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Abgelaufen

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Boni, Entschädigungen oder lächerliche 199 000 Euro Ehrensold für Exbundespräsident Christian Wulff – also bitte, das hätte man auch aufrunden können auf 200 000, wettert Peter Grohmann.

Seit dem Mittelalter beginnt nach dem Fasnetsdienstag der Aschermittwoch, und da ist alles vorbei. Wie bei dem Freund meiner jungen Jahre, jenem legendären Tom Dooley, den man sich heute als Klingelton herunterholen kann. Er erdolchte die Frau eines anderen, die nichts von ihm wissen wollte, und wurde gehenkt.

Alles vorbei, Tom Dooley, heißt es da, und: Keiner wird um dich weinen / auf deinem letzten Gang / wird keine Sonne scheinen / klingt dir kein Glockenklang. Aber eben ein Klingelton.

Erschütternd. Den Tom Dooleys unserer Tage werden Aktienpakete hinterhergeworfen, Boni, Entschädigungen. Oder lächerliche 199 000 Euro Ehrensold im zur Verhandlung stehenden Fall – also bitte, das hätte man auch aufrunden können auf 200 000! Vermutlich saß ein Hannoveraner an der Pensionskasse – die sparen gern bei anderen.

Christian habe nach seiner Rede umgehend den Amtssitz verlassen, hörte man sagen. Kein Wort davon, dass er nachts wiedergekommen ist, um falsche Spuren zu legen. Vielleicht hatte er auch nur seine Armbanduhr im Nachtischschublädle vergessen (die, die man bekommt, wenn man die "Zeit" abonniert). Seine war abgelaufen.

Und was nun das Hängen und Würgen in Berlin angeht: es ist Redlichkeit verlangt, querbeet – ond des isch a beese Grangheid! Ich hoffe, wir verstehen uns. Wer immer antritt, muss damit rechnen, dass alles rauskommt. Wir haben uns hier in ein Abseits hineinmanövriert, schlimmer als der VfB!

Ich gehe jede Wette ein: Es kommt immer was raus. Redlich wäre, dies zuzugeben. Zu sagen, dass man auch nur ein Mensch ist. Die Bundestagabgeordneten, die als Ladendiebe enttarnt wurden, sind doch Legion, Verkehrsünden nicht gerechnet oder Mitarbeit bei Stasi und Verfassungsschutz. Steuerbetrüger, Weibergeschichten, Uneheliches, wo du hinguckst, Schlägereien, Alkoholismus, Gewalt, Vorteilsnahme im Amt – hier sitzt auch nur das Volk, liebe Leute!

Der Anteil an Kriminalität ist innen nicht größer als außen. Nur: wenn was rauskommt, wird die Immunität aufgehoben, zack, zack, weshalb ja so oft nichts rauskommt. Unsereins muss also, wenn er nicht drinnen sitzt, sondern draußen, nicht damit rechnen, dass der Präsidente aufruft, die Immunität eines Grohmann aufzuheben, obwohl's an der Zeit wär.

Peter Grohmann. Foto: Martin StorzGelegentlich sitzen wir freilich auch drinnen, werden in die Schranken gewiesen dort, wo die diversen Straftaten aufgerufen werden von Herrn Oberstaatsanwalt Häußler, wenn es nicht gerade die NS-Kriegsverbrechen 1944 in Sant'Anna di Stazzema sind – die sind leider nicht gesühnt, aber halt verjährt. Was für ein Glück für das Ansehen der Republik, mag er sich sagen. Recht und Redlichkeit passen manchmal wie die Faust aufs Auge.

 

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Bürgerprojekts Die AnStifter.

 

 

PS: Nachdem Joachim Gauck in Berlin fraktionsübergreifend als nächster Bundespräsident erwählt worden war, haben sich viele auch kritisch über das demnächst neue Staatsoberhaupt geäußert. Die streitlustige Jutta Ditfurth etwa, die ihn einen "Prediger der verrohenden Mittelschicht" nennt. Sie bezieht sich unter anderem auf eine Rede Gaucks bei der Robert-Bosch-Stiftung zur Frage: "Welche Erinnerungen braucht Europa?" Wir dokumentieren die Kritik von Jutta Ditfurth und die Rede Joachim Gaucks.


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