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Heilig's Blechle

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Die "heilige Annette" hat's auch erwischt: Bildungsministerin Schavan soll eine Plagiatorin sein. Darüber regt sich Kontext-Autor Thomas Rothschild nicht auf. Für ihn ist das die logische Folge eines kranken Unibetriebs.

Die Jagd auf Plagiatoren ist zum Sport geworden. Dabei sind Politiker das bevorzugte Ziel. Jetzt hat es Annette Schavan erwischt. Die Kommentatoren springen der von einem anonymen Angreifer beschuldigten Bildungsministerin zur Seite. Irgendwie traut man der adretten, so protestantisch streng wirkenden CDU-Dame keine Inkorrektheit zu.

Aber genau das ist ja der Grund, weshalb nach einer "Sünde", die wohl auch von anderen Zeitgenossen tausendfach begangen wird, gerade bei Politikern gefahndet wird. Von ihnen wurde traditionell mehr als von der Kassiererin im Supermarkt oder vom Zugbegleiter im Intercity Glaubwürdigkeit erwartet, und diese Glaubwürdigkeit ist in den vergangenen Jahren, weit ab von jeglichem Plagiatsverdacht, mehr und mehr in Verlust geraten. Es verstreicht keine Woche, in der nicht kleinere oder größere Vergehen von führenden oder marginalen Politikern, bis hin zum Verfassungsbruch, bekannt werden. Da darf man, in einem Land zumal, wo Bewerbern schon auf den Verdacht mangelnder Verfassungstreue hin und, wie wir eben erfuhren, auch nach dem Willen des Grünen Winfried Kretschmann der Zutritt zum Staatsdienst verweigert wird, mit Fug und Recht von doppelten Standards sprechen. Sie sind der Skandal, und um sie anzuprangern, mag es sinnvoll sein, die Praktiken, mit denen Ehrenmänner und Ehrenfrauen ihre akademischen Titel erwarben, aufzudecken. Wer beim Erwerb eines akademischen Abschlusses schwindelt, dem traut man auch auf anderen Gebieten Unehrlichkeit zu. Und wer anderswo unredlich handelt, der liefert auch einen Anfangsverdacht bezüglich des Zustandekommens seiner Doktor- oder Diplomarbeit.

Akademische Titel belegen nicht mehr als Herkunft und Sitzfleisch

Ginge es nicht um die Verlogenheit der Doppelmoral, ließe sich argumentieren, dass die Bedeutung akademischer Titel kolossal überschätzt wird. Sie belegen in der Regel nicht mehr als die Herkunft aus einer Familie, die ihren Kindern eine höhere Ausbildung finanzieren konnte, und ein ausgeprägtes Sitzfleisch, ganz gewiss nicht die Eignung zur Politik. Es bedarf keiner besonderen Intelligenz, um einen Hochschulabschluss zu erlangen, und der Prozentsatz von dummen, erst recht von faulen Menschen dürfte unter Akademikern, Universitätsprofessoren eingeschlossen, nicht geringer sein als in jeder anderen Berufsgruppe. Würde man die akademischen Titel und die damit verbundenen Privilegien beseitigen, würde sich die Frage des Plagiats, jedenfalls im Wissenschaftsbereich, von selbst erledigen, weil sie keine Bedeutung mehr hätte.

Statt das Plagiat zu denunzieren, könnte man ja auch für eine Vergesellschaftung geistigen Eigentums plädieren. Als Kronzeuge für jene, die etwas in dieser Richtung befürworten, dient Bertolt Brecht, von dem im Zusammenhang mit der "Dreigroschenoper" das Bekenntnis zur "grundsätzlichen Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums" überliefert ist.

Dieser Überlegung lässt sich zweifellos etwas abgewinnen – und das macht die aktuelle Plagiatsdebatte interessant. In der Tat spricht ja manches dafür, dass der Menschheit gehören soll, was einzelne Menschen gedacht, gesagt, geschrieben haben. Schließlich hat die intellektuelle Produktion auch gesellschaftliche Bedingungen. Was jemand von sich gibt, wurde zuvor durch Eltern, Schule, Umwelt in ihn investiert. Was an Voraussetzungen noch hinzukommt, Talent, Intelligenz, Charakter, muss nicht unbedingt den Output zum Privateigentum prädestinieren. Thomas Assheuer hat in der "Zeit" auf die durch das Internet erneuerte Aktualität der Rede vom "Tod des Autors" hingewiesen. Wenn es aber zutrifft, dass der "'alte' Urheber, das Originalgenie des Abendlandes, von den digitalen Strömen verschluckt" wird und "im Netz Individuum und Gemeinschaft kaum mehr zu unterscheiden" sind, wofür manches spricht, dann ist der Doktorarbeit und damit der Plagiatsdiskussion die Grundlage entzogen, weil sie nicht mehr als Nachweis einer individuellen Leistung gelten könnte. Ihr Autor wäre tatsächlich nicht mehr als "bloß ein winziger 'Knoten' im Flechtwerk von Texten, Zeichen und Diskursen".

Warum nicht gleiches Recht auch für materielles Eigentum?

So einleuchtend die Argumentation für die Vergesellschaftung geistigen Eigentums scheint, stellt sich doch die Frage, warum das Prinzip nur für geistige Produkte gelten soll. Warum ist man vergleichsweise umstandslos bereit, der Kollektivierung oder Enteignung intellektuellen Eigentums zuzustimmen, wo man gleichzeitig hartnäckig auf dem Schutz materiellen Eigentums mit allen polizeilichen und militärischen Mitteln besteht und eine Verletzung der Eigentumsverhältnisse für ein fast größeres und strafwürdigeres Verbrechen hält als körperliche Aggression? Warum sollen just Wissenschaftler oder Künstler auf den Schutz und eine angemessene Bezahlung ihrer Produktion verzichten, wo die Enteignung eines Vorgartens zum Zweck einer für die Gemeinschaft erforderlichen Verbesserung der Straßenführung zur Staatsaffäre wird?

Wäre für eine weinende Frau Schavan das Bildungsministerium zuständig? Foto: Martin StorzNoch eine weitere Frage hat die Plagiatsdebatte aufgeworfen, die aber kaum gestellt, die mit einem Tabu belegt wird. Wenn bei Doktorarbeiten tatsächlich so häufig abgeschrieben wird, wenn der Schwindel – möglicherweise gehäuft bei "Prominenten", die sich bereits in die Politik begeben haben – wirklich so alltäglich ist: wie steht es dann mit der Qualifikation der Betreuer von Doktorarbeiten, mit den Gutachtern? Müssten sie nicht erkennen, dass und woraus abgekupfert wurde? Müssten sie nicht wenigstens einen Verdacht schöpfen? Und wenn sie wissen, was gespielt wird? Zugegeben: es ist nicht angenehm, wenn eine Studentin, die man mit ihrem Betrug konfrontiert, in Tränen ausbricht. (Ich versuche, mir eine weinende Annette Schavan, gar einen weinenden Karl-Theodor zu Guttenberg vorzustellen.) Aber es ist auch nicht angenehm, wenn eine Sozialhilfeempfängerin, die ihre Kinder nicht ernähren kann, in Tränen ausbricht, und die Damen und Herren vom Amt nehmen keine Rücksicht darauf, obwohl sie dazu mehr Grund hätten als die Prüfer an den Universitäten. Vielleicht sollte man bei der Aberkennung akademischer Grade nicht nur jene bedenken, die sie unrechtmäßig erworben, sondern auch jene, die sie unrechtmäßig erteilt haben. Vielleicht fühlten sich die Professoren dann wenn nicht verpflichtet, so doch genötigt, Abschlussarbeiten genauer und in jedem Fall selbst zu lesen. Dies könnte eine Anregung sein für – ach ja, für die Bildungsministerin.

Die Anhäufung von Fakten ist noch keine Wissenschaft

Die aktuelle Plagiatsdebatte betrifft fast ausschließlich die Situation an den Hochschulen. Die (negative) Faszination durch die technischen Möglichkeiten des Internets und der Suchmaschinen verstellt dabei den Blick auf eine innerwissenschaftliche Entwicklung: die Rückkehr des Neopositivismus in der universitären Ausbildung. Sie schafft die Voraussetzungen für den Erfolg der Möglichkeiten, die das Internet und Google, also die modernen Hilfsmittel des Plagiators, bereitstellen. Wo es immer weniger darauf ankommt, eigene Thesen zu formulieren, eine eigene Argumentation zu verfolgen, wo die Anhäufung von Fakten bereits als Wissenschaft gilt, ist das Internet das adäquate, ja das ideale Medium. Dass man, statt bloß zu sammeln, das Gefundene kopiert und einfügt, ist nur die logische Fortführung einer "Wissenschaftspraxis", die zunehmend auf Kritik und abweichende Meinungen verzichtet.

Um ein Beispiel zu nennen: Hatte man innerhalb der Germanistik noch vor einer Generation die Gegenwartsliteratur ignoriert, wohl aus Borniertheit, aber auch aus der Überzeugung heraus, dass es zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung einer gewissen Distanz bedarf, so bestehen heute mancherorts Dissertationen oder Magisterarbeiten aus Interviews mit Schriftstellern, also aus deren Selbstaussagen, die naturgemäß keinerlei wissenschaftlichen Wert haben. Von solcherlei Aussagensammlung zur Recherche von "Stellen" im Internet ist es nur ein Schritt. Wozu soll man noch selbst abholen, was mit einem Mausklick zu finden ist, zumal mit originellen, einmaligen Statements ohnedies nur selten zu rechnen ist?

Ehe das Internet populär wurde, mussten sich die Abschreiber noch in die Bibliothek setzen. Das war etwas mühsamer als Copy & Paste, aber das Prinzip war das gleiche. Ob man das Googeln nun unter Strafe stellt, ob man allzu dreiste Übernahmen fremder Formulierungen, ja ganzer Arbeiten aus dem Internet oder sonst woher durch Aberkennung bereits erteilter Noten und Titel ahndet oder nicht: der Sündenfall ist eine Entwicklung an den Hochschulen, die unter dem Diktat der wirtschaftlichen Effizienz eigene Forschung als Qualifikation selbst bei der Bewerbung um wissenschaftliche Stellen für überflüssig hält. Den Lehrstuhl bekommt, wer seine Eignung zum Fundraising bewiesen hat.

Und nun, Frau Dr. Schavan, bitte übernehmen Sie.

 

 

 

Thomas Rothschild, geboren in Glasgow und aufgewachsen in Wien, ist promovierter Literaturwissenschaftler, Autor und Journalist. Der streitbare Geist war Hochschullehrer an den Instituten für Linguistik und für Literaturwissenschaft der Uni Stuttgart und Mitglied des Kulturausschusses der Stadt Stuttgart. Seit 2011 ist Rothschild Präsidiumsmitglied des deutschen Schriftstellerverbands P.E.N.


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1 Kommentar verfügbar

  • RolandBeck
    am 18.05.2012
    Antworten
    Leider erwartet "die Gesellschaft" bei vielen Berufsgruppen einen Doktortitel. Ein Arzt ohne "Doktor" wird von vielen nicht als vollwertig empfunden, was dazu führt, dass fast jeder Arzt auch promoviert. Nur wenn jede dieser vielen tausend Arbeiten im Jahr die Medizin voranbringen würde, dann hätten…
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