Ausgabe 27
Debatte

Leise, fleißig

Von Borjana Zamani
Datum: 05.10.2011
In der laut geführten Debatte über Migration und Integration, mit ihren Auswüchsen bis hin zur Polemik Sarrazins, werden oft die leisen, nicht kriminellen, fleißigen, kinderlosen Steuerzahler vergessen. Wegen ihrer geringen Medienwirksamkeit. Sie brauchen keine Integrationshilfe und suchen keine soziale Förderung.

Roumen Zouliamsky: leise, fleißig, Wirtschaftsflüchtling. Foto: Martin Storz

Roumen Zouliamsky ist 31 Jahre alt. Er ist Bulgare, Migrant, Wirtschaftsflüchtling. Aber er passt überhaupt nicht in das Bild, das man in der deutschen Öffentlichkeit von einem solchen Zuwanderer hat. Vor zwölf Jahren bekam er leicht einen Studienplatz in Deutschland und schwer ein deutsches Visum. Heute spricht er von Deutschland, wenn er nach seiner Heimat gefragt wird.

Das Bulgarien der späten 90er-Jahre: eng und perspektivlos für junge Menschen. Eine junge, ungeübte Demokratie, die droht, im Chaos zu versinken, bevor sie überhaupt zu blühen beginnt. Wer kann, verlässt das Land. Es gibt keine Studentenjobs, und auch die Eltern der Studenten können ihre Kinder nur selten finanziell unterstützen. Die staatlichen Universitäten führen Studiengebühren ein. Private, noch teurer, entstehen wie Pilze nach warmem Regen. Mit Geld kann man alles studieren, mit Beziehungen jede Stelle bekommen. Mit Fleiß kommt man nicht weiter. Korruption steht immer im Weg.

In Deutschland ist das anders, bekommt Roumen schon als Kleinkind von seinem Vater gepredigt, einem Maschinenbauingenieur, der in Bulgarien mit deutschen Firmen arbeitet. Die Zuverlässigkeit des deutschen Systems ist einzigartig. Sie ist es dem Vater wert, die schöne, geerbte Altbauwohnung in Sofia für ein deutsches Visum für seinen Sohn zu verkaufen. Roumen und sein Vater verbringen mehrere Nächte vor dem deutschen Konsulat in Sofia, schreiben fiktive Erklärungen über die gesicherte finanzielle Unterstützung während des Studiums, und endlich öffnet sich die Tür zu einer besseren Zukunft. Für die Pracht der saftigen Balkanberge hatte Roumen kein Auge mehr, die fruchtigen bulgarischen Weine erschienen geschmacklos, der exzellente Käse schien profan, und die lebensfreudigen Feste wirkten plump vor dem Traumbild der deutschen Ordnung.

Geldsorgen zwingen den Studenten zum Jobben

Erst an 25. Stelle steht Bulgarien in der Herkunftsstatistik der Migranten in Deutschland. Im Wintersemester 2009/10 waren die Bulgaren, mit 8696, an sechster Stelle der ausländischen Studenten in Deutschland. Nach China,  der Türkei, Russland, Polen und der Ukraine. Bei der Anzahl der erfolgreichen Uniabschlüsse lagen sie jedoch mit 1557 an zweiter Stelle – nach den Chinesen.

Seit dem Eintritt Bulgariens in die EU im Jahr 2007 hat die Zahl der bulgarischen Studenten in Deutschland deutlich abgenommen. Die bulgarische Botschaft bemüht sich, durch organisierte Jobbörsen die jungen Menschen nach abgeschlossenem Studium zurück ins Land zu locken. Allerdings profitierten nur wenige Ingenieure und Informatiker von diesem Angebot – im Jahr 2009 etwa 35 Absolventen. Für Sozialwissenschaftler gibt es keine Angebote.

Dass ein Bulgare mit Germanistikabschluss nicht die erste Wahl auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist, war Roumen bewusst. Dennoch, die deutsche Sprache fasziniert ihn, er bleibt seinem Germanistikstudium treu. Er will sich ihm ganz widmen, aber Geldsorgen zwingen ihn zu arbeiten. Nach Hilfe fragen darf er nicht: "Es durfte auch keiner wissen, dass du kein Geld hast, sonst durftest du nicht bleiben", erklärt er.

Gefühle für die Deutschen wie in einer platonischen Liebe

Damit er sein Studium finanzieren kann, verschwindet der damals dürre, lange Roumen nachts durch eine Tür in einem riesigen Kamin in der Lackiererei im Opel-Werk und kratzt die Farbe von den Wänden. In pechschwarzer Dunkelheit. "Ich habe eine Riesenschippe in die Hände bekommen und musste versuchen, eine fast 20 Zentimeter dicke Farbschicht abzukratzen", erinnert er sich an seine Aufgabe. "Sobald ich einen Schritt in diesen Raum gemacht habe, konnte ich meine eigenen Hände nicht mehr sehen. Ich musste mich langsam in einem Lackschlamm bewegen, bis ich irgendwo eine Wand gefunden habe und anfing zu kratzen. Das war das erste Mal, dass ich eigentlich heulen wollte, ich war verloren, das war wirklich wie das Ende der Welt, so hat sich das angefühlt."

Zerrissen zwischen dem schlechten Gewissen, dem Studium nicht genügend Zeit zu widmen, und der Angst, es aus Geldmangel unterbrechen zu müssen, geht er nach jeder Achtstundenschicht seinen studentischen Verpflichtungen nach. Seinen Job wechselt er schnell. Aber dem schweren Arbeitsrhythmus kann er nicht entkommen. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht, Gabelstapler oder Baukran fahren, Teer walzen, studieren, sich weiterbilden, neue Sprachen lernen und im Internet Zeit verbringen – seine inoffizielle Leidenschaft. Neun lange Jahre braucht er bis zum Uniabschluss. An diese ermüdende, erschöpfende Zeit denkt er ungern.

In seinem Herz sammelt er positive Gefühle für die Deutschen wie in einer Ballade über eine platonische Liebe. Keine Spur von Klischees. Er hat fast Ekel vor Floskeln wie: Die sind kalt. Oder: Die sind anders, die schauen uns anders an. "Uneingeladen kam ich mir überhaupt nicht vor", erzählt Roumen, "ich muss schon sagen, dass die Ausländerfreundlichkeit sehr ausgeprägt war. Jeder hat versucht zu helfen, aber natürlich, wenn du dastehst und keinen Mucks von dir gibst, dann können dir die anderen auch nicht weiterhelfen. Auf jeden Fall war der Wille bei den Einheimischen da."

Er sucht keine staatliche Hilfe, aber dringend menschliche Nähe

Die Einstellung, dass man hier ankommen und etwas tun will, sei ein wichtiger Schritt, um tatsächlich in Deutschland anzukommen. Man muss offen sein, dann helfen alle, verrät Roumen seine Formel für den Erfolg. Sein Optimismus findet kein Ende. Roumen meckert nicht. Lernt die Sprache, folgt dem Studienplan, beschäftigt sich mit neuen Medien und bildet sich fort. Wie er die Zeit fand, weiß er heute nicht mehr. Roumen sucht deutsche Freunde, besucht deutsche Feste, kommt hier an, wird gesucht und gemocht. Er erlaubt sich nicht, sich für seinen Migrationshintergrund zu entschuldigen, wenn etwas nicht klappt. Er sucht nach keiner staatlichen Hilfe, aber dringend nach menschlicher Nähe.

Mit Fleiß und durch Freundeshilfe bekommt er seine Chance als Quereinsteiger bei einer führenden Online-Agentur in Reutlingen, wo er zurzeit als Projekmanager tätig ist. In seinem Lebenslauf führt er einen Führerschein für Gabelstapler und Erfahrung im Kranfahren auf. Keine Praktika, keine Berufserfahrung in der Werbebranche. "Rein vom Lebenslauf hätten wir Roumen auch nicht genommen", erzählt die Geschäftsführerin. Der Lebenslauf passe eigentlich überhaupt nicht zur Agentur. Aber Roumen sei als Mensch unwahrscheinlich begeisterungsfähig und könne auch andere Leute begeistern. "Alleine die Dinge, die er im Studium nebenbei gemacht hat, das hat er uns erst im Gespräch erzählt, das waren hochspannende Sachen für uns. Er hat einfach durch seine Person überzeugt und durch das, was er macht und was ihn interessiert."

Und dann sei da auch sein Internet-Know-how, eine Leidenschaft, die er sich privat sehr intensiv zu eigen gemacht habe. Dass Roumen von woanders komme, sieht man in der Agentur als kulturelle Bereicherung des Geschäftsklimas. Nach sechs Monaten vergeblicher Arbeitssuche wird er dort eingestellt. Das Glück, das ihn morgens auf dem Weg zur Arbeit – bei Sonnenlicht und nicht mehr in der Finsternis – erfüllt, der Enthusiasmus, den er für seine neue Beschäftigung empfindet, kennen keine Grenzen. Er lebt jetzt in einer stimmigen Welt.

"Integration? Akzeptanz passt besser"

Zur Integration in Deutschland hat er nur zwei Dinge zu sagen. "Das Wort Integration stört mich an sich, weil jeder Mensch ein Individuum ist, du kannst ihn nicht durch eine Gruppe definieren. Und zweitens stört mich die Art und Weise, wie diese Integration verstanden wird, nämlich als: 'Du musst dich ändern; wenn du hier bist, musst du so sein wie wir.' Und das geht natürlich nicht." Keiner dürfe verlangen, dass der eine wie der andere werden solle. Sondern man müsse sich gegenseitig akzeptieren. "Das ist die erste Voraussetzung überhaupt, deswegen ist Integration das falsche Wort. Akzeptanz passt, glaube ich, besser."

Diese Einsicht ist nicht neu und oft ausgesprochen worden. Wer wegen der Akzeptanz den Identitätsverlust der deutschen Kultur befürchtet, sollte dazu den französischen Ethnologen Augé als Beruhigungsmittel nehmen. Jede Kultur hat ihre Spezialisten, Randgruppen, Erneuerer und Ignoranten, die sie beeinflussen und prägen, und dadurch bleibt sie lebendig.

Die Frage, wo nun Roumens Heimat ist, beschäftigt ihn nicht besonders. Erst die ewige gesellschaftliche Debatte darüber zwingt ihn, seine Heimat zu definieren. "Meine Heimat ist da, wo ich lebe und wo ich meine Freunde habe, und das ist eigentlich hier", antwortet er ganz selbstverständlich. Von gesellschaftlichen Vorurteilen bleibt er dennoch nicht unberührt. Die Heimatfrage in größerer Gesellschaft zu beantworten sei, zugegeben, nicht einfach. Er schildert die Situation: "Wenn ich den Bulgaren in Bulgarien sage, meine Heimat ist hier, gucken sie mich komisch an. Wenn ich den Deutschen sage, hier ist meine Heimat, denken die, was bildet er sich denn ein."

Roumens Heimat liegt 1700 Kilometer nordwestlich von Bulgarien. Ob er integriert ist, weiß er nicht, aber er fühlt sich wie ein Deutscher. Er lässt sich den vor zwölf Jahren verlassenen bulgarischen Wein, Käse und eingemachte Beeren nach Deutschland bringen, und ihm fehlt nichts zum Glück.


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