KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Auf Nummer abhörsicher

|

Datum:

Gibt es noch abhörsichere Zonen? NSA-freie Gebiete? Orte, an denen man hundertprozentig nicht bespitzelt wird? Ja, die gibt es. Aber viele sind es nicht mehr.

Mein Mann hängt an einem Berghang mit locker 45 Grad Steigungswinkel. Das eine Bein knietief in einem Haufen feuchter Blätter, eine Hand um eine nasse Wurzel gekrallt, die andere reckt ein Handy in die Höhe. Fünf Empfangsstrichle von fünf. "Der Weg in abhörsicheres Gebiet ist weit und steinig", sagt er und klettert noch ein Stückchen weiter.

Wir sind auf der Suche nach einem abhörsicheren Ort. Keine Handys, kein Festnetz, kein Internet, einfach – nichts. Wir suchen ein Funkloch. Eine komplett NSA-freie Zone sozusagen.

Wir befinden uns zwischen Nufringen, Hildrizhausen und Bebenhausen am Rande des Schönbuchs bei Breitenholz, 1000 Hektar, 750 Einwohner, keine Post, kein Laden, dafür voller Empfang auf allen Netzen. Am Rande des Orts beginnt eines der Gebiete, die noch weiß bleiben, wenn man die Netzabdeckungskarten aller Handynetzanbieter und den Breitbandatlas des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie übereinanderlegt. Ein geschätzt sieben Kilometer langer und drei Kilometer breiter netzfreier Streifen mit einer Talsenke, die auf der Karte aussieht, als habe da jemand die Welt gefaltet. Digital unerschlossenes Gebiet, garantiert abhörsicher.

Mein Mann ist mittlerweile drei Wurzeln weitergekommen, hält sein Handy in die Luft. "Voller Empfang." Immer noch. Er sieht enttäuscht aus.

Großflächig überhaupt keinen Empfang zu finden ist eine echte Aufgabe, in bewohnten Gebieten eigentlich kaum möglich. Irgendwie Internet gibt es mittlerweile in jedem noch so winzigen Dorf. In Finnland und Spanien ist Internet haben sogar ein Grundrecht. Nicht mal nur "das Internet", nein, schnelles Internet. Mir weißen Flecken könne man nicht dienen, schreibt auch Telekom-Sprecher Markus Jodl sehr knapp und verweist auf die beste flächendeckende Netzbespielung Deutschlands durch die Telekom, gepriesen in mehreren Testreihen. Orte mit "kein Netz" sind von Netzanbietern totgeschwiegenes Geheimwissen, wie eine Krankheit, ein Schönheitsfehler, technologischer Pfusch an der Gesellschaft sozusagen.

Die internetärmste Gemeinde ist laut Breitbandatlas der Ort Wieden im Südschwarzwald, 35 Kilometer von Freiburg entfernt, ein Landfrauenverein, ein Männergesangverein, ein Tauziehclub und, wenn es gut läuft, 1 Mbit/s. Ein dunkelgelber Fleck, wo der ganze Rest von Baden-Württemberg vollempfangsgesegnet hellgelb bis mittelgelb markiert ist. Dunkelgelb also in Wieden. Abhörsicher? Och, so schlimm sei es nun auch nicht, sagt der Wiedener Bürgermeister und hört sich netzmäßig ganz zuversichtlich an. Das Internet sei halt langsam, aber es gibt wenigstens welches. Demnach kein Grund zur Sorge für die NSA.

Der Deutsche Alpenverein bietet Hütten an, ursprünglich, aus Holz, mitten auf dem Berg, dort, wo das Nirgendwo ans Nirvana grenzt. "Hüttentelefon" lese ich auf den Homepages, dann Festnetznummern. Ein Anbieter mit Hütte ohne Hüttentelefon sagt mir, das sein Domizil zwar wirklich hübsch sei, 800 Meter über Normalnull, schön abgelegen, herrliches Wandergebiet. Aber mit Funkmast am Fuß des Bergs. "Wegen der Caritas."

Mein Mann und ich laufen über einen Holzrückweg, ein Futterstand für Rehe rechts, links, hinten und vorne nur Bäume. "Hier", sagt mein Mann. "Kein Netz, hier sieht's finster aus." Mein Mann findet, wenn Bürger bespitzeln zum Schutz vor Terrorismus das sein soll, was von der ursprünglichen Idee von Demokratie übrig geblieben ist, sei die Welt arm dran. "Kein Strichle, aber immer noch keine Netz-Suchlupe auf dem Display", sagt er. Telefonieren geht noch. Also weiter. Mein Mann versinkt knöcheltief in einer Schlammpfütze. Solche, die geheime Gespräche führen, erkenne man bestimmt immer am Matsch an den Schuhsohlen, sagt er.

Rund um die Hornisgrinde war bis vor Kurzem ein Mords-Funkloch, bis sie einen Sendemast aufgestellt haben, mittlerweile geht's. In Stuttgart gibt es eines, weil eine Kirche den Sendemast vom Kirchturm montiert hat. Aus dem Stegreif, sagt der Sprecher des Ministeriums für Entwicklung im Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, würde ihm Creglingen im Main-Tauber-Kreis als schwarzes Loch einfallen. Ein dunkler Fleck, was Handyempfang angeht, bis Anfang dieses Jahres vollständig funkbelocht, ganz schlimm, sagt eine Dame im Rathaus, aber das sei ja nun behoben, Gott sei Dank. Funklöcher geraten immer mehr aus der Mode.

Die Seite "Kein-Netz.de" ist ein Forum für die übrig gebliebenen. Die meisten davon sind klein bis winzig. "87629 Rieden, Vodafone, totales Funkloch, 24 Std. am Tag. Bitte besser versorgen!!!" "99974 Dachrieden, Hauptstraße 2, Vodafone, alles tot." Wer im Funkloch sitzt, ist sauer. Oder besonders: Mittlerweile schreiben die, die eine Zeit lang ohne mails und Netz leben Bücher (Alex Rühle "Ohne Netz: mein halbes Jahr offline" oder Christoph Koch "Ich bin dann mal offline"), Spiegel online berichtete erst vor ein paar Tagen über eine Familie, die aller moderner Technik abgeschworen hat. "Leben ohne Internet und Handy: Mit den McMillans zurück ins Jahr 1986", keine Spielkonsolen, kein Handy, kein Kabelfernsehen, es klingt wie eine Skurrilität. Stern.de schrieb kürzlich darüber, wie der Amerikaner Paul Miller 365 Tage offline ging. "Paul Miller hat das Undenkbare gewagt." Letztlich wurde er depressiv.

"Machen Sie doch mal Urlaub im Funkloch", sagte Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) auf der Tourismusmesse ITB 2009 und pries so sein netzlöchriges Bundesland als bereisenswert an. "Funklöcher sind Sehnsuchtsorte", schrieb Zeit online 2011. Damals war "flächendeckend" noch Auslegungssache. Mittlerweile ist Deutschland so satt an Empfang, dass die Künstlerin Tina Tonagel aus Köln sogar ihr eigenes "mobiles Funkloch" entworfen hat - eine Kabine mit Rollen, einer Tür und einer Sitzgelegenheit. "Das Funkloch entbindet einen aus dem Zusammenhang der Mobilfunknetze, es ist ein Ort mitten im Labyrinth, der gleichzeitig außerhalb liegt." Klingt gut. Absolut NSA-frei.

Und es gibt noch mehr Bewahrer der Netzfreiheit. Bürgerinitiativen, die sich gegen Elektrosmog einsetzen, zum Beispiel. Aber die meisten haben trotzdem eine Mailadresse oder einen Telefonanschluss und sind auch nur so lange aktiv, bis sich die "Ionen im eigenen Haushalt" wieder geordnet haben, wie ein Aktivist mir erzählt.

"Es gibt kaum noch Funklöcher", sagt Frank-Ulrich Mann, der Rechtsanwalt, der die strahlungskritische Initiative "ABStrahl" vertritt und gleichfalls Ulrich Weiner, den elektrohypersensiblen Mann, der im Schwarzwald in einem Wohnwagen lebt und ständig gegen neuen Sendemasten kämpft, die seine strahlungsfreie Umwelt verseuchen. Funkfreie Zonen seien nicht gewünscht, sagt Mann. In Italien auf einem Berg gibt es eine. Im französischen Soubey hatte der Bürgermeister die Idee von einer Art strahlungsarmem Kurort schon als wirtschaftlich mehr als rentabel verbucht, bis sein Dorf ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Kaum einer will ja dauerhaft empfagslos bleiben. In Deutschland ist sowas eher undenkbar. Da ist die Telekom überall. Fast zu 100 Prozent. Sogar der strahlensensible Ulrich Weiner hat sich ein Telefonkabel durch den Wald legen lassen, damit er Kontakt zur Außenwelt halten kann. "Jetzt bin ich wieder verbunden", sagt er in einem Fernsehbeitrag stolz. Nicht mal er ist NSA-frei unterwegs. Enttäuschend.

Und weil das so ist, gibt es in Deutschland vermutlich kaum jemanden, der nicht abgehört werden kann. Außer im Schönbuch, im Mädertal, das von oben aussieht, als habe da einer die Welt gefaltet.

"Kein Strichle!", ruft mein Mann plötzlich. Wir stehen auf einem Schotterweg, links bewaldeter Abgrund, rechts auch Wald. Ein Flugzeug brummt über unseren Köpfen, sonst ist es leise. Also stehen wir da. Im Funkloch. Im Breitbandnetzloch. Unverwanzt. Abhörfrei. Und wissen nicht so genau, worüber wir in dieser so total sicheren Umgebung sprechen sollen. "Hm", sagt mein Mann. "Falls unsere Regierung einen Ort für den nächsten G-8-Gipfel sucht, wäre das hier prädestiniert." Ich sage: "Komm, wir gehen wieder." Immerhin muss ich diesen Text schreiben. Und dazu brauche ich Internet.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


5 Kommentare verfügbar

  • Ralf Kiefer
    am 13.11.2013
    Antworten
    > Die internetärmste Gemeinde ist laut Breitbandatlas der Ort Wieden [...]
    > und, wenn es gut läuft, 1 Mbit/s.

    Ich ergänze: Stutensee-Spöck, 15km von Deutschlands selbsternannter Internet-Hauptstadt entfernt. Wenn's gut läuft und man nicht Kunde bei KabelBW sein möchte und kann (zu einem…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:


Ausgabe 465 / Scharfes Auge / Jürgen Krinitz / vor 7 Stunden 58 Minuten
Treffer, versenkt! Bitte mehr davon Gruß aus Berlin




Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!