kann Worte wie "geil" und "scheiße" eloquent ins Gespräch einbauen, er reißt Sprüche und freut sich, wenn sie ankommen, er sitzt breitbeinig am Tisch, die Daumen in die Hosentaschen gehakt, und sagt: 

"Wenn du im Stadion sitzt, bei 80 000 Leuten, und es steht 2:0 gegen dich, dann 4:3 gegen dich, und du machst in der zweiten oder dritten Minute der Nachspielzeit das 4:4, dann ist das einfach Wahnsinn. Das Dortmundspiel vergess ich nicht, 28. März. So ein Spiel ist eine ganze Saison wert, das ist ein superaffenturbogeiles Highlight."

Das ist Gerd Mäuser. Irgendwo zwischen dem sympathischen Erwin Staudt und dem Brutalo-Rüpel Mayer-Vorfelder.

Er ist in Berlin geboren, Sohn eines Mediziners, er hat vier Geschwister, wuchs in Langen in Südhessen auf. Mit 18 ist er ausgezogen. Er hat eine Lehre als Kfz-Mechaniker gemacht, Ölwannen ausdampfen, Werkstatt fegen, er sagt, das habe ihn geerdet, bis heute. Wenn man das einmal gemacht habe, wisse man, was arbeiten bedeute. Aber als er merkte, dass mit Kfz-Mechanik nicht viel zu holen ist, ließ er es bleiben. Er zog nach München, studierte BWL, später arbeitet er bei BMW-Motorrad. Da war er dann, bis er zu Porsche wechselte und 17 Jahre dort bleiben sollte, bis Wendelin Wiedeking, der Pharao, begraben wurde und alle um ihn herum mit ihm. Gerd Mäuser wurde Berater bei Jaguar. Das reicht für eine Karriere.

Seine Frau ist bei jedem Spiel dabei

Er mochte schon immer Motoräder, er hatte eine Honda, als Student eine Kawasaki 900 – "Frankensteins Tochter" –, dann eine Yamaha XJ 650. Und als Kumpels und Kommilitonen gegen Atomkraft demonstrierten, schraubte er an seinen Motorrädern oder war mit Freunden im Stadion. "Früher war Fußball in erster Linie was für Männer. Heute, wenn du deine Freundin oder Frau nicht zum Fußball mitnimmst, fragt sie dich: Hast du sie noch alle?" Seine Frau ist heute bei fast jedem Spiel dabei. Aber das gefällt ihm, sagt er.

Irgendwann habe er sich einen Plan gemacht: jeden Tag isst man so und so viele Brötchen, die Kosten multiplizieren mit der angepeilten Lebenserwartung, der Rest wird gespart, damit man irgendwann nicht mehr arbeiten muss und sich ein schönes Leben machen kann.

Heute, mit 54, hat er zwei Boote, einen Porsche Cayenne, einen Mercedes, er hat ein Häuschen in einer guten Wohngegend im Norden von Bietigheim-Bissingen, eine Frau, die er liebt, drei Kinder, auf die er stolz ist, einen Hund und ein iPhone. Gerd Mäuser hat eigentlich alles, was ein Mann so braucht. Den VfB braucht er eigentlich nicht. Er hätte auch bei Jaguar bleiben können, aber der VFB ist der Gipfel des Mäuser'schen Berufslebens, ein ganzes Königreich, wo er sonst immer kleine Fürstentümer geführt hatte. Der VfB ist das Sahnehäubchen. "Das mach ich, weil's mir Spaß macht."

Der Präsident stand von Anfang an in der Kritik

Mäuser steht auf dem Rasen seines Reichs, er zeigt auf den Spielplatz des VfB-Restaurants, eine Wippe, ein Klettergerüst. Da könnte mal das Jugendleistungszentrum hin. Vierstöckig, Jugendarbeit optimal ausbauen. Er malt mit den Armen sein zukünftiges Leistungszentrum in die Luft. Vielleicht könnte es auch fünfstöckig werden. Wenn sie ihn so lange im Amt behalten. Er grinst ein wenig schief.

Der neue Präsident ist nicht unumstritten. Er stand von Anfang an in der Kritik. Dieter Hundt, der Aufsichtsratsvorsitzende des VfB, wollte ihn unbedingt als Präsidenten inthronisieren, er schickte ihn in den Wahlkampf, ließ eine BroschürEchte Männer haben irgendetwas in der Brusttasche. Hier: Marlboro. Foto: Martin Storze drucken, die den Untergang des Abendlands samt Sponsorengeldern prophezeite, sollte ein anderer gewählt werden als Gerd Mäuser. Presse und Fans nannten ihn eine Marionette von Dieter Hundt, den Duck-Mäuser, damit hatte er schon einen Makel, noch bevor er überhaupt auf dem Lederstuhl in seinem Büro sitzen konnte.

Bis vor ein paar Wochen war er als VfB-Präsident noch der Schirmherr des Projekts "Kicken und lesen" der Baden-Württemberg-Stiftung. Ist er nicht mehr, weil er fand, dass Klassiker der deutschen Literatur nicht geeignet seien, um Fußballjungs das Lesen schmackhaft zu machen. Er habe sich abfällig über Goethe und Schiller geäußert, heißt es. Und kürzlich sollte er einen Vortrag an einer Medienhochschule voller junger Journalisten halten, verlor die Fassung und pöbelte, Journalisten seien "Schmierfinken", die "irgendeinen Scheiß schreiben". Der VfB war blamiert. 

Im VfB-Forum schrieb einer als "Mayer-hicksvorfelder": "WER HAT DIESEN SEGGEL VORGESCHLAGEN UND ZUM KÖNIG GEMACHT???"

Und "Gutemiene" schrieb: "Der Herr Porsche-Manager ist ein Homo Unsympathikus, bei dem wahrscheinlich seine 'Untergebenen' das Kreuz geschlagen haben, als man ihn abserviert hat. Wie kann man nur so danebenlangen, wenn es darum geht, dem Verein ein publikumswirksames Gesicht zu verleihen." Darunter platzierte Gutemiene ein kotzendes Smiley.

Ob ihn das getroffen hat, das Echo? "Ich habe nicht erwartet, dass es so stark sein würde." Er habe nun keine schlaflosen Nächte, aber es sei auch nicht so, dass das  alles spurlos an ihm vorbeigehe. "Wenn ich morgens mit meinem Hund an der Enz jogge, fragt der mich nicht, was über mich in der Zeitung steht." Öffentlichkeitsarbeit sei nicht so seine Stärke, sagt er, da müsse er noch aufholen. Er sei kein Typ, der dauernd unter Menschen muss. Die Fans sagen: Kommunikation sei aber die Aufgabe eines Präsidenten. Mäuser sagt: "Ich komme ganz gut mit mir alleine klar."

Manchmal schießt er übers Ziel hinaus

Er ist mit viel Elan angetreten, mit einem Sack voller Ideen und Vorstellungen, wie dieser Verein optimiert werden kann. Die Art, wie er dort aufschlug, muss man nicht mögen. Er versteht sich als den Problemlöser, kümmert sich zuerst um die kleinen Dinge, damit die Basis funktioniert, erst das Fundament, dann die Zinnen und Türmchen. Er hat ein "Transferqualitäts-Sicherungssystem" entwickelt, er erzählt von strukturierteren Konferenzen, Verbesserungen im Ticketing-Bereich, von neuen Getränkebechern – die alten haben zwei Euro Pfand, da müsse der Schwabe stundenlang Schlange stehen für seine zwei Euro. Die neuen Mäuser-Becher haben nur 30 Cent Pfand, das bekommt man auch wieder, man kann es aber auch einer Nachsorgeklinik spende, wenn man sich die Ansteherei sparen will.

Er hat vorgeschlagen, über die brandheiße Frage nach dem alten oder neuen VfB-Logo eine Online-Abstimmung auszubauen, er legt Listen an, setzt Gremien ein, baut Teams auf. Er sitzt sogar regelmäßig im Fanausschuss. Einmal gab es Ärger, weil Gerd Mäuser meinte, er könnte einfach so Klatschfächer aus Pappe im Stadion verteilen. Manchmal schießt er übers Ziel hinaus. Aber dann könne er sich auch entschuldigen, sagt ein Fan. Er sei eben ein ehrlicher Typ, in allen seinen Facetten, sagt einer seiner Weggefährten. "Er hat nie Mauern um sich herum gebaut." 

Mäuser ist die Struktur, die gegen das Gemauschel antritt. "Rumgeeier ist nett", Gerd Mäuser kommt auch mit sich alleine sehr gut klar. Foto: Martin Storzsagt er. "Aber auf Dauer schwierig für eine Organisation, die was erreichen will. Dieses Laisser-faire, wenn die Leute nicht wissen, fahren wir links oder rechts oder nur'n bisschen links, oder geradeaus, wo fahren wir eigentlich hin, das geht nicht. Die Leute brauchen klare Orientierung." Das Mäuser-Erfolgsrezept. Dieses Konzept, sagt er, löse im ersten Moment eher Unbehagen aus. Kritiker sagen, er habe eine Art, die zeigt, dass er nie mit dem normalen Volk zu tun gehabt habe. Er benehme sich wie ein großkotziger Unternehmer. 

Er mag es nicht, wenn schlecht gearbeitet wird, dann wird er laut. Das hat ihm den Ruf des Cholerikers eingebracht, der seine Mitarbeiter zusammenstaucht. Gerd Mäuser mag Loyalität und Fleiß, er schätzt es, wenn sich Menschen Mühe geben. Das honoriert er. Deshalb liebt er diesen Verein. Weil er nicht perfekt ist und immer kämpft. 

Einmal um Europa schippern

"Das Akzeptieren, dass man nicht immer die Nummer eins sein kann, weil es einfach die Rahmenbedingungen nicht zulassen, und trotzdem immer wieder gegen die Großen anlaufen, es immer wieder probieren", das gefällt ihm. Die Herausforderung.

Er hat hier seine Heimat gefunden. Und seinen Fußballverein. "Wenn jetzt einer kommen würde und mir einen Geschäftsführerposten bei einem anderen Verein anbietet, könnte ich mir das absolut nicht vorstellen. Das mach ich nicht. Das geht bei mir nicht mehr."

Auf dem großen seiner beiden Boote, dem mit der Kajüte, möchte er mal eine lange Seefahrt machen. Mit seiner Frau, einmal um Europa. Nicht um die Welt. Die Welt ist dann doch zu groß für Gerd Mäuser.


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