Ausgabe 68
Debatte

Auf Du und Du mit dem Stöckelschuh

Von Thomas Rothschild
Datum: 18.07.2012
Die Stuttgarter VHS bietet High-Heel-Kurse an. Für Kontext-Autor Thomas Rothschild ein Beleg dafür, was aus dem Kind der Arbeiterbewegung geworden ist: eine "längst heruntergekommene Einrichtung".

Gestelzter Geschmack.Die Stuttgarter VHS bietet High-Heel-Kurse an. Für Kontext-Autor Thomas Rothschild ein Beleg dafür, was aus dem Kind der Arbeiterbewegung geworden ist: eine geschmäcklerische Einrichtung.

Engländer sprechen vom "acquired taste". Wörtlich übersetzt heißt das "erworbener Geschmack". Davon spricht man aber im Deutschen nicht. Das klingt gestelzt. Wenn idiomatische Wendungen etwas aussagen über die Denkart derer, die sie benützen, dann ist das Fehlen des "acquired taste" in der deutschen Sprache verräterisch: In Deutschland erwirbt man den Geschmack nicht – man hat ihn. Man behauptet von sich, einen guten Geschmack zu haben, und attestiert anderen einen schlechten Geschmack.

Wer sich in einer Weise ausdrückt, die jemandem – meist in der sozialen Hierarchie höher Stehenden – missfällt, gilt als "geschmacklos". Wer teure Kleidung trägt oder sich seine Wohnung von einem Innenarchitekten einrichten lässt, beweist angeblich "guten Geschmack", während der eigenwillige Exzentriker stets riskiert, dem Verdikt des "schlechten Geschmacks" zu verfallen. Dass Vorlieben für bestimmte Moden, bestimmte Verhaltensweisen, bestimmte Kunstformen anerzogen, erworben sein könnten, kommt den Deutschen nicht in den Sinn.

Guter Geschmack oder was man dafür hält

Zeugt es von "gutem Geschmack", wenn just jene, die sich einst über den mangelnden Individualismus bei rote Büchlein schwenkenden Chinesen mokiert haben, herdenweise Aperol-Sprizz und Bubble Tea trinken oder Clogs statt Sandalen tragen? Warum bescheiden sich die Deutschen nicht mit dem Bekenntnis, dass ihnen dies oder jenes besser gefällt als etwas anderes, statt für sich einen "besseren Geschmack" zu beanspruchen? Dahinter verbirgt sich die alte Klassenarroganz. Sie wollen sich und der Umwelt nicht eingestehen, dass ihr spezifischer Geschmack ebenso erworben ist, sich ihrer Sozialisation verdankt, wie der Geschmack des verachteten "Prolos". Offenbar wissen die Engländer – Oxford hin, Cambridge her – in dieser Hinsicht besser Bescheid.

Oben bleiben – ein höheres Volksbildungsprojekt der VHS.Der Geschmack, oder was man dafür hält, äußert sich in der Öffentlichkeit in erster Linie in den Klamotten, die man am Körper trägt. Oder in den Schuhen. Wäre es nicht Hochsommer, könnte man für einen Aprilscherz halten, was die "Stuttgarter Zeitung" am 15. Juli zu berichten hatte: Die Stuttgarter Volkshochschule bietet einen Kurs an, in dem man lernt, in Stöckelschuhen zu gehen. Um die unfreiwillige Komik dieser Meldung auszukosten, muss man sich vor Augen halten, was die heute meist im negativen Sinn zitierte "Volkshochschule" einst bedeutet hat.

Sie ist ein Kind der Arbeiterbewegung, eine Institution, die den Unterprivilegierten die Chance geben sollte, nicht so sehr Geschmack wie Bildung zu erwerben, jenes intellektuelle Kapital, das der Bourgeoisie ihre Herrschaft sichert. Die Volkshochschule war ein Instrument der Emanzipation, ein Bekenntnis zu einer Demokratie, die sich nicht allein dadurch definiert, dass man alle vier Jahre wählen darf.

Häkeln und Stöckeln: das Rollenbild der VHS

In Stuttgart wurde die Volkshochschule 1919 von dem Liberalen Theodor Bäuerle gegründet. Sehr bald stieß Carola Rosenberg-Blume, die als Jüdin Deutschland 1933 verlassen musste, hinzu. Ihre Wiederentdeckung verdanken wir einer Monografie von Anne-Christel Recknagel aus dem Jahr 2002. Rosenberg-Blumes besonderes Engagement diente dem Aufbau einer Frauenabteilung an der Volkshochschule. Sie gilt heute als Pionierin nicht nur der Volksbildung, sondern auch der Frauenbewegung. In Siegburg wurde ein Institut nach ihr benannt. Eine Carola-Rosenberg-Blume-Straße sucht man in Stuttgart vergebens.

Es ist nicht ohne Ironie, dass heute an der Volkshochschule Stuttgart, wo zwischen den beiden Weltkriegen in vorbildlicher Weise an der Weiterbildung von Frauen, insbesondere aus den sozial benachteiligten Schichten, gearbeitet wurde, Nähkurse oder eben Kurse für das Gehen in Stöckelschuhen angeboten werden. Es besagt etwas über das Rollenbild einer längst heruntergekommenen Einrichtung. Sie spiegelt den Niedergang der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie und ihrer kämpferischen Parteinahme für die Ausgebeuteten dieser Gesellschaft. Sie befindet sich noch nicht einmal auf der Höhe des bürgerlichen Feminismus.

Gehhilfen für den Niedergang von Arbeiterbewegung und Feminismus.Im Übrigen kann man das auch an der Architektur des Schlachtschiffs am Rotebühlplatz ablesen. Von einem Mittelpunkt des kulturellen Lebens der Stadt kann keine Rede sein. Der Betonbunker mit dem architektonischen Charme eines modernen Krankenhauses lässt keine Atmosphäre aufkommen, in der man sich freiwillig aufhielte. Ein labyrinthisches Treppengewirr, das nie dorthin führt, wohin man eigentlich gelangen will, stößt eher ab, als einzuladen. Die verschenkten Kubikmeter im Treppenhaus lassen mit Wehmut daran denken, was man noch alles mit so viel Raum hätte anfangen können. Die Lebendigkeit in diesem gigantischen Flur ist die hetzende Lebendigkeit von Lernwilligen, die nicht zu spät zu ihrem Kurs in der hier beheimateten Volkshochschule kommen wollen. Verglichen mit diesem "Atrium" ist der Stuttgarter Hauptbahnhof ein Prunkstück an Urbanität, ein fast filigranes Bauwerk, das einlädt, statt abzuweisen.

Diskreditierung von Bildung, die den Namen verdient

Die Volkshochschulen beteiligen sich an der weit über sie hinausreichenden allgemeinen Diskreditierung von Bildung, die diesen Namen verdient. Ihren historischen Anspruch, universelle, insbesondere politische Bildung zu vermitteln, haben sie weitgehend zugunsten berufsqualifizierender Bildung aufgegeben, und vielleicht werden wir selbst diese in absehbarer Zeit angesichts von Stöckelschuhkursen als verlorene Utopie in Erinnerung haben. Bildung zählt nur, wenn sie (materiell) etwas einbringt. Demgegenüber wäre zu beharren auf einer Bildung als Bedingung einer wahrhaft menschlichen Existenz. Angesichts einer Perspektive, in der die Erwerbsarbeit einen immer geringeren Teil der Lebenszeit beansprucht, kommt der Bildung sogar wachsende Bedeutung zu. Sie eröffnet den Zugang zu Tätigkeiten und Erfahrungen, die eine höhere Lebensqualität jenseits der materiellen Akkumulation gewährleisten.

Ob sich die Volkshochschule Stuttgart darum kümmert? Vielleicht können wir demnächst auf Kurse hoffen, in denen man lernt, Visitenkarten korrekt zu überreichen oder sein Stecktuch akkurat in die Sakkotasche zu stopfen. Weil das nämlich guten Geschmack verrät. Den man hat – oder eben nicht hat.

 

Thomas Rothschild, geboren in Glasgow und aufgewachsen in Wien, ist promovierter Literaturwissenschaftler, Autor und Journalist. Der streitbare Geist war Hochschullehrer an den Instituten für Linguistik und für Literaturwissenschaft der Uni Stuttgart und Mitglied des Kulturausschusses der Stadt Stuttgart. Seit 2011 ist Rothschild Präsidiumsmitglied des deutschen Schriftstellerverbands P.E.N.

 

 


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